Anita Demuth

Von der Sozialen Arbeit bis zum social work

Wie gleich oder anders sind die Strukturen in den einzelnen Mitgliedsstaaten der EU? JUGEND für Europa und IJAB haben dazu gemeinsam unter dem Titel „All different? All equal? Child and youth welfare in Europe“ eine Veranstaltung auf dem Fachkongress des 15. Deutschen Kinder- und Jugendhilfetags in Berlin angeboten.

63 Jahre nach der Gründung der Montanunion ist die Europäische Union weit mehr als eine ökonomische Vereinigung. Wie stark wirkt sich das in der Kinder- und Jugendhilfe aus? Wie gleich oder anders sind die Strukturen in den einzelnen Mitgliedsländern? Welche Rolle spielt dabei die EU?

Diesen Fragen wurde in einer englischsprachigen Veranstaltung des Fachkongresses auf dem 15. Kinder- und Jugendhilfetag nachgegangen. „Die EU-Kommission hat das Mandat, die Partizipation der Jugend auf allen Ebenen zu fördern, natürlich unter Berücksichtigung des Subsidiaritätsprinzips“ sagt Pascale Lejeune, der die EU-Kommission in der Diskussion vertritt. „Es geht hierbei um die  Partizipation im Sinne aller jungen Menschen und in Bezug auf alle Lebensbereiche, die diese betreffen.“ Ein wichtiges Instrumentarium ist das neue EU-Programm für Bildung, Jugend und Sport “Erasmus+“, welches die bisherigen non-formalen und formalen Bildungsprogramme der EU bündelt.  “Ich bitte Sie, die in der Kinder- und Jugendhilfe arbeiten, innovative Ansätze zu finden, um noch mehr junge Menschen zu erreichen. Insbesondere jene, die arbeitslos sind und nirgends mehr eingebunden sind, brauchen Unterstützung”, ruft Lejeune die Zuschauer auf.

Zwei internationale Fachkräfte tauschten sich über die Entwicklungen in der Kinder- und Jugendarbeit in ihrer Heimat aus. Corian Messing aus dem Niederlanden und Dr. Maria Herczog aus Ungarn stellten fest, dass die beiden Ländern zurzeit entgegengesetzte Richtungen eingeschlagen haben. Die Niederlande ist dabei, die Kinder- und Jugendhilfe nach deutschem Vorbild zu dezentralisieren. In Ungarn re-nationalisiert die Regierung den Bereich, nachdem er nach dem Fall des Eisernen Vorhangs mühselig liberalisiert worden war. „Auch wenn liberale Strukturen wie in Deutschland ihre Nachteile haben, bevorzuge ich dieses. Aktionen sind transparenter, weil die Organisationslenker Rechenschaft ablegen müssen“ sagt Dr. Herczog, die auch wissenschaftlich zu dem Thema arbeitet. Sie hofft außerdem, dass die Mitgliedsstaaten sich mehr über ihre jeweiligen Erfahrungen mit Sozialprogrammen austauschen, sodass man gute Konzepte übernimmt und nicht die gleichen Fehler macht.

In Diskussionen wie dieser kann es schnell zu Missverständnissen kommen. Darauf macht Prof. Dr. Andreas Thimmel von der Fachhochschule Köln aufmerksam. Er führte die rund 80 Zuhörer in die wissenschaftliche Debatte über Jugendarbeit im europäischen Kontext ein. Diese sei noch in den Kinderschuhen, genauso wie die Praxis. In dieser Phase der Debatte sei es wichtig, sich vor den „False Friends“ in acht zu nehmen. Wenn verschiedensprachige Wissenschaftler und Praktiker aus der Branche miteinander ins Gespräch kommen, könnten sie Fachtermini zu leichtfertig ins Englische oder andere Sprachen übersetzen. Da die interkulturellen Unterschiede in pädagogischen und sozialen Konzepten oft in der Sprache „versteckt“ seien, kommt es zu Missverständnissen. Zum Beispiel umfasst der deutsche Begriff der „sozialen Arbeit“ den Bereich der Sozialarbeit und der Sozialpädagogik, wobei die gesamte Kinder- und Jugendhilfe Teil davon ist. Dagegen werden mit dem vermeintlich gleichen englischen Begriff  des „social work“ ausschließlich Angebote für benachteiligte Kinder- und Jugendlich gemeint. Folgerichtig hält Thimmel seinen Beitrag auf Deutsch. Zum Glück sind viele Zuschauer mit Kopfhörern und Geräten ausgestattet, über die sie die Simultanübersetzung hören. Die Dolmetscher scheinen gute Arbeit geleistet zu haben, denn der Moderator Manfred von Hebel von JUGEND für Europa stellt zufrieden, beinahe ungläubig fest: “Es überrascht mich, dass so viele zu unserer Veranstaltung gekommen und geblieben sind.” Es scheint ein dringendes Bedürfnis zu bestehen, sich über Ländergrenzen hinweg auszuschauen. Umso schöner ist es, dass der deutsche Kinder- und Jugendhilfetag auch von internationalen Gästen besucht wird.



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