Stephanie Bindzus

Fachtagung zu den aktuellen politischen Entwicklungen und ihren Auswirkungen auf die Internationale Jugendarbeit - Gelungener Auftakt der IJAB-Jubiläumsveranstaltungen

Zunehmender Nationalismus, Brexit, Europaskepsis, Rechtspopulismus – die gegenwärtigen politischen Entwicklungen haben auch ganz konkrete Auswirkungen auf den Jugendaustausch. Wie lässt sich mit rassistischen Äußerungen bei Jugendbegegnungen oder mit fremdenfeindlichen Übergriffen umgehen? Was, wenn im Partnerland politische Themen tabu sind? Was ist zu tun, damit keine Begegnungen aus Angst vor terroristischen Anschlägen in Deutschland oder im Ausland abgesagt werden? Ein Fachtag am 22. Februar 2017 in Berlin suchte darauf Antworten – und bildete den Auftakt zu einer ganzen Reihe von Veranstaltungen im Jubiläumsjahr von IJAB, die sich aktuellen Fragen der Internationalen Jugendarbeit stellen.

BildImage: Christoph Rieken | IJAB

Das Tagungsthema brennt den Trägern der Internationalen  Jugendarbeit  auf den Nägeln. Das zeigte nicht nur die große Zahl der Anmeldungen. Die Auswirkungen der weltweiten politischen Entwicklungen der vergangenen letzten Jahre haben die Praxis erreicht:  Zunehmend müssen Träger mit Sicherheitsproblemen und politischen Konflikten, sinkenden Teilnehmerzahlen und abgesagten Begegnungen umgehen. Sowohl die Teamerinnen und Teamer von Jugendbegegnungen als auch Entscheidungsträger/-innen der Organisationen stehen in der Auseinandersetzung mit ihren internationalen Partnern vermehrt vor schwierigen Situationen. Die Keynote-Rede von Dr. Martina Fischer, Referentin für  Frieden und Konfliktbearbeitung bei Brot für die Welt, half, diese Entwicklungen besser einzuordnen und ermutigte dazu, auch aus Sicht der Internationalen Jugendarbeit Lösungsansätze zu entwickeln.

Weltpolitik und Zivilgesellschaft

Fischer erläuterte als drei gravierende weltpolitische Entwicklungen:

  1. die nachweisliche Zunahme von Gewaltkonflikten und terroristischen Aktivitäten seit Anfang der 2000er Jahre,
  2. die Verschiebung des globalen Machtgefüges vom Westen hin zu Ländern wie Brasilien, Russland, Indien und China und
  3. ein zunehmendes Wohlstandsgefälle, unter anderem basierend auf der Ausbeutung natürlicher Ressourcen und der damit einhergehenden Zerstörung der Lebensgrundlage anderer Bevölkerungsteile.

Die genannten Entwicklungen gingen einher mit Staatszerfallsprozessen, neuen und alten Gewaltakteuren sowie Fluchtbewegungen und stünden nur begrenzten Gewaltpräventionsmaßnahmen z.B. durch die Staatengemeinschaft gegenüber. Der Diskurs bei UN und EU habe sich gewandelt: Der Sicherheitsdiskurs überlagere den Friedensdiskurs. Im Vordergrund stünden nun vor allem Abschottungsmaßnahmen, Terrorabwehr und der Aufbau von Polizei- und Sicherheitsapparaten.

Die Zivilgesellschaft als politisches Korrektiv könne nur wirken, wenn sie auch als solches angenommen würde. Zu beobachten seien derzeit aber starke Einschränkungen und Repressionen gegenüber zivilgesellschaftlicher Akteure/-innen – und zwar auch in demokratischen Ländern. Die Angst von Regierungen vor Machtverlust, Umweltzerstörung durch Ausbeutung von Naturschätzen und die Beschneidung von Rechten bestimmter Gruppen machte Fischer unter anderem als Katalysatoren für die Einschränkung zivilgesellschaftlichen Spielraums aus. Sie sieht darin ein andauerndes Phänomen, das eng an die vorher skizzierten Entwicklungen gebunden ist. Fischer wies auch darauf hin, dass die mit der genannten Machtverschiebung neu aufstrebenden Staaten auf Souveränität pochten und das westliche Demokratieverständnis nicht selbstverständlich übertragen wollten.

Wider der Ohnmacht –  Möglichkeiten der Internationalen Jugendarbeit

Ein lähmendes Bild, das hier gezeichnet wird? Nein, findet Fischer. Jugendaustausch habe schon immer in schwierigen Zeiten stattgefunden und Jugend sei Hoffnungsträger für Veränderung. Sie sieht bei der Internationalen Jugendarbeit einen doppelten Bildungsauftrag:   Es sollte mit überprüfbaren Fakten eine Versachlichung des oft emotionalen Diskurses zu Themen wie Flucht, Terrorursachen und Globalisierung ermöglicht werden. Und vor allem solle dazu befähigt werden, kritische Fragen zu stellen, friedens- statt sicherheitslogisch zu denken, Empathie zu empfinden. Internationale Jugendarbeit könne Zivilgesellschaft stützen und in Ländern, in denen Zivilgesellschaft eingeschränkt ist, Handlungsräume eröffnen – Inseln, in denen engagierte Menschen weiter tätig sein können.

Was bedeutet das konkret?

Das komplexe Gesamtbild wurde anschließend auf die Praxis projiziert. Sechs Schwerpunktthemen halfen bei der Strukturierung:

  1. Zusammenarbeit mit staatlichen und zivilgesellschaftlichen Partnern,
  2. Bewertung der Situation im Partnerland,
  3. Neue Impulse für die Internationale Jugendarbeit im Bereich Antirassismus-/ Extremismusarbeit, Integration und Arbeit mit jungen Geflüchteten,
  4. Neue Strategien der Internationalen Jugendarbeit für ein starkes Europa,
  5. Bedeutung und Rolle der Fördergeber und
  6. Impulse zur Stärkung der politischen Dimension der Internationalen Jugendarbeit.

Deutlich wurde in den Diskussionen der Arbeitsgruppen, dass einerseits eine deutliche Repolitisierung der Internationalen Jugendarbeit für unabdingbar erachtet wird. Gleichzeitig wird es notwendig sein, sehr genau auf die Handlungsspielräume im Partnerland zu schauen und Strategien zu finden, um trotz einer stärkeren politischen Ausrichtung auch in repressiven Partnerländern arbeiten zu können. Wie sehen es die Partner? Was geht und was nicht? Perspektivwechsel und Dialog auf Augenhöhe müssen auch in der Vorbereitung von Austauschmaßnahmen selbstverständlich sein. Eine umfassende Dokumentation der Ergebnisse wird im April 2017 veröffentlicht werden.

Ganz klar ist: Die Tagung war ein ermutigendes Signal! Mögen die Herausforderungen auch groß sein, die Bereitschaft und der Wille ihnen zu begegnen ist da. Ein Anfang ist gemacht, nun gilt es, die erarbeiteten Ansätze weiterzuverfolgen. Eine gute Gelegenheit hierfür bietet der Fachkongress „Begegnen, bewegen, gestalten – Chancen und Herausforderungen der Internationalen Jugendarbeit in der globalisierten Welt“ am 18. Mai 2017 in Berlin. 



Eindrücke der Fachtagung in Berlin

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