Kerstin Wondratschek

„Die Neugier auf China ist groß“

Zwischen Imitation und Individualität: Kulturelle Bildung in China und Deutschland basiert auf unterschiedlichen pädagogischen Konzepten. Gerade die radikale Fremdheitserfahrung beim Fachkräfteaustausch mit China birgt jedoch viele konkrete Anregungen für die Gestaltung pädagogischer Angebote und regt die Vernetzung an, berichtet uns Julia Nierstheimer. Als Geschäftsführerin des Bundesverbandes der Jugendkunstschulen und Kulturpädagogischen Einrichtungen e.V. (bjke) organisierte sie bereits vier deutsch-chinesische Fachkräftebegegnungen und arbeitete dabei auch mit schulischen und außerschulischen Einrichtungen in Wuhan in der chinesischen Provinz Hubei zusammen.

eine Frau mit malenden Kindern
BildImage: bjke


Julia Nierstheimer, Bild: privat

Der Bundesverband der Jugendkunstschulen und Kulturpädagogischen Einrichtungen e.V. (bjke) vertritt seit 1983 als gemeinnütziger Verein über seine Landesarbeitsgemeinschaften und Landesverbände bundesweit 400 Jugendkunstschulen und Kulturpädagogische Einrichtungen in 16 Ländern. Der Verband fördert den Kontakt, Austausch und Innovationstransfer von deutschen Fachkräften mit europäischen Kolleginnen und Kollegen, insbesondere mit dem europäischen Jugendkunstschulen-Netzwerk Arts4All, und bemüht sich zudem um regelmäßige Fachkräftekontakte nach Asien, insbesondere nach China. Seit 2012 haben je zwei Reisen deutscher Fachkräfte nach Wuhan stattgefunden (2012 und 2014) sowie chinesischer Fachkräfte nach Berlin und NRW (2013, 2015).

Projektart: Fachkräfteaustausch

Partnerorganisationen:

  • Bundesverband der Jugendkunstschulen und Kulturpädagogischen Einrichtungen e.V. (bjke)
  • Fachverband für Kunstpädagogik e.V. (BDK)
  • Bildungsamt Wuhan/Hubei
  • Verein zur Förderung des internationalen Austauschs für Kunst und Erziehung e.V. (FIAKE)
  • Jugendkunstschulen, Schulen, Kulturpädagogische Einrichtungen, Universitäten als Gastgeber und/oder entsendende Institutionen
    sowie für die Vor-Ort-Organisation:
  • Landesarbeitsgemeinschaft Jugendkunstschulen und anderer kulturpädagogischer Einrichtungen Berlin e.V.
  • Landesarbeitsgemeinschaft Kulturpädagogische Dienste / Jugendkunstschulen NRW e.V.
  • Landesverbände des BDK in Berlin und Nordrhein-Westfalen

China-Special

Good Practice

Fakten, Förderung, Kontakte

Was hat Sie bewogen, sich für den Austausch mit China zu entscheiden? Wie ist der Austausch entstanden?

Julia Nierstheimer: Ausschlaggebend war der Eindruck, dass sich vor allem Jugendliche und junge Erwachsene immer mehr für China und seine Kultur interessieren, denn das Land hat an wirtschaftlichem und politischem Einfluss gewonnen und ist dadurch präsenter. Gleichzeitig ist es für Kulturpädagoginnen und Kulturpädagogen aus Deutschland und insbesondere auch aus einer Jugendkunstschule erst einmal eine befremdliche Erfahrung, wenn sie in eine chinesische Kunstklasse kommen und dort 50 Schülerinnen und Schüler das gleiche Stillleben malen. Künstlerisches Lernen, insbesondere in der Schule, ist in China immer noch sehr stark geprägt von der Nachahmung traditioneller (auch europäischer) Ausdrucksformen auf sehr hohem handwerklich-technischem Niveau. Daneben steht zunächst der subjektorientierte und emanzipatorische Ansatz schöpferischer Eigentätigkeit und individueller Persönlichkeitsentwicklung deutscher Kulturpädagogik.

Für Kulturpädagoginnen und -pädagogen, die vielleicht einmal einen Jugendkulturaustausch mit China organisieren wollen, ist es wichtig, die konzeptionellen und bildungspolitischen Voraussetzungen in China zu kennen und ihre Genese zu verstehen. Dazu gehört einerseits die Auseinandersetzung mit traditionellem Lernen und den Erfordernissen einer neuen Industriegesellschaft, die sich rasant entwickelt hat, andererseits aber auch das Erleben der fremden Kultur, persönliche Kontakte, der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen über die Ziele der kunstpädagogischen Arbeit, die Beziehung von Lehrenden und Lernenden und das jeweilige Rollenverständnis. Im Idealfall lernen die Fachkräfte einen potenziellen Kooperationspartner kennen oder finden konkrete Anregungen, wie die künstlerischen Techniken oder kulturellen Eindrücke, die sie auf der Reise bekommen haben, in die eigene Programmgestaltung oder den eigenen Unterricht eingebunden werden können.

Möglich wurde der chinesisch-deutsche Fachkräfteaustausch aber erst durch Lutz Lienke, der als ehemaliger Leiter der Jugendkunstschule Atrium in Berlin, Kunstlehrer und Fachbereichsleiter Kunst an einer Berliner Gesamtschule langjährige Kontakte nach China pflegte, u. a. zum deutsch-chinesischen Verein zur Förderung des internationalen Austauschs für Kunst und Erziehung e.V. (FIAKE). Dieser hat den Kontakt zum Bildungsamt Wuhan hergestellt, unserem Kooperationspartner, und darüber hinaus Türen zum Stadtjugendpalast und dem Fachbereich Kunst sowie zu anderen außerschulischen Kunstorten in Wuhan geöffnet. Lutz Lienke war außerdem als Fachkraft für kulturelle Bildung Teil der Delegation der 400 Jugendlichen, die anlässlich der Unterzeichnung des Vertrags zur deutsch-chinesischen Zusammenarbeit im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe auf Einladung des damaligen chinesischen Premierministers Wen Jiabao im Jahr 2007 u. a. auch nach Wuhan reiste.

Was ist das Besondere an Ihrem Austausch mit China? Können Sie uns beschreiben, wie der Austausch ausgestaltet wird und welche Inhalte und Themen Ihnen wichtig sind?

Julia Nierstheimer: Unser Projekt heißt „Kulturelle Bildung in schulischen und außerschulischen Orten“ und darin liegt eine Besonderheit dieses Austauschs. Wir suchen den Austausch zwischen Schulen und Jugendkunstschulen bzw. anderen Orten der außerschulischen Bildung in Deutschland und China. Unser deutscher Kooperationspartner ist der BDK, in China öffnet das Bildungsamt die Türen zu den Schulen. FIAKE e.V. hilft außerdem, Kontakt zu außerschulischen Orten der kulturellen Bildung in Wuhan herzustellen. Die zweite Besonderheit ist wohl, dass wir mit dem Bildungsamt Wuhan der Provinz Hubei zusammenarbeiten und nicht direkt mit dem Allchinesischen Jugendverband. Ich weiß nicht, ob es viele Träger gibt, die diesen Weg ins Landesinnere wählen.

Die Fachkräfteaustausche in Deutschland und China sind ähnlich aufgebaut und bestehen aus Besichtigungen, Hospitationen, Workshops, Präsentationen/Vorträgen, Fachgesprächen, offiziellen Empfängen und informellem Austausch – nach Möglichkeit auch in einem einigermaßen informellen Rahmen. Wir interessieren uns vor allem für die Vermittlungs- und Lehrmethoden, die künstlerischen Techniken und die politischen und konzeptionellen Rahmenbedingungen. 2014 und 2015 haben wir den Austausch unter das Motto „Künstlerische Gestaltung und Lebensraum“ gestellt. Das hat bei der Vorbereitung zwar geholfen, Fragen zu fokussieren, hatte aber nicht den strukturierenden Effekt, den wir erhofft hatten. Ein Grund war sicherlich, dass aufgrund von Reibungsverlusten durch Übersetzungen trotz guter Vorbereitung sehr viel Zeit benötigt wird, um ein Grundverständnis für die jeweilige Einrichtung, ihren Kontext und ihre Ziele herzustellen. Auch beschäftigten die deutschen Fachkräfte, die zum ersten Mal nach China reisen, wesentlich grundsätzlichere Fragen zu Methoden und Zielen chinesischer Kunsterziehung.

Welche Bedeutung hat der Austausch mit China für den Träger insgesamt?

Julia Nierstheimer: Der chinesisch-deutsche Fachkräfteaustausch ist in der Jahresplanung des bjke verankert und wird von uns durch Vorstand und Geschäftsstelle realisiert. Allerdings gehört der Bereich Internationales nicht zu den Kernaufgaben der Geschäftsstelle, sondern läuft als zusätzliche Aktivität. Für die interkulturelle Organisationsentwicklung ist der Austausch mit China für den bjke und die entsendenden Organisationen von nicht zu unterschätzender Bedeutung.

Haben Sie nachhaltige Veränderungen bei den Teilnehmenden wahrgenommen?

Julia Nierstheimer: Die Rückmeldungen sind ambivalent. Die Teilnehmenden machen radikale Fremdheitserfahrungen: Sie sind irritiert, fasziniert, euphorisiert, nachdenklich. Fast alle Kolleginnen und Kollegen nehmen – häufig sehr konkrete – Anregungen für die eigene Programm- und Unterrichtsgestaltung mit und bringen ihre Eindrücke in ihren Netzwerke ein. Viele überdenken ihr eigenes Rollenverständnis und ihre pädagogischen Ziele als Folge eines solchen Austauschs neu. Einige engagieren sich auf ihren kommunalen und regionalen Ebenen anschließend in chinabezogenen Netzwerken und bringen auf diese Weise die Perspektive der kulturellen Bildung in diese Diskussionen, Veranstaltungen und Vorhaben ein.

Welches sind Ihre Erkenntnisse und Erfahrungen aus dem Austausch mit China? Wie bewerten Sie die nachhaltige Wirkung des Austauschs?

Julia Nierstheimer: Wir hatten den Eindruck, dass die chinesischen Kolleginnen und Kollegen sehr interessiert an den Vermittlungsmethoden deutscher Kunstpädagogik sind, insbesondere auch an der Frage, wie Kreativität entsteht und sich in Bildungsprozessen fördern lässt. Bei Treffen mit chinesischen Sammler(inne)n und Künstler(inne)n wurde das Interesse spürbar, die Zielgruppe Kinder und Jugendliche bei Museumsplanungen zumindest mitzudenken. Die deutschen Kolleg(inn)en wurden in diesen Zusammenhängen als Expert(inn)en wahrgenommen.
In den gemeinsamen Reflexionen ging es immer wieder um Partizipation und Lebensweltbezug ästhetischer Bildung in und außerhalb von Schule und um die Suche nach sichtbaren Äußerungen einer informellen Jugendkultur. Die chinesischen Kunstpädagog(inn)en wurden von den deutschen Fachkräften durchaus als dem Kind zugewandte Lehrer/-innen erlebt, obwohl das Bildungssystem wenig Frei- und Entfaltungsräume zulässt. Auch der Kunstunterricht bietet in China vergleichsweise wenig kreative Freiräume. Und doch glaubt man immer wieder, sehr kleine kreative Nischen zu finden: Mitmach-Stationen im Schulflur, Lehrer/-innen, die sich bemühen, Lebensweltbezüge in ihrem Unterricht herzustellen, Hip-Hop und Populärmusik, die in Schulaufführungen Einzug halten.
Vor allem aber wird die Neugierde füreinander angefacht. Es gibt Vernetzungsüberlegungen nicht nur zwischen deutschen und chinesischen Kolleg(inn)en, sondern auch innerhalb der deutschen Delegation mit Blick auf mögliche Jugendkulturaustausche. Die deutschen Delegationsmitglieder haben an sich selbst ein neues Interesse und eine Motivation entdeckt, sich weiter mit den Themen und Fragen, die der Austausch aufgeworfen hat, zu beschäftigen.

Wie sehen die Perspektiven aus und wie schätzen Sie das zukünftige Potenzial des Austausches ein?

Julia Nierstheimer: Mit unserem Anspruch, schulische und außerschulische Orte in Deutschland und China im Fachkräfteaustausch miteinander zu vernetzen, bewegen wir uns in einer schwierigen Partnerkonstellation. Für die teilnehmenden Lehrerinnen und Lehrer aus Deutschland war es nicht immer konfliktfrei möglich, eine Freistellung zu erwirken. Für unseren chinesischen Partner, das Bildungsamt, ist es nicht ohne weiteres möglich, erstens mit einer deutschen NGO als Austauschpartner zu kooperieren und zweitens auch vor Ort mit Einrichtungen zusammenzuarbeiten, die nicht der eigenen Behörde zugeordnet sind. Es gibt daher regelmäßig Schwierigkeiten wegen der Zusammensetzung der chinesischen Delegation und mit der Reiseerlaubnis, so dass sich die Termine häufig verschieben und Programme in der Folge sehr kurzfristig umgesetzt werden müssen. Diese Umstände machen es insgesamt extrem schwer, sich über die Programmgestaltung sowie die gegenseitigen Erwartungen und Ziele für die einzelnen Programmpunkte im Vorfeld wirklich intensiv abzustimmen. Ich bin deshalb unsicher, ob es perspektivisch gelingen kann, den deutsch-chinesischen Fachkräfteaustausch in dieser Partnerkonstellation auf planungssicherere Beine zu stellen.



Begleiten Sie uns

RSS-Feed abonnieren IJAB auf Facebook IJAB-Alumni-Gruppe auf Facebook IJAB auf Twitter IJAB auf YouTube

Newsletter