Sebastian Welter

Arbeitswelt von Jugendlichen in Europa – zwischen Chancenlosigkeit, Karriere und Protest

In einer Seminarreihe, die von ARBEIT UND LEBEN Mecklenburg-Vorpommern gemeinsam mit Partnern aus Frankreich und Griechenland durchgeführt wurde, sollten Jugendliche aus den drei beteiligten Ländern ihre – häufig von Wut und Hoffnungslosigkeit geprägten Erfahrungen – austauschen, um dann in weiteren Begegnungen alternative Möglichkeiten zur Gestaltung ihrer Zukunftsperspektiven entwickeln.

ein Mann sitzt bei starkem Gegenlicht auf einer Parkbank
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Sebastian Welter
Sebastian Welter, Bild: privat

Sebastian Welter ist Referent für internationale Bildungsarbeit beim Bundesarbeitskreis ARBEIT UND LEBEN.
ARBEIT UND LEBEN ist eine Einrichtung zur politischen Bildung sowie der allgemeinen und berufsbegleitenden Jugend- und Erwachsenenbildung, die vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) und dem Deutschen Volkshochschulverband (DVV) getragen ist.
Im Bereich der internationalen Bildungsarbeit führte ARBEIT UND LEBEN Mecklenburg-Vorpommern das Projekt: „Arbeitswelt von Jugendlichen in Europa – zwischen Chancenlosigkeit, Karriere und Protest“ durch.

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Die Arbeitslosigkeit unter jungen Menschen in Europa ist erschreckend hoch. In Griechenland hat sie dramatische Formen angenommen: Die Jugendarbeitslosigkeit liegt derzeit bei rund 50%, so dass sich viele junge Griechen kaum eine Chance ausrechnen, in ihrem Heimatland jemals einen Job zu finden, der ihren Vorstellungen entspricht. Das Problem stellt sich für junge Menschen aber nicht erst zum Ende ihrer Ausbildung oder dem Abschluss eines Hochschulstudiums. Die Sorge um die eigenen Lebens- und Berufsperspektiven beeinflusst ihre Lebenswirklichkeit viel früher. Die Phase, die eigentlich dazu dienen soll, die eigene Persönlichkeit zu entfalten und die eigenen Fähigkeiten in vielerlei Hinsicht zu erproben, wird immer stärker von dem Bewusstsein geprägt, bereits frühzeitig wichtige Weichenstellungen für den weiteren Lebensweg stellen zu müssen – oder gesellschaftlich abgehängt zu werden. In Deutschland und Frankreich stellt sich die Situation zwar nicht flächendeckend so dramatisch dar, aber auch in diesen beiden Ländern sind die Berufsperspektiven Jugendlicher regional sehr unterschiedlich verteilt.

Wie soll man auf diese Herausforderungen reagieren? Sich anpassen oder protestieren? Im angestammten Umfeld bleiben, alternative Lebensentwürfe entwickeln oder auswandern? Diesen Fragen widmete sich das trilaterale, aus Mitteln des Deutsch-Französischen Jugendwerkes (DFJW) geförderte Jugendaustauschprojekt „Arbeitswelt von Jugendlichen in Europa – zwischen Chancenlosigkeit, Karriere und Protest“. In der Auseinandersetzung mit ihrer Lebenswelt sollten Jugendliche aus Deutschland, Frankreich und Griechenland ihre, häufig von Wut und Hoffnungslosigkeit aufgrund fehlender Berufsaussichten geprägten Erfahrungen austauschen, um dann in weiteren Begegnungen alternative Möglichkeiten zur Gestaltung ihrer Zukunftsperspektiven entwickeln.

Mit der Seminarreihe, die von ARBEIT UND LEBEN Mecklenburg-Vorpommern gemeinsam mit Partnern aus Frankreich (Association „Roudel“) und Griechenland (Citizens‘ Academy) durchgeführt wurde, sollten insbesondere benachteiligte Jugendliche angesprochen werden, die sonst keine Möglichkeiten haben, an internationalen Jugendaustauschmaßnahmen teilzunehmen. Die in Deutschland lebenden Jugendlichen stammten zumeist aus Familien mit geringem Einkommen und besuchten zum Teil eine Förderschule. Die französischen Jugendlichen befanden sich ebenfalls in nicht einfachen Lebenssituationen. Einige absolvierten zur Zeit des Projektes eine Ausbildung, andere steckten jedoch in Integrationsmaßnahmen in den Arbeitsmarkt oder in der Arbeitslosigkeit. Die griechischen Jugendlichen verfügten ebenfalls über nur geringe finanzielle Mittel und hatten die Auswirkungen der Finanzkrise ihres Heimatlandes sehr konkret in ihrer Lebenswirklichkeit zu spüren bekommen.

Im Rahmen der inhaltlich aufeinander aufbauenden Begegnungen erhielten die beteiligten Jugendlichen die Möglichkeit, sich zunehmend differenziert mit den Ursachen und Hintergründen der Jugendarbeitslosigkeit in Europa auseinanderzusetzen, über Musik und Schauspiel Ausdrucksformen für das eigene (gemeinsame) Lebensgefühl einzuüben und Perspektiven für ihre persönliche Zukunftsgestaltung zu entwickeln. Die erste, im Oktober 2013 in Frankreich durchgeführte Begegnung hatte zum Ziel, über das gegenseitige Kennenlernen Vertrauen zu schaffen, um neben dem Austausch von Informationen zur allgemeinen Lebenslage Jugendlicher in den beteiligten Ländern auch zum Gespräch über die persönliche Lebenssituation der Beteiligten anzuregen. Die Jugendlichen sollten erfahren, dass sie trotz aller Unterschiede keine „Einzelfälle“ darstellen, sondern eine gemeinsame europäische Perspektive besitzen. Inhaltlich befasste sich dieser Austausch mit Formen des „Protestliedes“ in seinen jeweiligen historischen Zusammenhängen, das als Ausdrucksform vor allem in Frankreich eine große Tradition hat. Damit wurde zugleich das Angebot verknüpft, dem eigenen Protest in selbst gestalteten Liedern Ausdruck zu verschaffen. Das Treffen im Mai 2014 in Deutschland befasste sich in Fortsetzung mit dem Thema „Arbeitswelt in Europa“. Hierbei ging es um die Erkenntnis, dass es aufgrund der Wirtschafts- und Bevölkerungsentwicklung in den verschiedenen Ländern zwar allgemein unterschiedlich gute Beschäftigungsperspektiven für Jugendliche gibt, deren Umsetzungsmöglichkeiten aber von vielen Faktoren abhängig sind. Hierbei war wichtig zu zeigen, welche Unterstützungsstrukturen es gibt, welche Aktivitäten beispielsweise Gewerkschaften unternehmen, um der Jugendarbeitslosigkeit entgegen zu wirken und welche gesellschaftlichen Gestaltungsspielräume und Mitwirkungsmöglichkeiten für Jugendliche in den beteiligten Ländern bestehen. Die Begegnung in Griechenland thematisierte wiederum den Themenkomplex „Flucht und Vertreibung“. Vor dem Hintergrund der Flüchtlingssituation in den Mittelmeerstaaten sollten Gründe und Beweggründe diskutiert werden, das eigene Heimatland zu verlassen. Dabei wurde der Vergleich mit der Lebenssituation der beteiligten Jugendlichen bewusst gesucht, um Vorurteile abzubauen: Es galt zu verdeutlichen, dass je nach Kontext, das gleiche Phänomen als „berufliche Mobilität“ gewünscht und gefördert oder aber als „Wirtschaftsflucht“ bezeichnet und abgelehnt werden kann.
 
Als sehr positiv und für die beteiligten Jugendlichen nachhaltig wirkungsvoll hat sich die Möglichkeit erwiesen, sich im Rahmen des Projektes innerhalb eines Jahres dreimal treffen zu können. Die umfassende Auseinandersetzung mit dem Thema auf der Basis von Plenumsdiskussionen, in Arbeitsgruppen und Phasen der Selbstreflektionen sowie mit den Mitteln selbstgestalteter Musik, des darstellenden Spiels, handwerklicher Tätigkeiten (Bühnen- und Kulissenbau) führten in der interkulturellen Gruppe zu sehr intensiven kognitiven und emotionalen Erlebnissen.  Die Auseinandersetzung förderte auf vielfältige Weise das Überdenken eigener Erfahrungen, Vorurteile und Erkenntnisse, bis hin zur Motivation für ein weiterführendes gesellschaftlichen Engagements. Im Verlauf der inhaltlich aufeinander aufbauenden Begegnungen gewannen die Teilnehmenden so eine zunehmend differenzierte Sicht auf die behandelten Themen – aber auch ihre eigenen Lebenslagen. Diese gewonnene Fähigkeit zur Distanzierung und Urteilsbildung ermöglichte es, Informationen in neue Zusammenhänge einzuordnen und somit selbst neue Handlungs- und Lösungsmöglichkeiten im Hinblick auf die eigenen Lebensperspektiven zu entwickeln.

Alle Teilnehmenden fuhren mit gestärktem Selbstwertgefühl und neuen interkulturellen Erfahrungen sowie neu entstandenen internationalen Freundschaften nach Hause. Eine Weiterführung des Projektansatzes ist für 2016 geplant.



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