Europäische Perspektiven in der Jugendsozialarbeit – vom Mehrwert internationaler Maßnahmen

Die Jugendsozialarbeit ist eines der Arbeitsfelder in der Kinder- und Jugendhilfe, die den Nutzen internationaler Jugendarbeit als qualitative Bereicherung für ihre Facharbeit recht früh aufgegriffen und umgesetzt hat. Der Beitrag gibt einen Überblick über die Entwicklung und den Mehrwert transnationaler Maßnahmen im Bereich der Jugendsozialarbeit.

Internationale Jugendbegegnung macht Spaß und wirkt
Internationale Jugendbegegnung macht Spaß und wirkt BildImage: BAG EJSA, M. Fähndrich

Ein Gastbeitrag von Daniela Keess

Mit der Orientierung an der europäischen Jugendstrategie und der darin angesprochenen „europäischen Dimension“ für die Jugendsozialarbeit wurde zum ersten Mal eine Grundlage dafür geschaffen, bestehende Beispiele für die funktionierende Einbettung internationaler Maßnahmen in die Jugendsozialarbeit systematisch zu bündeln und sie von Ihrem Ruf als „Exoten“ zu befreien. Die Verbände und Organisationen, die sich im Kooperationsverbund Jugendsozialarbeit zusammengeschlossen haben, sind sich der beeindruckenden Wirkungen bewusst, die internationale Erfahrungen bei der Zielgruppe des SGB VIII erzielen. Durch die Europäische Jugendstrategie erfahren sie politischen Rückenwind, der es ihnen ermöglicht, sich noch offensiver für die Beteiligung von sozial benachteiligten und individuell beeinträchtigten Jugendlichen an der Internationalen Jugendarbeit einzusetzen.

Verankerung auf Verbands- und Organisationsebene

In allen im Kooperationsverbund Jugendsozialarbeit zusammengeschlossenen Organisationen und Verbänden spielt eine europäische bzw. internationale Orientierung eine große Rolle, die durch die strategische Ausrichtung, die Beteiligung in transnationalen Netzwerken und die Arbeit von Europareferentinnen und -referenten an die Basis gebracht wird. 

So verabschiedete kürzlich auch die AWO auf ihrer Bundeskonferenz 2012 einen Beschluss, durch den die AWO-Gliederungen vor Ort dazu aufgefordert werden „(…) sich an nationalen, bilateralen, europäischen und internationalen Programmen zu beteiligen, die jungen Menschen Lern- und Berufserfahrungen im Ausland ermöglichen“ und „Pilotprojekte für eine verbesserte Teilhabe bildungsferner und sozial benachteiligter junger Menschen an der internationalen Jugendarbeit zu initiieren und durchzuführen“ (AWO- Bundeskongress 2012, Antrags-Nr. 1.7.-078).

Beim Internationalen Bund (IB) sind internationale Jugend- und Fachkräftemaßnahmen als pädagogischer Auftrag in den strategischen Leitlinien verankert. Darüber hinaus verfügen die operativen Einheiten des IB teilweise auch über konkrete Handlungsstrategien für die Umsetzung internationaler Maßnahmen in ihren jeweiligen Zuständigkeitsbereichen. Die Durchführung von Maßnahmen der internationalen Zusammenarbeit ist im Rahmen des Qualitätsmanagementsystems in einem standardisierten, zentral gesteuerten Prozess geregelt.

Daneben besteht mit dem Referat für internationale Zusammenarbeit in der zentralen Geschäftsführung und einem Netzwerk von Koordinatorinnen und Koordinatoren internationaler Arbeit eine Struktur, die den Informationsaustausch untereinander ermöglicht. Einmal im Jahr versammeln sich diese die Praktikerinnen und Praktiker zu einem Fachgespräch, um aktuelle Fragen der internationalen Zusammenarbeit zu besprechen.

Internationale Maßnahmen in der Praxis der Jugendsozialarbeit

Durch die Prozesse im Rahmen der Umsetzung der europäischen Jugendstrategie in Deutschland werden auch die Förderer der Jugendsozialarbeit für den Nutzen transnationaler Erfahrungen für benachteiligte Jugendliche sensibilisiert.

Auf Bundesebene geschieht bereits jetzt einiges, um bestehende Programme transnational aufzuwerten. Die Initiative „Jugend Stärken“ des BMFSFJ zeigt mit den Jugendmigrationsdiensten und dem Programm „Aktiv in der Region“ Beispiele dafür, wie sich die Fördertöpfe der Jugendsozialarbeit für Maßnahmen der internationalen Jugendarbeit öffnen können. Das Projekt „IdA – Integration durch Austausch“, ein ESF- Programm des Bundesministeriums für Arbeit- und Soziales, dient sogar ausdrücklich der Beteiligung benachteiligter Jugendlicher sowie Jugendlicher mit Behinderung an Mobilitätsmaßnahmen, um ihre Beschäftigungsfähigkeit zu erhöhen. Spätestens seit dem breiten Erfolg dieses Programms öffnen sich auch viele Arbeitsagenturen und Jobcenter transnationalen Maßnahmen. In machen Regionen erscheinen internationale Elemente in Ausschreibungen sogar schon ausdrücklich als Priorität.

Inzwischen entdecken auch die Kommunen in immer stärkerem Maße den Mehrwert der internationalen Jugendarbeit. Während gerade Kommunen im grenznahen Raum den Blick über den Tellerrand ganz selbstverständlich in ihrer Jugendhilfeplanung verankert haben, erfasst die „Internationalisierung“ der Jugendsozialarbeit auch Kommunen, die bis dahin noch wenig Berührung mit diesem Thema hatten. Im Rahmen der JIVE-Teilinitiative „Kommune goes International“ entwerfen derzeit 21 Kommunen lokale Entwicklungspläne, wie benachteiligte Jugendliche in ihrem Umfeld in Zukunft stärker an transnationalen Maßnahmen partizipieren können. Daneben gibt es immer mehr Kommunen, die auf andere Weise in die Umsetzung der europäischen Jugendstrategie eingebunden sind und eigene Ansätze der Internationalisierung verfolgen und dadurch einzelne Bereiche, etwa die offene Jugendarbeit, Jugendberufshilfe oder Schulsozialarbeit mit transnationalen Maßnahmen bereichern.

Natürlich spielen in diesem Prozess auch die Länder eine große Rolle. Seit dem Beschluss der Jugend- und Familienministerkonferenz 2010, sich an der Umsetzung der Europäischen Jugendstrategie zu beteiligen und der Einrichtung der Bund-Länder Arbeitsgruppe gibt es viele Initiativen auf Länderebene: von der Installation von Runden Tischen bis hin zur Ausgestaltung von ESF-Programmen, die benachteiligten Jugendlichen transnationale Erfahrungen ermöglichen.

Fazit

Immer mehr Akteure erkennen den Wert von internationaler Jugendarbeit als einem Instrument der Jugendsozialarbeit an. Trotzdem bleibt die Umsetzung mit den derzeit bestehenden Förderinstrumenten mühsam und verlangt von den Fachkräften ein hohes Maß an persönlichem Einsatz, fachlicher Kompetenz, Organisationstalent bei der Abstimmung zwischen den unterschiedlichen Förderern sowie Kreativität bei der Akquise von weiteren Mitteln. Jedoch kann dort, wo alle Akteure an einem Strang ziehen, internationale Jugendarbeit durchaus ein fester Bestandteil von Jugendsozialarbeit werden. Die Erfahrung zeigt, dass die Jugendlichen davon profitieren.      

Kontakt:

daniela.keess@DontReadMeinternationaler-bund.de



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