Christian Herrmann

Ich musste erwachsen werden, ob ich wollte oder nicht

Wiebke Elias war über die Entsendeorganisation Sage-Net als weltwärts-Freiwillige von September 2009 bis September 2010 in Südafrika. Ein Jahr lang hat sie an einer Townshipschule gearbeitet. Ihr Aufenthalt wurde aktiv unterstützt und begleitet durch das Jugendamt der Stadt Köln und der Kölner Albert-Schweitzer-Grundschule. Der Freiwilligendienst sie verändert. Was da geschehen ist, beschreibt Wiebke Elias selbst.

Wiebke Elias
BildImage: Wiebke Elias

Bald ist meine Zeit hier an der Makgatho Primary School in Südafrika schon zu Ende. Es fühlt sich an als wäre es gestern gewesen, meine Abreise und der tränenreiche Flug nach Paris. Meine Ankunft In Johannesburg, die ersten Tage, Eindrücke. Wenn ich aber überlege, wie viel ich erlebt und gesehen habe, wie viel ich gelernt habe, frage ich mich ernsthaft, wie das alles in den kurzen Zeitraum von 12 Monaten reingepasst hat. Meine Tage hier sind gezählt und die neuen Freiwilligen werden bald ankommen und meine Arbeit hier übernehmen, sicherlich auch eigene, neue Arbeiten anfangen. Trotzdem, ich will nicht einfach abreisen und verschwinden, aus den Augen aus dem Sinn. Es ist seltsam das Gefühl zu haben, einfach ersetzt werden zu können. Und doch weiß ich, dass es viel Sinn macht. Die neuen Freiwilligen kommen mit frischer Motivation, Ideen und Tatendrang. Und ich habe andersherum eben diesen Drang, jetzt etwas neues, anderes zu machen, auch wenn es mein Studium in Deutschland ist. Mein Kopf will wieder intellektuell gefördert werden und meine Neugierde ist wieder geweckt, ich will neues kennenlernen, eine neue Stadt, neue Leute um mich herum haben und meine Gedanken um andere Dinge kreisen lassen. Ich will nicht sagen, dass ich Südafrika nun kenne wie meine eigene Westentasche. Um solch ein großes und vielfältiges Land wirklich kennen zu lernen braucht es mehr als ein einziges kleines Jahr. Doch mittlerweile kenne ich mich in meiner Gegend gut aus, Dinge die mir vor ein paar Monaten noch außergewöhnlich erstaunlich vorkamen sind nun alltäglich geworden. Ich kenne die Strassen (und geh nicht mehr ständig irgendwo verloren  - mein Orientierungssinn war noch nie der Beste), kenne die Tukshops, Preise, Taxifahrer. Ich merke wenn einer den Touristenbonus wittert durch meinen deutschen Akzent und mich über den Tisch ziehen will, ich habe einen Instinkt entwickelt was gefährliche Situationen oder Gegenden angeht und kann solche gut vermeiden, habe aber auch gelernt, wie ich mich zu verhalten habe, wenn es brenzlig wird. Ich weiß, wie Leute sich mit ein wenig Sotho-Smalltalk extrem beeindrucken lassen, kann Polizisten die Strafzettel ausreden und betrunkenen Männern den Heiratswunsch. Ich kann mich hier zuhause fühlen.

Kein gelassener Umgang mit Rassismus

Was ich aber nicht gelernt habe, ist zum Beispiel  der gelassene Umgang mit  Rassismus, der hier wohl erforderlich wäre, um sich nicht ständig die Grütze zu ärgern. Auch wenn ich diese Diskussionen wirklich zu genüge geführt habe, schaffe ich es nicht, wegzuhören, wenn ein alter weißer Mann mal wieder großen Mist über die Schwarzen redet oder die „alten Zeiten“ der Apartheid in den Himmel hoch lobt. Ich kann den jungen Buren nicht „ihre Meinung lassen“ ohne mich einzumischen, denn es ist meistens eh stumpfes Nachgeplapper der „Meinungen“  anderer Leute. Die meisten Weißen verstecken sich doch eh den ganzen Tag hinter ihren Elektrozäunen und haben selbst nie wirkliche Erfahrungen gemacht mit Schwarzen. Die Kinder meines (weißen) Kickboxing-Trainers rennen vor mir weg und wollen mich nicht mehr berühren, seitdem ich ihnen erzählt habe, dass ich mit Schwarzen zusammenlebe, arbeite und befreundet bin. Als wäre ich dadurch ansteckend, irgendwie verseucht.  Das ganze erinnert mich ein bisschen an die Hierarchien aus längst vergangenen Zeiten, wo ein Adelsmann nicht mit einer einfachen Putzfrau verkehren durfte, ohne seinen Stand und die Familie zu blamieren. Das ist doch abstrus.

Gegen die Kriminalität hilft nur Gleichgültigkeit

Mit der hohen Kriminalität komme ich mittlerweile erschreckend gut zurecht. In diesem Fall kann ich mich sehr wohl mit der einfachen Begründung „this is A-F-R-I-C-A“ begnügen, wenn der Geldautomat neben meiner Wohnung nachts mit zwei Bomben gesprengt wird oder mal wieder irgendwo in meiner Nachbarschaft ein Mensch für ein paar Rand oder ein Auto erschossen wird. Ich lasse es einfach nicht mehr an mich heran. Bin erschrocken,  viel eher aber erleichtert, dass ich es nicht bin, der da nun tot auf dem Boden liegt und ziehe nach ein paar Minuten der Zerstreutheit wieder meiner Wege. Ich finde es erschreckend, wie schnell ich eine gewisse Gleichgültigkeit aufgebaut habe, genau wie ich es zu Beginn meiner Zeit erschreckend fand, wie gleichgültig die Südafrikaner mit schlimmen Schicksalsschlägen umgehen.  Vielleicht ist diese Gleichgültigkeit der einzige Weg mit der Alltäglichkeit von Raub und Mord umgehen zu können.

Ubuntu besagt, dass alles geteilt werden muss

Obwohl ich hier viel Kriminalität mitbekommen habe (nicht unbedingt nur am eigenen Leibe sondern einfach in meiner Umgebung), fühle ich mich allgemein sicher hier. Das Bild, das die meisten meiner deutschen Freunde von Südafrika haben (und das ich manchmal vielleicht durch meine Erlebnisse noch verstärke) stellt Armut und Kriminalität dar. Dabei gibt es so viel mehr, dass es mit einzubeziehen gibt: Die starken Gemeinschaften und Familienzusammenhalte. Ausgeprägte Hilfsbereitschaft. The Spirit of UBUNTU.  Ich habe hier in Südafrika bedeutend mehr Zivilcourage erlebt als jemals in Deutschland. Wie oft wird weggeguckt oder tatenlos zugeschaut, wenn ein Mensch in Deutschland erniedrigt oder sogar geschlagen wird? Es gibt so wenig WIR-Gefühl in Deutschland, immer ein stark abgegrenztes DU und ICH. Natürlich hat das auch Vorteile. In Deutschland kann ich viel leichter unabhängig, selbstständig mein ganz eigenes Ding durchziehen. Ich kann viel mehr eigene Entscheidungen treffen, deren Konsequenzen ich dann alleine entweder genießen oder ertragen muss. Wenn ich etwas Tolles erreiche in Deutschland, gehört der Ruhm mir allein und all die Belohnung steht nur mir zu. Auf der anderen Seite muss ich auch allein zusehen, wie ich aus dem Mist wieder heraus komme, den ich gegebenenfalls verbockt habe. Muss alleine leiden, zusehen wie ich alles wieder gerade biege. In Südafrika hängt an allem immer gleich die ganze Familie mit dran. Wenn ich gut verdiene, haben auch all meine Familienmitglieder ein besseres Leben, denn UBUNTU besagt, das alles geteilt werden muss. Es kann also passieren, dass meine 7 Geschwister alle arbeitslos sind und meine Eltern alt, sodass ich mit Gehalt durch 10 Leute aufteilen muss und am Ende nicht viel Habe von meinem hart erarbeitetem Geld. Es kann auch sein, dass meine 7 Geschwister alle munter Kinder kriegen, da sie ja sonst den lieben langen Tag nichts zu tun haben, und dass auch diese Kinder dann irgendwie durchgebracht werden müssen. Es kann sein, dass ich meine tolle Wohnung plötzlich mit 5 anderen Menschen teilen muss, weil diese kein Geld mehr für ihre Miete oder Transport haben. Ja, UBUNTU schränkt die persönliche Freiheit ein. UBUNTU macht aber auch, dass zum Beispiel die ganze Community, also alle Nachbarn und Kollegen und deren Familien und deren Nachbarn, zu Beerdigungen kommen und Geld an die Familie spenden, die den Tod zu verzeichnen hat. UBUNTU heißt, dass die ganze Community gemeinsam versucht, Geld für teure Operationen oder Medikamente aufzubringen. UBUNTU heißt, immer jemanden zu haben der Verantwortung übernimmt, der dir zuhört und einen Tee kocht. UBUNTU heißt auch, dass die gesamte Community mit Stock und Stein, Messer und Bratpfanne bewaffnet los zieht, um Tsotsies (Kleinkriminelle) zu jagen und zu bestrafen. Der Tsotsie, der bei mir nebenan einen Mann erschossen hat, bei dem Versuch sein Auto zu stehlen, wurde danach sofort von der Community verfolgt, gefangen und grausam zu Tode geprügelt. Sein Leben sei nichts wert sagen sie. Die anderen Tsotsies sollen gewarnt sein, sagen sie. Nicht mit unserer Community. In unserer Community lassen wir es nicht zu, dass unsere Mitmenschen beraubt und ermordet werden. Nicht mit uns. UBUNTU kann grausam sein. Es kommt darauf an, wie UBUNTU ausgelegt wird. Ubuntu kann nur bedeuten, dass ein Mensch ein Herdentier ist und erst durch die Beziehung zu anderen Menschen zum vollständigen Menschen wird. Ubuntu kann Gemeinschaft bedeuten, Gemeinsamkeit. Sharing is caring. Ubuntu kann aber eben auch bedeuten,  einer für alle, alle für einen, bis zum bitteren Ende.

Das Geld der Community bleibt in der Community

Ein sehr alltägliches Beispiel sind die kleinen Händler, die im Berufsverkehr von Autofenster zu Autofenster laufen um unsinnigen Krimskrams zu verkaufen. Deren Verkaufsstrategie ist es gar nicht, mir weis  machen zu wollen ich brauechte diesen Quatsch, nein, ihr Argument ist „please support me“. Es geht lediglich darum, ihnen ein wenig von meinem Kleingeld abzugeben, um sie zu unterstützen. Ähnliches ist mir im Schulalltag aufgefallen. Die schwarzen Lehrer kaufen sich jeden Tag Mittagessen im Tuckshop nebenan. Diese Lehrer haben nicht viel Geld, wohnen im Township und man könnte denken, sie würden sich selbstverständlich ihr Lunch von daheim mitbringen, was natürlich wesentlich billiger wäre, als täglich „auswärts“ zu essen.  Doch es geht gar nicht darum, eigenes Geld zu sparen. Es geht darum den Tuckshop zu unterstützen. So oft höre ich Werbungen dafür, „local business“ zu supporten. Das Geld der Community soll in der Community bleiben, und das macht auch Sinn.

Ich habe gelernt,  Aufgaben zu übernehmen, die allen anderen zu blöd sind

Ich weiß, ich habe viel gelernt hier. Ich selbst musste erwachsen werden, ob ich wollte oder nicht. Es gab Situationen die von mir verlangten, selbstständig zu sein, einen klaren Kopf zu bewahren, obwohl ich ihn am liebsten in den Sand gesteckt hätte, um abzuwarten, ob sich alles von selbst regelt. Ich bin ein wenig auf den Boden gekommen. Ich habe, zumindest ansatzweise Gelassenheit gelernt. Plan Bs und sogar Cs parat zu haben und auch damit zufrieden zu sein. Ich habe Kompromisse eingehen gelernt. Vor allem aber habe ich gelernt, dass man sich selbst manchmal zurücknehmen muss, einstecken muss und einfach hinnehmen muss, dass andere am längeren Hebel sitzen. Ich habe gelernt Hierarchien zu akzeptieren. Hierarchien sind unheimlich wichtig hier. Wenn ich merke, dass mein Boss einen Fehler macht, heißt das noch lange nicht, dass ich mir das Recht rausnehmen darf, den Boss zu kritisieren. Boss ist Boss, Freiwilliger ist Freiwilliger. Und das bleibt so. Ich habe gelernt,  Aufgaben zu übernehmen, die allen anderen zu blöd sind, ohne mich dabei persönlich herabgesetzt zu fühlen. Ich kann Kaffee kochen, kopieren, laminieren, Texte abtippen und sogar die Hausaufgaben der Kinder von meinen Kollegen machen und das nicht schlimm finden. Denn ich weiß, dass meine Hilfe hier wertgeschätzt wird, dass jeder stets freundlich ist und ich immer noch die Möglichkeit habe, NEIN zu sagen, solange ich bereit bin, Leute vor den Kopf zu stoßen. Ich kann ja und Amen sagen und wissen, irgendwann werde ich jemanden Boss sein, mich hocharbeiten und Kaffee serviert bekommen.

Ich brauche nicht 20 Paar Ohrringe

Ich habe gelernt mit wenig Geld auszukommen, Prioritäten zu setzen. Gemerkt dass ich lieber Geld für herumreisen ausgeben will, als für neue Schuhe. Ich hab gelernt, meine Ansprüche anzupassen, herunterzuschrauben, aber auch mal einfach spontan etwas zu machen oder zu kaufen, bloß weil es sich gut anfühlt. Solange das Geldmanagement stimmt und man zwischen sparsam und geizig, spendabel und verschwenderisch unterscheiden kann, kann man mit fast jedem Budget etwas anfangen.  Erst durch den Einbruch, wo mir alles, alles, alles  gestohlen wurde, habe ich gemerkt, wie wenig von dem Zeug ich wahrhaftig brauche. Genug brauchen würde, um mir den Kram nachzukaufen. Ich brauche keine 10 Jeans mehr, 3 Jeans reichen völlig aus. Ich brauche keinen Lockenstab. Ich brauche nicht 4 T-Shirts von jeder Farbe. Ich brauche nicht 20 Paar Ohrringe und ich brauche nicht 5 Paar Schuhe.

Manches ist zu anders

Natürlich habe ich, wie die meisten Menschen, die eine gewisse Zeit in der Ferne verbringen, auch etwas über meine Heimat gelernt. Erst durch die Konfrontation mit so viel Anderssein und Neuem ist mir bewusst geworden, wie sehr man doch davon geprägt wird, wo man herkommt. Man kann seine Heimatstadt verfluchen und hassen, geprägt ist man von ihr trotzdem. Man kann gesellschaftliche Strukturen und Normen von daheim verachten, sie sind trotzdem in einem drin.  Was daheim als normal gilt, ist auch in deinem Kopf als normal abgespeichert. Ja, hier geht man jeden Sonntag in die Kirche, hier glaubt man aber auch an geheimnisvolle Heilkräfte, Wirkung von Kräutern und Aberglaube. Man schlachtet zu Festen, man isst das ganze Tier, restlos, ohne etwas zu verschwenden.  Man schickt seine kleinen Söhne in die Berge, in einen  harten Überlebenskampf, den nicht alle kämpfen können, um sie zu Männern zu machen.  Hier kann ein Mann mehrere Frauen heiraten. Hier kann man in einer Wellblechhütte leben und trotzdem einen Kredit für `nen neuen BMW aufnehmen und diesen kaufen, ohne dass alle einen volllabern, man gehe seltsam mit Geld um. Hier wird, in jedem Alter, so getanzt, dass wir Europäer es vielleicht  her als „sex in public“ bezeichnen würden. Hier werden die Schüler von den Lehrern als Autoputzer, Kaffeekocher, Taschenträger und vieles mehr benutzt, und das ist normal. Hier schlagen die Lehrer die Schüler, obwohl es gesetzlich verboten ist. Würde ich in Deutschland all die Dinge als normal sehen, die für mich hier mittlerweile normal geworden sind, würde mich niemand mehr für normal halten. Aber so läuft es auch nicht. Ich habe die Kulturen und Normen hier kennen gelernt, finde manches gut, manches schlecht, kann mit allen umgehen und mich damit arrangieren, auch wenn ich das früher nicht gedacht hätte. Doch trotzdem bin ich Deutsche, meine Kultur ist eine andere. Ich hoffe für mich selbst, dass ich von den Kulturen hier gelernt habe, dass ich die positiven Aspekte dieser fremden Kulturen für mich ebenfalls nutzen kann, manche Normen aus Südafrika auch meine Normen werden können, wie zum Beispiel die Hilfsbereitschaft. Aber ich werde nie zum Beispiel eine Zulu-Frau sein, selbst wenn ich nach allen Regeln der Zulu-Kultur leben und handeln würde. In mir drin bin ich deutsch, mit deutschen Ansichten und früher oder später würde sich diese deutsche Kultur in mir rühren und rebellieren, ich würde nie völlig einverstanden sein können damit, dass mein Mann mehrere Frauen hat, dass ich den Haushalt allein schmeißen muss und der Mann Herr und Gebieter ist. Ich glaube, ich kann mich bis ins Unendliche auf fremde Kulturen einlassen, aber sie könnten mich nie völlig übernehmen. Es ist zu anders. Es ist anders, spannend, aufregend, ich will alles kennen lernen und darüber nachdenken. Und will für mich raus finden, was an meiner eigenen Kultur komisch ist, was sinnvoll und was rückständig sein mag.  Ich glaube, erst durch das Kennenlernen fremder Kulturen kann ich meine eigenen Hintergründe wirklich kritisch hinterfragen und alles überdenken. Wie soll ich denn meine Kultur kritisieren können, wenn ich keinerlei Alternativen kenne, nie von anderen Lebensweisen gelernt habe?

Selbst wenn ich den Kindern kein einziges neues Wort beigebracht habe, habe ich ihnen zumindest das Gefühl gegeben, kein hoffnungsloser Fall zu sein

Ich habe nicht gelernt, mit Frustration umzugehen. Nein, das habe ich nicht. Ein ganzes Jahr habe ich mit meinen Kindern gearbeitet. Ein Jahr lang haben wir das Alphabet gesungen und kleine Bücher gelesen, wir haben über Vokale geredet und Gross- und Kleinschreibung. Wir haben tausende Male die SOUNDS der Buchstaben gemacht, anstatt den Namen zu sagen und wir haben Buchstaben aneinander gereiht, bis sie Worte ergeben. Wir haben Bilder angeschaut und versucht, die richtigen Worte in Englisch zu finden, um zu beschreiben, was wir auf den Bildern sehen. Wir haben gemalt, gebastelt. Wir haben einen ganzen Tag lang lustige Aktionen gemacht um das ABC  zu lernen, Licking Lollipops for the letter L, popping popcorn for P, Toasting Toast for T und Jumping Jacks gebastelt für J. Wir haben Geschichten gelesen die sich auf einen Buchstaben konzentrieren (Aunt Anni Ant ate apples) (Edward the Elephant with enormous ears...) Wir haben sogar eine Bücherei in der Schule eröffnet, wo Kinder sich täglich Bücher ausleihen können. Momentan bin ich dabei, Tische zu schmirgeln und zu streichen, um eine Leselounge zu kreieren, wo Kinder nach der Schule lesen können, vorgelesen bekommen oder einfach Hausaufgaben machen. Ich habe so viel gemacht, so viel versucht. Nicht immer, das gebe ich gerne zu. Es gibt Wochen, in denen meine Motivation irgendwo im Minusbereich hängt und ich mithänge, nichts machen will und natürlich auch dann nichts mache. Aber alles in allem...ich habe viel, viel Zeit und Arbeit in diese Kinder gesteckt. Und bei einigen Kindern hat sich trotz allem nichts verändert. Nichts. Wenn ich sie frage „how are you?“ lachen sie und wiederholen einfach was ich gesagt habe, um zu verstecken, dass sie kein Wort verstanden haben. Sie können mir nicht den passenden Buchstaben auf dem Papier zeigen, wenn ich nach „A“ frage. Sie können keine Uhr malen und Uhrzeiten eintragen. Ich glaube, dass sich in der frühen Kindheit dieser Kids einfach nie wirklich jemand mit ihnen befasst hat. Die Gehirne sind einfach nicht entwickelt. Junge Menschen können so gut und einfach lernen, viel besser als alte Menschen. Aber natürlich erfordert dass zumindest einige Grundlagen. Ein entwickeltes Gehirn, das schon Verbindungen geknüpft hat. Ein kleines, kleines Hintergrundwissen an das das neu Erlernte anknüpfen kann. Manchmal guck ich mir diese Kinder an und will einfach aufgeben. Denke mir, wie viel mehr es bringen würde, einfach andere Kinder in den Einzelunterricht zu holen, Kinder bei denen ich schnell viel Fortschritt sehen könnte. Aber das mache ich nicht. Denn das ist nicht der  richtige Weg. Es sich leicht machen, damit man am Ende tolle Ergebnisse präsentieren kann und alle sagen „ja die Wiebke hat was verändert“. Denn ich glaube, selbst wenn ich den Kindern kein einziges neues Wort beigebracht habe, habe ich ihnen zumindest das Gefühl gegeben, kein hoffnungsloser Fall zu sein. Das Gefühl, dass ihnen noch alles offensteht – viel zu lernen, hart zu arbeiten und irgendwann den Anschluss zu finden.

Afrika hat mich schwindelfrei gemacht, seetauglich, lebenstauglich

Und es gibt auch die anderen Kinder, die jede Menge gelernt haben im letzten Jahr. Die Kinder, die letzten September noch kein einziges Wort lesen konnten und jetzt täglich freudestrahlend in die Bücherei gedrängelt kommen, um ein Buch auszuleihen. Kleine Angeber, die damit prahlen, lesen zu können. Die stolz auf sich sind und es jeden wissen lassen wollen. Kinder wie Gontse und Simphive, die ich nicht mal mehr zum Einzelunterricht nehmen darf, weil die Lehrerin sagt, sie wären jetzt schon zu clever dafür. Gontse die mir einen Abschiedsbrief schreibt, allein, in Englisch. Für mich. In ganzen Sätzen, auch wenn nicht alles perfekt geschrieben und formuliert ist. Solche Kinder lassen mich wieder wissen, dass meine Arbeit hier zu keiner Sekunde sinnlos und hoffnungslos ist, egal, wie viel ich kopiere und wie wenig meine Kinder lernen. Denn ich als Freiwillige bin zusätzlich da. Und das kann nie schaden. Durch mich als Freiwillige kann die Schule nur profitieren, denn selbst, wenn ich gar nichts machen würde, tagelang die Wand anstarren würde, wäre das nicht schlimmer als wenn ich gar nicht da wäre. Und in einer Umgebung wie hier, wo einen tausend Aufgaben anspringen, wenn man sich einmal umschaut, weil es so viel zu verbessern gibt – in einer solcher Umgebung schafft niemand, es gar nichts zu tun. Wirklich nicht.  Jeden einzelnen Tag verbessere ich hier doch etwas, egal wie klein die Veränderung ist. Mein ganzes Jahr hier war geprägt von Up’s and Down’s, dem Gefühl, alles sei perfekt und ich hätte nie in meinem Leben eine bessere Zeit gehabt, abgelöst von totaler Frustration und dem Wunsch, einfach das Handtuch zu werfen und nach Hause zu fahren. Sobald ich mich perfekt in Atteridgeville eingelebt hatte, mich auskannte, mit dem kleinen Haus trotz Enge total zufrieden war, kam der Einbruch. Gerade hatte ich mich aus dem Tief nach dem Einbruch und dem Stress herausgeholt  da werde ich in Kapstadt überfallen. Kaum haben wir eine Wohnung, geht der Kühlschrank kaputt. Kaufen wir einen Kühlschrank, geht das Auto kaputt. Auf jeden Erfolg kommt eine miese Sache, mir ist schwindelig von dem ganzen Hin und Her und Auf und Ab.  Aber wer viel Karussell fährt, gewöhnt sich an das Schwindelgefühl und arrangiert sich damit. Ich glaube, Afrika hat mich schwindelfrei gemacht, seetauglich, lebenstauglich. Ich weiß, mir werden noch unzählige blöde Sachen passieren, es wird noch viel schief gehen in meinem Leben. Aber ich habe eine gewisse Grundsicherheit. Und ich weiß, das habe ich meinem Auslandsjahr zu verdanken, denen die mir die Möglichkeit dazu gegeben haben. Ich habe es der Schule und jeder einzelnen Person zu verdanken, mit der ich mein Jahr verbracht habe. Und sicherlich auch meiner Starrköpfigkeit, die  mich nicht hat aufgeben lassen, egal wie doll es sich manchmal danach angefühlt hat.

Wiebke Elias



Kommentare ( 2 )

M. Neumann, Hamburg

Danke für diesen mutigen, ehrlichen und bestärkenden Erfahrungsbericht! Selbst Praktikantenbetreuerin - und Mutter von leider leserfaulen Kindern...- finde ich ganz viel hierin, was Mut macht: für das Leben, für die Auslandserfahrung, für die Begegnung mit so viel: den "anderen", der fremden Kultur, dem Umbekannten, mit dem Leben. Und letzlich auch - mit sich selbst!

Wiebke

Danke, frau Neumann für den netten Kommentar!
Spannend, diesen Artikel nach 2 Jahren wieder zu lesen. Vieles würde ich nun anders schreiben, mein Blick auf Dinge hat sich erneut verändert. Trotzdem versetzt mich das Lesen von diesen Zeilen ziemlich schnell wieder in meine damalige Lage und Situation zurück.

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