Elena Neu

Stadt-Land-Fluss in Berlin Steglitz-Zehlendorf und Ungarn: Aus der Praxis einer KGI Kommune

Angie Heinz, Mitarbeiterin des Jugendamtes des Bezirks Berlin Steglitz-Zehlendorf, berichtet über die jährlich stattfindende einwöchige internationale Begegnung von ca. 30 Kindern und Jugendlichen mit Hin- und Rückbesuch in Deutschland und Ungarn. Die teilnehmenden 12- bis 17-Jährigen aus Berlin waren Besucher*innen des städtischen Hauses der Jugend Albert Schweitzer, während die Teilnehmenden des ungarischen Partners Schüler*innen der öffentlichen Schule in Szilvásvárad sind.

BildImage: Angie Heinz

KGI: Was hat die jugendlichen Teilnehmenden aus Berlin Steglitz-Zehlendorf im August 2018 bewogen, nach Ungarn zu reisen?

Hauptgründe für die Teilnahme waren laut den Jugendlichen das Wiedersehen und die täglichen Treffen mit den mittlerweile befreundeten, ungarischen Jugendlichen, die verschiedenen Aktivitäten, welche vor Ort angeboten werden sowie die Möglichkeit ein „fremdes Land“ zu besuchen, Kultur, Sprache und Essen kennen zu lernen und einfach mal „raus aus Berlin“ zu kommen.
Einige der Teilnehmenden waren zum ersten Mal im Ausland und sind auch zum ersten Mal geflogen.

KGI: Was sind die Erfolgsfaktoren dieser Begegnungsreisen, die Sie seit 2012 durchführen?

Eine gut strukturierte Planung und Organisation der Maßnahme (inkl. Vor- und Nachbereitung) mit einem partizipativ gestalteten, ausgewogenen und abwechslungsreichen Programm unter dem Motto „Stadt – Land – Fluss“, sowie verlässliche Absprachen mit den ausführenden Kolleg*innen und Partner*innen im Ausland bilden die Basis einer erfolgreichen Begegnung.
Einige Indikatoren, welche verdeutlichen, dass die Maßnahme erfolgreich war sind:

  • Die Rückmeldungen aller Beteiligten während und nach der Maßnahme sind zur Gänze bzw. überwiegend positiv. Die Teilnehmenden fühlen sich wohl, gut informiert und gut betreut.
  • Die Teilnehmenden haben aus den verschiedenen Bereichen (Kultur, Natur, Politik, Geschichte) Informationen über das Partnerland erhalten und das Programm war ausgewogen (Freizeit/Sport/naturpädagogische, geschichtliche, kulturelle Inhalte). Die partizipativ geplanten Inhalte sind überwiegend oder zu 100 % im Programm berücksichtigt und jugendgerecht vermittelt worden. Das bedeutet auch, dass spontan hinzugefügte Programmpunkte gut aufgenommen wurden. Die nachhaltige Wirkung wurde daran deutlich, dass die Teilnehmenden die vermittelten Inhalte bzw. das Erlebte nachträglich in Gesprächen thematisierten, Nachfragen stellten und überwiegend positive Rückmeldungen gaben.
  • Es fanden konkrete Begegnungen von Teilnehmenden beider Nationen über mehrere Tage statt, neue Kontakte wurden hergestellt und bestehende wurden intensiviert. Mehrere Kontakte werden auch nach der Begegnung über Soziale Netzwerke gehalten. In der Auswertung mit den Berliner Teilnehmenden äußerten diese, dass die Begegnung gut gelaufen sei, weil man die ungarischen Teilnehmenden gut kennenlernen und Freundschaften schließen konnte, welche auch nach der Begegnung gepflegt werden.

KGI: Welche Herausforderungen gab es und wie haben Sie es geschafft, diese zu bewältigen?

Je länger man über die Frage nachdenkt, desto mehr Herausforderungen fallen einem ein. Deswegen beschränke ich mich auf die meiner Meinung nach vier Größten:

Sprachbarriere - Die größte Herausforderung stellt auch nach den vielen Jahren weiterhin die ungarische Sprache bzw. die Verständigung generell dar. Obwohl ich einen Ungarisch-Sprachkurs über mehrere Jahre belegte, unsere ungarischen Partner*innen Deutsch lernen und die teilnehmenden Kinder und Jugendlichen aus Berlin die Möglichkeit erhielten, kostenlos Ungarisch in der Jugendfreizeiteinrichtung zu erlernen, wird eine Sprachmittlerin während jeder Begegnung zur Unterstützung eingesetzt.
Finanzen – Da für die internationale Jugendarbeit nur sehr begrenzte finanzielle Ressourcen aus Mitteln des Kinder- und Jugendplan des Bundes, des Fördervereins des Hauses der Jugend sowie aus Teilnehmendenbeiträgen zur Verfügung stehen, um diese in der Ausgestaltung des Programmes einzusetzen, sind Ideenreichtum, ausgeprägtes Verhandlungsgeschick und wirtschaftliches Handeln unerlässlich. Die Kunst ist es, jede Maßnahme, trotz geringer Ressourcen mit viel Inhalt zu füllen.
Personal – Konstante Ansprechpartner*innen auf ungarischer Seite vereinfachen die gemeinsame Planung, jedoch wechselte die Teamzusammensetzung auf deutscher Seite fast jährlich. Solange mind. ein/e feste/r Verantwortliche/r verfügbar ist, stellt auch der häufige Wechsel weniger ein Problem dar. Es ist schwer, geeignete Betreuungspersonen für Internationale Begegnungen zu finden, zumal die tägliche Dienstzeit praktisch immer überschritten wird. Glücklicherweise konnten bisher immer engagierte Mitarbeiter*innen und unterstützend Honorarkräfte und Ehrenamtliche für die Maßnahmen gewonnen werden.
Grenzüberschreitungen – Neben dem Austesten von Grenzen der Kinder und Jugendlichen, was zum täglichen Geschäft der Mitarbeitenden gehört, werden vermehrt Eltern mit einem überfürsorglichen Verhalten zu einer Herausforderung während der Maßnahmen. Waren es in der Vergangenheit nur die Anrufe der Eltern (nicht nur bei ihren Kindern, sondern auch bei den Mitarbeitenden bzw. in der Unterkunft), ist es nun schon vorgekommen, dass a) Freunde der Familie oder b) die Eltern selbst „zufällig“ vor Ort (in Ungarn) auftauchten, um ihre Kinder zu überraschen. Die Nachbereitung und die Entstörung bzw. Beruhigung der Gruppendynamik dauerten mehrere Tage. Auch die Thematisierung der Folgen solcher Besuche bei Elternabenden im Vorfeld der Maßnahme brachte bisher nicht den gewünschten Erfolg. Diese Herausforderung gilt es noch zu bearbeiten.

KGI: Wie kam es dazu, dass die Bezirksbürgermeisterin von Steglitz-Zehlendorf, Frau Richter-Kotowksi die Begegnung besucht/begleitet hat und was hatte das für Wirkungen?

Während der Internationalen Begegnung im August 2017 in Berlin lud die Bezirksbürgermeisterin die Gesamtgruppe zum offiziellen Empfang ein. Im Gespräch mit ihr berichteten unsere ungarischen Partner*innen und ich von den bisherigen Internationalen Begegnungen in Szilvásvárad und Berlin. Unsere Ausführungen stießen auf großes Interesse, sodass Frau Richter-Kotowski ihren Besuch für die internationale Begegnung 2018 in Szilvásvárad ankündigte, umsetzte und dort aktiv am Programm teilnahm.

Die Teilnehmenden waren aufgeregt, gespannt, hatten viel Spaß und empfanden die Teilnahme der Bezirksbürgermeisterin als große Ehre. Die ungarischen Kinder, deren Eltern und unsere Partner*innen vor Ort haben sich ebenfalls sehr auf den Besuch der Bezirksbürgermeisterin gefreut. Als Politikerin einer großen Stadt in Europa, fühlten sich alle sehr geehrt durch ihren Besuch, sagten mir unsere ungarischen Partner*innen.

Die bilaterale internationale Begegnung von Jugendlichen stellt laut Frau Richter-Kotowski einen wichtigen Beitrag zur Verständigung in Europa dar. Die Kinder und Jugendlichen zeigten sich am Thema interessiert und wirkten aktiv mit. Eine Begegnung im Rahmen der politischen Bildungsarbeit, sei weder Urlaub noch Erholungsmaßnahme, dies wäre in dieser Woche deutlich geworden.

Aus diesen Gründen ist das Ziel, weiterhin Internationale Begegnungen im Rahmen der Jugendarbeit durchzuführen und die Teilnahme an diesen Begegnungen für Kinder und Jugendliche zu ermöglichen.



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