Christian Herrmann

Die Partner in den Kommunen haben Rückenwind

Das IJAB-Projekt „Kommune goes International“ ist Teil der jugendpolitischen Initiative JiVE. 22 Kommunen möchten – unterstützt durch Beratungsteams – die internationale Jugendarbeit vor Ort voranbringen. Wir haben Koordinatorin Bettina Wissing nach den ersten Erfahrungen gefragt. Wie kommt das Projekt in den Kommunen an und was werden Jugendliche am Ende davon haben?

Bettina Wissing
Bild: Christian Herrmann, IJAB Bettina Wissing

Im Rahmen von Kommune goes International verfolgen 22 ausgewählte Kommunen bundesweit ein gemeinsames Ziel: Sie wollen über den Zeitraum von drei Jahren zusammen mit lokalen Partnerinnen und Partnern die internationale Jugendarbeit stärker auf kommunaler Ebene verankern und allen Jugendlichen zugänglich machen. Besonders Jugendliche mit Migrationshintergrund und sozial benachteiligte Jugendliche sollen dadurch neue Chancen für Bildung und Teilhabe erfahren.

Begleitet von einem Beratungsteam unter Federführung von IJAB erarbeiten die 22 Kommunen gemeinsam mit interessierten Partnerinnen und Partnern „lokale Entwicklungspläne zur Internationalen Jugendarbeit“. Ausgehend von Bestandsaufnahmen und Bedarfsanalysen werden Ziele definiert, Maßnahmen entwickelt und durchgeführt – jeweils zugeschnitten auf die individuelle Situation vor Ort. 

>> www.jive-international.de

Bettina Wissing ist Mitarbeiterin im Geschäftsbereich "internationale jugendpolitische Zusammenarbeit" von IJAB und koordiniert Kommune goes International. Im Beratungsteam unterstützt sie die Gemeinden Kassel, Bad Honnef und Eislingen (Fils).

>> wissing@DontReadMeijab.de

ijab.de: Frau Wissing, „Kommune goes International“ berät Kommunen, wie sie Jugendbegegnungen, Jugendaustausch oder internationales freiwilliges Engagement als festen Bestandteil lokaler Jugendarbeit implementieren können. Warum ist ein solcher Prozess überhaupt nötig? Internationale Jugendarbeit wird immerhin per Gesetz als ein Schwerpunkt von Jugendarbeit definiert.

Bettina Wissing: Viele Kommunen engagieren sich schon in der internationalen Jugendarbeit. In nicht wenigen Kommunen wurden die internationalen Aktivitäten in den letzten Jahren aber auch deutlich zurückgefahren, nicht zuletzt aufgrund finanzieller Sparzwänge. Dies hängt sicherlich auch damit zusammen, dass internationale Jugendbegegnungen häufig als Freizeitvergnügen oder touristische Angebote bewertet wurden und damit als „Luxusprodukte“ in Zeiten knapper öffentlicher Kassen gestrichen wurden. Verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen der letzten Jahre zu den Wirkungen von internationaler Jugendarbeit, darunter auch die wissenschaftliche Begleitung des Pilotprojekts JiVE, belegen aber den hohen Gewinn, den Jugendliche aus non-formalen Lernformaten wie internationalen Jugendbegegnungen ziehen können. 

ijab.de: Das Interesse der Kommunen am Projekt ist außerordentlich groß. In den Bewerbungsschreiben, die Voraussetzung für die Teilnahme waren, war eine große Ernsthaftigkeit zu spüren. Wie erklären sie sich das? Hat ein solcher Beratungsprozess schon lange gefehlt oder hat sich in der letzten Zeit etwas verändert?

Bettina Wissing: Es hat sicherlich eine Veränderung stattgefunden. Die – späte – Erkenntnis, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist nimmt nun alle Verantwortlichen in die Pflicht, sich der Aufgabe der verbesserten Teilhabe von Jugendlichen mit Migrationshintergrund zu stellen. Auch Internationalisierung und Globalisierung sind Stichworte, die immer weiter Raum greifen. Diese Entwicklungen bringen aber auch Unsicherheiten mit sich, wie die Herausforderungen angegangen werden können. Es ist daher nur verständlich, dass viele Kommunen hier einen großen Beratungsbedarf sehen. Darüber freuen wir uns natürlich, denn es zeigt ja, dass ein Umdenken im Gange ist und dass die Potenziale, die non-formales Lernen in internationalen Begegnungen birgt, anerkannt werden.

ijab.de: Die Beratungsprozesse haben gerade erst begonnen und stehen noch ganz am Anfang. Was wird besonders stark nachgefragt?

Bettina Wissing: Bei unseren Beratungsterminen in den Kommunen konnten wir in dieser Anfangsphase deutlich einen Qualifizierungsbedarf ausmachen, der einen wesentlichen Eckpfeiler für die internationale Jugendarbeit mit der Zielgruppe darstellt. Nachgefragt werden einführende Trainings in die internationale Jugendarbeit, speziell mit dem Fokus auf die Zielgruppe benachteiligte Jugendliche bzw. Jugendliche mit Migrationshintergrund. Ein immer wiederkehrendes Thema ist verständlicherweise die Finanzierung von internationalen Aktivitäten. Dieses Thema bekommt bei der anvisierten Zielgruppe noch mal eine besondere Bedeutung, da z.B. öffentliche Förderinstrumente allein nicht ausreichen werden, um benachteiligten Jugendlichen einen bezahlbaren Teilnehmerbeitrag zu ermöglichen. Auch das Thema Partnersuche treibt viele Kommunen um. Ganz deutlich wurde schon beim Auftakttreffen aller Kommunen im Juni 2011 der Wunsch geäußert, sich regelmäßig mit den beteiligten Kommunen treffen zu können, um sich immer wieder im Verlauf der Initiative über die verschieden Erfahrungen, Probleme und Erfolgsfaktoren austauschen zu können.

ijab.de: Beraten werden ja im Wesentlichen die Kolleginnen und Kollegen, die als Ergebnis des Prozesses gemeinsam mit Partnern vor Ort Projekte mit Jugendlichen umsetzen sollen. Damit solche Projekte dauerhaft implementiert werden können und internationale Jugendarbeit als selbstverständlicher Bestandteil kommunaler Jugendarbeit akzeptiert wird, ist viel Rückendeckung von „oben“ wichtig. Was kommt bisher bei Jugendhilfeausschüssen, Bürgermeistern und Parteien an?

Bettina Wissing: In den meisten beteiligten Kommunen wurde die Initiative bereits in den Jugendhilfeausschüssen vorgestellt und von diesen auch sehr begrüßt. Damit haben unsere Partnerinnen und Partner in den Kommunen auch das politische Mandat für die Umsetzung der Aktivitäten, die im Rahmen der Initiative durchgeführt werden sollen. Wenn dann noch, wie vor allem in den kleineren Kommunen, die Bürgermeisterin bzw. der Bürgermeister die Initiative ganz engagiert unterstützen, dann ist das ein großes Pfund und gibt den Akteuren vor Ort starken Rückenwind. 

ijab.de: „Kommune goes International“ wird vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert. Wie immer bei Projekten, die von oben "installiert" werden, muss die Frage gestellt werden, was kommt letztlich davon bei den Jugendlichen an. Was sind da Ihre Hoffnungen und Erwartungen?

Bettina Wissing: In den Beratungsprozessen vor Ort in den Kommunen konnte ich selber feststellen, welch hohes Engagement die beteiligten Partner mitbringen. Es ist bei den Beteiligten ein großer Wunsch zu spüren, „ihren“ Jugendlichen etwas Gutes zu tun, ihnen die Chancen und Möglichkeiten zugutekommen zu lassen, die diese Initiative bietet. Wenn also in den Kommunen konkrete Projekte durchgeführt werden, und diese oft bereits in der Planungsphase gemeinsam mit Jugendlichen angegangen werden, dann profitieren die Jugendlichen vor Ort ganz unmittelbar davon. Wir unterstützen mit der bundesweiten Initiative den Rahmen, z.B. durch Qualifizierung der Fachkräfte, die die Aktivitäten in den Kommunen durchführen, durch die Vernetzung der Akteure aus den beteiligten Kommunen, die sich so Anregungen bei ihren Kolleginnen und Kollegen aus dem gesamten Land holen können und durch die Begleitung der lokalen Prozesse. All diese flankierenden Aktivitäten münden dann in die Durchführung von internationalen Maßnahmen, an denen die Jugendlichen in den Kommunen teilnehmen können.

Lizenz: BY-NC-ND

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