Christian Herrmann

Deutsch-Chinesisches Fachprogramm: Qualifizierung von Fachkräften stand im Mittelpunkt

Vom 15. bis 18. Juni besuchte eine chinesische Delegation Deutschland, um sich über die Qualifizierung von Fachkräften der Kinder- und Jugendhilfe und die Arbeit mit benachteiligten Jugendlichen zu informieren. Sie erlebten ein anspruchsvolles Fachprogramm und Einblicke in die Arbeit eines Jugendzentrums in Hamm und damit auch in Alltag, Leben und Jugendarbeit in Deutschland.

Die chinesische Delegation zu Besuch in der Fathi-Moschee in Hamm
Die chinesische Delegation zu Besuch in der Fathi-Moschee in Hamm BildImage: Christian Herrmann   Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen CC BY-SA 3.0

Wie bildet man passgenau Fachkräfte der sozialen Arbeit aus und leistet einen Beitrag zur Beseitigung des Fachkräftemangels? Prof. Dr. Edeltraud Botzum hat ihre eigenen Vorstellungen davon. Für die SRH Hochschule Hamm baut sie gerade einen neuen Studiengang Soziale Arbeit auf. Im September werden die ersten Studierenden ihre Ausbildung beginnen. Botzum hat einen Verbund zwischen Hochschule, öffentlichen und freien Trägern ins Leben gerufen. An der Hochschule werden die Studierenden das notwendige theoretische Wissen erwerben, in Jugendämtern und bei freien Trägern werden sie lernen, es anzuwenden. Beides ist Teil des Studiums.

Die chinesischen Gäste hören aufmerksam zu. „Soziale Arbeit wird in China stark unter psychologischen Gesichtspunkten betrachtet. 20.000 Studierende schließen jährlich einen entsprechenden Studiengang ab, aber nur ein Drittel verbleibt im Berufsfeld“ erklärt Dorothea Wünsch, die das Fachprogramm für IJAB im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend vorbereitet hat und es auch durchführt. Die Frage, wie man Fachkräfte motivieren kann, im Berufsfeld zu bleiben, interessiert die chinesischen Besucher, aber auch viele formale Aspekte sind von Bedeutung. Was ist der Unterschied zwischen dem Studienabschluss und der staatlichen Anerkennung? Unter welchen Voraussetzungen kann man von einem Studiengang in den anderen wechseln? Muss man ein Studium absolviert haben, um in einem Jugendzentrum zu arbeiten?

Der Besuch an der SRH Hochschule Hamm ist einer von vielen, den die sechsköpfige Delegation – begleitet von IJAB-Mitarbeiterin Dorothea Wünsch und einer Dolmetscherin – in drei Tagen bewältigt. Bei allen Programmpunkten geht es um die Qualifizierung von Fachkräften der Kinder- und Jugendhilfe, aber auch um das Kennenlernen des komplexen deutschen Systems der Kinder- und Jugendhilfe. "Für uns sind aber auch die interkulturellen Aspekte der Reise interessant“ sagt Delegationsleiter Yuan Min, stellvertretender Generalsekretär des Allchinesischen Jugendverbands. Von diesen interkulturellen Erlebnissen gibt es am Nachmittag des zweiten Programmtags in Hamm reichlich.

Einblicke in die Offene Jugendarbeit

Im Jugendzentrum Casino wird die Delegation von Jugendamtsleiter Raoul Termath begrüßt. Termath spricht über Zahlen und Fakten, die für seine Arbeit prägend sind. 200.000 Menschen leben in Hamm, 2500 sind im sozialen Bereich tätig, davon 250 im Jugendamt. 100 Millionen Euro umfasst der jährliche Etat des Jugendamtes. Die chinesischen Gäste staunen über die große Geldsumme und die hohe Mitarbeiterzahl. Erst als Termath klarstellt, dass seine Verwaltung nur 30 Personen umfasst und die übrigen vor Ort in Kindertagesstätten und Jugendzentren arbeiten und im Etat auch die gesamte Kindertagesbetreuung inbegriffen ist, relativiert sich das Bild. „Das Jugendamt hat mit 40 % den größten Posten im Stadthaushalt“ erklärt der Amtsleiter. Allerdings liegt dies nicht an der Großzügigkeit der Stadtväter und -mütter, sondern an der hohen Arbeitslosigkeit und den geringen Einnahmen der Stadt. „Wolfsburg wendet nur 8 % auf, dort ist die Arbeitslosigkeit gering und Dank des VW-Konzerns sind die Einnahmen hoch“ sagt Termath.

Karl Luster-Haggeney gibt einen Einblick in die Arbeit mit benachteiligten Kindern und Jugendlichen am Beispiel des Jugendzentrums Casino. Dort gibt es einen starken Schwerpunkt auf interkulturelle und internationale Arbeit. Heinz Thomas, im Jugendamt von Hamm zuständig für die internationale Jugendarbeit, vertieft diese Einsichten. In Jugendzentrum Casino hat man gute Gründe für diese thematische Aufstellung: Die ehemalige Bergbaustadt ist von Migration geprägt, ein großer Teil der Jugendzentrumsbesucher/-innen haben eine Zuwanderungsgeschichte. „Wir bewerten Kulturen nicht und gehen davon aus, dass die unterschiedlichen Sichtweisen auf die Welt ein Schatz sind“, erklärt Luster-Haggeney. Mit seinen internationalen Projekten ermutigt das Jugendzentrum Jugendliche sich mit anderen Kulturen zu beschäftigen und sie wertzuschätzen. Bei Delegationsleiter Yuan Min hat er damit offenbar einen Nerv getroffen. Die Überreichung des Gastgeschenkes – ein beeindruckender chinesischer Fächer – fällt besonders herzlich aus.

Kooperationspartner Moschee-Gemeinde

Weiter geht es zur Fatih-Moschee in der Nachbarschaft des Jugendzentrums. Der Moschee-Verein ist einer der Kooperationspartner des Jugendzentrums, über Jahre ist ein Vertrauensverhältnis gewachsen. Wenn Karl Luster-Haggeney und Heinz Thomas eine internationale Jugendbegegnung planen, dann wissen die Mitglieder der islamischen Gemeinde, dass sie den beiden vertrauen können. Der Empfang in der Moschee ist sehr herzlich. Mit Stolz führt der Gemeindevorstand die chinesischen Gäste durch die Räume und durch den Betraum. Die Frauen der Gemeinde haben einen „kleinen Snack“ vorbereitet, unter dem sich die Tische biegen – türkische Gastfreundschaft.

Dann sind Betül Baldan, Asmae Karrouchi und Yassmina Mourni an der Reihe. Mit dem Jugendzentrum Casino sind sie in China und den USA gewesen. In der islamischen Gemeinde ist man darauf stolz. Betül, Asmae und Yassmina erzählen, was sie erlebt haben, wie aufregend die Reise war, woran sie sich gewöhnen mussten, wie sie gespart haben, um den Eigenanteil aufzubringen. Das Jugendzentrum hat sie dabei unterstützt, ihnen die Gelegenheit gegeben, Pizza zu backen und an einem Straßenstand zu verkaufen. Natürlich ist das Interesse der chinesischen Delegation an der Chinareise der Mädchen besonders groß. Immer wieder sieht man sie mit dem Kopf nicken, wenn der hohe Stellenwert der Freundschaft für Chinesen erwähnt wird oder Luster-Haggeney auf Details des dahinterstehenden pädagogischen Konzepts eingeht.

Der Tag war lang, erschöpft wirkt niemand. Mit dem Zug geht es zurück nach Münster, wo die Gruppe untergebracht ist. Morgen wartet ein weiterer langer Tag.

IJAB bedankt sich im Namen der chinesischen Delegation auch bei den Vertreter(inn)en des Kreisjugendamtes Steinfurt und der Schulsozialarbeit der Harkenbergschule in Hörstel sowie des Evangelischen Fröbelseminars in Kassel und des Instituts für Sozialwesen der Universität Kassel für die engagierte Programmgestaltung und für das Interesse am Fach- und Erfahrungsaustausch mit den Kolleg(inn)en aus China.

Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen CC BY-SA 3.0


Deutsch-Chinesisches Fachprogramm, Hamm, 17.06.2015

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