Christian Herrmann

Schindlers Botschaft

Das Historische Museum der Stadt Krakau hat in der ehemaligen Emailwarenfabrik von Oskar Schindler ein Museum über Krakau unter der deutschen Besatzung eingerichtet. Gerade für die zahlreichen jugendlichen Besuchergruppen des unweit von Krakau gelegenen ehemaligen deutschen Konzentrationslagers Auschwitz eignet sich das Museum, um das Bild der Geschichte zu vervollständigen.

Ghettomauer in Krakau
Die Spuren der deutschen Besatzung sind noch sichtbar: Teil der Mauer des jüdischen Ghettos im Krakauer Stadtteil Podgorze. BildImage: Christian Herrmann   Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – nicht kommerziell – keine Bearbeitung CC BY-NC-ND 3.0

Als Steven Spielberg 1993 „Schindlers Liste“ drehte, setzte er nicht nur den Unternehmer und Glücksritter Oskar Schindler, der mehr als 1.000 jüdische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter vor dem sicheren Tod in Auschwitz rettete, ein Denkmal, er bescherte Krakau, dem Ort des historischen Geschehens und der Kulisse für den Film, einen bis heute nicht endenden Tourismusboom. Schindlers ehemalige Emailwarenfabrik, in einem Industriegebiet unweit des damaligen jüdischen Ghettos gelegen, gehört seitdem zum Programm zahlreicher Stadtführungen. Viel zu sehen gab es dort bisher nicht – außer der Einfahrt zum Werksgelände, die man aus dem Film kennt und vor der man sich gegenseitig fotografieren konnte. Nun hat das Historische Museum der Stadt Krakau dort ein Museum eingerichtet, seit letztem Sommer ist es für Besucherinnen und Besucher zugänglich.

Die Macherinnen und Macher der Ausstellung haben klugerweise darauf verzichtet eine Heldengedenkstätte für Oskar Schindler zu errichten. Sie zeigen das gesamte Bild: Die bedrohliche Stimmung vor dem deutschen Überfall, die erste Bombardierung der Stadt, der schnellen Zusammenbruch der polnischen Armee und die Drangsalierung der Zivilbevölkerung durch die Willkür der deutschen Besatzer. Hervorragend inszenierte und mit Zeitdokumenten bestückte Räume reihen sich in der durchgehend polnisch und englisch beschrifteten Ausstellung chronologisch aneinander. Soundcollagen, Videos und neue Medien kommen zum Einsatz ohne dass dies aufgesetzt wirkt. Gerade deutschsprachige Besucherinnen und Besucher bekommen durch die zahlreichen Aushänge und Verfügungen an die Zivilbevölkerung einen deutlichen Eindruck von den damaligen Lebensbedingungen. Zu den Exponaten gehören auch der Schreibtisch von Oskar Schindler und dessen Sekretärs Isaak Stern, der „Schindlers Liste“ Liste tippte. Verständlich werden diese Ausstellungsstücke erst vor dem Hintergrund der gewaltigen Maschinerie von Zwangsarbeit und Vernichtung, die das Museum dokumentiert.

Wer die Ausstellung durchlaufen hat, kann am Ende nicht auf Erlösung hoffen. Der Raum, der der Erstürmung Krakaus durch die Rote Armee gewidmet ist, schließt mit einem riesenhaften Stalinportrait ab. Die Leiden der Krakauer haben mit der Niederlage Deutschlands noch kein Ende gefunden. Dennoch verlässt man das Museum nicht hoffnungslos. Ein letzter Raum reiht in einer Textcollage kleine Gesten, die Menschen beim Überleben geholfen haben, aneinander. „Er hat mir ein paar Zigaretten gegeben. Die konnte ich verkaufen und mir dadurch etwas Essen beschaffen.“ Und da ist Schindlers Botschaft am Ende doch: Wir können es uns nicht aussuchen, in welche Welt wir geboren werden. Aber jeder kann etwas tun, um die Welt erträglicher zu machen.

2009 zählte das staatliche Museum in Auschwitz 1,3 Millionen Besucher, 821.000 von ihnen waren Jugendliche. Für organisierte Besuche in Auschwitz wird häufig Krakau als Ausgangspunkt gewählt, denn dort findet sich die nötige touristische Infrastruktur in Form von Hotels, Jugendherbergen und Restaurants. Wer mit Jugendlichen in Krakau ist, dem bietet sich mit dem neuen Museum in Oskar Schindlers ehemaliger Emailwarenfabrik eine hervorragende Gelegenheit, das Bild der deutschen Besatzung in Polen zu vervollständigen.

>> weitere Informationen: http://www.mhk.pl/oddzialy/fabryka_schindlera

Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – nicht kommerziell – keine Bearbeitung CC BY-NC-ND 3.0


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