Sabine Raetsch

Die Seidenstraße – ein deutsch-chinesisches Kunstprojekt in Wuhan, China

Was erlebt man bei einem Jugendaustausch in China? Sabine Raetsch hat mit dem Offenen Kunstverein e.V. aus Brandenburg und der Ökonomischen Universität in Wuhan das Projekt „Die Seidenstraße“ auf die Beine gestellt – und träumt bis heute von China.

Junge Menschen tragen überlebensgroße Pupen in exotischen Gewändern.
BildImage: Eva Kowalski

Jede Nacht im Traum sehe ich hunderte von Chinesen in gigantischen Gebäuden, die ewig langen Rolltreppen hoch, runter und geradeaus fahren. Begleitet von einem sehr hohen Lärmpegel der durch den Verkehr, Lautsprecher und telefonierende Menschen entsteht. Manchmal unterhalten sich Menschen so, dass man als Deutscher auf jeden Fall einen Streit vermutet, was aber nicht stimmt. Die unfassbar süßen, kleinen Kinder schreien selten. Sie sind erstaunlich geduldig und passen sich den Umständen an. Buddha lässt grüßen! Das Gegenteil erlebte ich auf dem Rückflug. Eine Berliner Familie, die selbstverständlich laut ihre Umgebung unterhielt. Maulende, anmaßende und fordernde Kinder und ihre sich ständig erklärenden Eltern. Demokratie?

Diese ständig sich wiederholenden Bilder der Nacht sind dem Umstand geschuldet, dass wir in diesem Jahr mit unserem Jugendaustauschprojekt „Die Seidenstraße“ viel in China unterwegs waren. Von Schanghai nach Wuhan von Wuhan nach Moganshaw und von dort wieder nach Schanghai. Wir mussten uns durch viele Bahnhöfe quälen und wenn man dann den gut organisierten tollen Zug erreicht hatte, hatte man schon mal 3 km auf der Uhr. Was für Ausmaße, für die doch sichtlich kleineren Menschen.

Es war die achte Begegnung mit chinesischen Studenten und die vierte Reise ins Land der Mitte zu unserem treuen und großzügigem Partner der Ökonomischen Universität in Wuhan am Jangtse in Zentralchina. Unsere Teilnehmer waren Jugendliche aus den Zeichenkursen, Theatergruppen des Vereins und unsere europäischen Freiwilligen aus Russland, Frankreich und Italien.

Voneinander lernende Partner

Wir haben über die Jahre, trotzdem wir sehr ungleiche Partner sind, viel voneinander gelernt und profitiert. Jetzt ist auch die offizielle Begrüßung nicht mehr emotionsfrei. Alle freuen sich über die erneute Begegnung. Mittlerweile erkennen wir einander, ich dachte das bleibt immer schwierig. Die Studierenden, die letztes Jahr in Potsdam waren, wurden für unsere gemeinsame Arbeit freigestellt. Die gesamte Organisation war unkompliziert und herzlich. Wir fühlen uns schon ein bisschen zu Hause in der riesigen Universitätsstadt, die 25.000 Studierende beherbergt und finden schon die eine oder andere Mensa wieder.

Das Thema in diesem Jahr war „Die Seidenstraße“. Den Austausch fremder Kulturen durch den Handel haben wir in einen künstlerischen Austausch verwandelt. Wir haben 4-5 Meter große Figuren erdacht und gebaut. Menschen, die auf diesem langen Weg zu Hause sind. Angefangen in China, Indien, Pakistan Afghanistan, Kirgisistan, Tadschikistan, Usbekistan, Turkmenistan, Iran, Türkei, Italien, Griechenland usw. In kleinen deutsch-chinesischen Gruppen entstanden neun bunte Großfiguren. Um diese Wesen in einer Karawane durch die Unistadt zu bewegen, wurden zeitgleich Lieder und Rhythmen geprobt.

Neben der Vorbereitung der Präsentation bot uns die Universität einen Keramikworkshop, in dem wir lernten, Teller in der Tradition der Tuschmalerei zu gestalten. Und es wurde uns durch einen sehr beeindruckenden Künstler das Schneiden von Steinstempeln gezeigt. Es hat riesigen Spaß gemacht.

Junge Chinesinen und Chinesen leben anders

Es wurde ein Konzert für uns organisiert, an dem wir mit unserem Musiker Andreas Schulte sehr erfolgreich teilnehmen konnten. Auch das Osterfest wurde nicht ignoriert, es wurden Eier ausgeblasen, bemalt und in die Bäume gehängt. Anschließend durften die Chinesen unsere mitgebrachten Osternester suchen. Und natürlich darf ein Abend in der Karaokebar auf keinen Fall fehlen – mit 24 Menschen in einem großen, reich gestalteten Raum mit zwei Bildschirmen. Alkohol spielt dort keine Rolle, das Bier war nur für uns Gäste.

Was da abgeht ist unvorstellbar. Wenn unterschiedliche Nationen, voller Inbrunst den Celine-Dion-Titanicsong singen, da bleiben zumindest meine Augen nicht trocken. Karaoke ist neben Sport das einzige Freizeitvergnügen der jungen Menschen. Um 22.30 Uhr müssen sie auch zurück, die Mädchen in ihre 6 Bettzimmer und die Jungs in ihre 4 Bettzimmer. Bei den Regeln gibt es Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Um 23.00 Uhr wird der Strom abgestellt und sie können nicht mehr in die Häuser. Es war sehr beeindruckend für unsere Jugendlichen, wie bescheiden und diszipliniert die Studierenden dort in ihren kleinen Zimmern leben.

Austausch aufrechterhalten

Die Präsentation war überwältigend, ein großer Erfolg! Wir zogen mit den neugeborenen, großen Wesen, mit Gesang und Trommeln durch die Unistadt. Und der Zug wurde immer größer und lebendiger durch ständig hupende Autos, Mopeds, klingelnde Fahrräder und überraschte chinesische Gesichter. Das sind die großen Augenblicke, die man im Leben anstrebt.

Herr Chen Yi Künstler und Leiter des Kunstinstituts, sagte zu uns, wir sollten versuchen, diesen Austausch so lange fortzuführen, wie es möglich ist. Was will man mehr! Ich hoffe, dass China und die Welt, für diese wichtigen Austauschprojekte zwischen jungen Menschen offen bleibt. Wie anders wird der Blick auf ein fremdes Land, wenn dort Freunde wohnen.

Ich bedanke mich bei meinen Kolleg(inn)en Eva Kowalski, Nikki Bernstein und Andreas Schulte für die gute Zusammenarbeit. Bei meiner langjährigen Freundin und Organisatorin Su Ouyang, die den Kontakt zur Uni hergestellt hat. Danke der wunderbaren Dolmetscherin, die uns durch das große Land navigiert hat. Dank auch den Teilnehmern, die alle tolerant und gutgelaunt dabei waren, wenn es auch manchmal hart war. Und natürlich der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung e.V. und dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend für ihre Unterstützung und die Förderung, ohne die diese Projekte nicht möglich wären.

Es war eine unvergessliche Erfahrung für uns alle.



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