Kerstin Wondratschek

„Nach wenigen Tagen wächst das Vertrauen“

Seit 2009 organisiert die Akademie Biggesee deutsch-chinesische Jugendbegegnungen. Wie diskutieren Jugendliche aus ganz unterschiedlichen politisch-sozialen Hintergründen über Gesellschaft, Wertvorstellungen und Zukunftsvisionen? Im Gespräch mit Akademieleiter Udo Dittmann und dem verantwortlichen Referenten Bernd Neufurth erfahren wir, wie schnell die jungen Menschen Gemeinsamkeiten entdecken und auch offen über vermeintliche Tabuthemen sprechen.

deutsche und chinesische Jugendliche arbeiten mit Spaten
BildImage: Akademie Biggesee


Bernd Neufurth, Bild: Akademie Biggesee


Udo Dittmann, Bild: Akademie Biggesee

Die Akademie Biggesee arbeitet als staatlich geförderte Einrichtung der politischen und sozialen Bildung seit 1951 überparteilich, unabhängig und überkonfessionell auf der Basis des christlichen Menschenbildes. Inzwischen kann die Akademie Biggesee auf eine jahrzehntelange Tradition der Jugend- und Erwachsenenbildung im Raum Olpe/Attendorn zurückblicken. Der Jugendaustausch mit China besteht seit 2009.

Projektart: Jugendbegegnung

Partnerorganisationen:

  • Thomas Foreign Language School, Qingdao (nicht-staatlich)
  • Provinz Jiangsu: jeweils eine IN- und OUT-Maßnahme mit der Stadt Xuzhou sowie mit der Stadt Suqian (Die Partnerorganisationen sind Mitglied im Allchinesischen Jugendverband.)

China-Special

Good Practice

Fakten, Förderung, Kontakte

Wie hat für die Akademie Biggesee der Austausch mit China begonnen?

Bernd Neufurth: Wir haben 1990 begonnen, dreiwöchige Studienseminare in China anzubieten, nachdem durch Berichte über China das Interesse an dem Land geweckt worden war. Bis 2006 haben wir diese etwa zehnmal durchgeführt. 2008 haben wir über unseren Dachverband Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten e.V. (AdB) vom deutsch-chinesischen Jugend- und Fachkräfteaustausch erfahren. Da Kontakte zu China vorlagen, unter anderem zu der Thomas Foreign Language School, konnten wir mit diesem chinesischen Partner den Jugendaustausch starten.

Welche Bedeutung hat der Austausch für die Akademie?

Udo Dittmann: Der Austausch mit China ist ein wesentlicher Baustein zur Internationalisierung unseres Hauses. Die Akademie gibt es inklusive ihrer Vorgängerorganisation bereits seit 1951. Europäische Bildung ist stets ein satzungsmäßiges Ziel gewesen. Die Entwicklung der Welt und der Globalisierung hat dazu geführt, dass wir die ganze Welt in den Blick genommen haben. Die genannten China-Seminare bilden den Ursprung dieser Internationalisierung.

Was zeichnet Ihren Austausch mit China aus? Welche Inhalte und Themen stehen im Mittelpunkt?

Bernd Neufurth: Die Akademie ist eine Einrichtung der politischen und sozialen Bildung. Deshalb ist politische Bildung für uns ein zentrales Merkmal des Austauschs. Wir bringen junge Teilnehmer/-innen aus beiden Ländern zusammen, damit sie gemeinsam über Werte und Wichtiges für ihr Leben nachdenken. Wir würden dies "Menschenrechtsbildung" nennen, aber da dieses Wort in China etwas belastet ist, sprechen wir von Werten. Der Schwerpunkt des Austauschs liegt darin zu sehen und zu erfahren, dass trotz der Entfernung der anderen Kultur, der anderen Sprache, der anderen politischen Ordnung im Land viele Gemeinsamkeiten bei jungen Leuten bestehen. Die Jugendlichen sollen erkennen, dass es trotz kultureller und gesellschaftlicher Unterschiede Vertrauen und Zusammenarbeit geben kann. Damit möchten wir einen Beitrag leisten, dass die Welt ein bisschen friedlicher wird.

Können Sie uns ein konkretes Austauschprojekt vorstellen?

Udo Dittmann: Die Grundstruktur der Jugendbegegnungsmaßnahmen baut immer auf dem gleichen Gerüst auf. Über Gruppenarbeit kommen wir miteinander ins Gespräch und in die Diskussion. Wir arbeiten nach dem klassischen Zukunftswerkstattprinzip nach Jungk, das wir seit vielen Jahren mit unseren eigenen Anpassungen anwenden. Mithilfe dieser Methode lassen wir uns durch die erste Hälfte der Woche leiten. Das ist die klassische Umsetzungsphase, in der die Jugendlichen versuchen, Zukunftsmodelle zu entwickeln. In der darauf folgenden Auswertung wird besprochen, welche von den Vorstellungen einer gemeinsamen friedlichen Zukunft, die die Jugendlichen entwickelt haben, in konkreten Schritten auch umgesetzt werden könnten. Im Konkreten heißt das: Wir lassen in dieser Phase der Phantasie die Jugendlichen in gemischtnationalen Kleingruppen mit Holzmaterial auf Holzplatten und weiterem Material Städte bauen. In zwei bis drei Tagen entwickeln die Jugendlichen gemeinsam einen Stadtplan und ein Regelwerk für das zukünftige Zusammenleben und lernen dabei, dass es trotz aller Unterschiedlichkeiten - wie kulturelle Prägung, Geschlecht, nationale Herkunft - gemeinsame Vorstellungen, Visionen, Wünsche und Hoffnungen gibt, wie man sein Leben in der Zukunft gestalten möchte. Die Ergebnisse werden den anderen Gruppen vorgestellt, teilweise auch der Öffentlichkeit und der Presse.

Ergänzend zu der Zukunftswerkstatt besichtigen wir mit den Chines(inn)en eine deutsche Firma und kommen dort in die Diskussion. Wir sind eine starke Wirtschaftsregion in Südwestfalen, in der viele mittelständische Unternehmen seit vielen Jahren gute Kontakte nach China pflegen und teilweise auch eigene Fabriken in China haben. Bei den Unternehmensbesuchen erfahren die Jugendlichen, wie im Wirtschaftsleben deutsch-chinesische Zusammenarbeit bereits heute stattfindet und funktioniert. Im zweiten Teil des Austauschs liegt der Schwerpunkt auf kultureller und politischer Bildung, was zum gegenseitigen Kennenlernen wichtig ist. Wir besuchen das "Haus der Geschichte" in Bonn, machen Städtebesichtigungen oder Burg-Erkundungen und die chinesischen Teilnehmer/-innen verbringen einen Tag in einer Gastfamilie, um den Alltag in Deutschland kennenzulernen.

Bernd Neufurth: Es ist uns wichtig, bei jeder Begegnung in Deutschland einen Besuch im Rathaus und einen Empfang durch den Bürgermeister der Stadt zu realisieren. Im Fokus steht dabei die Vorstellung und Diskussion der Aufgaben einer Kommune und wie kommunale Selbstverwaltung in Deutschland funktioniert. In China ist für die Teilnehmer/-innen ein Treffen und Gespräch mit ihrem Bürgermeister unvorstellbar, deshalb ist dieses Treffen für die Chines(inn)en ein besonderes Ereignis.

Wie wird im Rahmen des Austauschs oder mit den chinesischen Kolleg(inn)en mit sensiblen Themen umgegangen?

Bernd Neufurth: Unsere deutsche Gruppe hat die Erfahrung gemacht, dass die jungen Leute aus China viel kritischer über ihr Land berichten, als wir das erwartet haben. Die deutschen Jugendlichen haben geglaubt, sie dürften keine Kritik äußern. Aber die chinesischen Jugendlichen äußern sich während der Jugendbegegnung frei über die Umweltthematik, über mangelnde Berufschancen, über Benachteiligungen zwischen Mann und Frau, Atomenergie und Todesstrafe. Wenn sie mehrere Tage zusammen sind, wächst das Vertrauen. Dann gibt es keine Tabuthemen mehr.

Welche Rückmeldungen erhalten Sie von den Teilnehmenden?

Bernd Neufurth: Drei besondere Fälle sind uns aus den Jahren 2009 bis 2011 bekannt. Im ersten Fall hat ein deutscher Teilnehmer einen Arbeitsplatz gefunden, weil er an diesem Austausch teilgenommen hat. Für seine Firma war es wichtig, dass er schon einmal in China war. In einem weiteren Fall ist eine Teilnehmerin zwei Jahre nach dem Austausch auf eigene Kosten und auf eigene Verantwortung wieder nach China gefahren, um die Freunde aus dem Austausch zu besuchen. Drittens studiert ein chinesischer Jugendlicher mittlerweile hier in Deutschland. Er empfand Deutschland als interessantes Land und beschloss, seine Berufsausbildung hier zu machen. Allgemein geben uns die Jugendlichen die Rückmeldung, dass sie dankbar über die Teilnahme an dem Austausch sind.

Welche nachhaltige Wirkung hat der Austausch für die Teilnehmenden und für den Träger?

Udo Dittmann: Die deutschen Teilnehmenden erhalten ein Teilnahmezertifikat, das bestätigt, dass sie an der Maßnahme teilgenommen haben. Damit bereichern sie ihre Bewerbungsunterlagen und erhöhen durchaus ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Bernd Neufurth: Der Austausch hat auch Auswirkungen auf die Mitarbeitenden bei uns im Haus. Während der Maßnahme wird im gesamten Haus Englisch gesprochen. Es ist für uns von vornherein ein ganz wichtiges Kriterium gewesen, dass keiner die Muttersprache sprechen darf. Wenn in einem Haus, in dem sonst nur Deutsch gesprochen wird, plötzlich die englische Sprache vorherrscht, verändert sich die Atmosphäre und es wird internationaler. Auch die anderen Seminargruppen, die parallel im Hause tagen, bemerken dies. Im abendlichen Freizeitbereich finden Kontakte zwischen den unterschiedlichen Gruppen statt.

Wie sehen Sie die Perspektiven des Austauschs? Wie schätzen Sie das zukünftige Potenzial des Austauschs ein?

Udo Dittmann: Solange wir die Fördermittel aus dem Kinder- und Jugendplan des Bundes (KJP) erhalten, ist unser klar definiertes Ziel, dass wir den Austausch fortsetzen. Der Austausch mit China ist für uns ein fester Bestandteil unserer Arbeit geworden.

Bernd Neufurth: Zurzeit gibt es Überlegungen, im nächsten Jahr zum ersten Mal einen Fachkräfteaustausch durchzuführen. Auf deutscher und chinesischer Seite haben wir festgestellt, dass es interessant wäre, Berufsschullehrer/-innen mit dem Ziel zusammenzubringen, möglicherweise einen Austausch an den Berufsschulen zu realisieren.

Udo Dittmann: Das ist ein Pilotprojekt, bei dem wir bereits konkret in der Planung sind. Unser Netzwerk in China funktioniert über unsere privaten Kontakte sehr gut, und das ist eine gute Voraussetzung, um dieses Projekt zum Erfolg zu bringen. Mit den staatlichen Stellen läuft es nicht ganz so einfach und so schnell, vor allem deshalb, weil die Zuständigen in China oft nur ein bis zwei Jahre auf ihren Posten sind. Den darauf folgenden Ansprechpartner oder die neue Ansprechpartnerin müssen wir erst wieder kennenlernen.

Bernd Neufurth: Uns ist daran gelegen, wenn wir einmal einen Austausch beginnen, diesen mittelfristig auch drei- bis fünfmal durchzuführen. Gerade in der Anfangsphase ist es erst einmal wichtig, sich aufeinander einzustellen, sich kennen zu lernen und zu sehen, wie die Zusammenarbeit mit dem Partner funktioniert.

Udo Dittmann: Man muss gerade in China sehr geduldig Vertrauen aufbauen. Es ist wichtig, den chinesischen Partnern Zeit zu lassen, um zu Entscheidungen zu kommen. Auch nach drei Monaten können manchmal noch Antworten oder Zusagen eintreffen. Außerdem muss man sich in die Entscheidungsstrukturen der Partner hineindenken, die anders sind als bei uns. Wir als Verein entscheiden zum Beispiel selbst, wie wir etwas planen oder durchführen möchten. Gleiches ist bei einem staatlichen Träger in China einfach nicht zu erwarten. Mit privaten Organisationen, bei denen man die Menschen persönlich kennt, ist das etwas einfacher. Wir schätzen die Zusammenarbeit mit unserem chinesischen Partner in Qingdao sehr. Auch in Zukunft sollte die Möglichkeit bestehen bleiben, diesen Jugendaustausch mit China und seinen jungen Menschen fortzusetzen.

Weitere Informationen unter: http://www.akademie-biggesee.de/impressionen/69-aktuelles/159-attendorn-suqian



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