Anita Demuth

Die Integration von jungen Chines(inn)en und Deutschen ins Erwerbsleben

Vom 24. bis 27. September besuchte eine chinesische Delegation aus dem Mitgliedsspektrum des Allchinesischen Jugendverbands Deutschland, um sich über Methoden und Projekte zu informieren, mit denen junge Menschen in die Gesellschaft integriert werden (Schwerpunkt: Übergang Schule-Beruf). IJAB organisierte im Auftrag des BMFSFJ in Kooperation mit dem Niedersächsischen Landesamt für Soziales, Jugend und Familie das Fachkräfteprogramm.

BildImage: Anita Demuth

Während des Aufenthaltes in Deutschland präsentierte IJAB seinen sechs Gästen verschiedene Institutionen, die Jugendliche und junge Erwachsenen dabei unterstützen, einen für sie geeigneten Beruf bzw. Einstieg in die Arbeitswelt zu finden. Während in Hannover Programme auf Landesebene im Fokus standen, wurden in Hildesheim in Kooperation mit dem Dezernenten für Jugend, Schule, Soziales, Kultur und Sport und Vertreter(inne)n des Jugendamtes die Angebote der Jugendarbeit, Jugendsozialarbeit und Jugendberufshilfe auf kommunaler Ebene diskutiert.


Die Rolle von freien Trägern in Deutschland und China

Der Vertreter des niedersächsischen Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung, Reinhard Teuber, führte die Delegation in den Aufbau und die Funktionsweise der deutschen Jugendhilfe mit Augenmerk auf die Jugendberufshilfe ein. Pro Jahr würde das Land 10 Millionen Euro aufbringen, welche größtenteils an die verschiedenen Verbände und Jugendeinrichtungen fließe. Grundsätzlich legt die Landesregierung jedoch lediglich die Leitlinien fest und fördert insbesondere Strukturen auf Landesebene, währenddessen die Kommunen die Jugendarbeit vor Ort umzusetzen haben. Sie wiederum beauftragen nach dem Subsidiaritätsprinzip freie Träger mit öffentlichen Aufgaben. „Das ist so wie bei uns. Wir kaufen die ¬Dienstleistungen von den Projektträgern“ meint Herr Chu dazu, stellvertretender Generalsekretär des Allchinesischen Jugendverbandes.

Der Allchinesische Jugendverband ist verantwortlich für die Umsetzung der Regierungsmaßnahmen, um die Herausforderungen wie Arbeitslosigkeit von jungen Akademiker(inne)n sowie die gesellschaftliche Integration der Wanderarbeiter(innen) und deren Kinder zu bewältigen. Der Verband unterhält rund 650 Beratungszentren im ganzen Land, die auch Arbeitsplätze vermitteln.
Tatsächlich sieht Herr Chu den Vergleich zwischen den deutschen und chinesischen Strukturen etwas differenzierter und interessiert sich sehr für die föderal geprägte Struktur der deutschen Jugendhilfe. Er möchte im Rahmen der Fachreise erfahren, in welchen Bereichen es sich besonders lohnt, freie Träger zu beauftragen. Und wie man das System transparent und die einzelnen Ebenen rechenschaftspflichtig machen kann. „Deutschland ist für uns ein Vorbild, weil deren Jugendhilfe so effektiv ist“ sagt Herr Chu.

Derweil ist die Umstrukturierung der Jugendarbeit ein Prozeß, der bereits vor etwa 20 Jahren mit Chinas Öffnungspolitik angestoßen wurde. Seitdem ist auch Herr Chu beim Allchinesischen Jugendverband, und manchmal scheint es ihm zu langsam zu gehen. „Wir haben noch keine reife Struktur, es wird noch viel experimentiert“ sagt er. Allerdings fügt er hinzu, dass man beim Experimentieren sehr vorsichtig sein müsse. Zum einen sei die Situation der chinesischen Familien und Jugendlichen nun mal eine andere als die der deutschen, so dass man das deutsche System nicht einfach übertragen könne. Wenn etwas schief gehe, bedeute dies einen enormen Zeitverlust und gegebenenfalls schlimme Auswirkungen für eine große Zahl Menschen. Man müsse außerdem stetig und geduldig der Öffentlichkeit erklären, warum es gut ist, wenn nicht nur staatliche, sondern auch private und gemeinnützige Einrichtungen mit den Jugendlichen arbeiten.

Zum anderen müssten in Chinas zentralisiertem politischen System erst einmal freie Träger gegründet werden – und noch wichtiger für die Verantwortlichen in Strukturen wie dem Allchinesischen Jugendverband ist es, dass die zukünftigen Projektträger Erfahrungen sammeln und leistungsstark werden. Bisher ist es der Allchinesische Jugendverband, der Anlaufpunkt für die jungen Leute ist und der die Erfahrung in der Jugendarbeit in sich vereint.

Effektivität der deutschen Kinder- und Jugendhilfe

Die chinesischen Gäste wollten von den Vortragenden immer sehr genaue Zahlen wissen: Wie viele finanzielle Mittel erhält der Projektträger, wie viele junge Teilnehmende gibt es und wie ist die Erfolgsquote? Daraus errechneten sie schnell Erfolgskennzahlen – und waren oft beeindruckt von der Effizienz und Effektivität der Projekte. Die Konkurrenz zwischen den Projektträgern führt zu hohen Qualitätsstandards in der Jugendhilfe. Dabei fiel ihnen auch auf, dass dieser Politikbereich weitaus stärker gesetzlich geregelt ist als in ihrem Heimatland. Abgesehen vom Kinder- und Jugendhilfegesetz gibt es diverse Ausführungsgesetze und Förderrichtlinien.

Ein weiteres für die chinesischen Fachkräfte wichtiges Thema ist Jugendkriminalität. Sie fragten den Vertreter Niedersachsens, wie das Land dagegen vorgehe. Reinhard Teuber erklärte, dass es in Deutschland ein spezielles Jugendgerichtsgesetz gäbe, auf dessen Grundlage die Jugendrichter entscheiden, ob eine Tat bestraft wird oder pädagogisch aufgearbeitet werden soll. Niedersachsen war eines der ersten Bundesländer, das seit den 80er-Jahren ambulante sozialpädagogische Angebote für junge Straffällige fördert. Derzeit werden 59 Projekte der freien und kommunalen Träger unterstützt. „Durch die sozialpädagogischen Maßnahmen werden junge Straffällige seltener rückfällig und wir sparen Geld gegenüber der Sicherheitsverwahrung“, fasst Herr Teuber die Vorteile für den Staat dieses Umgangs mit Jugendkriminalität zusammen.

Jugendwerkstätten und Berufsberatungszentren in Niedersachsen

Niedersachsen hat zwei Landesprogramme im Bereich der Jugendberufshilfe entwickelt. In rund 100 sogenannten „Jugendwerkstätten“ werden in Niedersachsen jedes Jahr etwa 5000 junge Menschen beruflich qualifiziert und bei der Bewältigung ihrer individuellen Probleme verschiedener Art unterstützt. Der Besuch in einer Jugendwerkstatt des gemeinnützigen Trägers Pro Beruf GmbH in Hannover gehörte mit zum deutsch-chinesischen Fachkräfteprogramm. Im Ausbildungsrestaurant von Pro Beruf erhielt die Delegation nicht nur klassisch deutsches Essen zum Mittag, sondern kam auch in Kontakt mit deutschen Jugendlichen, die hier für 3 Monate Berufe wie Koch/Köchin und Kellner/in ausprobieren oder eine Ausbildung absolvieren.

Das zweite Landesprogramm heißt „PACE“, eine Abkürzung für „Pro-Activ-Centren“. 44 solcher Zentren bieten landesweit 14- bis 27-Jährigen individuelle Beratung und Begleitung, aber auch gezielte Kurs- und Bildungsangebote an, um die Übergänge von der Schule in das Berufsbildungssystem und von dort in den Beruf besser zu meistern. Eines dieser Zentren hat sich die Delegation angesehen. Es ist in der Leine Volkshochschule (VHS) in Laatzen, einem Stadtteil von Hannover, angesiedelt. Dort erfahren die chinesischen Fachkräfte, dass sich ihre deutschen Kolleginnen und Kollegen hier auf die sozialpädagogische Begleitung einzelner junger Menschen konzentrieren, die an den besagten Übergängen straucheln.

In der VHS befinden sich außerdem ein PACE Ausbildungsbüro und ein PACE Mobil. Ersteres ist eine intensive, maximal 30-tägige „Werkakademie“, in dem sich die Teilnehmenden gegenseitig dabei unterstützen, eigeninitiativ eine Ausbildungsstelle zu finden. Über die Hälfte schafft dies tatsächlich bzw. fängt etwas Alternatives wie ein Freiwilliges Soziales Jahr, ein Studium oder einen Job an.  „Das Projekt ist so effektiv, weil die Teilnehmerinnen und Teilnehmer den Anreiz haben, die begrenzte Zeit gut zu nutzen“, sagt Kerstin Lingelbach, die das Projekt in der Leine VHS betreut.

Das PACE Mobil ist ein Kleinbus, mit dem Sozialpädagog(inn)en junge Leute an ihren Aufenthaltsorten abholen, um sie wieder zu aktivieren, sich um ihre persönliche und berufliche Zukunft zu kümmern. Nachdem die Delegation sich das Fahrzeug mit seinem kleinen Tisch im Innenraum für Gespräche angesehen hat, merkt Herr Chu an, dass sie ein ähnliches Projekt in China auch schon durchgeführt haben. Es lief aber scheinbar nicht so gut. Daraufhin lacht ein Mitarbeiter des PACE-Projektes verständnisvoll und kommentiert „Das sind nun mal nicht immer die einfachsten Jugendlichen.“ Es lohnt sich offenbar trotzdem, Geduld zu haben. Denn jeder junge Mensch, der ins Erwerbsleben und in ein Leben ohne große soziale und persönliche Nöte geführt wird, ist ein Zugewinn für die gesamte Gesellschaft. Und darum geht es den Fachkräften der Jugendhilfe im Westen wie in Fernost.



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