Christian Herrmann

Jugendwerk des Westbalkans könnte Jugend der Region einander näherbringen

Das Beispiel des Deutsch-Französischen Jugendwerks für Aussöhnung und Völkerverständigung macht Schule – jetzt auch auf dem westlichen Balkan. Vom 29. Juni bis 4. Juli waren Vertreter/-innen von Ministerien und Jugendverbänden aus Serbien, dem Kosovo, Montenegro, Mazedonien und Albanien in Paris, Berlin und Wien unterwegs, um herauszufinden, wie Jugendwerke funktionieren und welche Erfahrungen auf den Balkan übertragbar sind.

In Berlin sprachen die Mitglieder der Delegation vom Westbalkan mit Vertretern des Deutsch-Französischen und Deutsch-Polnischen Jugendwerks
In Berlin sprachen die Mitglieder der Delegation vom Westbalkan mit Vertretern des Deutsch-Französischen und Deutsch-Polnischen Jugendwerks sowie der Koordinierungsstelle für den deutsch-tschechischen Jugendaustausch BildImage: Christian Herrmann

Die Idee, eine zentrale Struktur für den Jugendaustausch des westlichen Balkans zu schaffen, geht auf den von Bundeskanzlerin Angela Merkel initiierten „Berlin-Prozess“ zurück, in dem die Staaten des westlichen Balkans versuchen, gutnachbarschaftliche Beziehungen zu entwickeln und näher an die EU heranzurücken. Im August steht die Folgekonferenz in Wien an, bei der auch Vorschläge für den Jugendbereich diskutiert werden sollen – eine mögliche Option ist ein gemeinsames Jugendwerk oder Jugendsekretariat. Dass es ausgerechnet das Deutsch-Französische Jugendwerk (DFJW) ist, das die Delegation der Balkanländer auf ihrer Fact-Finding-Mission begleitet, ist kein Zufall. „Wir haben in 15 Jahren über 400 Projekte auf dem Balkan durchgeführt“ erklärt Frank Morawietz, der das Besuchsprogramm ausgearbeitet hat und die Delegation vor Ort begleitet. Morawietz verschafft Einblicke in die Programme und die Arbeitsweise des DFJW, führt Treffen mit Repräsentanten anderer Jugendwerke, Ministerien, NGOs und Fachorganisationen – darunter IJAB – herbei und hat Gespräche mit Außen- und Jugendpolitikern arrangiert. „Die Region braucht dringen Impulse“ sagt Morawietz„ und das gilt für die jungen Leute, die oft in einer abgekapselten Atmosphäre von Nationalismus aufwachsen, in besonderer Weise. Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit gibt es auf zivilgesellschaftlicher Ebene längst, jetzt ist die staatliche Seite gefordert.“

Die Zivilgesellschaft macht es vor


Marija Bulat, Generalsekretärin des Nationalen Jugendrates von Serbien

Dass es die Zusammenarbeit der Zivilgesellschaft auf dem Balkan gibt, bestätigt Marija Bulat, Generalsekretärin des Nationalen Jugendrates von Serbien: „Wir haben seit Jahren eine gute Zusammenarbeit mit unseren Nachbarn, die Zivilgesellschaft hat da wirklich großartige Arbeit geleistet. Insofern ist die Idee eines gemeinsamen Jugendwerks für uns nicht wirklich etwas Neues, sondern die Konsequenz aus dem, was ohnehin schon stattfindet“. Das klingt einfach, ist es aber nicht. Die Staaten des westlichen Balkan sind eben nicht die ethnisch homogenen Nationalstaaten, die ihre Gründer im Auge hatten, Minderheiten gibt es überall und die Gefahr liegt nahe, dass grenzüberschreitender Austausch durch staatliche Interessen geleitet werden kann, die jeweils nur auf die „eigenen“ Minderheiten in den Nachbarstaaten abzielen. „Genau das wollen wir nicht und müssen es unbedingt vermeiden“ sagt Marija Bulat, „auch deshalb ist es wichtig, dass ein Jugendwerk eine gewisse Unabhängigkeit von staatlicher Einflussnahme hat.“ Eine Atmosphäre des Hasses, die manche auf dem Balkan wahrnehmen, sieht Bulat nicht. „Natürlich gibt es immer wieder Vorfälle, die von Extremisten und radikalen Nationalisten herbeigeführt werden, aber das ist nicht repräsentativ. Für uns bleibt aber wichtig, dass wir Impulse für eine bessere Zusammenarbeit bekommen. Viele Impulse kommen von außen und führen dazu, dass sich unsere Regierungen bewegen. Die Zusammenarbeit mit den europäischen Ländern ist daher für uns wichtig.“

Die Diskussionen der Delegation drehen sich immer wieder um technische Fragen, hinter denen sich inhaltliche Herausforderungen verbergen. 8, vielleicht sogar 9 Staaten könnten sich am Ende in ein gemeinsames Jugendwerk einbringen. Soll es ein zentrales Büro geben oder ist es besser, einzelne Ressorts auf die Mitgliedsstaaten zu verteilen? 8 bis 9 Staaten bedeutet auch 8 bis 9 Staatssprachen. Müssen alle Dokumente in allen Sprachen vorliegen und wie hat man sich dann Sitzungen eines Beirats der Ländervertreter vorzustellen? Muss es 8 oder 9 Generalsekretäre geben oder wäre ein rotierender Vorsitz besser? Soll man konsensorientiert diskutieren oder angesichts der Menge der Mitgliedsstaaten auf Mehrheitsentscheidungen setzen? Wie groß kann ein Leitungsgremium sein, um überhaupt noch arbeitsfähig zu sein und ist dann jedes Land noch ausreichend vertreten? Legt man die Größe des Beirats des Deutsch-Französischen oder Deutsch-Polnischen Jugendwerks zugrunde, kommt man bei einem Jugendwerk für den Westbalkan schnell auf eine Summe von 50 bis 100 Teilnehmern. Schwer vorstellbar, dass dies noch ein arbeitsfähiges Gremium sein kann.

Es wird nur mit Kompromissen gehen


Djuro Blanusa, Berater des serbischen Ministeriums für Jugend und Sport

Allen Beteiligten ist klar, dass es ohne die politische und finanzielle Unterstützung der Regierungen kein Jugendwerk geben wird. Aber jeder Geldgeber möchte nicht nur mitreden sondern auch mitentscheiden. Damit steigt die Gefahr der Übertragung der zwischenstaatlichen Unstimmigkeiten auf das gemeinsame Jugendwerk. Wie soll man hier eine Balance finden? Djuro Blanusa, Berater des serbischen Ministeriums für Jugend und Sport beschreibt den Hintergrund für ein mangelndes gemeinsames Agieren so: „Ich glaube, dass ein Deutsch-Französische Jugendwerk konfliktfrei funktioniert, liegt daran, dass Franzosen und Deutsche ein gemeinsames Verständnis über ihre Geschichte herbeigeführt haben. Das ist bei uns nicht der Fall. Was in meinem Land als Heldentat gefeiert wird, gilt in einem anderen Land als Verbrechen. So ist das überall auf dem Balkan und das liefert der Politik viele Anlässe sich wenig konstruktiv in Szene zu setzen.“ Dennoch ist Blanusa verhalten optimistisch: „Ich lebe auf dem Balkan und wünsche niemandem auf dem Balkan etwas Böses. Und ich glaube daran, dass es vielen Menschen ebenso geht. Was die Herausforderungen angeht, von denen die Rede war, sie können nur durch Kompromisse gelöst werden. Dass die Menge der möglichen Teilnehmerstaaten ein Problem ist, glaube ich nicht. Wäre das so, dürfte es die Europäische Union überhaupt nicht geben. Auch bei den vielen Sprachen müssen wir Kompromisse finden. Natürlich hat jedes Land seine Staatsprache, aber wir als Teilnehmer der Fact-Finding-Mission sitzen ja hier auch in einem Raum, reden miteinander und verstehen uns. Aus meiner Sicht sind Serbokroatisch, Albanisch und vielleicht noch Mazedonisch ausreichend, das wäre für mich ein Beispiel für einen Kompromiss.“

Der Fahrplan für das weitere Vorgehen ist ehrgeizig. Ursprünglich wollte man bereits zum Ende der Fact-Finding-Mission ein Papier mit Empfehlungen vorlegen. Von diesem Gedanken hat man sich verabschiedet, will das Erlebte tiefer diskutieren und in den eigenen Ministerien vorstellen. Bis zur Konferenz in Wien Ende August soll es aber ein Empfehlungspapier geben. Möglicherweise entscheidet sich schon dann, welche Aussichten auf Erfolg ein Jugendwerk des Westbalkans hat.

Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – nicht kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen CC BY-NC-SA 3.0


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