Christian Herrmann

Erwachen aus dem Dornröschenschlaf

Junge Freiwillige aus der ganzen Welt machen in der Ukraine einen der letzten urbanen jüdischen Friedhöfe Europas für Besucher und Angehörige wieder zugänglich. Was sie dabei erleben und lernen, macht exemplarisch deutlich, was internationale Jugendarbeit leistet.

Freiwillige bei der Arbeit auf dem jüdischen Friedog von Czernowitz
Freiwilligenarbeit kann Schwerstarbeit sein: Ein junger Mann entfernt einen gerade gefällten Baum BildImage: Christian Herrmann   Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – nicht kommerziell – keine Bearbeitung CC BY-NC-ND 3.0

Czernowitz – heute Chernivtsi – liegt im Westen der Ukraine. Zwischen den Weltkriegen war die Hauptstadt der Provinz Bukowina der Norden Rumäniens und bis zum Ende des 1. Weltkrieg der Osten der Habsburger Doppelmonarchie. Die Randlage als Brücke zwischen den Kulturen und das weitgehend friedliche Mit- und Nebeneinander der Völker gehört bis heute zu den Eigenheiten von Czernowitz. Besonders bedeutsame Spuren hat die jüdische Bevölkerung – die ehemals größte ethnische Gruppe in der Stadt – hinterlassen. Trotz Holocaust und fast einem halben Jahrhundert unter sowjetischer Herrschaft ist vieles davon bis heute sichtbar. Zu diesem Kulturerbe gehört ein großer jüdischer Friedhof, einer der letzten großen urbanen jüdischen Friedhöfe in Mittel- und Osteuropa, der sich über 14 Hektar außerhalb des Stadtzentrums erstreckt. Noch vor kurzem war er für Besucher kaum zugänglich. Schnell wachsende Bäume, Büsche und Schlingpflanzen hatten ihn in einen unpassierbaren Dschungel verwandelt. Dass Besucherinnen und Besucher heute wieder die Schönheit der Grabsteine bestaunen können oder nach den Gräbern von Angehörigen suchen können, ist auch das Verdienst von Freiwilligendiensten.

Ein Friedhof als Geschichtsbuch

Seit 2008 veranstalten SVIT Ukraine und SCI Deutschland Workcamps mit jungen Menschen auf dem jüdischen Friedhof von Czernowitz, seit 2009 ist Aktion Sühnezeichen Friedensdienste mit generationsübergreifenden Sommerlagern dort aktiv. Vor allem ein diffuses Interesse an Osteuropa zieht die jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmer an. Über Judentum oder die Bedeutung von Czernowitz für die europäischer Literatur und Geistesgeschichte haben sie meist nichts gehört. Aber sie lernen dort etwas: Baum für Baum, Strauch für Strauch gibt der Friedhof seine Geheimnisse preis und erwacht aus dem Dornröschenschlaf. Das Grab des jiddischen Fabeldichters Elieser Steinbarg kommt ans Licht, ein Massengrab aus dem Jahr 1941, Gedenksteine für Menschen, die während der deutsch-rumänischen Besatzung nach Transnistrien deportiert wurden und das Grab eines jungen Sozialisten, der von der rumänischen Polizei zu Tode geprügelt wurde, nachdem er sich gegen eine antisemitische Schlägerbande gewehrt hatte. Reich verzierte traditionelle Grabsteine kommen zum Vorschein. Löwen, Hirsche, Schabbatleuchter und Blumen erzählen vom kulturellen Reichtum jüdischen Lebens. Besonders wichtig ist das für junge Ukrainerinnen und Ukrainer aus Czernowitz, die sich spontan den internationalen Freiwilligen anschließen. Manchen von ihnen wird erstmalig bewusst, dass es überhaupt einen jüdischen Friedhof in der Stadt gibt oder dass das Kino im Stadtzentrum einmal eine Synagoge war. Eine von ihnen ist Marina, die an allen drei Workcamps von SVIT Ukraine beteiligt war und jedes Mal Freundinnen und Freunde mitgebracht hat. Vor allem die Möglichkeit gleichaltrige aus anderen Ländern kennenzulernen hat sie gelockt. „Vieles von dem, was ich hier über die Geschichte meiner Stadt gelernt habe, ist völlig neu für mich“, sagt sie. „Und“, fügt sie hinzu, „es ist doch meine Stadt und ich möchte, dass das alles hier erhalten bleibt. Dafür möchte ich etwas tun, auch wenn es kein Geld dafür gibt.“ Was für die einen ein Bildungserlebnis ist, ist für Marina ein Stück Entwicklung von Zivilgesellschaft.

Verantwortung übernehmen tut gut

Wer den Friedhof besucht, trifft immer wieder auf Menschen, die nach den Gräbern von Angehörigen suchen. Einer von ihnen ist Arthur Rindner, der in Czernowitz geboren wurde und heute in Tel Aviv lebt. Als Kind wurde er mit seiner Familie in ein Ghetto nach Transnistrien deportiert. Seinem Vater und ihm gelang es zu überleben. Arthur Rindner sucht nach den Gräbern seiner Großeltern. Sie pflegen zu können, ist ihm wichtig. Die Suche im Dickicht des Friedhofs erweist sich jedoch als schwierig. Katja und Zuzana, zwei der Freiwilligen, entschließen sich spontan zu helfen. Fast einen ganzen Tag durchkämmen sie gemeinsam die Teile des Friedhofs, auf denen Arthur Rindner die Gräber vermutet. Die Suche bleibt zunächst erfolglos, dennoch entsteht etwas. Arthur ist gerührt von der Arbeit und Mühe der Freiwilligen. „Die könnten ja auch ihren Urlaub am Strand verbringen“, sagt er. „Stattdessen schuften sie auf einem Friedhof in der Ukraine.“ Das Zusammentreffen mit Arthur Rindner ist für die Freiwilligen ebenso bedeutsam. Dass es noch Menschen gibt, deren Angehörige auf dem Czernowitzer Friedhof beerdigt sind, damit haben sie nicht gerechnet. Dass man einem dieser Menschen helfen kann, verleiht ihrer Arbeit einen neuen Sinn. Katja lässt der Misserfolg der Suche nicht los. Ein viertel Jahr später reist sie nochmal aus dem Osten der Ukraine nach Czernowitz und sucht auf dem Friedhof weiter. Sie findet, was Arthur gesucht hat, und schickt ihm eine genaue Lagebeschreibung und Fotos. Arthur tut das gut. Katja auch.

Die Welt verstehen, die Welt verändern

14 Tage in einer bunt gemischten Gruppe zu verbringen, die Arbeit, die vielen kleinen organisatorischen Fragen und auch die bisweilen widrigen Bedingungen von Unterbringung und Versorgung zu bewältigen, ist kein einfaches Unterfangen. Die Freiwilligen von SVIT Ukraine versorgen sich grundsätzlich selbst. Wer den Küchendienst übernimmt muss erst einmal mit dem Angebot eines ukrainischen Marktes klarkommen – zumeist ohne auch nur ein Wort der Landessprache zu verstehen. Auch die Teils großen Altersunterschiede und der Umstand, dass sich für die Workcamps in Czernowitz deutlich mehr junge Frauen als Männer interessieren, können zu Konflikten führen. Bei einer Urlaubreise kann man sich solchen Widrigkeiten leicht entziehen – hier geht es nicht. Dass den Freiwilligen das Zusammenleben bewundernswert gut gelingt, liegt an den erfahrenen Workcampleitern, aber auch Exkursionen und Stadtrundgängen, die den Arbeitsalltag immer wieder unterbrechen und für gemeinsame Erlebnisse sorgen.

Es sind diese Erlebnisse, die die Freiwilligen, wenn sie abends zusammensitzen und den Tag Revue passieren lassen, zu Gesprächen ermuntern. Trotz eines harten Arbeitstages bei hochsommerlichen Temperaturen sind die abendlichen Gespräche oft lang. „Ist euch eigentlich aufgefallen, dass alle mit denen wir hier zu tun haben, irgendeine Beziehung zu Israel haben?“ fragt Sophie aus Frankreich. „Entweder leben sie dort oder haben dort Verwandte. Seid ihr euch sicher, dass wir hier das richtige tun? Ich hab ein sehr distanziertes Verhältnis zu Israel.“ „Du könntest das ja auch genau andersrum sehen“, meint Dariusz aus Polen. Was du hier gesehen und gehört hast, könnte dir ja auch helfen zu verstehen, warum es Israel gibt und warum so viele Menschen dorthin gegangen sind.“

Nicht nur in den Köpfen der Freiwilligen bewegt sich etwas, ihr Beispiel bewegt auch andere. Sie haben mit ihrer Arbeit gezeigt, dass man den Verfall des jüdischen Friedhofs in Czernowitz nicht hinnehmen muss. Sie erhalten Unterstützung von der jüdischen Gemeinde vor Ort. Kein Geld, aber Essenspakete und viele Einladungen zu Gesprächen und zum Schabbatgottesdienst am Freitagabend. Die Universität Czernowitz hat begonnen, sich für die Arbeit der Freiwilligen zu interessieren und unterstützt durch die Vermittlung von Unterkünften und Kulturprogramm. Langsam entsteht vor Ort ein Netzwerk, das tragfähig wird. Einer der wichtigsten Aspekte dabei: Die ehemaligen jüdischen Bürgerinnen und Bürger der Stadt, die heute über die ganze Welt verstreut sind, fühlen sich ermutigt Spenden zu sammeln, um zur schnelleren Wiederherstellung des Friedhofs etwas beizutragen. Freiwilligenarbeit macht Mut!

SVIT Ukraine und Aktion Sühnezeichen Friedensdienste werden auch in 2011 wieder in Czernowitz arbeiten:

>> Informationen und Anmeldung zum Workcamp von SVIT Ukraine und SCI Deutschland: www.workcamps.info
>> Informationen und Anmeldung zum Sommerlager von Aktion Sühnezeichen

Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – nicht kommerziell – keine Bearbeitung CC BY-NC-ND 3.0


Freiwilligenarbeit auf dem jüdischen Friedhof von Czernowitz

Kommentare ( 2 )

Gerhard

Tolle Arbeit. Tolle Bilder.

Tilo

...wunderbar, schön das es sowas gibt, ich werde mich hier weiter informieren und hoffentlich auch einmal eine Gelegenheit erhalten um mitzuhelfen.

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