Jugendpolitische Zusammenarbeit mit Griechenland

Das Häusermeer von Athen
BildImage: Christian Herrmann  INT 3.0 – Namensnennung CC BY 3.0

Die Weiterentwicklung des deutsch-griechischen Jugend- und Fachkräfteaustausches ist ein wichtiges politisches Anliegen. Auf der Grundlage der im Koalitionsvertrag von 2013 angekündigten Gründung eines deutsch-griechischen Jugendwerks arbeitet das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gemeinsam mit seinen griechischen Partnern an der Förderung des deutsch-griechischen Jugendaustausches. Aktuell wird zwischen den zuständigen Ministerien Deutschlands und Griechenlands ein gemeinsames Konzept für die Intensivierung der Zusammenarbeit entwickelt, das auch die Errichtung eines Deutsch-Griechischen Jugendwerks einschließt. IJAB unterstützt die Förderung des deutsch-griechischen Jugendaustausches mit Angeboten zur Information, zur Vernetzung und zum Partneraustausch.

Christian Herrmann

Wir wenden uns der Jugend zu

Die nordgriechische Metropole Thessaloniki wird die Europäische Jugendhauptstadt 2014 sein. Möglich wurde dies durch das große Engagement der Jugend der Stadt – trotz der verheerenden Folgen der Schuldenkrise. Wir haben mit Maria Paschalidou, der für die Jugend zuständigen stellvertretenden Bürgermeisterin von Thessaloniki, über Chancen, Herausforderungen und Erwartungen gesprochen. Übrigens: Gruppen aus Deutschland sind bei den Aktivitäten der Europäischen Jugendhauptstadt herzlich willkommen!

Die Delegation aus Thessaloniki zu Besuch bei IJAB im September 2012. Maria Paschalidou ganz links im Bild.
Die Delegation aus Thessaloniki zu Besuch bei IJAB im September 2012. Maria Paschalidou ganz links im Bild. BildImage: Dr. Dirk Hänisch   Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – nicht kommerziell – keine Bearbeitung CC BY-NC-ND 3.0



Die Europäische Jugendhauptstadt ist eine Initiative des Europäischen Jugendforums, die im Jahr 2009 Rotterdam als erste Jugendhauptstadt krönte. 2010 hat Turin den Titel übernommen, 2011 folgte Antwerpen, 2012 die Stadt Braga, 2013 Maribor, um im Jahr 2014 nach Thessaloniki zu gelangen. Die Initiative des Europäischen Jugendforums, der größten Plattform von Nicht-Regierungsorganisationen Jugendlicher in Europa, in Zusammenarbeit mit der Europäischen Kommission, verleiht den Titel "Europäische Jugendhauptstadt (EYC)" derjenigen Stadt, die für ein Jahr ein integriertes Programm von Aktivitäten, Ideen und Anregungen für Jungendliche auf lokaler, nationaler und europäischer Ebene vorweist. Sie finanzieren keine Werke, Bau- oder Infrastrukturen, jedoch ein Programm diverser Aktivitäten, welches den Charakter, die Ideen und die Träume Jugendlicher darstellt.

Deutsche Träger und Gruppen, die Interesse haben, sich an den Aktivitäten der Europäischen Jugendhauptstadt Thessaloniki 2014 zu beteiligen, schicken eine E-Mail an info@DontReadMeijab.de.

Mehr Informationen: www.thessaloniki2014.eu

ijab.de: Frau Paschalidou, die Initiative für „Thessaloniki, Europäische Jugendhauptstadt 2014“ ging von Jugendlichen in der Stadt aus, nicht von der Stadtverwaltung oder gar einem Ministerium in der Hauptstadt Athen. Sie haben sehr eindringlich die Breite des jugendlichen Engagements hierfür beschrieben. Können Sie uns die Anfänge der Initiative und die Beweggründe der jungen Leute schildern?

Maria Paschalidou: Ich bin sehr erfreut, dass sich Ihnen der Eindruck vermittelt hat, dass die Initiative von der Jugend Thessalonikis ausgegangen ist, weil sie die Protagonisten sind! Der Anfang wurde jedoch von der Gemeinde gemacht, und ich hatte die Idee das  Projekt für die Jugendlichen und die kreativen Gruppen der Stadt zu öffnen. Sie fragen, welches ihre Motivation ist? Sich endlich Gehör zu verschaffen, sich das Morgen vorzustellen und dieses auszudrücken. Inhalte und Zielsetzungen, von denen Sie sich kaum vorstellen können, wie bedeutsam sie gerade in der aktuellen Situation sind. Thessaloniki hat als Universitätsstadt viele junge Menschen. Es ist schade, dass die Dynamik, die diese Situation mit sich bringt, nicht den Ort und die Zeit findet, sich auszudrücken und produktiv zu werden. Die Organisation der Jugend dieser Stadt stellte für mich nicht nur eine Herausforderung dar, sondern war auch eine Investition in die Zukunft.

ijab.de: Die Initiative für die Europäische Kulturhauptstadt kann man als bewusste Hinwendung zu Europa interpretieren. Wenn das stimmt, ist es keine Selbstverständlichkeit, denn im Rahmen der Sparmaßnahmen, die auch von der Europäischen Union von Griechenland gefordert werden, ist nicht jede Maßnahme, die aus Brüssel kommt, populär. Wie erklären Sie sich dieses starke Interesse der Jugend an Europa?

Maria Paschalidou: Wir sind doch Europa! Wenn uns manche, als etwas  anderes sehen wollen, dann aus eigennützigen Gründen. Erlauben Sie mir das so sagen. Sehen Sie, der griechische Geist kennt keine Grenzen. Die griechische Seele kennt kein Maß. Die Jugendlichen wissen sehr genau, dass Europa mehr ist als die Entscheidungen der politischen Führer und deren Interessen. Der hoffnungsvollste und unverbrauchte Teil unserer Gesellschaft ist unsere Jugend, und Europa  muss auf allen Ebenen auf sie setzen.

ijab.de: Die thematischen Schwerpunkte von „Thessaloniki 2014“ greifen viele kritische Themen auf: Die Zerstörung der natürlichen Ressourcen, die mangelnde Integration von Migranten, die Bedrohung durch soziale Probleme. Dennoch hat man nicht den Eindruck, dass man eine triste Veranstaltung zu erwarten hat. Im Gegenteil: Vieles wird positiv aufgegriffen, etwa durch Kultur, freiwilliges Engagement, Partizipation. Und immer wieder begegnen uns die Begriffe Stadt und Urbanität. Worin liegt diese besondere Kraft des Urbanen? Warum reagiert man in Thessaloniki nicht mit Resignation, sondern denkt nach vorne?

Maria Paschalidou: Wir haben unser Leid immer in Liedern besungen und den Kopf trotzdem hoch gehalten. Diese Haltung drückt sich besonders stark in den Aktionen der jungen Menschen aus, von denen  wir alle  in der momentanen Situation nur lernen können. Wir erkennen die Fehler an, die die  vorige Generation gemacht hat und wenden uns der Jugend zu, weil sie uns wirklich etwas lehren kann. Es ist keine Generation, die Krieg, Armut und  Hunger erlebt hat. Es ist eine Generation, die sich plötzlich im Focus der historischen Situation befindet und angehalten ist, sich entgegenzustellen. Und das alles in einer Zeit, in der die Selbstachtung der Griechen extrem beschädigt ist. Sie wird es schaffen! Bleibt nicht nur Zuschauer, schließt euch an. Denn, wir erleben diese Situation jetzt, doch andere werden vielleicht in Zukunft Ahnliches erleben.

ijab.de: Das Bild, das von Griechenland in den letzten Monaten in manchen deutschen Medien verbreitet wurde, war nicht immer freundlich. Rassistische und fremdenfeindliche Vorurteile wurden bedient und auch Teile der griechischen Öffentlichkeit haben ein negatives Bild Deutschlands gezeichnet.  Mit anderen Worten: Das deutsch-griechische Verhältnis hat schon einmal bessere Tage gesehen. Dennoch haben Sie uns gesagt, Sie würden sich besonders darüber freuen, wenn deutsche Jugendgruppen 2014 nach Thessaloniki kämen. Wir geben diesen Wunsch natürlich gerne an deutsche Träger und Institutionen weiter. Worüber müssten junge Deutsche und junge Griechinnen und Griechen Ihrer Meinung nach besonders dringend miteinander reden?

Maria Paschalidou: Was glauben sie? Die Wirklichkeit, in der die Jugendlichen Thessalonikis heute lebt, unterscheidet sich grundlegend von der Wirklichkeit der Jugendlichen in Deutschland oder in anderen europäischen Ländern und auch von deren Zukunft. Die Lektion, die wir als Land lernen mußten, ist, dass man abends schlafen geht mit einem Zuhause, Auto und einer Zukunft und am nächsten Tag wach wird und nichts mehr hat. Wenn dies in einem Land geschieht, wie kann man ausschließen, dass es nicht auch woanders passiert? Ich will mich nicht als Prophet aufspielen, aber wenn die Jugend nicht jetzt spricht, morgen wird es zu spät sein!

ijab.de: Betreiben Sie ein bisschen Werbung! Stellen Sie sich vor, Jugendorganisationen, Initiativen, kommunale Stellen und freie Träger in Deutschland lesen dieses Interview: Was möchten Sie Ihnen sagen? Warum sollen Jugendliche 2014 nach Thessaloniki kommen? Was erwartet sie dort? Wofür werden sie gebraucht?

Maria Paschalidou: Wir haben diesen Titel erhalten aufgrund unserer Bewerbung. Es haben insgesamt 800 Freiwillige und 44 Organisationen an der Darstellung und Formulierung der offiziellen Bewerbung teilgenommen. Im März und April 2011 haben junge Menschen aus unserer Stadt gemeinsam mit freiwilligen Helfern aller Altersgruppen, an Arbeitstreffen teilgenommen, in denen konkrete Vorschläge erarbeitet wurden. Es wurde ein Programm von Aktionen entwicklet und dem Portfolio für die Bewerbung Thessalonikis für  die „Europäische Jugendhauptstadt 2014“ beigefügt. Es war das erste Mal in der Geschichte der Stadt, dass so viele junge Leute zusammengearbeitet haben, mit dem gemeinsamen Ziel, zukünftige Aktionen zu planen, die die Jugend betreffen. Die 800 Freiwilligen, die nicht konkreten Gruppen zuzuordnen sind, NGOs, Universitäten, Verwaltungsstellen u.a. waren die Zugpferde für die Vorbereitung des Programms für „Thessaloniki – europäische Jugendhauptstadt 2014“. Alle Aktionen betreffen die junge Bevölkerung Thessalonikis, darüber hinaus aber auch Griechenlands, Europas und der Welt. Thessaloniki ist eine lebendige, frische Stadt. Sie strebt an, ein innovatives europäisches Zentrum zu werden. Durch Kultur und Tradition, jungen Tourismus und die Durchsetzung einer Politik für die Jugend. Eine Institution wie „Thessaloniki – europäische Jugenhauptstadt 2014“ stellt die Nöte der zeitgenössischen Jugend dar, eröffnet neue Möglichkeiten produktiven Handelns und treibt politische Lösungen zum Wohle der Jugend voran. Desweiteren gibt sie jungen Menschen die Möglichkeit, teilzunehmen an der Darlegung und der Durchführung von Aktionen im Rahmen von „Thessaloniki – europäische Jugendhauptstadt 2014“. Wir erwarten auch von Ihrer Jugend, uns Handlungsweisen, Methoden und Aktionen vorzuschlagen, damit wir zusammen etwas erreichen können.

Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – nicht kommerziell – keine Bearbeitung CC BY-NC-ND 3.0


Kommentare ( 2 )

Besnik Ibishi

Konnen Auch dieJugendlichen von Kosovo hier sein

Christian Herrmann

Hallo Besnik Ibishi,
ich gehe davon aus, dass sich auch Jugendliche aus dem Kosovo beteiligen können. Am besten kontaktieren Sie die Veranstalter über www.thessaloniki2014.eu.

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