Dorothea Wünsch

Deutsche Fachkräfte informieren sich über freiwilliges Engagement und internationale Freiwilligentätigkeit in China

Vom 15. bis 22. September reisten sechs deutsche Fachkräfte mit IJAB nach China, um die unterschiedlichen Formate von nationalen und internationalen Freiwilligendiensten sowie Freiwilligentätigkeiten für junge Menschen in China zu beleuchten und um mögliche Anknüpfungspunkte für vertiefende Kooperationen zu identifizieren.

Jugendliche geben den Kindern von Wanderarbeitern Nachhilfeunterricht
Freiwilliges Engagement in China: Jugendliche geben den Kindern von Wanderarbeitern Nachhilfeunterricht BildImage: Dorothea Wünsch

Der Bereich der Freiwilligendienste bzw. Freiwilligentätigkeit hat in den vergangenen Jahren in China deutlich an Bedeutung gewonnen. Dabei hat nicht nur die gesellschaftliche Bereitschaft und Wertschätzung für freiwilliges Engagement zugenommen sondern auch die politische Anerkennung und Unterstützung. Im aktuellen Fünf-Jahres-Plan der chinesischen Regierung (2011-2015) wird das Potenzial von sozialen Organisationen und freiwilligem Engagement zur Stärkung der lokalen Gemeinschaft hervorgehoben. Insbesondere im sozialen Bereich setzt die chinesische Regierung zunehmend auf soziale Organisationen und kauft bei denen Service ein. Diese Organisationen stehen in enger Verbindung zur lokalen Bevölkerung und deren Bedürfnissen. Und ihre Arbeit basiert in hohem Maße auf freiwilligem Engagement. So ist freiwilliges Engagement zu einem wichtigen Motor der gesellschaftlichen Entwicklung geworden.

Die Strukturen der Kommunistischen Jugendliga bieten ein enormes Netzwerk und die Basis für eine institutionalisierte Form von Freiwilligentätigkeit in China. Im März 2011 wurde Chinas erster nationaler Verband von Organisationen der Freiwilligenarbeit (China Volunteer Association – CVA) gegründet mit dem Ziel das Management vorhandener Ressourcen im Bereich der Freiwilligentätigkeit in China zu verbessern. An einigen Orten wurden Freiwilligenkoordinationszentren eingerichtet, die Freiwilligenverbände und -organisationen Unterstützung im Bereich des Freiwilligenmanagements sowie bei der Programmentwicklung, Finanzierung, Ressourcenmobilisierung etc. bieten. Laut Angaben der CVA gibt es in China rund 430.000 Freiwilligenorganisationen sowie 190.000 Freiwilligenservicestellen in mehr als zwei Drittel aller Städte und Bezirke sowie an rund 2.000 Universitäten des Landes. Rund 50 Millionen Freiwillige stehen insgesamt zur Verfügung, darunter insgesamt 29,5 Millionen registrierte Jugendliche und junge Erwachsene.

Während des Aufenthaltes standen Besuch und Gespräche in Beijing und Chongqing auf dem Programm. Die Anfänge der Freiwilligenarbeit in Chongqing liegen im Jahr 1990, dem Gründungsjahr des Jugendfreiwilligenverbandes der Stadt Chongqing. Mittlerweile gehören dem Dachverband mehr als 250 Mitgliedsverbände und mehr als eine Million registrierte Freiwillige an. Die Aktivitäten fokussieren u.a. die Bereiche Armutsbekämpfung, Bildung und Gemeinwesenarbeit. Die Stadtregierung legt großen Wert auf den Freiwilligenbereich und hat vor sechs Jahren ein Freiwilligenkoordinationszentrum gegründet, das für den Ausbau und die Weiterentwicklung von freiwilligem Engagement in Chongqing zuständig ist.

Der Freiwilligenverband „Hand in Hand“ in Jiulongpo ist Mitglied im Jugendfreiwilligenverband der Stadt Chongqing und setzt sich als soziale Organisation für gemeinnütziges soziales Freiwilligenengagement ein. Der Verband führt verschiedene Projekte im sozialen Bereich insbesondere für Kinder und behinderte Menschen durch, u.a. ein Bildungsprojekt zur Integration von sozial isolierten Kindern in die Gesellschaft. Dabei kooperiert der Verband je nach Projekt mit der Stadtregierung, Stadtbezirken, Stiftungen und anderen Freiwilligenorganisationen. Zu dem Verband gehören 49 Freiwilligenstützpunkte in Wohnvierteln, an Universitäten, an Schulen etc. Bei der Finanzierung der Projekte wird sowohl auf Gelder der Stadtregierung als auch auf Stiftungen und Spenden zurückgegriffen. Die fünf hauptamtlichen Mitarbeiter sind in ihrer Arbeit auf die Unterstützung von Freiwilligen angewiesen.

Bei der Entwicklung einer Servicestruktur im sozialen Bereich ist von besonderer Bedeutung auf lokaler Ebene anzusetzen und die Bedürfnisse der Menschen vor Ort aufzuspüren und durch Freiwillige vor Ort zu decken. Aus diesem Grund wurde das Konzept der Bürgerschulen entwickelt. Die Bürgerschule im Minxian Jiayuan Bezirk mit etwa 40.000 Einwohnern arbeitet mit 247 regelmäßig aktiven Freiwilligen zusammen. Zwei hauptamtliche koordinieren drei Freiwilligenteams mit den Schwerpunkten „Ältere und Behinderte“, „Kinder und Jugendliche“ und „Fortbildung“ im Stadtviertel. Freiwillige aus dem Stadtbezirk bieten nach Bedarf Kurse im Bereich Sport und Kunst sowie Beratung an und unterstützen Neuzugezogenenbei ihrem Leben in Chongqing. So leistet die Bürgerschule einen Beitrag zum gemeinsamen Aufbau des Stadtbezirks. Bislang wurden 2.300 Bürgerschulen gegründet.

Im Pekinger Haidian Bezirk wurde vor zwei Jahren ein Kooperationsprojekt zwischen dem Freiwilligenverband der University of Science and Technology Beijing und einer Schule initiiert. Zur Förderung des Konzepts des freiwilligen Engagements unter Studierenden wurde die Absolvierung von 36 Stunden Freiwilligenarbeit während des Studiums im Curriculum festgeschrieben. Die Freiwilligen sind dreimal die Woche nach Unterrichtsschluss an der Schule, an der mehr als 80% der Schüler(innen) Kinder von Wanderarbeiter(inne)n sind. Die Freiwilligen engagieren sich im Bereich Nachhilfe und bei Beratungs- und Betreuungsangeboten für die Kinder. Kinder von Wanderarbeiter(inne)n haben in der Regel weniger Betreuung durch die Eltern. Ziel ist es das Bildungsniveau der Kinder zu verbessern. Im Bezirk gibt es mittlerweile 18 Partnerschaften zwischen Freiwilligenverbänden an Universitäten und Schulen.

Die China Young Volunteers Association ist die nationale Dachorganisation Chinas für Freiwilligentätigkeit im In- und Ausland. Der Verband koordiniert verschiedene Freiwilligenprogramme mit der Zielsetzung die Motivation bei Jugendlichen zu gesellschaftlichem Engagement zu stärken, Unterstützung bei der Organisation von sozialen Diensten zu leisten sowie die Schaffung einer harmonischen Gesellschaft. Der Einsatz von Freiwilligen konzentriert sich insbesondere auf sechs Schwerpunktbereiche: Armutsbekämpfung, Gemeinwesenarbeit, Umweltschutz, Katastrophenhilfe, Großveranstaltungen sowie Freiwillige im Ausland. Im Bereich der internationalen Freiwilligendienste fördert die chinesische Regierung derzeit vor allem die Entsendung von qualifizierten Fachkräften in Entwicklungsländer in Afrika, Südamerika und teilweise Asien. Im Jahr 2002 wurde der „Chinese Youth Volunteers Oversea Service Plan“ mit der Zielsetzung initiiert, die internationale Zusammenarbeit und das gegenseitige Verständnis zu fördern. Der weitere Ausbau und die Professionalisierung von Freiwilligendiensten nach Übersee sind geplant.

Das Programm in China war die Rückbegegnung zum Aufenthalt von chinesischen Fachkräften im September 2011 in Deutschland. Den Bericht zum Besuch der chinesischen Gäste finden Sie hier: http://www.ijab.de/aktivitaeten/internationale-zusammenarbeit/china/china/a/show/chinesische-delegation-informiert-sich-ueber-freiwilligendienste-in-deutschland-und-europa/.

Ein Interview mit Herrn Pi Jun, Delegationsleiter und stellvertretender Generalsekretär des Chinesischen Verbandes Junger Freiwilliger ist im <media 2698 - - "TEXT, ijabjournal-11-2-111207-web seite-15, ijabjournal-11-2-111207-web_seite-15.pdf, 82 KB">IJAB Journal 2/11</media> erschienen.

Weitere Informationen zum Thema bietet der Bericht „State of Volunterism in China“ der United Nations Volunteers unter: http://www.unv.org/fileadmin/docdb/pdf/2011/corporate/China%20Volunteer%20Report%202011_English.pdf



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