Dorothea Wünsch

Bilaterale Fachgespräche mit China werfen Schlaglicht auf die Herausforderungen der Urbanisierung

Die Deutsch-Chinesischen Fachgespräche zwischen dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) und dem Allchinesischen Jugendverband (ACYF) fanden Ende März in China statt. Die Integration von benachteiligten jungen Menschen und Jugendlichen mit Migrationshintergrund in die Gesellschaft sowie freiwilliges Engagement und internationale Freiwilligendienste sind die Themen der kommenden Fachkräfteprogramme.

BildImage: IJAB/ACYF

Vom 26. bis zum 30. März 2012 reisten die Mitglieder des Fachausschusses bestehend aus Vertreter(inne)n  des BMFSFJ, des Sozialministeriums Schleswig-Holstein, des Deutschen Bundesjugendrings, der Deutschen Sportjugend und von IJAB nach Nanjing, um mit der chinesischen Seite die bisherigen Austauschaktivitäten auszuwerten und Absprachen zu den Schwerpunkten und Kooperationsprojekten für die Periode der Zusammenarbeit 2012/2013 zu treffen. Beide Seiten begrüßten die steigende Zahl der im Austausch aktiven Träger. Anlässlich der Gespräche erfolgte die Auswertung zur 2. Deutsch-Chinesischen Partnerbörse. Beide Seiten verständigten sich darauf, das geeignete Konzept der Partnerkonferenz in Zukunft fortzuführen. Die Ergebnisse der bilateralen Fachgespräche wurden in einem Protokoll festgehalten.

Im bilateralen Protokoll sind hinsichtlich der Aufgabenstellung von IJAB zwei themenorientierten Fachkräfteprogrammen für 2012 festgehalten worden:

  • Fachkräfteprogramm im Juli in Deutschland zum Thema „Integration von benachteiligten jungen Menschen und Jugendlichen mit Migrationshintergrund in die Gesellschaft“
  • Fachkräfteprogramm im September in China zum Thema „Freiwilliges Engagement und Internationale Freiwilligendienste“

Die gewählten Themen haben vor dem Hintergrund der Entwicklung der chinesischen Gesellschaft eine besondere Bedeutung. Die Urbanisierung und Integration von Kindern und Jugendlichen aus ländlichen Gebieten in die städtische Gesellschaft ist seit 2011 ein Schwerpunktthema in der Arbeit des ACYF. Der Fachbesuch in einer Grundschule für Migrantenkinder aus ländlichen Gebieten in Nanjing vermittelte einen Eindruck von der Aktualität des Themas.

Die chinesische Regierung verfolgt die Zielsetzung, den Urbanisierungsgrad von derzeit 47 % bis 2016 auf 50 % zu steigern. Die Urbanisierung bringt insbesondere bei der Integration von ländlichen Migrant(inn)en in städtische Strukturen viele Herausforderungen mit sich. Das Kernproblem liegt bei den Sozialleistungen, die im Zuständigkeitsbereich der lokalen Verwaltung liegen und somit von Provinz zu Provinz durch sehr unterschiedlich ausgeprägte Systeme charakterisiert sind. 

Zur Förderung der Chancengleichheit, hat die chinesische Regierung erste Maßnahmen ergriffen. So wurden in einigen Provinzen und Städten das Hukou-System ("System der staatlichen Haushaltsregistrierung") reformiert. In China weist das Hukou-System jeder Person entsprechend des eingetragenen ständigen Wohnsitzes entweder das Attribut „Stadtbewohner“ oder „Landbewohner“ zu. Der Zugang zu staatlichen Leistungen wie Bildung, Krankenversorgung, Sozialversicherung und Beschäftigungsmöglichkeiten war lange Zeit ausschließlich am Wohnsitz möglich. Im Zuge der wirtschaftlichen Reformen in den 70er Jahren sind zunehmend Arbeitskräfte aus ländlichen Gebieten in die Städte gezogen. Diese ländlichen Migrant(inn)en können sich aufgrund der offiziellen Registrierung in ihrer Heimat nicht in ihrem neuen Wohnort melden und haben somit keinen Zugang zu staatlichen Sozialleistungen an ihrem neuen Aufenthaltsort. In den Städten ist dadurch eine Gruppe von inoffiziellen Bürgern entstanden, die gegenüber der gemeldeten Bevölkerung benachteiligt ist.

Dies ist zunehmend auch für das Leben und Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen eine Herausforderung geworden. Während ländliche Migrant(inn)en der 60er/70er-Generationen ihre Kinder überwiegend bei der Verwandtschaft auf dem Land zurückgelassen haben, sind die jüngeren Migrantengenerationen gemeinsam mit ihren Kindern in die Städte gezogen. Somit ist die Integration dieser Kinder und Jugendlichen insbesondere im Hinblick auf Bildungsmöglichkeiten in den letzten Jahren zu einer neuen Herausforderung der Städte geworden. Öffentliche Schulen sind angehalten sowohl Kinder aus der Stadt als auch vom Land aufzunehmen. Aber einige Stadtverwaltungen sind unwillig, Kinder aus anderen Regionen in ihren Schulen aufzunehmen, weil diese zusätzliche Kosten bedeuten.

Die in Nanjing besuchte Schule hatte in diese Richtung schon einen wichtigen Schritt getan: 85% der Schüler(innen) kommen aus ländlichen Gebieten. In der Arbeit mit Kindern aus ländlichen Gebieten ist freiwilliges Engagement von großer Bedeutung: Städtische Jugendliche unterstützen bei Hausaufgaben und organisieren Stadttouren zum besseren Kennenlernen der Stadt. Ein Netzwerk zur Förderung des freiwilligen Engagements wurde aufgebaut, an dem sich bislang 32.000 Schulen beteiligen. 



Begleiten Sie uns

RSS-Feed abonnieren IJAB auf Facebook IJAB-Alumni-Gruppe auf Facebook IJAB auf Twitter IJAB auf YouTube

Newsletter