Dr. Dirk Hänisch

Fachtagung "Internationale Jugendarbeit. Pädagogische Perspektiven in der Arbeit an Orten der Erinnerungen in Europa"

Am 2.11.2010 fand in Köln eine Fachtagung des Landschaftsverbandes Rheinland zum gleichnamigen Thema statt. Eingeladen wurden Träger der Internationalen Jugendarbeit und Akteure in diesem Feld, um Erfahrungen und Strategien von internationalen Jugendbegegnungen auszutauschen und die Debatte über Zielsetzungen und Wirksamkeit solcher Formate anzuregen.

Prof. Dr. Thimmel, Fachhochschule Köln BildImage: Dirk Hänisch

Etwa 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmer beteiligten sich - leider weniger als erwartet. Dennoch vermittelte die Tagung wertvolle Impulse und Anregungen. Im Anschluss an die Grußworte von Christoph Gilles, Abteilungsleiter des Landesjugendamtes Rheinland, der die Bedeutung von Demokratie, Toleranz und Menschenwürde im internationalen Verständigungsprozess hervorhob, stellte Klaus Nörtershäuser vom LVR-Landesjugendamt Rheinland und Koordinator des Programms Zielsetzungen und Intentionen des Programms "Jugend gestaltet Zukunft - Internationale Jugendbegegnungen an Orten der Erinnerung in Europa" vor, das sich vier zentrale Grundsätze zueigen gemacht hat: 1. Kooperation mit Trägern der Jugendsozialarbeit, um individuell beeinträchtigte und sozial benachteiligte Jugendliche in das Programm zu inkludieren, 2. das Programm versteht sich als Bestandteil der internationalen Jugendarbeit und Jugendbegegnung, 3. Hintergrund der Begegnungen sind historische Ereignisse des 2. Weltkrieges und 4. das Programm versteht sich auch als Beitrag zur politischen Bildung und kooperiert diesbezüglich auch mit einem freien Träger, hier namentlich die Humanistische Union. Fünf Träger der Jugendsozialarbeit aus NRW-Städten (Kleve, Moers, Neuss, Köln und Wuppertal) kooperieren mit Partnern in fünf historischen Orten in Griechenland (Ano Viannos), Italien (St. Anna die Sazzana), Ukraine (Baranivka), Tschechien (Lety) und Frankreich (Maillé), alles Orte und Stätten der Erinnerung an deutsche Gräueltaten während des 2. Weltkrieges.

Hartmut Braun, zuständig u.a. für Internationale Jugendarbeit beim Landschaftsverband Rheinland - Landesjugendamt, unterstrich die Bedeutung der internationalen Jugendarbeit als Übungsfeld, ordnete ihre Angebote als solche des non-formalen Lernens ein und hob die Notwendigkeit hervor, individuell beeinträchtigte und sozial benachteiligte Jugendliche in die Programmformate einzubeziehen, wobei die Form Workcamp sich als sehr geeignetes Format zur Inkludierung solcher Zielgruppen erwiesen haben.

Einen Einblick in die praktische Arbeit des Programms vermittelten die Ausführungen von Frank Liebert (sci gGmbH, Moers) und Detlef Busch (alpha e.V., Wuppertal). Ihre anschaulichen Schilderungen der internationalen Arbeit mit Jugendlichen aus Jugendwerkstätten problematisierten einerseits die Schwierigkeiten, mit individuell beeinträchtigten und sozial benachteiligten Jugendlichen zu arbeiten. Häufig ist zu beobachten: Sie haben kaum Motivation, viele Ängste und erhebliche Vorbehalte gegenüber fremden Sprachen und Kulturen; sie haben auch Mühe, sich für eine gewisse Zeit aus den Freundeskreisen herauszulösen, darüber hinaus auch kaum Kenntnis von und damit verbunden wenig Interesse an Geschichtsfragen etc. Durch die Teilnahme an Begegnungen lernen sie oft zum ersten Mal, was überhaupt vor 60 Jahren stattfand. Andererseits nannten sie dafür Erfolgsbedingungen: Wichtig ist einerseits eine gute Vor- und Nachbereitung. Andererseits zeigt sich, dass handwerklich orientierte Arbeit diese Zielgruppe sehr gut anspricht wegen der damit oft verbundenen Erfolgserlebnisse. Dementsprechend haben die Jugendlichen - in Kleingruppen von etwa sieben Jugendlichen und zwei Betreuern - in Gemeinschaftsarbeit Wege an- oder freigelegt, Landschaftspflege betrieben, Reparaturen durchgeführt oder Räume hergerichtet.

Von der Wirksamkeit internationaler Begegnungen

Nach zehn Tagen, so die beiden Referenten, kommen am Ende "andere" Jugendliche nach Hause: Sie haben gelernt, Ängste zu bewältigen und viele neue Eindrücke gesammelt, ihr Selbstbewusstsein und -vertrauen ist gewachsen, sie haben ein Stück Geschichtsbewusstsein erworben und wurden dadurch auch etwas politisiert. Dazu trugen nicht nur persönliche Begegnungen mit Überlebenden bei, sondern auch mit Funktionsträgern (Bürgermeister) und Jugendlichen am Ort. Wichtig vor allem: sie haben in vielfältiger Weise Wertschätzung erfahren und Anerkennung erlebt. Das betonte auch Christian Hampel von der LAG Katholische Jugendsozialarbeit NRW: Jugendliche, die aus diesen Maßnahmen zurückkehren, "sind 10 cm größer" geworden, weil sie an Selbstvertrauen und Lebenspraxis hinzugewonnen haben. Er betonte, dass Jugendliche in der Berufsvorbereitung und Berufsausbildung im internationalen Jugendaustausch eindeutig in der Minderheit sind und dass bestehende Programme wie Leonardo für diese Gruppe zeitlich einfach zu lang sind, da sie erst ab mindestens 21 Tagen Dauer fördern. Dennoch gerät diese Zielgruppe stärker in den Fokus der Aufmerksamkeit. Als Beispiele nannte er das Programm IdA (Integration durch Austausch) vom BMAS und die EU-Jugendstrategie 2010 bis 2018.

Nachhaltigkeit belegt

Dass diese Fahrten eine intensivere Vor- und Nachbereitung erfordern, wenn politische Bildungsprozesse, historische Sensibilisierung und Einübung von Toleranz in Gang gesetzt werden sollen, belegte schließlich Hannelore Steinert vom Bildungswerk der Humanistischen Union NRW an praktischen Beispielen. Den Abschluss der Veranstaltung bildete ein ausführlicher Exkurs von Prof. Dr. Andreas Thimmel von der Fachhochschule Köln über wissenschaftliche Befunde zur Wirksamkeit von Jugendbegegnungen. Sein Vortrag machte deutlich, dass es eine Reihe von harten wissenschaftlichen Fakten gibt, die die nachhaltigen Wirkungen von internationalen Austauschmaßnahmen belegen. Von der Politik werden diese Befunde seltsamerweise viel zu wenig zur Kenntnis genommen (so Christoph Gilles). Thimmel stellte einige Befunde von drei Studien in den Mittelpunkt seiner Ausführungen: die Langzeitstudie von Prof. Alexander Thomas, die Freizeitenevaluation von Ilg sowie die von ihm mitverfasste Auswertung des Teilprojekts "Interkulturell On Tour" im Rahmen des JiVE-Gesamtprojekts (Jugendarbeit international - Vielfalt erleben).

Fazit

Es bleibt zu hoffen, dass in Zukunft solche fruchtbaren und informativen Veranstaltungen regelmäßig stattfinden und es bleibt zu wünschen, dass sie dann auch erheblich mehr Resonanz erleben. Auch und gerade deshalb, damit die internationale Jugendarbeit auf kommunaler Ebene eine Stärkung erfährt!



Begleiten Sie uns

RSS-Feed abonnieren IJAB auf Facebook IJAB-Alumni-Gruppe auf Facebook IJAB auf Twitter IJAB auf YouTube

Newsletter