Susanne Klinzing

In der Zivilgesellschaft machen sich die Probleme bemerkbar, die ein Krieg mit sich bringt

Jurij Sulima lebt in Charkiw, war einer der lokalen Maidan-Aktivisten in der ostukrainischen Metropole und ist in verschiedenen Jugend-NGOs aktiv, vor allem in der Stiftung Regionale Initiativen. Wie steht es um ukrainische Jugend-NGOs und was könnte internationaler Austausch leisten?

Jurij Sulima
Jurij Sulima BildImage: privat

Ukraine-Special

IJAB hat auf www.dija.de und www.ijab.de für alle, die sich mit der Ukraine und den Möglichkeiten Internationaler Jugendarbeit beschäftigen möchten, Quellen und Stimmen zusammengetragen, die Sinn und Nutzen von Jugendaustausch zwischen Deutschland und der Ukraine verdeutlichen und zum besseren Kennenlernen unseres direkten EU-Nachbarn beitragen:

ijab.de: Jurij, danke, dass Sie sich bereit erklärt haben, mit uns zu sprechen. Können Sie unseren Leser(inne)n noch mal kurz sagen, wer Sie sind und welche Funktion Sie in der Stiftung für Regionale Initiativen (Фундація Регіональних Ініціатив, FRI) haben?

Jurij Sulima: Ich bin ehrenamtlich bei der FRI in der internationalen Zusammenarbeit aktiv. Derzeit arbeite ich als Projektmanager in einer IT-Firma und bin mit der Bearbeitung von Internet-Applikationen und Webseiten für E-Kommerz und -Business beschäftigt. Von Dezember 2012 bis März 2014 war ich Vorsitzender des Ältestenrats der FRI. Seit 2009 hatte ich verschiedene Rollen inne: vom einfachen Mitglied bis hin zu einer leitenden Funktion in dieser Organisation.

ijab.de: Die FRI besteht seit 2002. 2010 hat sie den Preis für die ‚effektivste Jugendorganisation' gewonnen. Was macht die FRI aus, was sind ihre besonderen Stärken?

Jurij Sulima: Die hauptsächliche Arbeit der FRI besteht in der Schaffung einer Umgebung für Jugendliche, in der sie Raum für ihre eigene Bildung und Entwicklung innerhalb der ukrainischen Gesellschaft haben. Wir führen Maßnahmen und Aktivitäten durch, um die Gesellschaft zu verändern. Diese tragen auch zur Entwicklung der organisatorischen und beruflichen Fähigkeiten von Jugendlichen bei.

Es ist ein Ziel der FRI, zur Entwicklung einer Generation von Jugendlichen beizutragen, deren Werte es sind, in der Gesellschaft aktiv Position zu beziehen und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, ihnen beizubringen, welchen Wert Arbeit für die Verbesserung der Lebensqualität, des Wohlstandes und des Lebensstandards in der Gesellschaft hat.

Eine der Stärken der FRI besteht darin, dass sie Jugendlichen die Möglichkeit gibt, sich beruflich zu entwickeln und fortzubilden: Die FRI bietet eine Erstbeschäftigung in Form eines Praktikums im sozialen Bereich an. In einer Zeit, in der die Mehrheit der Hochschuleinrichtungen solch eine Möglichkeit nicht bietet, ist das ein großes Plus.

Das zweite Plus, das für die FRI spricht, ist die landesweite Aktivität: alle jugendlichen Mitglieder von FRI können alle Ecken eines der flächenmäßig größten Länder Europas kennenlernen und jede beliebige Stadt und jedes beliebige Plätzchen von West nach Ost besuchen.
 
An dritter Stelle würde ich hier zweifellos die große kulturell-aufklärerische und humanitäre Funktion der FRI nennen: Die Stiftung bietet aktiven ukrainischen Jugendlichen, also den Mitgliedern der Organisation und den Teilnehmenden an Maßnahmen, die Möglichkeit, ein umfassenderes und ganzheitlicheres Verständnis der Gesellschaft und ihrer Strukturen zu erlangen.

Die Arbeit der Mitglieder der Organisation in den über 40 lokalen Gruppen der Ukraine im humanitären Bereich ist sehr vielschichtig. Sie sind auch jugendpolitisch auf lokaler und nationaler Ebene aktiv.

ijab.de: Wie haben sich die Geschehnisse in der Ukraine in den letzten 12 Monaten auf Ihre Arbeit ausgewirkt? Merken Sie da eine Veränderung? Was sind aktuell Ihre Schwerpunkte?

Jurij Sulima: Was die Organisation betrifft, so führen wir derzeit eine Reihe sozialer Aktionen zur Unterstützung von Kindern und Jugendlichen aus Haushalten mit geringem Einkommen durch. Außerdem leisten wir Aufklärungsarbeit in Bezug auf die Unterstützung und Erhöhung des ehrenamtlichen Engagements von Jugendlichen und deren Selbstwahrnehmung als Bürgerinnen und Bürger einer vereinten Ukraine. Das ist gerade besonders aktuell, da sich das Land im Krieg mit Russland und terroristischen Gruppierungen im Osten des Landes befindet, die versuchen, die Existenz des Staates zu brechen bzw. das territoriale Gefüge des Landes zu verändern.

Ich persönlich konzentriere mich in der eigenen Organisation auf die Arbeit zur Lustration und Aufarbeitung der autoritären Vergangenheit, auf Antikorruptionsermittlungen und die internationale Zusammenarbeit.

ijab.de: Auf Ihrer Website habe ich gesehen, dass Sie auch internationale Kontakte pflegen. Wie kann Ihrer Meinung nach der internationale Austausch, insbesondere der Jugendaustausch, zur Entwicklung von Zivilgesellschaft in der Ukraine beitragen?

Iurii Sulima: Das stimmt. Die Erhöhung der Mobilität der ukrainischen Jugendlichen und die zunehmende Anzahl von internationalen Austauschmaßnahmen, die Reisen ukrainischer Jugendlicher ins Ausland sowie die Aufenthalte ausländischer Jugendlicher in der Ukraine lassen eine Mehrzahl positiver Schlussfolgerungen zu:

А) Der Rest der Welt wird über den Zustand der Gesellschaft in der Ukraine informiert.
B) Die Ukrainerinnen und Ukrainer lernen etwas über die Welt da draußen, in zukunftsorientierten Ländern und deren Erfolge bei der Entwicklung ihrer Gesellschaft.

Ich meine, dass die Ukraine und die Partnerländer der Ukraine, lokale und ausländische Organisationen, die partnerschaftliche Beziehungen unterhalten und die Situation in der ukrainischen Gesellschaft verstehen, sich bemühen sollten, ihr Maximum an Kräften auf die Entwicklung der Zivilgesellschaft in der Ukraine und einen Wechsel der politischen Elite hin zu einer fortschrittlichen, qualitativ neuen Elite zu verwenden.

ijab.de: Eine letzte Frage: Wo steht die Ukraine in 10 Jahren, was glauben Sie?

Jurij Sulima: In der derzeitigen Situation, mit der Kriegsgefahr und der Bedrohung im Osten des Landes vor Augen, ist es schwierig, über die Zukunft der Ukraine zu sprechen. Wichtig sind der Erhalt des Staates und damit auch der Erhalt der Zivilgesellschaft.

Im schlimmsten Falle schließen sich die ehrenamtlich tätigen Aktivisten den bewaffneten Kräften der Ukraine und den Freiwilligentruppen an, um die Armee zu unterstützen. Einem Teil der Gesellschaft fällt sogar jetzt der Krieg, der im Land vor sich geht, ‚nicht auf‘. Sie machen einfach so weiter als ob nichts wäre. Das trifft vor allem auf die Westukraine und die zentralen Regionen des Landes zu.

Auch in der Zivilgesellschaft machen sich die Probleme bemerkbar, die ein Krieg mit sich bringt: die soziale Unsicherheit in der Bevölkerung, die Kürzung der Sozialleistungen und sozialen Programme, die Arbeitslosigkeit etc. Alle diese Faktoren und die Hinterlassenschaften der alten Machtordnung und der Regierung unter Viktor Janukowitsch von der Partei der Regionen sowie der herrschende Krieg könnten die Zivilgesellschaft und die Ukraine insgesamt in einen neuen Kreislauf der Instabilität und revolutionärer Ereignisse stürzen.

Es liegt klar auf der Hand, dass eine schnellstmögliche Beendigung des Krieges und die Reform des politischen Systems der Ukraine sowie Veränderungen in den Elite- und Machtstrukturen zur Verbesserung des Lebens und zur Stabilität der Gesellschaft in der Ukraine beitragen würden. Dies könnte auch für unsere europäischen und amerikanischen Partner, unsere Partner im Kaukasus und im Nahen Osten interessant sein.

Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – nicht kommerziell – keine Bearbeitung CC BY-NC-ND 3.0


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