Lisa Brüßler

Zehn Jahre Fachkräfteportal: Erfolgsgeschichte und Multiplikator für die deutschsprachige Kinder- und Jugendhilfe

Seit 2006 online, feierte www.jugendhilfeportal.de mit der Fachtagung „Digitalisierung in der Kinder- und Jugendhilfe – Chancen und Herausforderungen“ im Centre Français de Berlin Geburtstag. Kein Zufall, denn 2004 wurde die Konzeption für ein Fachkräfteportal der Kinder- und Jugendhilfe hier zum ersten Mal vorgestellt und diskutiert. Nach zehn Jahren intensiver Nutzung stellten sich jetzt vor allem Zukunftsfragen: Welche Konsequenzen ergeben sich aus einer zunehmenden Digitalisierung aller Lebensbereiche für die Kinder- und Jugendhilfe? Hate Speech, Cybermobbing, Datenschutz sowie Bildungs- und Teilhabechancen bilden dabei zentrale Herausforderungen des digitalen Zeitalters. Darauf wies auch die Parlamentarische Staatsekretärin bei der Bundesjugendministerin Caren Marks hin.

Caren Marks, die Parlamentarische Staatsekretärin im Bundesjugendministerium bei der Abendveranstaltung zum 10-jährigen Bestehen des Internetportals. BildImage: Isabel Kiesewetter | IJAB

Die Abendveranstaltung zum 10-jährigen Bestehen des Internetportals griff die aktuellen Radikalisierungstendenzen im Netz als inhaltlichen Schwerpunkt auf.  „Seit 2011 beobachten wir beim Monitoring von Rechtsextremismus und Islamismus im Netz zwei Tendenzen: Eine drastische Zunahme von Hass- und Gewaltbeiträgen und zugleich eine immer subtilere, professionellere Ansprache“, erklärte Stefan Glaser von jugendschutz.net. Auf eindringliche Art und Weise stellte er dem Publikum anhand eines vielgeklickten Propagandavideos des Islamischen Staats vor, wie das Internet zum zentralen Medium der Ansprache von Kindern und Jugendlichen wird: „Soziale Medien sind, weil sie so beliebt sind und eine hohe Reichweite haben, ideal, um Nachwuchs zu rekrutieren und extremistische Inhalte schnell zu verbreiten.“ Die Kommunikation über Bilder knüpft an die Lebenswelt junger Menschen an und ist schnell erfassbar – zudem würden immer mehr Falschmeldungen und verdrehte Tatsachengeschichten genutzt, so Glaser. Doch wie kann man dem Zeitalter Hass 4.0 und dem steigenden politischen Extremismus begegnen? „Wenn menschenfeindliche Ideologien junge Menschen zum Ziel haben, dann geht uns das alle etwas an“, sagte IJAB-Direktorin Marie-Luise Dreber zum zehnjährigen Jubiläum des Fachkräfteportals und unterstrich dessen Anspruch, die Kinder- und Jugendhilfe bei den brennenden Herausforderungen der heutigen Zeit zu unterstützen.

Fachkräfte informieren, vernetzen und Transparenz schaffen  

Mit dem Fachkräfteportal der Kinder- und Jugendhilfe leisten Bund und Länder ihren Beitrag zum Thema. „Die Digitalisierung durchdringt alle Lebensbereiche. Das Fachkräfteportal greift die Debatte auf, möchte Diskussionen vertiefen und stellt Informationen und Materialien zur Verfügung, um Orientierung zu geben“, sagte Peter Klausch von der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe (AGJ). Als unabhängige Plattform stelle sich das Portal den aktuellen Diskussionen und Herausforderungen, zum Beispiel mit Fokusthemen zu jungen Flüchtlingen oder der Reform des Kinder- und Jugendhilfegesetzes. „Das Portal ist zehn Jahre online und ich kann mit Stolz sagen, es erfüllt seine Bestimmung Fachkräfte zu informieren, zu vernetzen und Transparenz zu liefern über Aktivitäten auf allen Ebenen: kommunal, auf Länder- und Bundes- und auch europäischer Ebene.“ Das bestätigen auch die stetig steigenden Zugriffszahlen, die hohe Zahl an Kooperationspartnern und die Präsenz in den sozialen Medien.

Das sah auch Martina Reinhardt vom Thüringer Ministerium für Bildung, Jugend und Sport so: „Ein Sprichwort sagt, Erfolg hat viele Mütter und Väter – Misserfolg nur wenige. Das trifft auch auf das Fachkräfteportal der Kinder- und Jugendhilfe zu: Es ist eine Erfolgsgeschichte und zu einem Multiplikator der deutschsprachigen Kinder- und Jugendhilfe geworden, sodass man es kaum noch wegdenken kann.“ Die Idee des Fachkräfteportals sei es, konzentriert auf einem Portal Informationen einzustellen, die den Weg über eine Suchmaschine ersparen – von Interessierten für Interessierte: „Pro Monat werden 2,5 Millionen Pageviews gezählt – diese Zahl spricht für sich. Ich kann dem Fachkräfteportal nur wünschen, dass es ins Teeniealter kommt und volljährig wird. Dazu gehört für das Fachkräfteportal dann hoffentlich auch die finanzielle Unabhängigkeit und Entfristung. Ich wünsche mir, dass die Mütter und Väter dieses Erfolges auf die Entwicklung ihres Kindes schauen, das Portal weiter unterstützen und für einen reibungslosen Übergang in die nächste Förderperiode sorgen“, gab Reinhardt dem Projekt mit auf den Weg.

Digitalisierung als Chance für alle jungen Menschen

Caren Marks, Parlamentarische Staatssekretärin bei der Bundesjugendministerin, appellierte, bei der Digitalisierung alle jungen Menschen abzuholen: „Ich bin von den großen Chancen überzeugt, wenn alle daran teilhaben können und wir es schaffen, Kinder und Jugendliche stark zu machen, das Netz verantwortungsvoll zu nutzen. “ Das Fachkräfteportal der Kinder- und Jugendhilfe habe sich seit nunmehr zehn Jahren zur zentralen Plattform für alle Haupt- und Ehrenamtlichen etabliert, ein Gemeinschaftserfolg, an dem auch die 170 Organisationen mitgewirkt haben, die das Portal mit Leben füllen, so die Staatssekretärin. Für sie stellten sich vor allem zwei Fragen: Wie können wir bessere Bildungschancen, mehr Teilhabe, mehr Inklusion und Integration für alle Kinder und Jugendliche erreichen? Und wie erreichen wir einen zeitgemäßen Kinder- und Jugendschutz?

Alle gleichermaßen teilhaben zu lassen sei aber gar nicht so einfach: „Digitale Medien sind eine Ressource für Bildung und Teilhabe, die nicht unterschiedlich verteilt sein darf. Das Ziel muss es sein, dass alle Kinder und Jugendliche von den neuen Teilhabemöglichkeiten profitieren, aber auch um ihre Risiken wissen.“ Dazu müsse vor allem die Medienkompetenz in den Familien gestärkt werden. Mit Online-Ratgebern wie „Schau Hin! Was Dein Kind mit Medien macht.“ und Angeboten wie „Gutes Aufwachsen mit Medien“ informiert und berät das Bundesfamilienministerium bereits. Mit der „Nummer gegen Kummer“ und jugend.support unterstützt das Bundesfamilienministerium Beratungsangebote für Betroffene: „Der Schutz der persönlichen Integrität wird besonders in den sozialen Netzwerken immer wichtiger. Knapp 40% der Jugendlichen sagen, Cyber-Mobbing ist in ihrem Bekanntenkreis schon mal vorgekommen. Da müssen wir noch stärker auf Prävention setzen, um eine veränderte Netzkultur zu etablieren“, plädierte Marks.

No Hate Speech – wie man Hasskommentaren begegnet

Ein positives Beispiel, wie man mit Hass im Netz umgehen kann, stellte Sina Laubenstein von den Neuen deutschen Medienmachern (NDM) vor. Mit der Kampagne „No Hate Speech – Hass ist keine Meinung“, die die Neuen deutschen Medienmacher für den Europarat in Deutschland umsetzen, richten sie sich laut und freundlich an Betroffene, aber auch die schweigende Mehrheit. Hate Speech meint das bewusste Herabsetzen und Bedrohen bestimmter Personen oder Personengruppen. Interessanterweise sind die „hater“ selbst eine Minderheit, ergibt nach Laubenstein das Ergebnis einer Studie: „75 Prozent haben im Netz schon einmal Hass erlebt, 48 Prozent zögern deshalb mitzudiskutieren, aber nur fünf Prozent der Personen, die im Netz unterwegs sind, sind hater.“ Diese Zahl sei deshalb so unvorstellbar, weil so wenig Menschen Kontra geben: „Wir wollen die Menschen dazu bringen, den Mund aufzumachen, um die Kommentarkultur zu verbessern“, erklärte Laubenstein. „Es wird viel zu oft vergessen, dass Kinder diese Kommentare sehen und dann denken, es sei okay sich so zu äußern oder dadurch eingeschüchtert werden“.

Da konnte ihr Stefan Glaser nur zustimmen: „Vor allem Extremisten haben die Demokratie und pluralistische Gesellschaft im Visier und beschreiben sie als degenerierte Gesellschaft ohne Werte. Dazu kommt, dass sich Kommentare oft gegenseitig hochschaukeln und auch das Posten unter Klarnamen Normalität geworden ist.“ Man fühle sich wohl sicher vor einer Löschung. Die Hemmschwelle für radikale Beiträge ist für Glaser in den vergangenen Jahren immer weiter gesunken. „Besonders drastische Beiträge bekommen die meisten Likes und die hater fühlen sich durch Anonymität und fehlenden Widerspruch unangreifbar und mächtig“. Nötig wäre für ihn, dass Hassinhalte schneller gelöscht werden, es funktionierende supports gibt und auch mehr pädagogische Aktivitäten, die die User stärken.

Die Kampagne der NDM schlägt noch eine andere Strategie ein: Sie versucht insgesamt mehr positive Nachrichten zu teilen, fordert, hater bei den verantwortlichen Stellen zu melden und hat eine Reihe von Bildern, die sich humoristisch mit den Hasskommentaren auseinandersetzen, die unter entsprechende Beiträge gepostet werden können. 2017 will die Kampagne auch Redaktionen und Journalisten schulen, wie angemessen auf Hate Speech reagiert werden kann. Und das Beste: „Jeder kann und sollte die Kampagne unterstützen und den Gedanken von No Hate teilen“, so IJAB-Direktorin Marie-Luise Dreber.

Hintergrund

Das Fachkräfteportal der Kinder- und Jugendhilfe ist ein Kooperationsprojekt von IJAB – Fachstelle für Kinder- und Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e. V. und der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ. Das Projekt wird vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) und der Arbeitsgemeinschaft der obersten Landesjugend- und Familienbehörden (AGJF) gefördert.

Das Informations-, Kommunikations- und Kooperationsangebot besteht seit 2006 und ist das umfangreichste seiner Art. Heute nutzen monatlich rund 45.000 Personen das umfassende Angebot, der Newsletter erreicht über 5.500 Empfängerinnen und Empfänger. Die Facebook-Seite hat über 8.500 Fans und die neuesten Tweets lassen sich rund 4.500 Follower zusenden.



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