Dr. Dirk Hänisch

„Es geht um einen Europäisierungsprozess, in dem ein zivilgesellschaftliches Europa im Mittelpunkt steht“

In einem Interview mit ijab.de gibt Hans-Georg Wicke, Leiter von JUGEND für Europa - Deutsche Agentur für das EU-Programm JUGEND IN AKTION, eine Einschätzung des Fachkongresses Building Tomorrow's Europe, der vom 07.-08.05.2013 in Bonn stattfand, sowie zu den Zielen einer zukünftigen europäischen Jugendpolitik.

Hans-Georg Wicke (Leiter JUGEND für Europa) bei seiner Eröffnungsrede BildImage: JUGEND für Europa   Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung CC BY 3.0

ijab.de: JUGEND für Europa hat kürzlich einen beeindruckenden zweitägigen internationalen Fachkongress mit 450 Teilnehmenden aus über 43 Ländern, 120 Referentinnen und Referenten und 28 Workshops unter dem Motto „Building Tomorrow’s Europe“ durchgeführt. Welche Schlussfolgerungen (welches  Fazit) ziehen Sie aus der Veranstaltung?

Wicke: Besondere Aufmerksamkeit wurde der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der jugendpolitischen Programme der EU gewidmet. Im Mittelpunkt der Debatten stand der noch nicht abgeschlossene Verhandlungsprozess über das neue Programm für Bildung, Jugend und Sport ab 2014 und die Besorgnis einer angemessenen jugendpolitischen Ausrichtung des Programms. Lernerfahrungen durch grenzüberschreitende Mobilität junger Menschen, Jugendarbeit und die jugendpolitische Zusammenarbeit in Europa benötigen angemessene finanzielle Ressourcen. Die Konferenzteilnehmenden sahen die bisherigen Vorschläge zur Höhe des Gesamtbudgets des Programms als unzureichend an und unterstützten die Forderung des Europäischen Parlaments nach mehr Mittel innerhalb des Mittelfristigen Finanzrahmens der EU für Jugend. Ein eigenständiges Jugendkapitel im neuen integrierten Programm ist aus Sicht der Konferenzteilnehmenden von unmittelbarer Bedeutung und Voraussetzung für die Wirkungsfähigkeit des Programms auf junge Menschen, Jugendarbeit und Jugendpolitik in Europa. In diesem Sinn begrüßten sie den bisherigen Verhandlungsverlauf. Sie zeigten sich insbesondere besorgt über eine ausreichende finanzielle Ausstattung des Jugendkapitels und betonten die Notwendigkeit einer damit verbundenen spezifischen Budgetlinie für das Jugendkapitel. Die Teilnehmenden der Konferenz kritisierten zudem den bisher vorgeschlagenen Programmnamen "Erasmus für alle" als jugendpolitisch unzureichend und unterstützten die Haltung des Europäischen Parlamentes zur Erhaltung des bisherigen Markennamen für die verschiedenen Programmbereiche und damit von JUGEND IN AKTION für das Jugendkapitel.

ijab.de: Im Fokus des Kongresses stand die Ausgestaltung der zukünftigen europäischen Jugendpolitik. Welche Impulse gehen von diesem Fachkongress für eine künftige Jugendpolitik aus, die sich an den Interessen der Jugendlichen orientieren will? Welche Signale sind gesetzt worden?

Wicke: Zum einen sicherlich, dass die gegenwärtige und eine künftige Jugendpolitik in Europa nicht ohne ein starkes jugendpolitisches Programm denkbar und möglich ist. Zum anderen aber wurde deutlich, dass die gegenwärtige Situation mehr denn je nach einer europäischen Politik verlangt, die junge Menschen in den Mittelpunkt stellt, einer Politik, die Jugend nicht nur als Übergangsphase ins Erwachsenensein begreift, sondern als eine eigenständige Lebensphase, in der es gilt, Autonomie, Wohlbefinden und Teilhabe junger Menschen zu fördern. Die Intensivierung der jugendpolitischen Zusammenarbeit hin zu einer Jugendpolitik in Europa und zu nationalen Jugendpolitiken vergleichbarer Qualität muss die Antwort auf den Bedarf transnationaler Politikstrategien für junge Menschen in einem integrierten Europa sein. Gleichermaßen muss es Ziel sein, die Jugendarbeit in Europa als gemeinsame soziale Praxis zur Gestaltung der Lebenssituation junger Menschen weiterzuentwickeln.

Hans-Georg Wicke ist seit 1995 Leiter von JUGEND für Europa - Deutsche Agentur für das EU-Programm JUGEND IN AKTION.

ijab.de: Sie haben in Ihrer Begrüßungsrede die momentane Situation der EU skizziert, die durch eine ökonomische, soziale und gesellschaftliche Krise gekennzeichnet ist. Gleichzeitig ist die europäische Idee starken Bewährungsproben ausgesetzt. Welchen Beitrag kann in dieser Situation die europäische Jugendpolitik spielen, um das gegenseitige Vertrauen und die europäische Idee zu stärken?

Wicke: Europa ist ein offenes politisches Projekt, kein endgültiger Zustand sondern mehr ein Prozess. Dieser Prozess heißt Europäisierung. Die Europäisierung ist ein Aushandlungsprozess im politisch institutionalisierten Europa. Sie ist geprägt durch die alltäglichen Probleme transnationaler Zusammenarbeit und durch nicht europarelevante systemtypische Wirkungen. Aber auch durch das Fehlen eines Korrektivs durch die Zivilgesellschaft. Daraus ergibt sich ein doppeltes Legitimationsdefizit: ein Beteiligungs- und ein Leistungsdefizit. Dieses wird verschärft durch die Krise in Europa, die sich inzwischen auch zu einer europäischen Krise entwickelt hat: Das Konstrukt der EU und die Weiterentwicklung des europäischen Projektes wird in Frage gestellt. Nationales erhält wieder einmal Vorrang. Die Zusammenarbeit in Europa verändert sich. Das soziale Europa wird noch mehr in den Hintergrund gedrängt. Europa schottet sich ab. Europäische Werte werden auf den Kopf gestellt. Beteiligung an Europa wird immer schwieriger, die demokratische Legitimierung fragwürdiger. In dieser Situation geht es um ein mehr an Europa, um die Wiederbelebung des Europäisierungsprozesses. Eines Europäisierungsprozesses, in dem das Europa der Bürger, ein zivilgesellschaftliches Europa im Mittelpunkt steht. Und genau an dieser Stelle liegt der Anknüpfungspunkt für eine europäische Jugendpolitik und Jugendarbeit.

ijab.de: Die Verlautbarungen und Beschlüsse der EU-Kommission lassen häufig den Eindruck entstehen, dass Jugendpolitik eher als Appendix einer europäischen Beschäftigungspolitik gesehen wird. Welche Positionen hat dazu der Kongress gesetzt?

Wicke: Wie zu erwarten war, hat der Kongress in den Inputs und Diskussionen aufgezeigt, dass natürlich Herausforderungen wie Jugendarbeitslosigkeit oder Kinder- und Jugendarmut in den Fokus europäischer Politik gelangen müssen. Aber der Kongress hat auch verdeutlicht, dass aus der Finanzkrise inzwischen auch eine soziale, gesellschaftliche und politische Krise geworden ist - mit weitreichenden Folgen: Politikverdrossenheit, antidemokratische Tendenzen, Xenophobie und ein Mangel an Solidarität und Zugehörigkeitsgefühl. Der ökonomische Druck, da war man sich einig, macht Jugendarbeit nicht zum Luxus oder reduziert sie auf Beschäftigungsförderung. Im Gegenteil: Jugendliche brauchen Unterstützung in ihrer sozialen Entwicklung und gesellschaftlichen Rolle. Für beides, so der Tenor, brauche man eine starke und qualitätsvolle Jugendarbeit und Jugendpolitik. Deren Mehrwert sei durch nichts zu ersetzen.

ijab.de: Europäische und nationale Jugendpolitik zeigen immer mehr Überschneidungen. Beispiele sind hier etwa die Stichworte Europäische Jugendstrategie und Eigenständige Jugendpolitik. Zu welchen Erkenntnissen hat hier die Konferenz beitragen können?

Wicke: Der Kongress hat vielerlei Verbindungen in einen weitergehenden Prozess der Europäisierung und der Gestaltung des zukünftigen Europas deutlich gemacht: Die Einbettung europäischer Jugendpolitik und Jugendarbeit in übergreifenden Europapolitiken und -strategien. Die Verbindung der verschiedenen Politikfelder zugunsten einer  integrierten Jugendpolitik. Die Notwendigkeit einer Stärkung der europäischen Zivilgesellschaft durch Jugendarbeit und –politik. Und: Das wechselseitige Verhältnis von europäischer Jugendpolitik und Jugendpolitiken auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene. Diese sind untrennbar miteinander verbunden und Teil eines Ganzen. Sie bedingen sich gegenseitig und haben wechselseitig positive Auswirkungen. "Buiding Tomorrow’s Europe" meint in diesem Sinne gleichermaßen sowohl die Ausgestaltung von europäisch orientierten Angeboten in der lokalen Jugendhilfe, den jugendpolitischen Erfahrungsaustausch der Regionen in Europa, die Umsetzung der EU-Jugendstrategie oder eine europäische Dimension in der Eigenständigen Jugendpolitik als auch die jugendpolitische Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten in EU und Europarat und darüber hinaus.

ijab.de: Wir danken für das Gespräch!

Linkhinweis: Building Tomorrow's Europe: "Jugendarbeit in Europa weiß um ihre Stärken und Qualitäten"

Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung CC BY 3.0


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