Christian Herrmann

Die Ukrainer zeigen uns, wofür Europa in der Welt steht

Seit 2008 führt Klaus Waiditschka für JuSeV Jugendbegegnungen zwischen Fürstenwalde und der Ukraine durch. Wir haben ihn nach seinen Erfahrungen gefragt und den spezifischen Bedingungen im deutsch-ukrainischen Austausch – und haben nicht nur etwas über die Ukraine, sondern auch über Europa erfahren.

Klaus Waiditschka
Klaus Waiditschka BildImage: Lidiia Kozhevnikova

Ukraine-Special

IJAB hat auf www.dija.de und www.ijab.de für alle, die sich mit der Ukraine und den Möglichkeiten Internationaler Jugendarbeit beschäftigen möchten, Quellen und Stimmen zusammengetragen, die Sinn und Nutzen von Jugendaustausch zwischen Deutschland und der Ukraine verdeutlichen und zum besseren Kennenlernen unseres direkten EU-Nachbarn beitragen:

  • Interview mit Jurij Sulima: Wie ist die ukrainische Zivilgesellschaft heute aufgestellt und was kann Internationale Jugendarbeit leisten?

  • Interview mit Mykola Kuschnir: Das jüdische Museum in Czernowitz ist seit 2010 Aufnahmeorganisation für Langzeitfreiwillige aus Deutschland. Was nützt das dem Museum und was den Freiwilligen?

  • Interview mit Janne Katharina: Was für Erfahrungen macht man, wenn man als Freiwillige ein Jahr in die Ukraine geht?

ijab.de: Herr Waiditschka, ihr Verein für Jugendhilfe und Sozialarbeit - JuSeV - ist im Jugendaustausch mit der Ukraine aktiv. Können Sie uns beschreiben, was genau Sie machen?

Klaus Waiditschka: Die erste internationale Jugendbegegnung in der Ukraine haben wir im Februar 2008 durchgeführt, in Sumy, nur wenige Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Es war ein Theaterworkshop zum Thema „Korruption“. Am Ende der 10tägigen Begegnung führten wir öffentlich das selbst entwickelte Stück „Leben der Maria“ auf und zeigten, wie Korruption ihr Leben in jedem Alter – von der Empfängnis bis zur Beerdigung – beeinträchtigt. Natürlich ging es nicht nur um die Korruption in der Ukraine, sondern auch in Deutschland, aber es gab einen wichtigen Unterschied: Deutsche Jugendliche kannten Korruption nur aus den Medien, während junge Leute in der Ukraine Alltagserfahrungen damit hatten, z.B. im Straßenverkehr, im Bildungs- oder im Gesundheitssystem.

Seitdem hatten wir jedes Jahr drei oder vier Begegnungen mit Gruppen aus der Ukraine, in Deutschland, in der Ukraine, oder multinationale Begegnungen in anderen Partnerländern, mit Jugendlichen und Multiplikator(inn)en, mit Studierenden, jungen Leuten aus der Heimerziehung oder behinderten jungen Menschen, zu unterschiedlichen Themen wie z.B. Geschlechtergerechtigkeit oder Klimawandel, als Foto- oder Karikaturen-Workshop, als sportbetonte Begegnung oder um gemeinsam einen Film über Freiwilligentätigkeit zu drehen. Die letzte Begegnung, gerade jetzt im September, hieß „Reisen des Odysseus“ und war wieder ein Theater-Workshop mit geistig behinderten jungen Menschen aus fünf verschiedenen Ländern. Außerdem entsenden wir seit vielen Jahren deutsche Freiwillige in die Ukraine und nehmen ukrainische Freiwillige in unseren Einrichtungen auf.

ijab.de: Die Ukraine gehört nicht gerade zu den favorisierten Partnerländern deutscher Träger beim Jugendaustausch. Wie erklären Sie sich das und was hat Sie bewogen, sich für den Jugendaustausch mit der Ukraine zu entscheiden?

Klaus Waiditschka: Das ist wahr und hat verschiedene Aspekte: Über die Staaten hinter dem „eisernen Vorhang“, insbesondere die Nachfolgestaaten der Sowjetunion, ihre Geschichte, Kultur und Lebensweise wussten und wissen die Menschen in Deutschland und Westeuropa kaum etwas. Das sind sozusagen weiße Flecken auf der mentalen Landkarte. Es fehlt nicht nur die eigene Anschauung, sondern auch die Berichte von den Urlaubsreisen der Nachbarn, von Freunden und Verwandten, die uns die Karibik oder Thailand so viel näher und vertrauter erscheinen lassen als die Ukraine. Im Jahr 2012 begann sich das gerade etwas zu ändern, als durch die Fußball-Europameisterschaft plötzlich Menschen, die nicht Slawistik oder osteuropäische Kulturwissenschaften studierten, sich auf den Weg in die Ukraine machten und feststellten, dass es dort tatsächlich fließendes Wasser oder funktionierende Busse oder Straßenbahnen gibt, und man im Supermarkt alles Lebensnotwendige einkaufen kann. Das zarte Pflänzchen des Interesses an diesem großen Land ist inzwischen jedoch überdeckt durch den medial vermittelten Eindruck von Chaos, Gewalt und Krieg.

Für die deutschen Träger besteht die Herausforderung aber nicht nur darin, junge Leute als Teilnehmer/-innen zu finden, die trotzdem „Lust auf Ukraine“ haben, sondern zunächst einmal einen passenden und zuverlässigen Partner in der Ukraine aufzutun. Die vielfältige Landschaft freier Träger der Jugendhilfe in Deutschland hat in der Ukraine kein Pendant: Soziale und kulturelle Freizeitgestaltung wird überwiegend durch Nachmittagsangebote der Schulen abgedeckt, außerschulische Jugendbildung ist weitgehend unbekannt und die großen Ferienlager im Sommer werden oft kommunal organisiert. Unabhängige Jugendorganisationen sind häufig auf finanzielle Unterstützung aus dem Ausland angewiesen oder leben von den Projektgeldern der EU-Programme, was der Qualität von Begegnungen nicht immer zuträglich ist. Und doch gibt es ein riesiges Interesse an Kontakten und Begegnungen mit Deutschland und hier und da erfahrene und zuverlässige Partnerorganisationen, so dass wir in diesen Jahren mit Partnern in nahezu allen Regionen der Ukraine zusammen gearbeitet haben und jedes Jahr weit mehr Anfragen bekommen, als wir organisatorisch und personell bewältigen können.

Deutsche Träger, die mit Partnern außerhalb der EU zusammenarbeiten wollen, „zahlen“ dafür mit einem deutlich höheren Zeit- und Arbeitsaufwand, höheren Kosten und Risiken. Das beginnt bei der Reiseorganisation,  wenn wir zum Beispiel mit dem Zug zwar bis Polen kommen, aber für den Anschluss von Warschau oder Krakau in die Ukraine in Deutschland keine Platzreservierung buchen können,  gilt aber noch viel mehr für die Visa-Problematik. Zwar brauchen EU-Bürger für die Einreise in die Ukraine seit einigen Jahren keine Visa mehr, doch wenn wir eine ukrainische Gruppe nach Deutschland einladen, führt das oft zu zeit- und nervenraubenden Auseinandersetzungen mit der deutschen Botschaft in Kiew und es bleibt immer die Ungewissheit und das Risiko, dass am Ende nicht alle Teilnehmenden der ukrainischen Gruppe ein Visum erhalten. Außerdem ist es kostspielig und nicht gerade einfach, Geld für die gemeinsamen Aktivitäten so in die Ukraine zu transferieren, dass die dortigen Partner darauf Zugriff haben und nicht horrende Steuern zahlen müssen.

Und warum kooperieren wir dann – trotz all dieser Hemmnisse und Hindernisse – trotzdem gerne mit unseren Partnern in der Ukraine? Nun, Ende der 90er Jahre haben wir eine strategische Entscheidung getroffen, die internationale Zusammenarbeit mit Polen aufzubauen, da dieses Land unser unmittelbarer Nachbar ist, nur 30 Minuten Autofahrt entfernt. Wir haben Studienreisen unternommen, gezielt Partnerorganisationen gesucht und Schritt für Schritt die Kooperation intensiviert. Mit der Ukraine lief das anders: Die ersten Kontakte verdanken wir unseren polnischen Partnern, die ersten tri-nationalen Begegnungen fanden in Polen statt. Das war keine strategische Entscheidung, sondern die Menschen, denen wir begegnet sind, sind uns ans Herz gewachsen, ihr Wunsch, auch mal nach Deutschland zu kommen, auch mal selbst Gastgeber sein und Gruppen in die Ukraine einladen zu können, hat die Zusammenarbeit wachsen lassen. Und zu den ersten Kontakten kamen im Laufe der Jahre weitere, im Osten und Westen und Süden des Landes, so dass die Ukraine heute neben Polen unser wichtigstes Partnerland ist.

ijab.de: Seit dem Beginn des Euromaidan durchlebt die ukrainische Gesellschaft eine Zeit tiefgreifender Veränderungen. Spüren Sie davon etwas in ihren Austauschprogrammen?

Klaus Waiditschka: Die zivilgesellschaftlichen Proteste gegen die Regierung unter Präsident Viktor Janukowitsch, nicht nur in Kiew sondern im ganzen Land, basierten auf der Forderung, „europäische Werte“ in der Ukraine durchzusetzen, also zum Beispiel Bekämpfung der Korruption, Transparenz des Regierungshandelns, Herrschaft des Rechts, Ausbau der Zivilgesellschaft – das waren zum Teil genau die Themen, die wir auch in unseren Jugendbegegnungen angesprochen und diskutiert hatten. So wundert es nicht, dass viele ehemalige Teilnehmende unter den Protestierenden zu finden waren oder zumindest die Proteste unterstützten. Und sie sind in Kontakt mit den damaligen deutschen Teilnehmenden, manchmal direkt und persönlich, oft über die sozialen Netzwerke, tauschen sich aus und berichten über die Lage in ihrer Stadt. Manchmal bekommen wir auch Anrufe oder Mails von  deutschen Jugendlichen, die sich erkundigen, ob wir von diesem oder jener etwas gehört hätten, weil sie sich natürlich Sorgen machen um die Menschen, die sie persönlich kennengelernt haben. Und immer begleitet uns die Nervosität und Sorge der ukrainischen Teilnehmer/-innen um Freunde und Verwandte, die im Kriegsgebiet im Osten der Ukraine leben oder kämpfen.

In Begegnungen seit Beginn des Euromaidan zeigen sich zunehmend nationalistische Haltungen, die sich vor allem gegen Russland richten, und das inzwischen im Osten genauso wie im Westen der Ukraine und unabhängig von der bevorzugten Sprache. Da werden zum Beispiel russische Waren boykottiert und deutsche Teilnehmer, die im Supermarkt eine Flasche Bier kaufen, nicht wissend, dass es sich um eine russische Marke handelt, erleben, dass dieses Bier nicht auf dem gemeinsamen Tisch geduldet und von den ukrainischen Teilnehmer/-innen nicht angerührt wird; oder dass auf dem Markt Klopapier verkauft wird, auf dem die Köpfe von Janukowitsch und Putin aufgedruckt sind, dass die Erinnerung an den Holodomor und die umstrittene Heldenfigur Stepan Bandera eine immer größere Rolle spielen. Trotzdem gibt es auch Beispiele ukrainisch-russischer Zusammenarbeit:  Unser „Peace & Action“ Sommercamp im vergangenen August, zu dem 40 junge Leute aus Dnipropetrowsk (und weitere 50 aus Polen und Deutschland) kamen wurde von einem internationalen Team vorbereitet, zu dem auch junge Erwachsene aus Nishni Nowgorod in Russland gehörten. Begegnungen über die Gräben dieses Konflikts hinweg zu schaffen, bleibt weiter eine wichtige Aufgabe und Chance internationaler Jugendarbeit.

Ich will auch nicht verschweigen, dass ich in diesem vergangenen Jahr viel Enttäuschung erlebt habe in der Ukraine, Enttäuschung über fehlende oder als unzureichend empfundene Hilfe und Unterstützung aus „Europa“. Diese Enttäuschung entspringt nicht immer nur nüchterner politischer Analyse, sondern oft auch einer überhöhten Erwartung an einen europäischen Deus ex Machina, der nur einmal ordentlich auf den Tisch hauen müsste, um alle Probleme zu lösen und den Aggressor Putin in die Schranken zu verweisen. Verständlich sind aber die Ängste unserer Partnerorganisationen in der Ukraine, dass angesichts der wirtschaftlichen Krise und zunehmender Militärausgaben die inländischen Ressourcen für Soziales und Bildung zurückgehen und die ausländischen, vor allem westeuropäischen, Partner sie im Stich lassen könnten, zumal kaum noch Begegnungsprojekte in der Ukraine selbst stattfinden.

ijab.de: Wie gehen deutsche Jugendliche Ihrer Beobachtung nach mit dem Krieg im Osten der Ukraine um? Haben Jugendliche und deren Eltern Befürchtungen in die Ukraine zu fahren und was sagen Sie ihnen?

Klaus Waiditschka: Deutsche Jugendliche, die in den vergangenen Jahren an Begegnungen mit ukrainischen Gruppen teilgenommen haben, sind vor allem besorgt um die Sicherheit und das Wohlergehen der Menschen, die sie persönlich kennen. Für Andere, ohne eine persönliche Bindung in die Ukraine, ist dies zunächst ein Land, das in Krieg und Chaos versinkt. So ist es nicht verwunderlich, dass Eltern ihren minderjährigen Kindern und Jugendlichen zurzeit nicht erlauben, in die Ukraine zu reisen und an einer Begegnung teilzunehmen. Selbst weit im Westen der Ukraine, mehr als 1000 km vom Kriegsgebiet entfernt, gibt es nur noch Begegnungen und Projekte mit (jungen) Erwachsenen, die diese Entscheidung für sich selbst treffen können. Als wir im vergangenen Sommer ein Training für Multiplikator(inn)en in der Nähe von  Lviv durchführten, musste ich manche dieser auslands- und reiseerfahrenen Kolleg(inn)en in Einzelgesprächen davon überzeugen, dass wir sie selbstverständlich nicht in eine Gefahrensituation bringen würden und das Leben im weitaus größten Teil der Ukraine sicher und geordnet weitergeht.

ijab.de: Internationaler Austausch sollte immer eine Begegnung auf Augenhöhe sein. Was können Deutsche und Ukrainer/-innen voneinander lernen?

Klaus Waiditschka: Was Ukrainer von uns Deutschen lernen können, das mögen Ukrainer selbst beschreiben. Ich möchte hier nicht in die Rolle eines Lehrmeisters geraten. Von den Ukrainern können wir sicherlich lernen, dass Engagement zu Veränderung führen kann und sich der Einsatz für demokratische (oder „europäische“) Werte lohnt, auch wenn solche Veränderungsprozesse nicht immer schmerzfrei und friedlich verlaufen. Es ist schon erstaunlich, dass es Ukrainer sind, die uns zeigen, wofür die Idee „Europa“ in der Welt steht, während wir eher dazu neigen, kritisch auf die schwierigen Seiten des europäischen Einigungsprozesses zu blicken. Und wir können natürlich lernen, dass Europa nicht an den Grenzen der Europäischen Union endet, dass es auch jenseits dieser Grenzen noch viel zu entdecken gibt und wir interessante Menschen und ihre Kultur kennen lernen können, wenn wir uns trauen, über den Tellerrand zu blicken.

Klaus Waiditschka ist Referent für Internationale Zusammenarbeit bei JuSeV in Fürstenwalde. JuSeV arbeitet in der Kinder-, Jugend-, Familien- und Sozialarbeit und unterhält dafür offene Jugendtreffs, eine Grundschule und zwei Horte, eine Jugendbildungs- und Begegnungsstätte sowie zahlreiche Projekte und Initiativen. JuSeV ist Eurodesk-Servicestelle, führt Internationale Jugendbegegnungen, Trainings und Fortbildungen durch und ist Entsende- und Aufnahmeorganisation im Europäischen Freiwilligendienst.
Mehr Informationen: http://www.jusev.de

Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – nicht kommerziell – keine Bearbeitung CC BY-NC-ND 3.0


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