Dorothea Wünsch

Von Sport und Schriftzeichen

Der Austausch mit China läuft erst seit gut vier Jahren, doch die Brandenburgische Sportjugend möchte diesen Kontakt nicht mehr missen. Fachkräfte sind nach den Begegnungen mit chinesischen Kolleg(inn)en hochmotiviert, eigene Austauschprojekte zu initiieren. In den Jugendbegegnungen bricht nach wenigen Tagen das Eis und die Jugendlichen tauchen nicht nur begeistert in die fremde Kultur ein, sondern lernen auch ihre eigene besser verstehen. Welche Rolle dabei Sport, Sprache und Schriftzeichen spielen, berichtet uns Guido Cools, Referent für Internationales bei der Brandenburgischen Sportjugend.

junge Leute beim Bogenschießen
BildImage: Brandenburgische Sportjugend


Guido Cools, Bild: Brandenburgische Sportjugend

Die Brandenburgische Sportjugend (BSJ) ist die eigenständig tätige Jugendorganisation im Landessportbund Brandenburg e.V.. Ihre Mitglieder sind die in mehr als 2.500 Sportvereinen organisierten Kinder und Jugendlichen sowie deren Jugendvertreter(innen). Die Brandenburgische Sportjugend vertritt die Interessen von ca. 135.000 Kindern und Jugendlichen im Alter unter 27 Jahre und ist somit der größte Jugendverband in Brandenburg. Die internationale Jugendarbeit ist darauf ausgerichtet, einer Vielzahl von jungen Menschen die Möglichkeit zu geben, Lebensstile und Kulturen anderer Länder kennenzulernen und über Sport die internationale Verständigung zu fördern. Der Austausch von jungen Menschen und der Europäische Freiwilligendienst stehen im Mittelpunkt des Handelns der BSJ. Der Austausch mit China besteht seit 2010.

Projektart: Fachkräfteaustausch, Jugendbegegnungen

Partnerorganisation:

  • Youth Federation Peking (Jugendverband Peking)
  • Youth Federation Shanxi (Jugendverband Shanxi)

China-Special

Good Practice

Fakten, Förderung, Kontakte

Wie ist der Austausch mit China entstanden?

Guido Cools: Robert Busch, unser Geschäftsführer, sowie weitere Kolleg(inn)en haben in den Jahren 2008, 2009 und 2010 an verschiedenen Austauschaktivitäten in China teilgenommen – zum einen an der hochrangigen 100-köpfigen Delegation „Jugend und Sport“ unter Leitung von Gerd Hoofe, des damaligen Staatssekretärs im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, und zum anderen an einem von IJAB organisierten Fachkräfteprogramm sowie an der Deutsch-Chinesischen Partnerbörse in Shenzhen. Die Motivation, einen Austausch mit China aufzubauen, war nach diesen Veranstaltungen sehr groß. So ist im Oktober 2010 dann eine Gruppe von Vorstandsmitgliedern und Mitarbeiter(inne)n der Brandenburgischen Sportjugend nach China gereist. Anlass war je ein Treffen mit den Jugendverbänden von Peking und Shanxi zum Aufbau bilateraler Partnerschaften für einen zukünftigen internationalen Jugendaustausch. Im Zuge der Reise wurden gleich zwei Kooperationsverträge mit den chinesischen Partnern für das Jahr 2011 und darüber hinaus abgeschlossen. Seither haben wir mit dem Jugendverband Peking jedes Jahr sowohl in Deutschland als auch in China je einen Fachkräfteaustausch und eine Jugendbegegnung durchgeführt, insgesamt also vier Austauschprogramme. Dieser Austausch läuft zuverlässig und gut. Die Kooperation mit dem Jugendverband Shanxi ist für uns eine Herausforderung. Wir sind jedes Jahr mit einer deutschen Delegation dort gewesen; bislang haben wir nur einmal Gäste aus Shanxi in Deutschland begrüßen können. Und ein Jugendaustausch ist bislang auch noch nicht zustande gekommen. Es scheint für die chinesische Seite teilweise sehr schwierig zu sein, eine Genehmigung zu bekommen, ins Ausland zu fahren.

Welche Themen und Inhalte sind für Sie besonders wichtig?

Guido Cools: Bei dem Jugendaustausch ist es uns wichtig, dass möglichst dieselben Jugendlichen in Deutschland und China an dem Austausch teilnehmen. Die Austauschprogramme sind daher terminlich so abgestimmt, dass die Jugendlichen erst eine Woche bei uns in Deutschland oder in China sind und gleich im Anschluss fliegen sie gemeinsam in das andere Land, so dass sie dann insgesamt 14 Tage gemeinsam verbringen können. Bei den Jugendlichen dauert es immer eine gewisse Zeit, bis das Eis gebrochen ist. Bei längeren Programmen gelingt das gut und der Austausch gewinnt so an Intensität.

Thematisch versuchen wir, bei allen Austauschaktivitäten den „Sport“ einzubinden. Das ist nicht immer so einfach, weil der Jugendverband Peking kein Sportverein ist. Die chinesische Seite hat im Laufe der Zeit ein Verständnis für unsere Erwartungen entwickelt und ist bemüht, unsere inhaltlichen Wünsche zu berücksichtigen. „Sightseeing“ nimmt nach wie vor einen gewissen Programmanteil ein.

Bei den Begegnungen in Deutschland stellen wir das Thema „Sport“ in den Vordergrund, setzen uns zum Beispiel mit Gesundheit, gesundem Lebensstil, verschiedenen Sportarten etc. auseinander. Die chinesischen Gäste sind sehr interessiert zu erfahren, was es in Deutschland für Angebote gibt. Beim Jugendaustausch spielen gemeinsame Aktivitäten rund um das Thema „Sport“ eine wichtige Rolle, wie bspw. auch das Ausprobieren von verschiedenen Sportarten. Jugendliche sollen erfahren, wie Menschen im anderen Land leben und was Unterschiede und Gemeinsamkeiten sind, darüber in den Austausch kommen und ihre eigene Situation reflektieren. „Wo erkenne ich mich wieder?“ und „Was macht der andere anders?“, diese Fragen sind für mich in einem Jugendaustausch sehr wichtig.

Bei den Fachkräften versuchen wir, über unsere Arbeit ins Gespräch zu kommen. Bei den Fachkräftebegegnungen in China werden Geschäftsführer und Leitungspersonen von Kreis- und Stadtsportbünden eingebunden. Wenn diese Entscheidungsträger vom Chinaaustausch überzeugt sind, ist es einfacher, Jugendliche anzusprechen und für die Austauschaktivitäten zu begeistern. Wir schreiben die Jugendbegegnungen immer aus. Wenn bei Jugendlichen ein Interesse am Austausch aus eigener Opportunität heraus zu spüren ist, werden sie von den Ansprechpartner(inne)n vor Ort unterstützt. Über diese Ansprechpartner/-innen suchen wir auch die Übernachtungsmöglichkeiten. Für die Jugendlichen sind das zumeist günstige Übernachtungsmöglichkeiten wie Jugendherbergen. Die Fachkräfte sind meistens in Hotels untergebracht. Wenn wir in China sind, übernachten wir immer in sehr guten Hotels.

Die Absprachen für die Aktivitäten wie die Termine und die thematische Ausrichtung treffen wir Anfang des Jahres mit unserem chinesischen Partner. Die Anträge für Fördermittel aus dem Kinder- und Jugendplan des Bundes müssen wir allerdings schon im Vorjahr stellen.

Gibt es ein konkretes Austauschprojekt, das Sie uns vorstellen können?

Guido Cools: Beim Jugendaustausch 2015 Jahr haben wir über „gesunden Lebensstil“ diskutiert und bewegungs- und gesundheitsorientierte Kitas besucht. Zudem sind wir geklettert und waren mit dem Fahrrad im Berliner Olympiastadion. In China haben die Jugendlichen Taiji und Kungfu kennengelernt. Sightseeing, Gespräche und Freizeit sind ebenfalls von Bedeutung, damit die Jugendlichen Zeit haben, die Eindrücke und Erfahrungen zu verarbeiten. Das Thema Sprache und Schrift ist immer ein wichtiges Element des Austausches; das Erlernen und Schreiben von chinesischen Schriftzeichen war besonders beeindruckend für die Jugendlichen. In Deutschland engagieren wir meist chinesische Studierende aus Cottbus, die für eine kleine Aufwandsentschädigung dolmetschen und Spaß daran haben. In China sind zumeist junge Studierende, die Deutsch lernen, in den Austausch eingebunden.

Freiwilligenarbeit ist für uns sehr wichtig. Wir nehmen hier bei uns bis zu 10 europäische Freiwillige gleichzeitig auf und arbeiten zudem mit etwa 120 jungen Menschen im Bundesfreiwilligendienst bzw. im Freiwilligen Sozialen Jahr zusammen. So hat die Beijing Youth Federation den Kontakt zur Beijing Volunteer Federation hergestellt, die wiederum Jugendliche und Freiwillige nach Deutschland entsandt hat und der wir unsere Freiwilligenarbeit vorgestellt haben. Bei einem Besuch in China stand dann auch ein Gespräch bei der Beijing Volunteer Federation auf dem Programm. Wenn wir vor Ort in Peking sind und von jungen Freiwilligen betreut werden, haben sich auch interessante Diskussionen zum Thema „Freiwilligenarbeit“ ergeben. Wir haben auch schon mehrfach eine Einladung der chinesischen Seite gegenüber ausgesprochen, dass wir junge Freiwillige, die im Bereich der „Internationalen Arbeit“ mitarbeiten, für sechs Monate bei uns aufnehmen. Die Flugkosten müssten sie selbst tragen, die Aufenthaltskosten in Deutschland könnten von uns übernommen werden. Aber in dieser Richtung haben wir bislang leider nichts erreichen können.

Zudem haben junge Menschen aus den Mitgliedsorganisationen der Brandenburgischen Sportjugend im Jahr 2015 zum dritten Mal an dem “Beijing Sister City Youth Camp” teilgenommen. Zu dieser großen multilateral ausgerichteten Partnerschaftskonferenz lädt der Jugendverband Peking jedes Jahr im Oktober junge Menschen aus den Partnerstädten bzw. -regionen nach Peking ein.

Was sagen denn die Jugendlichen und Fachkräfte zum Austausch mit China?

Guido Cools: Die Fachkräfte sind im Anschluss an eine Teilnahme immer sehr begeistert und motiviert, selbst einen Jugendaustausch zu organisieren. Einige ehemalige Teilnehmende konnten wir auch für die Begleitung eines Jugendaustausches gewinnen. Für uns ist es immer sehr wichtig, dass jemand diese Aufgabe übernimmt, der bereits in China war.

Jugendliche lernen im Austausch immer auch ihre eigene Kultur besser kennen und verstehen und bekommen mehr Respekt für ihre eigene Kultur und ihre eigene Umgebung. Viele Jugendliche nehmen aus dem Austausch auch die Motivation mit, ihre Sprachkenntnisse weiter zu verbessern. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Jugendlichen unter 18 noch nicht so richtig verstehen, was ein Chinaaufenthalt eigentlich bedeutet und unsere Altersvorgabe entsprechend angepasst.

Damit der Austausch sowohl für die Jugendlichen als auch für die Fachkräfte erfolgreich läuft, ist eine gute Vorbereitung sehr wichtig. In China erwartet die Austauschteilnehmenden eine völlig andere Mentalität. Auf diese sowie auf eventuelle Fettnäpfchen sollten sie daher unbedingt vorbereitet werden. So findet bei uns immer im Vorfeld des Austausches in Kooperation mit jungen chinesischen Studierenden aus Cottbus ein Vorbereitungstreffen statt. Die finanzielle Unterstützung für die Umsetzung derartiger Vorbereitungstreffen ist sehr wichtig.

Welche Bedeutung hat der Austausch für sie als Träger erlangt und wie schätzen Sie die Perspektiven des Austausches ein?

Guido Cools: Der Austausch hat für uns mittlerweile eine sehr wichtige Bedeutung gewonnen. Wenn wir Förderung aus Mitteln des Kinder- und Jugendplans des Bundes erhalten, dann ist der Preis, den die Jugendlichen für den Austausch und für diese besondere Erfahrung zahlen müssen, akzeptabel. Für junge Menschen ist die Teilnahme am Austausch eine einmalige Gelegenheit, China kennenzulernen, denn wer kommt sonst schon mal nach China. Der Unterschied zwischen Deutschland und China ist enorm groß und eröffnet eine andere Perspektive als der Austausch bspw. mit Polen oder Frankreich.

Wir haben in China mittlerweile gute Kontakte und es sind Freundschaften entstanden, so dass der Umgang mit den chinesischen Kolleg(inn)en lockerer geworden ist und der Austausch eine gute Basis hat. Wir sehen jedoch gewisse Herausforderungen, nicht nur mit den Kolleg(inn)en in Shanxi, sondern auch in Peking. Wir haben die Rückmeldung erhalten, dass sie pro Jahr nur noch einen Austausch mit demselben Partner machen können. Das hat dazu geführt, dass im Jahr 2015 der Jugendaustausch mit dem Fachkräfteaustausch zusammengefallen ist und die beiden Gruppen aus China gleichzeitig, wenngleich mit unterschiedlichen Programmen, in Deutschland waren. Diese Tendenz finde ich etwas bedauerlich, denn die Programme für Fachkräfte und Jugendliche sind zwei unterschiedliche Maßnahmen, die getrennt voneinander behandelt werden sollten. Die chinesische Seite würde hingegen gern alle Teilnehmenden in einer Gruppe zusammenfassen. Damit sind wir wieder bei unseren anfänglichen Diskussionen bezüglich der Altersstruktur im Austausch angelangt. Während bei uns junge Menschen bis 27 Jahre an Jugendbegegnungen teilnehmen, gelten in China Menschen bis 40 Jahre als Jugendliche. Da wir seit einigen Jahren einen festen Ansprechpartner für den Austausch in China haben, läuft die Kommunikation ganz gut. Eine gewisse Herausforderung bedeuten die Hierarchie und Personalwechsel auf der Führungsebene, die teilweise unerwartete Richtungswechsel und sehr kurzfristige Rückmeldungen mit sich bringen. Bei uns in Deutschland sind die Entscheidungswege wesentlich kürzer.

Die Geschäftsleitung bei uns in Deutschland steht nach wie vor hinter dem Austausch und das ist ein wichtiger Erfolgsfaktor. Bei einigen Trägern in Deutschland fehlt die Erkenntnis darüber, was internationale Arbeit ist und was sie für die Teilnehmenden an Austauschmaßnahmen bedeutet. Ich habe den Vorteil, dass ich mich mit meiner Vollzeitstelle für Internationale Arbeit bei der Brandenburgischen Sportjugend intensiv um internationale Kontakte und somit auch um den Austausch mit China kümmern kann. Wir würden uns sehr freuen, den Austausch mit China weiterentwickeln zu können und weitere Ansprechpartner(innen) aus dem Mitgliedsspektrum der Brandenburgischen Sportjugend, aber auch der Deutschen Sportjugend (dsj), für Kontakte nach China zu motivieren.

Die Brandenburgische Sportjugend ist Mitglied der Deutschen Sportjugend, die der größte freie Träger der Kinder- und Jugendhilfe in der Bundesrepublik Deutschland ist. Die dsj bündelt die Interessen von rund 10 Millionen Kindern, Jugendlichen und jungen Menschen im Alter bis 26 Jahre, die in über 90.000 Sportvereinen in 16 Landessportjugenden, 53 Jugendorganisationen der Spitzenverbände und 10 Jugendorganisationen der Sportverbände mit besonderen Aufgaben organisiert sind.
Die Ursprünge der Zusammenarbeit mit China gehen zurück ins Jahr 2006, in dem erste Kontakte mit dem Allchinesischen Jugendverband geknüpft wurden. Im Jahr 2008 sind 100 Repräsentant(inn)en aus dem Bereich „Jugend und Sport“ der Einladung des damaligen chinesischen Ministerpräsidenten gefolgt und unter Leitung von Gerd Hoofe, des damaligen Staatssekretärs im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, nach China gereist. Dieser Besuch bildet den Auftakt für verschiedene Kooperationen der dsj und seiner Mitgliedsorganisationen mit Partnerorganisationen in China. In der Zeit vom 16. bis 28. Mai 2011 fand der erste deutsch-chinesische Jugendsportaustausch zwischen dem Allchinesischen Jugendverband und der Deutschen Sportjugend statt.



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