Dorothea Wünsch

„Nach den 12 Monaten habe ich ein sehr viel differenzierteres Deutschlandbild“

Ulla Eberhard ist Geschäftsführerin der Kölner Freiwilligen Agentur und Projektleiterin für Freiwilligendienste. In dieser Funktion organisiert sie seit 2013 auch den Austausch junger Freiwilliger mit China. In Sprachlernzentren des Goethe-Instituts und an einer Pekinger Schule helfen die Jugendlichen dabei, Kulturprogramme und Freizeitaktivitäten zu organisieren. Dabei lernen sie in der Zusammenarbeit mit den chinesischen Kolleg(inn)en nicht nur die fremde Kultur kennen, sondern reflektieren auch die eigenen Wurzeln und Wertvorstellungen. Die Begeisterung ist groß, und deshalb möchte Ulla Eberhard den Austausch auch auf NGOs und weitere Einsatzstellen in Peking ausweiten.

BildImage: Paul-Moritz Elle


Ulla Eberhard, Bild: Astrid Piethan

Die Kölner Freiwilligen Agentur e. V. vermittelt freiwilliges und ehrenamtliches Engagement für alle Altersgruppen. Sie informiert und berät auf der einen Seite Menschen, die sich mit ihrer Zeit und ihrem Wissen engagieren wollen. Auf der anderen Seite ermittelt sie in gemeinnützigen Einrichtungen, welche Hilfe von Ehrenamtlichen benötigt wird. Eines der Projekte ist der Internationale Freiwilligendienst für junge Kölner/-innen, die ein halbes oder ganzes Jahr in einer Kölner Partnerstadt im Ausland leben und sich dort in einem sozialen, kulturellen oder ökologischen Projekt engagieren. Umgekehrt kommen junge Menschen aus den Partnerstädten nach Köln und helfen mit, wo sie gebraucht werden. Der Internationale Freiwilligendienst baut Brücken – zwischen Menschen, Städten und Kulturen. Im Jahrgang 2013/14 sind erstmalig internationale Freiwillige nach China vermittelt worden.

Projektart: Internationale Freiwilligendienste

Partnerorganisation:

  • Sprachlernzentren des Goethe-Instituts in mehreren chinesischen Städten und eine Schule in Beijing

China-Special

Good Practice

Fakten, Förderung, Kontakte

Frau Eberhard, wie kam es zum Freiwilligenaustausch mit China?

Ulla Eberhard: Der Austausch von Freiwilligen ist durch die Kontakte der Stadtverwaltung Köln mit der Stadtverwaltung Beijing entstanden. Die Städtepartnerschaft zwischen Köln und Peking oder Beijing besteht seit 1987. Insbesondere in den Bereichen Kunst, Kultur und Wirtschaft, aber auch zwischen den juristischen Fakultäten der Universitäten beider Städte fanden und finden rege Austausche statt. So konnten weitere Verbindungen zu China durch zwei Delegationsreisen des Oberbürgermeisters, an denen Vertreterinnen der Kölner Freiwilligen Agentur teilnehmen konnten, sowie durch eine Studienreise von IJAB hergestellt werden.

Was ist das Besondere am Austausch von Freiwilligen mit China?

Ulla Eberhard: Die Grundidee des Austausches von Freiwilligen mit China unterscheidet sich nicht von den Kooperationen mit anderen Ländern. Die Kölner Freiwilligen Agentur vermittelt junge Menschen im Alter zwischen 17 und 26 Jahren für sechs bis zwölf Monate in ausgewählte Einsatzstellen in den Kölner Partnerstädten, die einen Freiwilligendienst in sozialen, kulturellen, ökologischen oder sportlichen Einrichtungen anbieten.

Die jungen Freiwilligen aus Köln bieten den Organisationen in den Partnerstädten ihre Unterstützung an und übernehmen dabei Aufgaben, die einen sichtbaren Effekt haben und die helfen, die Arbeit der Organisationen vor Ort zu optimieren. Die Freiwilligen möchten etwas Gutes für die Gemeinschaft tun und übernehmen zum Beispiel Aufgaben wie die Organisation von Freizeitbeschäftigungen für Kinder und Jugendliche, Besuche bei kranken Menschen, Arbeit in öffentlichen Parks, Renovierung von Häusern bedürftiger Menschen, Organisation von Sportveranstaltungen für Jugendliche, Vorbereitung von Kulturfestivals und vieles mehr. Die jungen Menschen sammeln dabei wertvolle Erfahrungen für das persönliche, soziale und berufliche Leben. Die Freiwilligen erhalten während ihres Aufenthalts Unterkunft, Verpflegung und ein monatliches Taschengeld. Sie sind versichert und haben Anspruch auf „Urlaub“. Zu den Reisekosten und den Kosten für den Sprachkurs wird ein Zuschuss gewährt. Vor, während und nach dem Freiwilligendienst wird pädagogische Begleitung angeboten.

In China sind die Einsatzstellen Sprachlernzentren des Goethe-Instituts, die als Kooperationen mit chinesischen Universitäten in verschiedenen Städten Chinas eingerichtet wurden, sowie die „Beijing National Day School“. Beschreibungen zu den Einsatzstellen in China sind zu finden unter: www.koeln-freiwillig.de/internationaler-freiwilligendienst/IFD-einsatz-in-partnerstaedten.

Welches sind Ihre Erkenntnisse und Erfahrungen aus dem Austausch von Freiwilligen mit China? Und was sagen die Teilnehmenden über den Aufenthalt?

Ulla Eberhard: Internationale Freiwilligendienste wirken – wenn sie gut laufen – nachhaltig auf die Freiwilligen und ihre Lebenswege. Und die Freiwilligen leisten einen wichtigen Beitrag in den Einsatzstellen. Das ist bei Freiwilligendiensten in China nicht anders als in anderen Partnerstädten. China ist bei den Freiwilligen sehr beliebt. Die Freiwilligen, die bisher ihren Freiwilligendienst in China absolviert haben, waren in der ganz überwiegenden Mehrheit sehr begeistert. Das liegt aber auch an den Einsatzstellen, die unseren jungen Freiwilligen viel bieten und sie gut betreuen. Ich möchte hier beispielhaft ein paar Rückmeldungen von Freiwilligen geben:

„Jetzt nach einem Jahr kann ich aus vollstem Herzen sagen, dass nach China zu gehen, die beste Entscheidung war, die ich bis jetzt in meinem Leben getroffen habe. Zugegebenermaßen, so viele große Entscheidungen musste ich noch nicht treffen, aber die Zeit hier hat meine Erwartungen in so vielerlei Hinsicht übertroffen, dass ich nicht weiß, wie ich anfangen soll, die Erfahrung zusammenzufassen. (…) Es hat großen Spaß gemacht, durch den Austausch mit den chinesischen Studenten nicht nur sie und China besser kennen zu lernen, sondern auch etwas von Deutschland zu vermitteln und mich mit der eigenen Kultur auseinanderzusetzen. Nach den 12 Monaten habe ich ein sehr viel differenzierteres Deutschlandbild.“ (Emma Gollhardt)

„Meine Aufgaben waren ganz unterschiedlich: Ich orientierte mich an einem der drei Hauptziele des Sprachlernzentrums: „Vermittlung eines umfassenden Deutschlandbildes durch Informationen über das kulturelle, gesellschaftliche und politische Leben“, d. h. ich half bei der Gestaltung des Kulturprogramms am Goethe-Institut. Ich überlegte mir mithilfe meiner netten Kolleg(inne)en Konzepte und Ideen für Kulturveranstaltungen, wie z. B. eine Weihnachtsreihe mit verschiedenen thematischen Schwerpunkten zum Thema Weihnachten. Es geht also um ganz alltägliche Themen, über die man sich als Deutsche/r eher selten Gedanken macht. Durch diese Arbeit reflektiere ich meine eigene Kultur viel mehr, und das ist auch sehr interessant. Ich konnte sehr frei arbeiten und hatte Möglichkeiten, meine Ideen zu verwirklichen und umzusetzen. Gleichzeitig gab es kleinere Aufgaben, die gemacht werden mussten, so dass ich mir immer etwas aussuchen konnte, auf was ich gerade Lust hatte.“ (Nina Schilling)

Weitere Rückmeldungen von den Freiwilligen sind in den Erfahrungsberichten von 2013/2014 und 2014/2015 zu finden unter www.koeln-freiwillig.de/IFD-Erfahrungsberichte.

Wie sehen die Perspektiven aus und wie schätzen Sie das zukünftige Potenzial des Austausches von Freiwilligen mit China ein?

Ulla Eberhard: Der Austausch von jungen Freiwilligen mit China hat unsere Angebotspalette erweitert. Uns ist es wichtig, dass wir den Freiwilligen unterschiedliche und vielfältige Kulturen und Partnerstädte anbieten können. Neben den Partnerstädten in Europa möchten wir auch in solche Partnerstädte vermitteln, deren Kultur sich sehr von unserer unterscheidet. Das ist bei China der Fall. Beijing ist im Moment die einzige Partnerstadt in Asien, in die wir junge Freiwillige entsenden. Perspektivisch würden wir gern Kooperationspartner in allen 24 Partnerstädten von Köln haben. Das gelingt uns mehr und mehr. Wir sind froh, dass China vor zwei Jahren dazu gekommen ist.

Ganz erhebliche Schwierigkeiten bereiten die Visa. Die Bedingungen ändern sich laufend, zumal es kein Visum für Freiwilligendienst gibt. Die Freiwilligen reisen entsprechend dem Vertrag und den Vorgaben der Einsatzstelle entweder mit einem Business-Visum oder mit einem Studenten-Visum ein. Beide Visumsvarianten treffen nicht den Kern des Austausches von jungen Freiwilligen und bedeuten erhebliche Nachteile, da sie extrem teuer, aufwändig und unkalkulierbar sind. Auch bei der Einreise der neuen Freiwilligen hat es wieder zu einer Verzögerung geführt, so dass ein Freiwilliger erst einen Monat später anfangen konnte. Andere haben erhebliche Kosten, die sie selbst tragen müssen, weil es die Förderung des Internationalen Jugendfreiwilligendienstes (IJFD) nicht hergibt. Wegen der hohen Kosten für die Visabeschaffung ist der Freiwilligendienst derzeit begrenzt auf Freiwillige, die aus Familien mit entsprechenden finanziellen Mitteln kommen. Das entspricht eigentlich nicht unserer Philosophie, so dass hier meines Erachtens dringend Handlungsbedarf besteht.

Wenn sich die Gelegenheit bietet, würden wir den Austausch gerne weiter ausbauen. Wir würden uns sehr freuen, wenn wir noch mehr Einsatzstellen in Beijing gewinnen würden, um den jungen Freiwilligen aus Köln eine noch größere Auswahl für ihr Engagement bieten zu können. Neben der Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut würden wir uns beispielsweise auch die Zusammenarbeit mit NGOs in Beijing wünschen. Langfristig sind wir an Kooperationen mit NGOs interessiert, die auch Freiwillige aus Beijing nach Köln entsenden.
http://okev.de/china/



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