Kerstin Wondratschek

„Die Jugendlichen sind langanhaltend begeistert und fasziniert von China“

Jugendarbeit und Schule arbeiten in der Gemeinde Schönberg im Kreis Plön eng zusammen und organisieren seit 2013 eine Jugendbegegnung mit einer chinesischen Schule. Trotz zusätzlicher Arbeit bei oft unsicherer Finanzlage unterstreicht Jürgen Dräbing, Leiter der Abteilung Kinder, Jugend und Soziales der Amtsverwaltung Probstei im Kreis Plön, wie wichtig die interkulturelle Begegnung für ein tolerantes Miteinander ist. Und Gesine Bertelsen, Lehrerin an der Gemeinschaftsschule Probstei, berichtet, dass die Auslandserfahrung die Jugendlichen nachhaltig verändert hat.

drei Mädchen malen und basteln
BildImage: Gesine Bertelsen


Gesine Bertelsen, Bild: Claus Bertelsen

Das Kinder- & Jugendhaus Schönberg ist eine Kooperation zwischen der Offenen Ganztagsschule des Schulverbandes Probstei und der Offenen Jugendarbeit der Gemeinde Schönberg. Seit 2013 besteht der Austausch mit China.

Projektart: Jugendbegegnung

Partnerorganisation:

  • Schule No. 50 Middle School Nanjing

China-Special

Good Practice

Fakten, Förderung, Kontakte

Herr Dräbing, wie ist denn China in die Probstei gekommen?

Jürgen Dräbing: Eine deutsch-chinesische Organisation suchte einen Partner in Deutschland und fragte uns, ob wir Interesse an so einem Austausch hätten. Wir haben in Schönberg eine ganz enge Zusammenarbeit zwischen Jugendarbeit und Schule. Das Kinder- und Jugendhaus Schönberg befindet sich auf dem Schulgelände und fasst die offene Jugendarbeit und die Ganztagsbetreuung in der Schule zusammen. Das Kinder- und Jugendhaus ist auch der Träger des deutsch-chinesischen Austausches als einer Maßnahme der Jugendarbeit.

Wie viele Jugendliche nehmen an der Begegnung teil, Frau Bertelsen?
 
Gesine Bertelsen: Beim ersten Besuch 2013 waren 23 Jugendliche aus China da. 2014 sind 15 deutsche Jugendliche nach China gefahren. Im Jahr 2015 waren 15 Chines(inn)en bei uns und 19 deutsche Jugendliche haben teilgenommen. Die deutschen Jugendlichen nehmen sehr gerne teil.

Jürgen Dräbing: Die Zahl der Teilnehmenden ist durch die Förderung beschränkt. Im ersten Jahr haben wir gar keine Zuschüsse bekommen und es war sehr schwierig, die Finanzierung zu stemmen.

Wie ist denn die erste Begegnung schließlich finanziert worden?

Jürgen Dräbing: Die Begegnung haben Schulträger und Gemeinde finanziert. Als diese Finanzierung schließlich stand, gab es doch wieder Gelder aus dem Kinder- und Jugendplan des Bundes. Wir haben aber nichts bekommen, weil wir ja bereits andere Quellen gefunden hatten. Schulträger und Gemeinde waren entsprechend verstimmt und werden künftig zu dieser Maßnahme nichts mehr dazugeben. So finanzieren wir die Begegnungen aus Bundesmitteln und den Beiträgen der Eltern.

Welche Inhalte und Themen sind Ihnen bei der Begegnung mit China wichtig?

Gesine Bertelsen: In erster Linie ist es für uns ein Kulturaustausch und es ist uns wichtig, die Lebensweise der anderen Kultur kennenzulernen. Die chinesischen Jugendlichen leben hier in Deutschland in Familien und nehmen dadurch direkt am Familienleben teil. Unser Austauschpartner in China ist sehr bemüht, uns zu zeigen, was ihre Kultur auszeichnet und worauf sie stolz sind. Sie haben uns beispielsweise den traditionellen Tanz gezeigt und mit uns eingeübt, dann haben wir noch Keramik, chinesische Knoten und die Teezeremonie kennengelernt. Wir konnten mitmachen, das hat allen Seiten sehr gefallen.

Welche Bedeutung hat der Jugendaustausch für das Kinder- und Jugendhaus Schönberg?

Jürgen Dräbing: Wir machen nicht nur den Jugendaustausch mit China, sondern auch mit anderen Partnern auf europäischer Ebene, zum Beispiel mit Schweden und Estland. Mit China haben wir den Schritt über die europäische Grenze hinaus gewagt, was für die Jugendlichen einen besonderen Reiz hat, weil sie eine nicht-europäische Lebenswelt treffen. Wenn wir das im weltpolitischen Zusammenhang sehen, ist es sehr wichtig, dass junge Menschen weit über die europäischen Grenzen hinausschauen und andere Lebensweisen und Mentalitäten kennenlernen, um eine gewisse Toleranz selbstverständlich werden zu lassen.

Konnten Sie nachhaltige Veränderungen bei den Jugendlichen feststellen?

Gesine Bertelsen: Ich habe sehr positive Rückmeldungen von den Jugendlichen bekommen und festgestellt, dass sie offener geworden sind. Das ist mir besonders in der Zeit aufgefallen, als Flüchtlinge zu uns gekommen sind. Viele Jugendliche, die vorher in China waren, sind ganz ungezwungen auf die Flüchtlinge zugegangen, haben mit ihnen Englisch gesprochen und ganz anders mit ihnen kommuniziert, als ich das vorher von unseren Jugendlichen kannte. Die Jugendlichen sind wirklich langanhaltend begeistert. Wir haben uns neulich mit der Gruppe, die 2014 in China war, auf Anregung der Jugendlichen getroffen. Bei dem Treffen haben wir gemerkt, dass die Faszination bei den Jugendlichen ungebrochen ist und sie teilweise auch immer noch in Kontakt mit ihren Austauschpartnern sind. Sie schicken sich E-Mails und Fotos und nehmen Anteil am Familienleben. Wenn in einer Familie jemand heiratet oder ein Kind geboren wird, dann werden sofort Fotos hin- und hergeschickt. Das ist sehr schön zu sehen.

Können Sie uns über ein Beispiel für die Ausgestaltung der Begegnung berichten?

Gesine Bertelsen: Als die chinesischen Jugendlichen im Juli 2015 bei uns zu Gast waren, haben wir Plakate erstellt. Die Jugendlichen hatten bei der Erstellung relativ freie Wahl. Es sollte etwas aus ihrem Leben oder aus ihrer Kultur sein. Einige machten Plakate zum Essen oder stellten uns ihre Feste wie zum Beispiel das Neujahrsfest vor. Sie waren sehr konzentriert bei der Sache und trugen es sehr lebendig vor. Die chinesischen Betreuer/-innen machten sehr viele Fotos und fanden es interessant zu sehen, wie in Deutschland mit Jugendlichen gearbeitet wird, weil sie in China die freien Arbeitsweisen eigentlich gar nicht kennen.
 
Wir waren mit den chinesischen Schüler(inne)n auch am Strand. Das kennen sie so nicht und es war eine sehr interessante Erfahrung für die Chinesen, als sie zum ersten Mal barfuß im Sand und im Wasser waren.

Finden Sie immer ausreichend Jugendliche für die Teilnahme am Austausch?

Gesine Bertelsen: Eigentlich schon. Wir finden immer zwischen 15 und 23 Jugendliche, die sich dafür interessieren.

Jürgen Dräbing: Wobei sich bei allen drei Jugendbegegnungen weit mehr Mädchen angemeldet haben als Jungen. Von chinesischer Seite hingegen waren sehr viele Jungen dabei. Das macht es manchmal nicht einfach bei der Verteilung auf die Familien.
 
Sind Sie bei der Planung und Durchführung auf Schwierigkeiten oder Herausforderungen gestoßen?

Jürgen Dräbing: Wenn man sich auf so einen Austausch einlässt, muss man wissen, dass es auch Zeit kostet. Gerade in kleineren Kommunen sollte man deshalb vorab schauen, dass man die Arbeit auf mehrere Personen verteilt.

Das größte Problem war für uns jedoch immer die Finanzierung. Wenn man günstige Flugpreise haben will, muss man sehr früh im Jahr tätig werden und die Reise buchen. Das geht aber nicht, denn wenn man noch keinen Bewilligungsbescheid hat und über die Vergabe der Mittel aus dem Kinder- und Jugendplan des Bundes noch nicht entschieden worden ist, geht man ein untragbares Risiko ein. Für eine solche Maßnahme werden 15.000 bis 20.000 Euro benötigt, deshalb brauchen wir eine gesicherte und verlässliche Finanzierung.

Gesine Bertelsen: Alles rund ums Visum ist relativ aufwändig. Es ist wichtig, sich frühzeitig zu kümmern. Bei Kindern von geschiedenen Eltern verlangt die chinesische Seite, dass beide Eltern unterschreiben und einverstanden sind, dass ihr Kind nach China reist. Teilweise war es etwas umständlich, wenn die geschiedenen Eltern nicht mehr miteinander kommunizieren. Ansonsten muss der richterliche Bescheid vorgelegt werden, dass wirklich ein Elternteil das alleinige Sorgerecht hat.

Wie verläuft die Kommunikation mit dem chinesischen Partner?

Gesine Bertelsen: Weil uns immer ein Dolmetscher oder eine Dolmetscherin zur Verfügung gestellt wird, ist die Kommunikation einfacher. Die Dolmetscher/-innen sind in der Regel chinesische Student(inn)en, die in Deutschland studieren und beide Kulturen gut kennen. Sie haben simultan übersetzt und das ist auch wirklich wichtig.

Wie kommunizieren Sie im Vorfeld der Maßnahmen?

Gesine Bertelsen: Über die Deutsch-Chinesische Gesellschaft. Der Geschäftsführer dort ist ein Chinese, der in Deutschland lebt und beide Sprachen spricht. Er vermittelt und ist in die Planung involviert. In den Familien ist die Kommunikation ohne Dolmetscher/-in natürlich deutlich schwieriger. Die gemeinsame Kommunikationssprache ist dann Englisch. Die chinesischen Jugendlichen sprechen allerdings sehr viel weniger Englisch als die deutschen.

Wie wird es weitergehen mit dem Austausch?

Jürgen Dräbing: Wenn die Basis einer soliden und verlässlichen Finanzierung gegeben ist und wenn das Interesse bei den Jugendlichen weiterhin vorhanden ist, kann ich mir vorstellen, dass wir den Austausch fortsetzen. Der nächste Gegenbesuch in China ist für den Sommer 2016 geplant.

Gesine Bertelsen: Ich kann eigentlich nur noch einmal unterstreichen, wie fasziniert die Jugendlichen von China und der gesamten Begegnung sind. Auch viele Eltern haben mir berichtet, dass diese Faszination wirklich langfristig bei ihren Kindern anhält. Ich finde, es ist eine große Chance für Jugendliche, eine solche Kultur hautnah zu erleben und in Gastfamilien zu leben. Deshalb lohnt sich aus meiner Sicht der Mehraufwand bei der Organisation eines Austauschs mit China im Vergleich zu einem Austausch mit einem europäischen Land auf jeden Fall.



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