Kerstin Wondratschek

Internationale Forscher-Praktiker-Konferenz

Unter dem Titel “Framework, Quality and Impact of Young Europeans‘ Learning Mobility“ tagten vom 11. bis 13. Mai 2011 Interessierte im Rahmen einer europäischen Konferenz, um über aktuelle Debatten und Studien zum Thema Jugendmobilität zu diskutieren und gemeinsame Interessen und Möglichkeiten auf internationaler Ebene zu erkennen.

Bild: Balázs Varga

Wie können Jugendliche schon frühzeitig für Mobilitätsprogramme begeistert werden? Was bedarf es, um Teilnahmebarrieren für Jugendliche abzubauen? Welches sind die nächsten Schritte, damit Forschungsergebnisse zum Thema Lernmobilität zu einer Verbesserung der praktischen Arbeit beitragen?

Rund 80 Teilnehmende aus 27 verschiedenen Ländern kamen im European Youth Centre in Budapest zusammen, um diese und weitere Fragen zu diskutieren. Eine Gruppe der internationalen Teilnehmerinnen und Teilnehmer repräsentierte relevante Institutionen ihrer Länder und war entweder in der Praxis tätig oder in öffentlichen Einrichtungen oder NGOs mit politischen Themen befasst. Die andere Gruppe setzte sich aus Forscher(inne)n zusammen, die an einschlägigen Studien zum Thema Lernmobilität arbeiten. Organisiert wurde die Veranstaltung vom Forscher-Praktiker-Dialog in Kooperation mit JUGEND für Europa, Mobilitás (Ungarn) und der Youth Partnership

Eröffnet wurde die Konferenz von Hans-Georg Wicke, Leiter der Nationalagentur JUGEND für Europa und seiner Kollegin Judit Balogh von Mobilitas in Ungarn, der ungarischen Nationalagentur für Jugend in Aktion. Es folgten drei Einführungsstatements aus Politik, Forschung und Praxis: Hans-Joachim Schild, Leiter des Partnerschaftsbüros zwischen der EU-Kommission und dem Rat der Europäischen Union beleuchtete die Grundprinzipien der Mobilität Jugendlicher aus der politischen Perspektive. Prof. Dr. Günter Friesenhahn, Professor an der FH Koblenz und Mitglied im Forscher-Praktiker-Dialog vertrat die Seite der Forschung und Philippe Helson, AISBL Contact-2103 in Brüssel, berichtete von der praktischen Seite. Im Anschluss konnten die Teilnehmenden in fünf Workshop-Einheiten aus insgesamt 17 verschiedenen Workshops auswählen, die unter sechs Themenbereiche zusammengefasst wurden. Das Spektrum reichte von konzeptionellen Ansätzen im Bereich Qualifizierung oder zur Erreichung benachteiligter Zielgruppen über Qualitätsaspekte bis zu vergleichender Jugendarbeit, Forschung und Evaluation.

Beispiele aus den Workshops

Dr. Helmut Fennes und Kathrin Helling von der Universität Innsbruck, stellten in ihrem Workshop zunächst das RAY-Netzwerk – Research-based Analysis and Monitoring of Youth in Action – vor, das seit 2009 aus 12 Ländern besteht und folgende Ziele verfolgt:

  • Qualitätssicherung von Youth in Action,
  • Entwicklung von evidenzbasierter und forschungsinformierter Jugendpolitik sowie
  • ein besseres Verständnis über Prozesse und Ergebnisse der non-formalen Bildung.

Im Weiteren präsentierten sie die 2009/10 erstellte Umfrage, die die Effekte europäischer Jugendprojekte auf die Teilnehmenden im Hinblick auf eine aktive Bürgergesellschaft und Partizipation untersuchte. Darüber hinaus wurden noch zwei Examensarbeiten vorgestellt, die die Teilnehmenden des Europäischen Freiwilligendienstes in den Fokus genommen hatten (Incomings und Outgoings), um die erlernten Kompetenzen zu identifizieren und zu verifizieren sowie die Form des Lernens (non-formal, informal) zu analysieren. Eine Zusammenfassung der Studien kann hier eingesehen werden: homepage.uibk.ac.at/~c603207/JiA_Diplomarbeiten_2009_2010_Chisholm_Helling.pdf

In einem weiteren Workshop stellte der Referent Dr. David Cairns, Centre for Research and Studies in Sociology, Lissabon, drei Fallstudien aus Großbritannien, Irland und Portugal vor. Hier wurden von 2008-2010 Studierende zu Beginn ihres Studium zunächst per Fragebogen (600 Studierende) und dann per Interview (40 Studierende) zu ihren Ansichten über Mobilität sowie zu ihren Ambitionen befragt. Ein Ergebnis war, dass in der Entscheidung der Studentinnen und Studenten, mobil zu werden, informelle Faktoren, wie z. B. der Rückhalt in der Familie und im Freundeskreis oder finanzielle Einschränkungen oder Möglichkeiten eine stärkere Rolle spielten als formale Faktoren wie z. B. die Karriere.

Der erste Aufschlag ist gelungen…

In den Workshops wurde vielfältig diskutiert. Intensiv war besonders der Austausch zwischen Forschung und Praxis – und beide Seiten erlebten ihn als sehr fruchtbar. Einig waren sich alle Beteiligten darin, dass die Konferenz deutlich gemacht hat, wie viel interessante Forschung zur Lernmobilität es bereits gibt und wie gut die Praxis beispielsweise im Bereich der Qualifizierung oder bei der Einbeziehung benachteiligter Zielgruppen aufgestellt ist.

Gleichwohl fehlt es aber nach wie vor an konkreten Maßnahmen und entsprechenden Finanzmitteln, benachteiligte Zielgruppen in der Breite einzubeziehen. Ebenso waren sich die Teilnehmenden einig, dass gute Forschungsergebnisse zu den Wirkungen von Mobilitätsprogrammen allein nicht ausreichen, so lange sie für sich stehen. Wichtig ist nun einerseits, dass die Ergebnisse in die Praxis übersetzt und angewendet werden. Andererseits – und das ist von zentraler Bedeutung – gilt es, dass diese Erkenntnisse sichtbarer nach Außen und an die Politik herangetragen werden, damit der Wert non-formaler Bildung eine stärkere Anerkennung erfährt. Dafür ist also auch ein verstärkter Austausch mit politischen Entscheidungsträgern gefragt.

Es wurde angeregt, auf internationaler Ebene den Austausch zu Good-Practice weiter voranzutreiben und zu intensivieren, um mehr Akteuren diese Informationen zugänglich zu machen. Großes Interesse wurde beispielsweise an einem Online-Evaluationstool für Mobilitätsprogramme auf internationaler Ebene geäußert. Darüber hinaus sollten Möglichkeiten geschaffen werden, dass auch die Forschung sich international vernetzen kann. Insbesondere die Forschung zu effektiven Lernbedingungen sollte interdisziplinär vorangetrieben werden. Kontrovers diskutiert wurde schließlich die Forderung nach international bzw. europäisch einheitlichen Qualitätskriterien für non-formale Mobilitätsprogramme. Letztendlich einigten sich die Beteiligten darauf, zunächst einen Überblick über die verschiedenen Kriterien auf internationaler Ebene zu gewinnen.

…und auch der Follow-up ist gesichert!

Wie sich gezeigt hat, ist die Internationalisierung eines Austauschs von Forschung und Praxis mit Budapest gelungen – und mehr noch: es wurde deutlich, wie wichtig und notwendig dieser Dialog für alle Beteiligten ist. So ist es sicher das beste Ergebnis dieser Konferenz, dass die Veranstalter am Ende konkrete Vorschläge für einen Follow-up machen konnten. Nächstes Jahr, so die Verabredung, soll sich ein internationales Steuerungsgremium bilden, das auf Basis der jetzigen Konferenzergebnisse den Austausch von Forschung und Praxis weiterentwickelt. Im Jahr 2013 wird es in Deutschland ein erstes „Plattformtreffen zur Lernmobilität“ geben. Im Wechsel soll dann alle zwei Jahre ein weiteres Plattformtreffen von weiteren Partnerländern ausgerichtet werden. An den Zielstellungen wird im Einzelnen noch zu feilen sein, ein gemeinsames Ziel hat aber Prof. Dr. Günter Friesenhahn in seiner Schlussbemerkung benannt: „Wir sollten uns auf die persönliche Entwicklung junger Menschen konzentrieren und nicht auf die ökonomische Entwicklung der EU.“ 

IJAB

IJAB ist - vertreten durch Direktorin Marie-Luise Dreber - Mitglied der Steuergruppe des Forscher-Praktiker-Dialogs. Es ist IJAB ein Anliegen, Interessierte über die aktuelle Forschung aus der internationelen Jugendarbeit zu informieren und darüber hinaus neue Forschung anzuregen. Zu diesem Zweck verfügt die IJAB-Webseite seit dem Relaunch im März 2011 über eine Forschungsdatenbank, in der relevante Forschungsbeiträge und Dokumente aus der internationalen Jugendarbeit für Interessierte einfach recherchier- und abrufbar sind.

Als Korrespondentin des European Knowledge Centre for Youth Policy (EKCYP) hat IJAB-Mitarbeiterin Kerstin Wondratschek an der Konferenz in Budapest teilgenommen und - gemeinsam mit ihrer IJAB-Kollegin Claudia Mierzowski - von dort berichtet.



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