Christian Herrmann

„Ich wünsche mir mehr Aufmerksamkeit von den Europäern“

Seit zwei Wochen sind Hunderttausende Ukrainerinnen und Ukrainer auf den Straßen und protestieren gegen den Abbruch der Verhandlungen über ein Assoziierungsabkommen ihres Landes mit der EU. Vor allem junge Leute sind Träger der Proteste. Was wollen sie und was erwarten sie von Europa? Ein Interview mit Ljudmyla Melnyk.

Jugendliche Demonstranten in Chernivtsi, 28. November 2013
Jugendliche Demonstranten in Chernivtsi, 28. November 2013 BildImage: Tetyana Strylchik



Ljudmyla Melnyk
(28) ist Mitkoordinatorin des Projektes „Ukraine – Dein europäisches Land. Erlebe und gestalte mit!“ (www.ukraine-dein-land.org) sowie Autorin und Übersetzerin auf dem Portal www.ukraine-nachrichten.de. Zurzeit studiert sie Konferenzdolmetschen an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz.

Bisher hatte man den Eindruck, dass die Ukraine zwischen dem Westen und Osten des Landes gespalten ist. Jetzt hat man das Gefühl, dass es auch einen Unterschied zwischen den Generationen gibt. In den letzten Tagen haben vor allem junge Leute auf den Straßen demonstriert. Einige Universitäten sind in den Streik getreten. Was erwarten diese jungen Leute, was verbinden sie mit Europa?

Ljudmyla Melnyk: Der Euromaidan entstand in der Tat spontan auf Initiative von jungen Leuten und wird weiter im Wesentlichen von den Jugendlichen getragen. Sie kämpfen heute für ihre Freiheit und sehen ihre Zukunft in Europa. Sie wollen europäische Werte genießen sowie ein Teil Europas und keine Kolonie von Russland sein. Die EU stellt in den Augen viele Ukrainer auch einen gewissen Schutz gegen die imperialistischen Vorstellungen Russlands dar und viele erhoffen sich, dass es für die Ukraine in Europa möglich sein wird, endlich die ukrainische Sprache und Kultur zu pflegen ohne Russland Widerstand leisten zu müssen. Die Mehrheit der Ukrainer sieht ihre Zukunft in Europa und der Euromaidan hat das Bekenntnis der Ukrainer zu den europäischen Werten stärker als etliche Umfragen zum Ausdruck gebracht. Dadurch ist die Protestbewegung nicht nur zu einer internen ukrainischen Frage geworden, sondern zu einer gemeinsamen europäischen.

Was heißt „Euromaidan“?

Der Maidan, der Unabhängigkeitsplatz, ist ein zentraler Platz in der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Während der Orangenen Revolution 2004 wurde er durch die anhaltende Besetzung zum Synonym für die Proteste. In Anspielung an diese Ereignisse bezeichnet man die gegenwärtigen Proteste als Euromaidan. Auch heute ist der Maidan ein wichtiger und symbolträchtiger Schauplatz von Demonstrationen. Am 1. Dezember versammelten sich auf dem Platz und seinen Seitenstraßen mehrere Hunderttausend Menschen. Das Schlagwort #Euromaidan dient in sozialen Medien auch dazu, thematisch verwandte Beiträge unterschiedlicher Nutzer zu bündeln.

Westliche Medien beobachten in der gegenwärtigen Situation vor allem die politischen Persönlichkeiten, die man hier kennt: Vitali Klitschko oder Julia Timoschenko zum Beispiel. Die Dynamik der Proteste scheint aber eher direkt von der Straße auszugehen und nicht von den Oppositionsparteien. Ist diese Wahrnehmung richtig?

Ljudmyla Melnyk: Ja, das stimmt, der Euromaidan zeichnet sich durch eine starke Selbstorganisation aus. Als am 21. November von der Regierung öffentlich bekannt gegeben wurde, dass die Vorbereitung des Assoziierungsabkommens zwischen der Ukraine und der EU vorläufig gestoppt ist, haben viele in den sozialen Netzwerken prompt auf diese Meldung reagiert. Bereits am selben Tag versammelten sich meist junge Leute zu Protestaktionen – nicht nur in Kiew, sondern auch in anderen Städten der Ukraine. Danach fanden zahlreiche Demonstrationen auch im Ausland statt. Die Oppositionsparteien haben diese Proteste nur aufgenommen. Manchmal waren sie nicht in der Lage, die Sicherheit von Protestierenden sicherzustellen: Als friedliche Demonstranten in der Nacht vom 30. November gewaltsam von Einsatzkräften überfallen wurden, war kein führender Politiker aus den Oppositionsparteien dabei. Viele, die geschlagen oder von Einsatzkräften gejagt wurden, haben ihre Zuflucht im Michaelskloster gefunden. Die gewaltsame Auflösung des Euromaidans hat eine weitere Protestwelle ausgelöst und viele, die sich bis dahin nicht daran beteiligt haben, gingen auf die Straßen. Seitdem fordern die Protestierenden auch den Rücktritt von Präsident Janukowytsch, was am Anfang der Proteste nicht der Fall war.

Wie beurteilen Sie den Zustand der ukrainischen Zivilgesellschaft? In den Protesten der letzten Tage hat sie eindrucksvoll der Regierung die Zähne gezeigt. Aber gibt es Strukturen, die stark genug sind, um etwas dauerhaft im Sinne einer demokratischen Entwicklung des Landes bewirken zu können?

Ljudmyla Melnyk: Die ukrainische Zivilgesellschaft ist stark genug und wird immer stärker. Allerdings um schneller eine demokratische Entwicklung der Ukraine zu bewirken, sollte sie eine starke Anbindung an Europa haben und nicht weiter von Europa ignoriert werden. Die Polarisierung zwischen dem Westen und dem Osten des Landes hat nicht nur rein interne ukrainische Ursachen, sie wird auch vom Kreml gefördert. Diese Polarisierung stellt noch eine Hürde für die ukrainische Zivilgesellschaft dar. Jetzt sind auch die Europäer gefragt. Hier meine ich nicht nur Politiker der einzelnen EU-Staaten, sondern einfache EU-Bürger. Wichtig ist heute, eine starke gesellschaftliche Verbindung zwischen Europa und der Ukraine aufzubauen.

Was könnten Jugendaustausch und internationale Jugendbegegnungen, die Internationale Jugendarbeit insgesamt, dazu beitragen?

Ljudmyla Melnyk: Von den Jugendaustauschen und insgesamt von der Internationalen Jugendarbeit profitieren beide Seiten. Die Internationale Jugendarbeit trägt dazu bei, dass Stereotypen abgebaut werden und die Jugendlichen die Möglichkeit bekommen, über den Tellerrand zu schauen. Die junge Generation ist die Zukunft jedes einzelnen Staates und wird auch dessen Zukunft, das heißt dessen gesellschaftliche und politische Prozesse in näherer Zukunft gestalten. Je offener die Jugendlichen sind, je mehr sie Verständnis für die Kultur, die Geschichte der Anderen haben, desto besser ist das für das ganze Europa. Die Offenheit ist allerdings nur dann möglich, wenn über kulturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten nicht nur geredet wird, sondern sie erlebt und gelebt werden. Daher finde ich sehr wichtig, dass nicht nur Ukrainer nach Europa kommen, sondern auch junge Europäer in die Ukraine reisen und dass sie dadurch eine Chance bekommen, die Ukraine mit eigenen Augen zu sehen. Durch Jugendaustausche  können starke zwischenmenschliche Kontakte entstehen, die neue gemeinsame Projekte auf den Weg bringen können.

Unter den Oppositionsparteien gibt es eine, die in Europa naturgemäß Besorgnis erregt, die rechtsextreme Swoboda. Werden die Rechtsextremen, die jetzt schon in der Westukraine in einigen Regionen eine wichtige Rolle spielen, von den Protesten profitieren oder spielen sie eher eine Nebenrolle?

Ljudmyla Melnyk: Ich glaube nicht, dass die Partei Swoboda von den Protesten profitieren wird, weil niemand heute den Euromaidan einer Partei zuzuschreiben kann.  Das war eine spontane jugendliche Protestaktion, die von den Oppositionsparteien nur aufgenommen wurde. Die Partei Swoboda, wie auch die anderen Oppositionsparteien, agieren gemeinsam. Vielleicht ändert sich das in der Zukunft, aber bis heute war das nicht der Fall.

Die Proteste in der Ukraine stellen auch die Europäische Union und die europäischen Regierungen vor Herausforderungen. Wahrscheinlich gibt es nur wenige Regierungen, die sich kurzfristig die Ukraine als Mitglied der EU wünschen. Die politischen und wirtschaftlichen Unterschiede erscheinen im Augenblick einfach zu groß. Was wünschen Sie sich in der gegenwärtigen Situation von Europa? Welche politischen Signale wären nötig?

Ljudmyla Melnyk: Der Euromaidan ist ein Appell nicht nur an die ukrainische Regierung, sondern auch an die Europäer.  Die EU muss eine strategische nachhaltige Politik in Bezug auf die Ukraine erarbeiten, die bis heute leider fehlt. Die Ukraine gehörte und gehört zu Europa. Sie hat auch eine starke junge Zivilgesellschaft und ist ein europäischer Staat mit tiefen Wurzeln in der europäischen Geschichte. Dies kann eine feste Grundlage für die Beziehungen zwischen der EU und der Ukraine bilden. Man muss dies in den Mittelpunkt stellen und aufhören, die Ukraine als einen Staat hinter dem Eisernen Vorhang zu betrachten. Einen gemeinsamen europäischen Raum kann man nur dann schaffen, wenn das zwischenmenschliche Interesse füreinander auf beiden Seiten vorhanden ist. Daher wünsche ich mir mehr Aufmerksamkeit von den Europäern und mehr Interesse für die Ukraine als einem europäischen Staat und keinem postsowjetischen.



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