Dorothea Wünsch

Jugendhilfe in der Großstadt: Shanghai und Hamburg wollen voneinander lernen

Für den Austausch mit der großen Shanghai Youth Federation sucht sich der relativ kleine lokale Träger Jugendsozialarbeit Schanzenviertel e.V. in Hamburg immer wieder deutsche Kooperationspartner aus der lokalen Jugendhilfe und aus der Kommunalverwaltung. Nur so könne der Austausch nachhaltig in die Strukturen der Jugendhilfe in Hamburg wirken, berichtet uns Vereinsleiter Thomas Humbert. Und angesichts der knappen Finanzen ist ein solches Netzwerk oft die einzige Möglichkeit, ein ansprechendes Programm auf die Beine zu stellen.

BildImage: Martin Zitzlaff


Thomas Humbert, Bild: Martin Zitzlaff

Jugendsozialarbeit Schanzenviertel e.V. wurde 1987 von sozialen Einrichtungen im innerstädtischen Kerngebiet von Hamburg gegründet, um benachteiligte Jugendliche im Schanzenviertel zu unterstützen. Der Verein betreibt einen Jugendtreffpunkt im Hamburger Schanzenviertel und führt seit 1992 internationale Jugendbegegnungen durch. Darüber hinaus bietet er Projekte in der Jugendberufshilfe für arbeitslose Jugendliche an. Der Fachkräfteaustausch mit China besteht seit 2010.

Projektart: Fachkräfteaustausch (Außerdem hat eine Jugendbegegnung stattgefunden.)

Partnerorganisation:

  • Shanghai Youth Federation

China-Special

Good Practice

Fakten, Förderung, Kontakte

Wie ist der Austausch entstanden?

Thomas Humbert: Wir haben 2010 an der von IJAB organisierten Partnerbörse in Shenzhen teilgenommen. Seitens unseres Trägers bestand Interesse, etwas Neues auszuprobieren. Bei der Partnerbörse in Shenzhen haben wir Kontakt zur Shanghai Youth Federation bekommen. Da Shanghai und Hamburg Partnerstädte sind, lag es nahe, dass wir uns mit ihnen verabreden. Im gleichen Jahr hat die chinesische Seite uns zur Expo nach Shanghai eingeladen, und damit hat der erste Austausch stattgefunden.

Was ist das Besondere an Ihrem Austausch mit China? Welche Themen und Inhalte sind Ihnen wichtig?

Thomas Humbert: Die Themen und Inhalte in unserem Austausch beziehen sich auf die Jugendhilfe in beiden Städten. Wir hatten zum Beispiel einmal das Thema Drogen und beim Deutschlandbesuch der chinesischen Delegation in diesem Jahr das Thema Berufsintegration. Shanghai hat von Anfang an angeboten, problematische Entwicklungen in der Jugendhilfe oder spezielle Probleme, die Jugendliche in ihrer Entwicklung haben, im Austausch zu thematisieren. Thema war dann ebenso, über Hilfsangebote in beiden Städten nachzudenken, sie darzustellen oder sich in diesem Feld gegenseitig zu unterstützen und zu beraten. Das ist das Besondere in unserem Austausch.

Welche Bedeutung hat der Austausch mit China für Ihren Träger?

Thomas Humbert: Wir sind ein relativ kleiner Träger und kooperieren in Shanghai mit einem sehr großen Träger. Wir verstehen unsere Rolle in etwa so, dass wir als Träger den Austausch für die Stadt Hamburg insgesamt durchführen. Der Träger sieht nicht nur sein eigenes Trägerinteresse, sondern koordiniert aus Interesse an China und am Austausch an sich die Zusammenarbeit thematisch für ganz Hamburg. Das heißt, wenn wir den Fachkräfteaustausch machen, dann suchen wir auch immer Vertreter(innen) aus der Behörde für Arbeit, Familie, Soziales und Integration oder vom Jugendamt Eimsbüttel, die daran teilnehmen, damit der Austausch über unseren Träger hinaus – im Bezirk und in der ganzen Stadt Hamburg – wirken kann.

Können Sie uns ein konkretes Austauschprojekt vorstellen?

Thomas Humbert: In diesem Jahr hat der Leiter der Behörde für Arbeit, Familie, Soziales und Integration die Jugendhilfe in Hamburg und auch die neue Jugendberufsagentur Hamburg vorgestellt, die gerade neu entstanden ist und die Hamburg selbst sehr interessant findet. Anschließend haben wir hier im Stadtteil die Jugendberufsagentur in Eimsbüttel besucht und weitere Beratungseinrichtungen angeschaut, die sich um Wohnungsvermittlung, Berufsintegration, Coaching und Jobangebote für Jugendliche kümmern. Fünf Tage waren die Fachkräfte aus China zu Besuch.

Im Rahmen eines weiteren Austauschprojektes besuchten im Jahr 2012 eine Gruppe von 13 Jugendlichen im Alter von 20 bis 24 Jahren die Partnerstadt Shanghai. Ein besonderer Baustein des Programms war ein Tag, an dem sich die Jugendlichen aus Hamburg und Shanghai intensiver persönlich kennen lernen konnten. Die Shanghai Youth Federation nannte diesen Tag „To be a Shanghai youngster for one day“. Dabei zeigten Jugendliche aus Shanghai den Jugendlichen aus Hamburg in kleinen Gruppen ihre Stadt. Gemeinsam traf man sich dann am Ende zum Karaoke-Singen. Diese Begegnung hat uns sehr ermuntert, die Partnerschaft fortzusetzen und die Kontakte zu intensivieren.

Wenn wir eine Begegnung mit Shanghai organisieren, suchen wir uns immer Kooperationspartner. Wir bauen ein Netzwerk auf, denn es gibt andere Träger, die interessiert sind, unterstützen und helfen. So werden viele Programmpunkte von anderen Trägern gestaltet und übernommen.

Schildern Sie uns doch einmal, welche Rückmeldungen Sie von den Teilnehmenden bekommen.

Thomas Humbert: Der Austausch ist wie bereits in den Vorjahren auch in diesem Jahr gut angekommen. Die Teilnehmenden sind erfahrene Sozial- und Diplompädagog(inn)en mit unterschiedlichen Funktionen und aus verschiedenen Bereichen der Jugendarbeit. Aus Finanzgründen haben wir die Teilnehmer(innen) zwei Tage privat untergebracht. In den Gastfamilien wurde gekocht und etwas Freizeit gemeinsam verbracht. Das hat den Teilnehmenden aus China sehr gut gefallen. Für mich selber war es ein Wagnis, den Chines(inne)en mitzuteilen, dass wir auf Privatunterkünfte zurückgreifen müssen, weil die Finanzierung nicht ausreicht. Denn in China sind wir immer sehr hochwertig in Hotels untergebracht und das Programm ist dort sehr gut organisiert und strukturiert. Aber die chinesischen Teilnehmenden haben sich gefreut. Es hat eine gute Stimmung erzeugt, die Atmosphäre aufgelockert und die Beziehungen vertieft. Die beiden anderen Tage waren die Gäste aus China im Hotel untergebracht.

Wo sehen Sie besondere Herausforderungen in der Zusammenarbeit?

Thomas Humbert: Wir haben immer Finanzierungsschwierigkeiten. Es ist jedes Mal ein Problem und es ist nicht einfach, die Finanzierung zu organisieren. Wir finanzieren den Austausch über den Kinder- und Jugendplan des Bundes, die Senatskanzlei sowie aus weiteren unterschiedlichen Quellen. Die Stadt Hamburg und verschiedene Stiftungen unterstützen uns gelegentlich. Aber die Mittel reichen in der Regel nicht aus. Die Kolleg(inn)en in China geben sich sehr viel Mühe und geben viel Geld aus, aber für unseren Träger ist es schwierig, der chinesischen Gastfreundschaft etwas Adäquates entgegenzusetzen. So sind wir dieses Jahr auf die privaten Unterkünfte ausgewichen. In unserem Fall ist die Besonderheit, dass wir als relativ kleiner Träger mit einem so wichtigen und großen Träger in Shanghai kooperieren.

Wie bewerten Sie die nachhaltige Wirkung des Austauschs?

Thomas Humbert: Die Kontinuität im Austausch gelingt bei uns ganz gut. Wir haben jetzt sechs Begegnungen durchgeführt: Die Chinesen waren dreimal hier und wir waren dreimal dort. Mit der Zeit hat sich eine Vertrautheit entwickelt. Die Kontakte konnten gefestigt werden und die Struktur der sozialen Systeme in der Jugendarbeit vor dem jeweiligen kulturellen und sozialen Hintergrund transparenter werden.

Die deutschen Fachkräfte, die in Hamburg an der Begegnung teilnehmen, fahren im nächsten Jahr nach China, so dass die Deutschen die chinesischen Delegierten hier in Hamburg treffen und erleben. In der Regel treffen wir die Delegierten dann auch in Shanghai, teilweise in ihrem Arbeitsumfeld. Manchmal bemerken wir dabei, dass Ideen vom Aufenthalt in Deutschland in China aufgegriffen worden sind. Auch wenn die Umsetzung von konkreten Ansätzen in dem jeweils anderen Land nicht immer möglich ist, da die sozialen Systeme doch sehr unterschiedlich sind, stellen wir fest, dass so etwas wie eine Resonanz entstehen kann.

Wie sehen die Perspektiven aus? Wie kann es weitergehen?

Thomas Humbert: Perspektivisch möchten wir den Austausch weiter vertiefen. Denkbar ist für uns auch eine Zusammenarbeit mit der Universität in Shanghai, die Sozialpädagog(inn)en ausbildet. Mit Vertreter(inne)n der Universität haben wir uns bereits zweimal getroffen. Ansonsten streben wir eine Vertiefung des Kontakts an oder eine Weiterentwicklung oder Vertiefung zu speziellen Themen. Wie sich der Austausch genau weiterentwickelt, ist noch offen. Es ist auf jeden Fall von beiden Seiten angedacht, den Austausch weiterzuführen.

Weitere Informationen unter: http://js-schanze.de/fachkraefteaustausch-mit-shanghai/



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