Kerstin Wondratschek

Deutschsprachige Gemeinschaft in Belgien stellt ersten Jugendstrategieplan vor

Ende Februar 2013 wurde der erste Jugendstrategieplan in der deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens (DG) vom Parlament genehmigt. Er ist das wichtigste Steuerungsinstrument der Jugendpolitik, die als Querschnittsaufgabe in der Regierung in der DG verstanden wird. Ziel der neuen Jugendpolitik ist es, „den effektiven Bedarf zu erkennen, um die Situation junger Menschen in der DG zu verbessern.“ Der Jugendstrategieplan ist bis 2015 angelegt.

Coverausschnitt des Jugendstrategieplans der deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens.
Coverausschnitt des Jugendstrategieplans der deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens. BildImage: Regierung der deutschsprachigen Gemeinschaft / photocase.com

„Die Regierung verabschiedet für jede Legislaturperiode einen fachübergreifenden (Jugend) Strategieplan und setzt diesen um.“, heißt es in Art. 4 des Dekrets zur Förderung der Jugendarbeit, das seit Dezember 2011 in der DG gilt. Es markiert den Start einer völlig neuen Jugendpolitik in der DG. Jede Regierung muss fortan einen eigenen Jugendstrategieplan vorlegen.

Erster Jugendstrategieplan: „Zukunft für alle jungen Menschen - Benachteiligte junge Menschen in den Fokus“

Um den konkreten Bedarf der Jugendlichen zu erkennen und einen effektiven Jugendstrategieplan zu entwickeln, soll zukünftig in einem 4-Schritte-Modell vorgegangen werden:

  1. die aktuelle Lebenssituation Jugendlicher in der DG analysieren
  2. den Bedarf zur Verbesserung der Lebenssituation Jugendlicher erkennen und adäquate Maßnahmen planen
  3. die Maßnahmen umsetzen
  4. die Maßnahmen evaluieren

Für die aktuelle Regierung und den derzeitigen Strategieplan bleiben die letzten beiden Schritte noch offen. Da es zurzeit noch keine Sozialraumanalysen gibt, wurde für Schritt 1 auf bestehende Berichte und Analysen als Grundlage zurückgegriffen: der Bericht der Streetworkerin der DG, Empfehlungen der Zukunftskonferenz zum Thema Jugendhilfe und der Bericht zur Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsens e.V. (KFN) „Gewalterfahrungen und Medienkonsum bei Jugendlichen in der DG“. Daraus hat sich ergeben, dass  die Themen Gewaltprävention, Chancengerechtigkeit und Recht auf besondere Hilfe bzw. Förderung für junge Menschen mit vielfältiger Problembelastung als zentrale Handlungsfelder gesehen werden. Der Jugendstrategieplan 2013-2015 steht deshalb unter dem Motto „Zukunft für alle jungen Menschen – Benachteiligte junge Menschen in den Fokus“.

Das Motto ist inhaltlich den beiden bereits bestehenden Strategiepapieren der Regierung für die Legislaturperiode 2009-2014 „Regionales Entwicklungskonzept 2025 (REK)“ und „Laufendes Arbeitsprogramm (LAP)“ sehr nahe. Daher wurde der erste Jugendstrategieplan ergänzend zum REK und LAP entwickelt. Im Jahr 2012 wurden vorab zwei Schwerpunktthemen beschlossen:

  • Inklusion von benachteiligten Jugendlichen
  • Gewaltbereitschaft bei jungen Menschen

Maßnahmen planen

Resultierend aus den Schwerpunktthemen sieht der Jugendstrategieplan sieben praxisorientierte Maßnahmen vor (Schritt 2), die im Zeitraum 2013-2015 umgesetzt werden sollen:

  1. Weiterbildungsmodule „Gewaltprävention“: Themen Umgang mit misshandelten Kindern, Angebote der Jugendhilfe, Gewalt und Konfliktbewältigung
  2. ein Weiterbildungsmodul „aufsuchende Jugendarbeit“ für Jugendarbeiter/-innen organisieren sowie eine Fachtagung durchführen, die auch Erzieher(inne)n offen stehen sollte.
  3. Weiterbildungsmodule „Umgang mit Ängsten Jugendlicher“ und „Zukunftsplanung“ für hauptamtliche Jugendarbeiter/-innen organisieren.
  4. Angebote für Erlebnispädagogik für Jugendliche in der DG schaffen.
  5. eine Sensibilisierungskampagne zum Thema „Häusliche Gewalt“ durchführen.
  6. eine Sensibilisierungskampagne zum Thema „Gewalt in den Medien und kritischer Umgang mit Medien“ durchführen.
  7. eine Präventionsaktion zum Thema „Cyber-Mobbing und Mobbing“ organisieren (u. a. Vorstellen von Best practice wie die Initiative "Wo der Spaß aufhört …" des Instituts für Medienpädagogik Bayern).

Die sieben Maßnahmen wurden von einer Steuergruppe ausgearbeitet, die sich aus Jugendeinrichtungen und Jugendrat zusammensetzt. Impulse erhielten sie durch Gespräche mit Fachleuten und durch Vorträge im Rahmen von zwei Fachtagungen. Der erstellte Vorentwurf wurde anschließend dem Rat der deutschsprachigen Jugend (RdJ) zur Stellungnahme vorgelegt. Zwei Tage lang konnten sich Jugendliche im Rahmen des Strukturierten Dialogs zum Entwurf äußern. Die Rückmeldungen wurden in die Endfassung des Jugendstrategieplans aufgenommen. Die Steuergruppe wird die Umsetzung weiter begleiten und evaluieren.

Weitere zeitliche Planung

Seit Januar 2013 befinden sich die von den Trägern der offenen Jugendarbeit, Jugendinfozentren und Jugendorganisationen eingereichten Konzepte  in der Umsetzung, die bis Ende 2015 läuft. Bis Ende April 2014 müssen die Sozialraumanalysen, die Sachstandsanalysen, der Zwischenbericht und der Entwurf des nächsten Strategieplans vorliegen.

Achtsamkeit (Mindfulness) – Beispiel aus der Praxis

Nach der Erstellung des Vorentwurfs zum Jugendstrategieplan, bei dem der RdJ mitgewirkt hatte und zu dessen Gelingen der Rat entscheidend beitragen möchte, forderte er flächendeckende Präventionsmaßnahmen für Jugendliche. „Problemjugendliche“ dürften nicht in eine Negativspirale fallen, aber auch Jugendliche, die ohne massive Probleme „im Stillen“ unter psychologischem oder emotionalem Druck leiden, müssten aufgefangen werden. Jeder Jugendliche sollte die Möglichkeit erhalten, sich zu einem glücklichen Menschen entwickeln zu können.

In Anlehnung an die Schwerpunktthemen des Jugendstrategieplans - Inklusion von benachteiligten Jugendlichen und Gewaltbereitschaft bei jungen Menschen – entwickelte der RdJ ein Konzept zum Thema ‚Mindfulness‘. Ziel ist es, dass Jugendliche eine innere Distanz zu ihrem Problem bekommen und ihre Gedanken- und Emotionsmuster wertfrei beobachten. Lernen sollen sie dies in so genannten Achtsamkeits- oder ‚Mindfulness‘-Trainings. Die darin erlernten Reaktionsmuster und der Umgang mit den eigenen Gedanken und Emotionen soll sie dabei unterstützen, sich bewusst für einen anderen Weg zu entscheiden, die Negativspirale zu durchbrechen und bestenfalls ein gutes Vorbild für die nächste Generation zu sein. In dem Konzept der Trainings sieht der Rat die Bewältigung dieser Themen gegeben, auch bezugnehmend auf Studien, die den Erfolg der Trainings belegen.

Am 14. September 2013 werden die Achtsamkeitstrainings bei einem Kongress vorgestellt. Sobald ein Partner gefunden ist, möchte der RdJ im Rahmen eines Pilotprojekts an einer Schule mit den Trainings starten. Ziel ist es, mittelfristig allen Jugendlichen in der DG die Teilnahme an einem Training zu ermöglichen.

Hintergrund zur Regierung in der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens

Seit Juni 2009 leitet die siebte Regierung in der Deutschsprachigen Gemeinschaft das politische Geschäft. Die Regierung besteht aus einer Koalition der Parteien SP, Pro-DG und PFF. Folgende strategische Herausforderungen hat sie für sich definiert: die kulturelle Identität stärken, dem demografischen Wandel begegnen, die Bildungsqualität steigern und den Standort Ostbelgien festigen. Die Grundlage der Regierungsarbeit bildet das Regionale Entwicklungskonzept (REK, 2008).

Der aktuellen Regierung gehören vier Minister/-innen an. Ministerin Isabelle Weykmanns, Ministerin für Kultur, Medien und Tourismus, ist zuständig für die Jugendpolitik in der DG, wenngleich das Thema Jugend auch als Querschnittsaufgabe verstanden und ressortübergreifend behandelt wird.

Mit rund 75 000 Einwohnern ist die deutschsprachige Gemeinschaft die kleinste der drei politischen Gemeinschaften in Belgien.

Quellen:



Begleiten Sie uns

RSS-Feed abonnieren IJAB auf Facebook IJAB-Alumni-Gruppe auf Facebook IJAB auf Twitter IJAB auf YouTube

Newsletter