Christian Herrmann

Ukraine: Die jugendpolitischen Fortschritte sind lokal

Was zieht junge Ukrainerinnen und Ukrainer ins Ausland und warum sollten junge Deutsche die Ukraine besuchen? Wie haben sich die jugendpolitischen Strukturen seit der Revolution 2014 entwickelt? Wir haben mit Andriy Kolobov, dem Vorsitzenden des Nationalen Jugendrats der Ukraine, gesprochen.

Andriy Kolobov
Andriy Kolobov BildImage: privat

Andriy, der Nationale Jugendrat der Ukraine baut gerade Eurodesk auf, ein Netzwerk, das zu Auslandsaufenthalten berät. Ist das sinnvoll in einem Land, dessen Bevölkerung durch Auswanderung schrumpft?

Andriy Kolobov: Ich kann aus eigener Erfahrung sprechen, auch ich habe überlegt, ob ich meinen Master im Ausland machen soll. Als sich mir hier eine Perspektive geboten hat, habe ich mich zum Bleiben entschlossen. Wir wissen nicht, wie viele junge Leute wirklich über Auswanderung nachdenken. In einer Parlamentsdebatte im letzten Jahr nannte ein Abgeordneter die Zahl 80%, in einer Umfrage des Jugendministeriums ist von 20% die Rede. Ich neige eher zu Letzterem, aber was immer nun richtig ist, es ist wichtig, dass wir die Situation beeinflussen können.

Natürlich sollen junge Leute nicht einfach nur ein Ticket kaufen. Sie sollen die Möglichkeit haben, Institutionen und Strukturen im Ausland kennen zu lernen, erfahren, wie das Leben dort läuft, an einem Training teilzunehmen oder Partner für ein Projekt zu finden, um dann zu entscheiden, was sie daraus für ihre eigenen Ziele entwickeln möchten. Dafür brauchen wir mehr Mobilität – nicht nur innerhalb der Ukraine sondern auch außerhalb. Dafür ist Eurodesk ein gutes Werkzeug.

Was erhoffen Sie sich für junge Ukrainerinnen und Ukrainer von einer Auslandserfahrung, zum Beispiel in Deutschland? Was könnten sie von dort mitnehmen?

Andriy Kolobov: Auch darauf kann ich aus persönlicher Erfahrung antworten. Als 17-jähriger Pfadfinder habe ich an der Generalversammlung des Europäischen Jugendforums teilgenommen. Damals habe ich mir gedacht, lass uns so etwas auch in der Ukraine aufbauen, lass uns etwas für junge Menschen tun, lass uns ambitioniertere Ziele haben. Das können andere auch. Sie können etwas entdecken, was ihnen entspricht, was immer das ist, Kultur oder Wirtschaft, etwas was ihnen hilft, ihr Land und ihr Leben weiterzuentwickeln.

Reisen wird immer einfacher und günstiger, viele nutzen das vor allem um ins benachbarte Polen zu fahren. Im Augenblick ist es am billigsten mit Zug und Bus, aber ab Herbst wird eine bekannte Billigfluglinie Flüge in die Ukraine aufnehmen und dann bietet sich noch eine ganz andere Vielfalt an. Diese Vielfalt zu erleben, dazu ermutigen wir, denn Europa ist nicht überall gleich. Vor allem aber werben wir dafür, zu überlegen, warum man reisen möchte und was man erreichen möchte. Denn ein besseres Einkommen kann nicht der einzige Grund sein.

Und umgekehrt? Was können junge Deutsche in der Ukraine lernen – zum Beispiel, wenn sie an einem Jugendaustausch teilnehmen oder einen Freiwilligendienst leisten?

Andriy Kolobov: Das ist für uns ganz wichtig, dass wir diesen Austausch auf Augenhöhe haben, dass junge Menschen auch zu uns kommen und sehen, wie unser Leben ist und wie hier die Dinge laufen. Es wird oft beklagt, die Ukraine habe keine Strukturen. Aber es ist auch reizvoll und oft effektiv, wenn man von Null und ohne Strukturen anfangen kann. Wir haben zum Beispiel eine ganze Menge von Räumen für junge Menschen. Die sind nicht immer staatlich, manchmal gibt es internationale Förderung oder ein privates Unternehmen engagiert sich. Das kann sehr kreativ sein. Ähnliches gilt für die Wirtschaft.

Eine Herausforderung im Jugendaustausch ist häufig, dass Strukturen in Partnerländern sehr unterschiedlich sind. Dazu gehört neben vielen Faktoren auch der Organisationsgrad von Jugendlichen. In der Ukraine ist der sehr niedrig, etwa 1%.

Andriy Kolobov: Einige sagen 1%, andere 3%. Man kann aktive Mitglieder von Jugendorganisationen zählen, die einmal in der Woche zu einem Meeting gehen, oder man zählt die Jugendlichen, die von Events der Organisationen erreicht werden. Wir haben 100.000 registrierte NGOs in der Ukraine, aber wenn wir auf ihre Facebook-Accounts sehen, stellen wir fest, dass viele nicht mehr aktiv sind. Verlässliche Zahlen sind also ein Problem. Tatsache ist, es wird kein Geld in die Hand genommen, um partizipative Jugendstrukturen aufzubauen. Jugendorganisationen brauchen einen einfachen Zugang zu Finanzierung. Warum jemand Mitglied einer Jugend-NGO werden, wenn sie keine Mittel hat, irgendetwas zu verändern. Wir haben etwa 500 stattliche Sozialprogramme in der Ukraine, aber nur 5% von ihnen sind finanziert. Eines von ihnen heißt „Jugend der Ukraine“. Das würde Möglichkeiten auf lokaler und nationaler Ebene eröffnen, aber der Mechanismus der Umsetzung ist veraltet. Ich kann in der Ukraine zwar einfach meine Rechnungen mit dem Handy bezahlen, aber um als NGO Förderung zu erhalten muss ich mit der Finanzverwaltung arbeiten. Das ist so kompliziert, dass sich in den letzten Jahren allein 100 NGOs gegründet haben, um europäische Fördermittel zu beantragen, was erheblich einfacher ist.

Wie sieht es auf lokaler Ebene aus?

Andriy Kolobov: Im Zuge der Dezentralisierung sind viele Kompetenzen auf die lokale und regionale Ebene übertragen worden. In den neuen Zusammenschlüssen der Gemeinden vor Ort (ukr. Hromada) gibt es wirklich ein Interesse daran, eine Jugendpolitik zu entwickeln, denn man merkt es ganz praktisch, wenn die jungen Leute weggehen. Wir haben ein Programm aufgelegt, das sich „Kinder- und jugendfreundliche Stadt“ nennt, und 160 der Zusammenschlüsse der Gemeinden haben sich bereiterklärt, dabei mit uns zusammenzuarbeiten. In der Hromada gibt es ein Budget für Partizipationsprojekte. Junge Menschen können Projekte beantragen und über sie abstimmen. Unsere Mitgliedsorganisationen beantragen viele Projekte auf diesem Weg und wir ermutigen überhaupt junge Menschen das zu tun und sich einzubringen. Es gibt eine Menge Wettbewerb zwischen den Gemeinden, wer die besten Projekte umgesetzt hat und etwas für die Jugend tut.

Gehen wir nochmal auf die nationale Ebene zurück und auf die Frage, wie Jugend und Jugendorganisationen Politik beeinflussen können. Wie kommt es eigentlich, dass sich junge Leute der Majdan- und Post-Majdan-Generation kaum auf den Kandidatenlisten für die Parlamentswahlen wiederfinden?

Andriy Kolobov: Obwohl die Stimmung nach dem Majdan sehr jugendfreundlich war, hat keine der  Parteien das Thema Jugend zu einem Schwerpunkt ihrer Politik gemacht. Es ist kein Geheimnis, dass es sogar schwierig war das Jugendministerium zu erhalten. Und für uns war es natürlich wichtig, dass das Thema Jugend auf Kabinettsebene erhalten blieb. Von den Parteien, die 2014 ins Parlament einzogen, hat nur eine eine Jugendorganisation. Wir müssen uns daher für Jugendstrukturen der Parteien öffnen. Aber dabei gibt es auch Grenzen. Wir haben uns dagegen entschieden nur die Jugendorganisation der Partei aufzunehmen, die das Jugendministerium kontrolliert. Wir werden uns für Jugendorganisationen von Parteien nur öffnen, wenn dies auch demokratische Oppositionsparteien umfasst.

Ruft ihr junge Leute auf, zu wählen? Die Wahlbeteiligung sinkt ja beständig.

Andriy Kolobov: Ja, das tun wir. Bei den letzten Kommunalwahlen lag die Wahlbeteiligung der Jugend bei 20%. Das ist die niedrigste Beteiligung bisher. Das hatte sicher auch damit zu tun, dass die Kommunalwahlen diesmal nicht mit Präsidentschafts- oder Parlamentswahlen zusammenfielen. Aber wir brauchen Jugendbeteiligung auch bei Wahlen. Wenn wir nicht wählen gehen, wird sich auch niemand für unsere Interessen einsetzen.



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