Christian Herrmann

Trägerkonferenz Internationale Jugendarbeit: Arbeitsfeld stellt sich für die kommenden Jahre auf

Alle zwei Jahre lädt das Bundesjugendministerium die Träger der Internationalen Jugendarbeit zu einer gemeinsamen Konferenz. Diese Trägerkonferenz ist eine einzigartige Gelegenheit über strategische Fragen des Arbeitsfeldes ins Gespräch zu kommen. Breiten Raum nahmen am 5. und 6. Juni in Köln Daten und jüngste Forschungsergebnisse ein. Welche Schlussfolgerungen können vor dem Hintergrund des erklärten Willens der Politik, den Jugendaustausch zu stärken, aus ihnen gezogen werden?

Ein Mann spricht vor Publikum in ein Mikrofon.
BildImage: Christian Herrmann

Was gibt es Neues aus dem Bundesjugendministerium? Uwe Finke-Timpe, Leiter des Referates „Europäische und internationale Jugendpolitik“, wies unter anderem auf den „Aktionsplan Internationaler Jugendaustausch“ hin, den Bundesjugendministerin Dr. Franziska Giffey am 25. April im Fachausschuss des Deutschen Bundestags als einen der Schwerpunkte des Bundesjugendministeriums für 2018 angekündigt hat. Zu dem sind zwar noch keine Details bekannt, aber viele Träger der Internationalen Jugendarbeit rechnen mit einer Aufwertung des Arbeitsfeldes – auch hinsichtlich der Förderung. Zu diesem Optimismus trägt auch der Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und SPD bei, in dem von einer „angemessenen“ Förderung die Rede ist. Die damit verbundenen Erwartungen bildeten eine der Folien, vor denen die Diskussionen der Trägerkonferenz stattfanden.

Ein weiterer von Finke-Timpe vorgestellter jugendpolitischer Schwerpunkt liegt auf europäischen Ereignissen und Entscheidungen.  Noch in der Diskussion sind die Weiterentwicklung der Europäischen Jugendstrategie und die Ausgestaltung des Europäischen Solidaritätskorps. Zum Vorsitz Deutschlands im Europarat 2020 und der fast zeitgleichen EU-Präsidentschaft haben die internen Vorbereitungen begonnen.

Rückblick auf die letzten zwei Jahre und Ausblick

Was hat sich in den letzten zwei Jahren getan, wie sind Themen, die bei der der Trägerkonferenz 2016 als Schwerpunkte definiert wurden vorangekommen? Maria Schwille (IJAB), Hans Steimle von der BAG Evangelische Jugendsozialarbeit, Gunnar Grüttner vom Deutschen Jugendherbergswerk, Ferdinand Rissom von der Deutschen Sportjugend und Christoph Meder (IBG - Internationale Begegnung in Gemeinschaftsdiensten) gaben Einblicke in Projekte, die sich mit der Überwindung von Zugangsbarrieren, Inklusion, Internationalisierung von Trägerstrukturen und Anerkennung von internationalen Lernerfahrungen beschäftigt haben. Alle mit diesen Aufgabenstellungen befassten Projekte sind inzwischen abgeschlossen oder stehen vor dem Abschluss, die Ziele bleiben jedoch aktuell und werden auch weiterhin bearbeitet. Vision:Inklusion beispielsweise, in dessen Projektverlauf eine Strategie für inklusive Internationale Jugendarbeit erstellt wurde, wird als internationales Projekt Vision:Inclusion zukünftig internationale Erfahrungen nutzbar machen. Und auch viele der Akteure des Aktionsbündnisses Anerkennung International planen für das kommende Jahr Lobbyaktivitäten rund um Besuche bei lokalen Abgeordneten. Im vergangenen Jahr hatte dies dazu beigetragen, das Thema internationaler Austausch in den Koalitionsvertrag zu befördern.

Daten und neue Erkenntnisse aus der Forschung

Was denn das Neue am „Datenreport Internationale Jugendarbeit“ sei, hatte Moderatorin Sandra Kleideiter IJAB-Geschäftsbereichsleiter Daniel Poli im Vorfeld der Trägerkonferenz gefragt. Das sei ganz einfach, antwortete Poli, sowas hat es noch nicht gegeben. Tatsächlich ist der Datenreport der ambitionierte Versuch, Internationale Jugendarbeit in Zahlen zu fassen. Wie viele Austausche finden statt, wie viele junge Menschen nehmen Teil, in welchem Umfang sind welche Altersgruppen beteiligt, welche Personalressourcen werden dabei eingesetzt? Dies sind einige Fragen, die der Datenreport versucht zu beantworten. Die Datenbasis stammt aus dem Jahr 2015 der relevanten Förderkreise und der amtlichen Kinder- und Jugendhilfestatistik. Inhaltliche Aussagen ermöglicht zudem die Panelstudie, die von Wolfgang Ilg anhand der aus dem Auswertungstool i-EVAL bezogenen Daten, durchgeführt wurde. Sie spiegelt die Erfahrungen und Rückmeldungen von Jugendlichen.

Der Datenreport ist eine Annäherung an Umfang und Qualität Internationaler Jugendarbeit. Annährung deshalb, weil keine der Datenquellen das Arbeitsfeld vollumfänglich abbildet, die Daten aus unterschiedlichen Quellen aber auch nicht einfach addiert werden können. Eine Arbeitsgruppe während der Trägerkonferenz befasste sich daher mit der Frage, wie der Datenreport fortgeführt und verbessert werden kann.

Wer macht mit, wer nicht?

Gleich ein ganzes Konglomerat von Untersuchungen ist „Warum nicht? Studie zum Internationalen Jugendaustausch: Zugänge und Barrieren“, besser bekannt als Zugangsstudie. Mit unterschiedlichen Methoden haben sich Forscherinnen und Forscher des SINUS Instituts, der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg und der TH Köln der Frage angenähert, welche junge Menschen den Weg zu Angeboten der Internationalen Jugendarbeit finden und welche nicht – und vor allem, warum das so ist?

Einige der zentralen Befunde: Kein Interesse an internationalem Austausch haben 37% der jungen Menschen. Angebote zu Auslandserfahrungen im Rahmen der formalen Bildung, beispielsweise eine Klassenfahrt, sind bekannter, als die non-formalen Angebote der Internationalen Jugendarbeit. Aber: Jugendliche mit und ohne Auslandserfahrung können sich vorstellen, ein Angebot der Internationalen Jugendarbeit wahrzunehmen. Damit eröffnet sich ein großes Potenzial. Allerdings kommt es darauf an, wie Angebote beschaffen sind und wie junge Menschen angesprochen werden. Für die These, dass Jugendliche, die keine Angebote der Internationalen Jugendarbeit wahrnehmen, sozial benachteiligt sind, haben die Wissenschaftler/-innen keine Belege gefunden. „Wer nicht teilnimmt, wird als benachteiligt konstruiert“, bemerkte Zijad Nadaf von der TH Köln kritisch.

Gefunden haben die Wissenschaftler hingegen strukturelle Zugangshindernisse. „Es kommt darauf an, wie über Internationale Jugendarbeit gesprochen wird und welches Vorstellung  Jugendliche sich von ihr machen“, sagte Naddaf. Dabei entsteht oft das Bild einer hochschwelligen, komplexen Luxusaktivität. Prof. Andreas Thimmel forderte Konsequenzen aus den Forschungsergebnissen. „Wir müssen internationalen Austausch wieder stärker aus der Jugendarbeit heraus denken und wir müssen die Formate den Jugendlichen anpassen und nicht umgekehrt“, mahnte er. Zur Ausrichtung auf Jugendarbeit gehöre zudem die lokale Verankerung. Thimmel wünscht sich zwei Fachkräfte in jeder Kommune, die die örtlichen Träger bei der Umsetzung internationaler Projekte unterstützen.

Was wäre wenn?

Jahrelang haben die Träger Internationaler Jugendarbeit dafür geworben, mehr Jugendlichen eine internationale Erfahrung zu ermöglichen. „Noch nie stand Politik unseren Wünschen so offen gegenüber, wie jetzt“, stellte Rolf Witte von der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung fest. Die Krise Europas, der Rückfall in nationalstaatliches Denken und das Erstarken rechtspopulistischer Bewegungen führt in Brüssel und Berlin zu neuem Interesse an einem Arbeitsfeld, zu dessen Selbstverständnis der Europäische Gedanke sowie Demokratie und Menschenrechte gehören. Was wäre, wenn es tatsächlich zu einer Erhöhung nationaler und europäischer Mittel kommt? Wie gut ist das Arbeitsfeld dafür aufgestellt? In Arbeitsgruppen beschäftigte sich die Trägerkonferenz mit der Weiterentwicklung des Arbeitsfeldes.

  • Strategie zur Weiterentwicklung des europäischen und internationalen Jugendaustauschs. Dabei spielten auch Indikatoren für regelmäßige Fortschrittsberichte eine Rolle. Sicher scheint: Brüssel wird mit Benchmarks arbeiten, um die Wirkung europäischer Programme nachvollziehen zu können.

  • Entwicklung von Instrumenten zur Sichtbarkeit Internationaler Jugendarbeit. Zu einem solchen Instrument soll der Datenreport ausgebaut werden. Dazu sind Strukturen notwendig, die Datenquellen erschließen und interpretieren.

  • Öffnung lokaler, regionaler und bundesweiter Träger der Jugendarbeit für den internationalen Austausch. Vor dem Hintergrund der Aussage von Prof. Thimmel, den internationalen Austausch wieder stärker in der Jugendarbeit zu verankern, kommt der Internationalisierung der Trägerstrukturen eine Schlüsselrolle zu. Aber viele „change agents“ fühlen sich noch immer als Einzelkämpfer.

  • Erweiterung der Formate Internationaler Jugendarbeit um zeitgemäße Projektformen. Auch hier sei an Prof. Thimmel erinnert, der gefordert hatte, die Formate den Jugendlichen anzupassen und nicht umgekehrt.

In einem zusätzlichen Angebot wurden Fragen zur technischen Umsetzung des Kinder- und Jugendplans beantwortet.

Fachpolitische Entwicklungen im Blick

Mit der Methode World Café wurde zu weiteren Themen gearbeitet. Die 3. European Youth Work Convention des Europarats wird 2020 erstmals von Deutschland ausgerichtet. Die Vorbereitungen stecken noch in den Anfängen. Axel Stammberger vom Bundesjugendministerium und Barbara Schmidt von JUGEND für Euro0pa luden die Teilnehmer/-innen ein, ihre Ideen einzubringen. Marie-Luise Dreber, Direktorin von IJAB diskutierte zu den außenpolitischen Verwerfungen und ihre Auswirkungen auf den Jugendaustausch. Ängste spielen hierbei eine große Rolle. Ist es sicher in die Türkei zu fahren? Ist Deutschland ein sicheres Land für seine Gäste? Dr. Markus Ingelath vom Deutsch-Französischen Jugendwerk beleuchtete mögliche Kooperationen zwischen Internationaler Jugendarbeit und Schule.

Zur Trägerkonferenz Internationale Jugendarbeit des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend wird eine Dokumentation erscheinen.

Lizenz: INT 4.0 – Namensnennung CC BY 4.0


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