Christian Herrmann

Ein besonderer Reiz für Freiwillige

Das Museum für jüdische Geschichte und Kultur der Bukowina befindet sich in Chernivtsi (Czernowitz) und ist eines der ersten jüdischen Museen, das in der Ukraine seit ihrer Unabhängigkeit eröffnet wurden. Seit 2010 ist das Museum Aufnahmeorganisation für Langzeitfreiwillige aus Deutschland, die von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste entsandt werden. Was hat das Museum davon und was die Freiwilligen? Wir haben Direktor Mykola Kuschnir gefragt.

Mykola Kuschnir
Mykola Kuschnir BildImage: Christian Herrmann

Ukraine-Special

IJAB hat auf www.dija.de und www.ijab.de für alle, die sich mit der Ukraine und den Möglichkeiten Internationaler Jugendarbeit beschäftigen möchten, Quellen und Stimmen zusammengetragen, die Sinn und Nutzen von Jugendaustausch zwischen Deutschland und der Ukraine verdeutlichen und zum besseren Kennenlernen unseres direkten EU-Nachbarn beitragen:

ijab.de: Herr Kuschnir, schon seit einigen Jahren arbeiten Sie mit Langzeitfreiwilligen, die von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste an Ihr Czernowitzer Museum für jüdische Geschichte und Kultur der Bukowina entsandt werden. Was machen und lernen die Freiwilligen dort?

Mykola Kuschnir: Die Zusammenarbeit mit Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) begann im Jahre 2010, kurz nachdem ich die Stelle des Museumsleiters übernommen hatte. Sie entstand aus der gemeinsamen Vorstellung von der augenfälligen Kompatibilität der Interessen unserer Organisationen. Denn ASF richtet Ihr Augenmerk vor allem auf eine friedensstiftende und aussöhnende Arbeit mit Völkern und Ländern, die während des 2. Weltkriegs unter dem Nationalsozialismus gelitten haben. Und die Hauptmission des Museums besteht darin, das kulturelle Erbe der Czernowitzer bzw. Bukowiner Juden, die größtenteils dem Holocaust zum Opfer gefallen sind, zu bewahren sowie die Erinnerung an diese Menschen zu pflegen und weiterzutragen. Die Zusammenarbeit hat seitens der ASF verschiedene Formen. Eine davon ist die jährliche Entsendung von Freiwilligen. Das Museum ist in diesem Fall  Aufnahmeorganisation und ist bemüht, das sich das große soziale Engagement und die Energie der jungen Leute aus Deutschland entfalten kann. Normalerweise arbeiten sie bei uns im Museum, helfen aber auch in anderen, meistens sozialen Institutionen, wie zum Beispiel der jüdischen karitativen Einrichtung „Chesed Schuschana“.  Die Aufgaben, die im Museum auf die Freiwilligen zukommen können, sind mannigfaltig und hängen von den persönlichen Interessen, Fähigkeiten und Kenntnissen ab. Sie leisten Öffentlichkeitsarbeit, indem sie Texte schreiben oder übersetzen, mit unseren Partner in der ganzen Welt kommunizieren und das Museum in den sozialen Netzwerken vertreten. Ebenfalls entwickeln sie mit uns neue Projekte, recherchieren in den lokalen Archiven und Bibliotheken. Ihre Hilfe brauchen wir oft bei der Organisation unserer Ausstellungen und der Betreuung von Museumsbesuchern.

ijab.de: Czernowitz war lange Teil Österreich-Ungarns, Teile der Bevölkerung der Bukowina – so auch die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung – waren deutschsprachig. Das hat für deutsche Freiwillige sicher einen besonderen Reiz. Zugleich war und ist die Bukowina aber auch eine Vielvölkerregion. Ukrainer, Polen, Rumänen, Juden und noch einiger mehr leben hier. Was können Freiwillige davon lernen?

Mykola Kuschnir: Durch ihre interessante Geschichte, einzigartige multikulturelle Vergangenheit, lange und enge Bindung an die deutsche Sprache und Kultur haben die Bukowina und besonders Czernowitz tatsächlich einen besonderen Reiz für die Touristen und andere Gäste aus dem Westen. Das ist eben das, was wir von unseren ausländischen Besuchern sehr oft direkt zu hören bekommen, und was uns immer, auch in schwierigen Situationen, Kraft gibt und  inspiriert, weiter zu machen. Unsere Freiwilligen sind da keine Ausnahmen. Normalerweise kommen sie schon mit einem bestimmten „Vorrat“ an Kenntnissen über den geschichtlichen Hintergrund ihrer Zielregion bzw. -Stadt zu uns. Doch es wäre falsch zu denken, dass es bei diesem Reiz ausschließlich um einen schönen Mythos geht. Ich erinnere mich an unsere erste Freiwillige Jara. 2010 entsandte ASF sie nach Simferopol auf der Krim. Obwohl Jara eine sehr nette, freundliche und fleißige junge Frau war und sogar gut Russisch sprechen konnte, ist sie nach ein paar Monaten nach Czernowitz gewechselt, weil sie in Simferopol nicht zurecht kam. Hier hatte sie keine Probleme mit den Menschen und gestand uns später, dass sie unsere Stadt kulturell, mental und weltanschaulich als viel näher empfunden hatte. Das und andere Beispiele sprechen dafür, dass Czernowitz trotzt alle Wirren des 20. Jahrhunderts nicht alle Errungenschaften seiner Vergangenheit verloren hat. Eine der wichtigsten war und ist, meiner Meinung nach, die Toleranz im Verkehr mit den Menschen anderer kultureller, sprachlicher, konfessioneller, ideologischer und sogar politischer Zugehörigkeit. Eine Toleranz, deren Sinn sich am besten durch ein Zitat von Georg Drozdowski, einem österreichischen Autor aus Czernowitz, wiedergeben lässt: „Leben und leben lassen…“. Czernowitz war einst ein Teil Alt-Europas, wenn auch an der östlichsten Peripherie desselben. Dies ist aber egal, weil es hier nicht die rein geographische Dimensionen, sondern in erster Linie mentale Inhalte zählen. Unsere deutschen Freiwilligen, die alle moderne Europäer sind, bekommen während ihres Aufenthaltes in unserer Stadt die Möglichkeit, das alte und das heutige Europa zu vergleichen und durch diesen Vergleich, ihre eigene Identität zu schärfen, eigene Einstellungen zu wichtigen Dingen und Problemen des Lebens zu prüfen und letztlich eigene Standpunkte zu entwickeln. Es geht hier um einen Prozess, bei dem neue persönliche Erfahrungen eine besondere Rolle spielen. Selbstverständlich lernen sie hier auch viele neue Menschen, deren Traditionen und Gewohnheiten kennen, knüpfen neue Freundschaften und Kontakte. Das Wichtigste ist aber das Suchen und Finden einer eigenen Mission auf dieser Welt.

ijab.de: Warum arbeitet Ihr Museum mit Freiwilligen, welches ist der Nutzen, den das Museum davon hat?

Mykola Kuschnir: Unser Museum ist eine sehr kleine Einrichtung. Sie ist von ihren rein finanziellen Möglichkeiten aus leider nicht im Stande, genug Personal anzustellen. Aus diesem Grund sind wir stets auf die Hilfe von Freiwilligen angewiesen. Dass sie im konkreten Fall aus Deutschland sind, ist umso besser. Denn wir bekommen von ihnen nicht nur die gewöhnliche Hilfe bei der Abwicklung unserer Tagesgeschäfte im Museum, der Ausarbeitung und Umsetzung von Projekten. Wir lernen voneinander viel. Sie bringen ihre Sprache, ihre Kultur und sogar ihr Arbeitethos mit. Sie generieren neue Ideen. Und das alles bereichert uns sehr.
 
ijab.de: Manche Freiwillige, die überlegen, ob sie an einem Langzeitfreiwilligendienst oder auch an einem kurzzeitigen Projekt – beispielsweise einem Workcamp – teilnehmen wollen, blicken aufgrund des Krieges im Osten mit Sorge auf die Ukraine. Was können sie ihnen sagen oder raten?

Mykola Kuschnir: Wir alle in der Ukraine und auch sehr viele EU-Bürger beobachten besorgt die kriegerischen Ereignisse im ukrainischen Osten. Und diese Sorgen sind vollkommen gerechtfertigt. Vor allem deswegen, weil die weiteren Pläne Russlands, das hinter den sogenannten „Donbass-Aufständischen“ steht und jetzt auch eigene reguläre Streitkräfte mit schweren Waffen unverhüllt und massiv in der Ukraine einsetzt, unberechenbar sind. Der Vorteil von Czernowitz ist, dass die Stadt etwa Tausend Kilometer von der Kriegsregion entfern liegt. Es wurde hier bis jetzt weder ein Kriegszustand ausgerufen, noch irgendwelche andere  Kriegsmaßnamen durchgeführt, die den gewöhnlichen Alltag der Stadt stören oder gar unmöglich machen würden. Die Ausländer – seien es Freiwilligen oder Touristen – haben hier nichts zu befürchten. Und schon gar nicht sollen sie sich von den faustdicken Lügen der russischen Propaganda über die Faschisten, Antisemiten oder dergleichen Blödsinn in der Ukraine irreführen lassen. Man ist hier sogar höchst interessiert daran, dass Ausländer kommen, sich vor Ort Eindrücke machen und danach die Wahrheit in ihren Ländern verbreiten. Unter diesem Blickwinkel bekommen ASF-Freiwillige eine neue – ich würde sagen internationale, politische – Bedeutung. Ihr Aufenthalt hier – ob lang- oder kurzfristig – bedeutet somit eine Art Unterstützung der Ukraine.

ijab.de: In deutschen Medien wurde häufig von Rechtsextremisten berichtet, die am Euromaidan beteiligt waren. Russische Medien bezeichnen den Euromaidan sogar als "faschistischen Putsch" und die Regierung in Kiew als "faschistische Junta". Was hat der Direktor eines jüdischen Museums dazu zu sagen?

Mykola Kuschnir: Es ist sehr schade, dass einige deutsche Medien bewusst oder unbewusst Wasser auf die russische Propagandamühle gießen. Am Euromaidan waren Vertreter verschiedenster sozialer Schichten, Berufe, Konfessionen, politischer Richtungen und Schattierungen beteiligt. Gemeinsam war für sie die tiefe Unzufriedenheit mit der Politik der Regierung und des Staatspräsidenten. Sie protestierten gegen Korruption und Willkür des Staates, forderten mehr Demokratie und Transparenz bei der Staatsverwaltung. Die Bürger wollten einfach von ihrem Staat gehört werden. Stattdessen bekamen sie Kugeln. Journalisten und Experten in der EU sollten die Forderungen des Euromaidan in Kiew mit den Parolen und Aktionen von Rechtsextremisten in ihren eigenen Ländern vergleichen, um die Wahrheit festzustellen. Vom Maidan ging keine Gefahr für einzelne soziale, ethnische oder konfessionelle Gruppen aus. Auch für die Juden nicht. Mehr noch: Es ist bekannt, dass es unter den Maidanaktivisten auch Vertreter der jüdischen Gemeinden gab. Ja klar, es gab auch viele Juden in der Ukraine, die vor dem Maidan Angst hatten. Das ist aber nicht erstaunlich, denn sowohl die sowjetische als auch die heutige russische Propaganda hat ukrainische Patrioten und proukrainische politische Kräfte pauschal ausschließlich als Antisemiten und Nazi-Kollaborateuren dargestellt. In diesem Zusammenhang ist es daher für viele im Osten wie auch im Westen hilfreich zu wissen, dass es ukrainische Patrioten gibt, denen die Leitung eines jüdischen Museums anvertraut wurde.

Mykola Kuschnir ist Direktor des Czernowitzer Museums für jüdische Geschichte und Kultur der Bukowina. Das Museum befindet sich in Trägerschaft des Verbandes der Jüdischen Organisationen und Gemeinden der Ukraine. Seit 2010 ist es Aufnahmeorganisation von Langzeitfreiwilligen aus Deutschland.
Mehr Informationen: http://www.muzejew.org.ua/Index-De.html

Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – nicht kommerziell – keine Bearbeitung CC BY-NC-ND 3.0


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