Christian Herrmann

Geschichte ganz nah

Seit fünf Jahren engagieren sich Freiwilligendienste für den Erhalt des jüdischen Friedhofs von Czernowitz im Westen der Ukraine. Junge Menschen aus der ganzen Welt entfernen jeden Sommer Gestrüpp und Ranken und machen den Friedhof wieder zugänglich. Das ist harte körperliche Arbeit, aber es gibt dabei einiges zu lernen und zu erleben.

Arbeitspause auf dem jüdischen Friedhof von Czernowitz
Arbeitspause auf dem jüdischen Friedhof von Czernowitz BildImage: Christian Herrmann

Es wird sehr still, als die Freiwilligen des Workcamps von SVIT Ukraine die ehemalige Synagoge des Rabbis von Sadagora betreten. Der Weg führt durch wucherndes Unkraut und schließlich über schwankende Bretter in den Innenraum. Die Blicke schweifen über zerstörte Fresken, das undichte Dach, durchgefaulte Bodendielen. Hierhin kamen einmal Menschen um zu beten, jetzt kommt niemand mehr. Chassidim aus Israel haben versucht zu retten, was noch zu retten ist. Jetzt gibt es Schwierigkeiten mit den ukrainischen Behörden, die Restaurierungsarbeiten sind gestoppt. Auch in diesem Herbst wird es wieder durch das provisorische Dach regnen, im Winter wird sich Schnee darauf legen. Ob es halten wird, ist davon abhängig, wie hart der ukrainische Winter werden wird.

Diese Momente der Stille gibt es bei den Exkursionen der Freiwilligen immer wieder. Sie stellen sich im ausgebrannten Innenraum der großen Synagoge im alten jüdischen Viertel von Czernowitz ein, vor den bemoosten Grabsteinen auf dem Friedhof von Wischnitz und vor dem Massengrab auf dem jüdischen Friedhof von Czernowitz. 900 Menschen wurden dort in den ersten Tagen der rumänischen und deutschen Besatzung im Juli 1941 verscharrt. Daneben stehen Gedenksteine für diejenigen, die in Ghettos und Lager in Transnistrien deportiert wurden und dort umkamen. In den Städten und Dörfern, die die Freiwilligen kennenlernen, sind die Wunden und Narben unverkennbar. Verwilderte Friedhöfe, zweckentfremdete Synagogen, vom Einsturz bedrohte ehemalige jüdische Einrichtungen. Eine Landschaft nach dem Völkermord. „Hier kann man überall die Geschichte spüren, alles ist sehr nah“ findet Diego, einer der Freiwilligen.

SVIT Ukraine und SCI Deutschland führen schon im fünften Jahr Workcamps auf dem jüdischen Friedhof in Czernowitz durch. Seit drei Jahren kommt Aktion Sühnezeichen Friedensdienste. Davon ermutigt haben ehemalige Czernowitzer einen Verein gegründet, Spenden gesammelt und Arbeiter angeheuert. Fast jedes Gräberfeld auf dem 11 Hektar großen Friedhof ist auf diese Weise schon einmal gereinigt worden. Auf vielen der Felder mag man das kaum glauben. Die Erde der Bukowina ist fruchtbar und das gute Klima lässt Büsche, Gräser und Ranken schnell nachwachsen. Nur wer den Zustand des Friedhofs vor Beginn der Arbeiten kennt, versteht den Unterschied.

Morgens um 9 am Eingang des Friedhofs. Dr. Bursuk vom jüdischen Hilfsverein Hessed Shushana bringt ein Herbizid vorbei, das auf Baumstümpfen angewendet werden soll. Eine Frau mittleren Alters kommt auf ihn zu, redet lange auf Russisch auf ihn ein und bricht schließlich in Tränen aus. Sie ist aus Israel angereist um sich um Gräber von Verwandten auf einem Dorffriedhof in der Nähe von Czernowitz zu kümmern. Der Friedhof ist so zugewachsen, dass er unzugänglich ist. Nun ist sie auf der Suche nach erfahrenen Arbeitern. Die Steinmetze des Friedhofs haben bereits abgewinkt. „Bevor wir angefangen haben, sah es hier genauso aus“ sagt Dr. Bursuk. Dieses Problem hat Tom Berman, der ebenfalls aus Israel gekommen ist, nicht. Die Generation seiner Urgroßeltern ist in Czernowitz begraben. Das Grab von Lazar Igel, dem ersten Rabbi des Großen Tempels von Czernowitz – heute ein Kino, befindet sich direkt im Eingangsbereich des Friedhofs. Auch das Grab des zweiten Urgroßvaters lässt sich finden, es liegt auf der Fläche, auf der die Freiwilligen gerade arbeiten. Tom Berman freut sich über die Freiwilligen und die hängen an seinen Lippen, als er abends in einem Lokal erzählt. „Man sieht den Friedhof anders, wenn man Menschen kennt, die eine Verbindung zu ihm haben“ sagt Alena aus Tschechien, „es kommt auf einmal etwas sehr persönliches dazu“.

Warum sie in ihren Ferien auf einem jüdischen Friedhof arbeiten, möchte Tom Berman von den Freiwilligen wissen. Sie könnten ihre Zeit ja auch anders verbringen. In der Frage schwingt Wertschätzung mit. Die Motive sind unterschiedlich, aber Neugier und Lernen stehen für die meisten im Vordergrund. Die Westeuropäer möchten etwas über die Ukraine, den unbekannten Nachbarn im Osten erfahren. Die jungen Ukrainerinnen und Ukrainer, die zumeist aus dem Osten des Landes kommen, reizen die historischen Städte im Westen des Landes, die so anders sind als die Industriestädte im Donbas. „In der Schule erfährt man über den Holocaust so gut wie nichts“ sagt Iurii, einer der beiden Workcampleiter, „hier kann man etwas darüber lernen“.

Katya aus Charkiw hat einen Wunsch. Sie möchte einmal an einem jüdischen Gottesdienst teilnehmen. Noah Koufmanski, Rabbi in einer der beiden Synagogen von Czernowitz, spricht die Einladung für den Schabbat-Gottesdienst gerne aus. Die Freiwilligen sollen nur etwas früher da sein, er möchte ihnen etwas über die Geschichte seiner Synagoge erzählen. Koufmanski ist stolz darauf, dass die Synagoge nie geschlossen wurde, weder im Krieg noch während der gesamten sowjetischen Epoche. „Wir liegen eben etwas versteckt“ sagt er und deutet schmunzelnd auf einen grauen Plattenbau auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Mit dem Ende der Sowjetunion ist auch die Religionsfreiheit zurückgekehrt. Rabbi Menachem Mendel Glitsenshtain hat davon Gebrauch gemacht. Eine der alten Synagogen hat er von der Stadt Czernowitz übernommen und Geld für die Sanierung aufgetrieben. Leicht war das nicht. Das Gebäude war als Transformatorenhaus genutzt worden, als der Transformator ausgebaut wurde, zeigte sich der ganze Umfang der Bauschäden. Rabbi Glitsenshtain hat Pläne. Mit der Synagoge ist ein Gemeindezentrum entstanden. Als nächstes soll ein koscheres Restaurant folgen und damit verbunden auch eine Armenküche. „Wenn die Freiwilligen im nächsten Jahr wiederkommen, können sie hier zum Essen herkommen“ sagt er und lacht. Und dann möchte er noch über seine Ideen zur Wiederherstellung des Friedhofs reden. Es geht weiter in Czernowitz.

Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – nicht kommerziell – keine Bearbeitung CC BY-NC-ND 3.0


Workcamp auf dem jüdischen Friedhof in Czernowitz 2012

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