Susanne Klinzing

Internationale jugendpolitische Zusammenarbeit ist mehr als nur eine höfliche Geste

Seit dem 1. Juli 2013 ist Kroatien Mitglied der Europäischen Union. Nur wenig ist über die dortige Jugendpolitik bekannt. Wir haben Ante Martić, Leiter des Sektors Jugend, und Morana Makovec, Referatsleiterin ‘Entwicklung, Umsetzung und Förderung der Jugendpolitik’ im Sektor Jugend zur jugendpolitischen Entwicklung und den Zielen der jugendpolitischen Zusammenarbeit in Kroatien befragt.

Blick auf die Stadt Poreč auf der Halbinsel Istrien (Kroatien)
Blick auf die Stadt Poreč auf der Halbinsel Istrien (Kroatien) BildImage: motorlka - fotolia.com

ijab.de: Herr Martić, Frau Makovec, welche Schwerpunkte werden derzeit im Bereich der Jugendpolitik in Kroatien gesetzt? Welche Themen sind besonders wichtig?

Antwort: Das Nationale Jugendprogramm, das 2009 verabschiedet wurde und bis 2013 angelegt ist, umfasst sieben sogenannte Aktionsfelder. Das sind:

  • Bildung und Ausbau der Informations- und Kommunikationstechnologien,
  • Beschäftigung und Unternehmertum,
  • Sozialpolitik,
  • Gesundheitsvorsorge und reproduktive Gesundheit,
  • Aktive gesellschaftliche Beteiligung von Jugendlichen,
  • Jugendkultur und Freizeit,
  • Mobilität, Information und Beratung.

Darunter fallen dann jeweils entsprechende Maßnahmen und Aktivitäten, um diese Aktionsfelder mit Leben zu füllen. Hier sind den ausführenden Einrichtungen natürlich auch Fristen gesetzt, um die gesetzten Ziele zu erfüllen. Je nachdem, wie die aktuelle politische und wirtschaftliche Situation ist, rückt das ein oder andere Aktionsfeld auch starker in den Fokus.

Derzeit läuft eine umfassende, von unserem Ministerium in Auftrag gegebene Studie über die Potenziale, Probleme und Bedürfnisse von Jugendlichen. Auf Grundlage der daraus gewonnenen Erkenntnisse soll die Fortsetzung des Jugendprogramms für den Zeitraum 2014 bis 2017 entwickelt werden. Damit setzen wir unsere Bemühungen für die Umsetzung einer evidenzbasierte Jugendpolitik in Kroatien fort.

ijab.de: Neben dem Ministerium als staatlichem Akteur, der sich um die Belange der Jugendlichen kümmert und Jugendpolitik gestaltet, gibt es auch den nichtstaatlichen Jugendbereich. Wie gestaltet sich denn die Zusammenarbeit des kroatischen Jugendministeriums mit den Jugendverbänden?

Antwort: Das Ministerium arbeitet auf unterschiedliche Art und Weise mit den Jugendverbänden zusammen. Zunächst ist da der Jugendrat der kroatischen Regierung. Hier sind Jugendliche mit ihrer Stimme durch ihre Organisationen vertreten, die das gleiche Recht auf Abstimmung und Diskussionsbeteiligung haben wie die staatlichen Vertreter in dieser Runde. Die Sitzungen des Rates werden von einem Vertreter eines Jugendverbandes geleitet.
Weiterhin stellt das Ministerium Fördermittel bereit, um Projekte von Jugendverbänden finanziell zu unterstützen. Hierzu gibt es jeweils Ausschreibungen in vier bestimmten Themenbereichen. Das sind ‘Jugendklubs’, ‘Jugendinformationszentren’, ‘Jugendbeteiligung’ und ‘Stärkung von Selbständigkeit und Unternehmertum’.

Das Jugendministerium hat das Werkzeug ‘Strukturierter Dialog mit Jugendlichen’ schon vor dem Beitritt Kroatiens zur EU entwickelt und setzt dieses entsprechend den Vorgaben durch die EU-Jugendstrategie ein. Als koordinierende Einrichtung sind wir für alle jugendrelevanten Belange in Kroatien zuständig und binden Jugendliche und die sie vertretenden Organisationen und Einrichtungen aktiv in die Entwicklung von strategischen Papieren und Gesetzesvorhaben ein. Ebenso sind sie in beratenden Organen sowie Arbeitsgruppen zum Thema Jugend vertreten.

Im Tagesgeschäft nehmen Vertreterinnen und Vertreter des Ministeriums an Treffen, Projekten und Diskussionen der Jugendverbände teil und setzen sich öffentlich für die Entwicklung einer ‘Jugendkomponente’ in der Zivilgesellschaft ein, sei es durch technische oder durch inhaltliche Unterstützung.

ijab.de: Sie haben das Thema Jugendbeteiligung schon kurz angesprochen. Wie gewährleisten Sie die Beteiligung von Jugendlichen Ihres Landes gerade an Entscheidungsprozessen?

Antwort: Unser Ministerium stellt sicher, dass das 2007 verabschiedete Gesetz über lokale Jugendberatungsgremien umgesetzt und eingehalten wird. Dieses Gesetz bietet Jugendlichen die Chance, auf regionaler und lokaler Ebene im Rahmen eines Beratungsgremiums vertreten zu sein und so regionale und lokale Selbstverwaltungen in ihrem Sinne zu beraten. Unser Ministerium setzt auch den Regierungsbeschluss zur Schaffung eines Jugendrates um und gewährt technische sowie logistische Unterstützung. Der Jugendrat ist ein sektorübergreifendes Beratungsgremium für die Regierung, das zur Gestaltung der Jugendpolitik in Kroatien beiträgt.

Die Beteiligung Jugendlicher an sie betreffenden Entscheidungsprozessen ist zudem durch öffentliche Diskussionen und Anhörungen gewährleistet sowie, wie schon erwähnt, bei der Erarbeitung von strategischen Papieren und Gesetzesvorhaben.

ijab.de: Wie wichtig ist für Sie die internationale jugendpolitische Zusammenarbeit?

Antwort: Die internationale Zusammenarbeit im Bereich Jugend ist für uns mehr als nur eine Geste der Höflichkeit und Formalität. Kroatien ist Mitglied in den zwei wichtigsten europäischen Zusammenschlüssen: der Europäischen Union und dem Europarat. Wir nehmen aktiv an den Veranstaltungen der EU und des Europarats teil und wirken in den hier bestehenden Netzwerken mit. Kroatien nimmt an den Treffen der Gruppe "Jugendfragen" des Rat der Europäischen Union (Youth Working Party of the Council), an den EU-Jugendevents sowie an den Treffen der Jugendminister/-innen teil. Außerdem nehmen wir regelmäßig Anteil an der Arbeit des Jugenddirektorats des Europarats, vor allem durch die Mitwirkung in der Europäischen Lenkungsgruppe Jugend (CDEJ). Das Ministerium arbeitet auf internationaler Ebene mit dem Sekretariat der Youth Partnership (Partnerschaft zwischen der EU-Kommission und dem Europarat im Bereich Jugend) sowie im Rahmen von bilateralen und multilateralen Abkommen zusammen.

Die internationale Zusammenarbeit ist ein guter Weg, um erfolgreiche Praxisbeispiele kennenzulernen, den eigenen Erfahrungsschatz zu vergrößern und somit die Jugendarbeit in Kroatien zu verbessern. Außerdem können auf diesem Wege die eigenen Erfolge mit anderen geteilt werden und man sieht seine eigene Arbeit bestätigt und anerkannt.

ijab.de: Herr Martić, Frau Makovec, eine letzte Frage. Welche Erwartungen hat die Jugend Ihres Landes an Europa?

Antwort: Die Jugendlichen in Kroatien setzen große Hoffnungen und Erwartungen auf Europa, insbesondere durch die Mitgliedschaft in der EU. In erster Linie deshalb, weil Europa für sie seit langem ein Synonym für Entwicklung und ein Markenzeichen für Erfolg ist und sie sich erhoffen, dass sich der generell hohe Lebens- und Leistungsstandard auch auf ihre Lebenswelt auswirken wird. Ganz oben auf der Beliebtheitsskala steht bei den Jugendlichen ein Auslandsaufenthalt – ob zu Bildungszwecken, zum Arbeiten oder um andere Kulturen kennenzulernen – mit dem Ziel, sich fortzubilden und ihre Fähigkeiten zu entwickeln.

Kontakt:

Ante Martić
Head of Sector
Sector for Youth
Ministry of Social Policy and Youth
Savska cesta 66
10000 Zagreb, Kroatien
E-Mail: Ante.Martic@DontReadMeMSPM.HR

Morana Makovec
Head of Department
Department for development, implementation and fostering of youth policies
Sector for Youth
Ministry of Social Policy and Youth
Savska cesta 66
10000 Zagreb, Kroatien
E-Mail: Morana.Makovec@DontReadMeMSPM.HR

Weitere Informationen zur Jugendpolitik in Kroatien:

Kurzinfo zu den wichtigsten Akteuren und zur Regierungspolitik im Bereich Jugend:
https://www.dija.de/kroatien/

Nationales Jugendprogramm 2009-2013 (pdf, 923 kb, 230 Seiten, in Englisch ab Seite 115): http://planipolis.iiep.unesco.org/

Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – keine Bearbeitung CC BY-ND 3.0


Kommentare ( 1 )

Reinhard S.

Schönes Format von DIJA.

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