Dirk Thesenvitz

Auftrag und Strukturen der internationalen Beziehungen der Evangelischen Jugend in Deutschland

Welche Ziele verfolgt die Evangelische Jugend in Deutschland in der internationalen Zusammenarbeit mit kirchlichen und politischen Partnerorganisationen? Dirk Thesenvitz schafft einen Überblick, der auch die Zusammenarbeit mit Griechenland beleuchtet.

Dirk Thesenvitz
Dirk Thesenvitz BildImage: Christian Herrmann

Dirk Thesenvitz ist Referent für internationale ökumenische Jugendarbeit bei der Evangelischen Jugend in Deutschland (aej) und stellvertretender Vorsitzender von IJAB.

Griechenland-Special 2017

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Die Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland e. V. (aej) ist der Zusammenschluss der verschiedenen Arbeitsformen der Evangelischen Jugend in Deutschland. Als Dachorganisation vertritt die aej die Interessen der Evangelischen Jugend auf den Ebenen des Bundes und der europäischen Kooperation gegenüber Parlamenten, Bundesministerien und Verwaltungen, kirchlichen Zusammenschlüssen, Fachorganisationen und internationalen Partnern. Ihre derzeit 32 Mitglieder sind bundeszentrale evangelische Jugendverbände und Jugendwerke, Jugendwerke evangelischer Freikirchen und die Jugendarbeit der Mitgliedskirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Außerdem sind acht evangelische oder ökumenische Verbände, Einrichtungen oder Fachorganisationen als außerordentliche Mitglieder angeschlossen. Die aej vertritt damit die Interessen von etwa 1,35 Millionen jungen Menschen.

Die Evangelische Jugend in Deutschland ist ein Teil der weltweit Einen Kirche, wie sie im apostolischen Glaubensbekenntnis bekräftigt wird. Die weltweite Verbundenheit der Evangelischen Jugendarbeit in Deutschland drückt sich in den vielfältigen internationalen Beziehungen aus, die sie zu kirchlichen und weltlichen oder anderen religiösen Partner/-innen auf allen Kontinenten pflegt. Internationale Jugendarbeit nimmt innerhalb der Evangelischen Jugend aus mehreren Gründen einen besonderen Platz ein. Sie ist einerseits ein politisches und pädagogisches Querschnittsphänomen, eine hochmoderne Lebensäußerung für alle Beteiligten in einer globalisierten Gesellschaft, die gleichzeitig dem ureigenen Wesen der Kirche als Grenzen und Kulturen überschreitende religiöse Organisationsform entspricht. Andererseits ist sie eine zuweilen als außergewöhnlich bis exotisch betrachtete, mit besonderem finanziellem und organisatorischem Aufwand verbundene Form der pädagogischen Arbeit, die ihre Macher/-innen gelegentlich unter Luxusverdacht und Rechtfertigungsdruck geraten lässt. Unbestreitbar und inzwischen mehrfach wissenschaftlich belegt ist dagegen der große und nachhaltige Nutzen, den gerade junge Menschen selbst aus kurzfristigen Angeboten des Jugendaustauschs ziehen. Die besonderen Möglichkeiten der internationalen Jugendarbeit werden in allen Formen, Traditionen und Zielgruppen der evangelischen Kinder- und Jugendhilfe genutzt. Die unterschiedlichen Formate und die umfangreiche fachliche und finanzielle Förderung erlauben auch Berufsanfänger/-innen und ehrenamtlich Tätigen zu Akteuren der internationalen Jugendarbeit zu werden.

Entstehung und Fakten

Neben der theologischen Grundlegung aus der apostolischen Missionsgeschichte des Neuen Testaments, in dem von intensiver Reise- und Besuchstätigkeit unter Anteilnahme an den inneren Angelegenheiten der Partnergemeinden berichtet wird, liegen die Wurzeln des internationalen Engagements der Evangelischen Jugend in der eigenen geschichtlichen Erfahrung des 20. Jahrhunderts. Aus ihr erwächst ein historisch-politischer Bildungsauftrag, der über die Grenzen Deutschlands hinausweist und insbesondere die Beziehungen zu den ehemaligen und aktuellen Nachbarländern Deutschlands in Blick nimmt. Eine besondere Rolle spielt außerdem die Verbindung in das Heilige Land, die von der Evangelischen Jugend in ihren Partnerschaften zu Israel und Palästina gepflegt wird.

Die langjährig existierenden Austauschbeziehungen zwischen Gruppen und Einrichtungen der Evangelischen Jugend in verschiedenen Regionen Deutschlands zu Partnern in Griechenland haben ihre Wurzeln ebenfalls häufig in der historisch-politischen Bildung und in der Versöhnungsarbeit mit einzelnen historischen Opferdörfern. Diese teils seit Jahrzehnten innerhalb der aej entwickelte Arbeit erfährt neue und größere Aufmerksamkeit seit dem einseitigen Beschluss der deutschen Bundesregierung, ein zusätzliches Deutsch-Griechisches Jugendwerk in Analogie zu den seit den Sechziger und Neunziger Jahren bestehenden, bilateral begründeten Jugendwerken mit Frankreich und Polen zu organisieren. In die Lenkungsgremien beider Jugendwerke hat die Evangelische Jugend in Deutschland von Beginn an eigene Vertreter/-innen entsandt; im Deutsch-Polnischen Jugendwerk nimmt sie weiterhin die offizielle Vertretung der Evangelischen Kirche in Deutschland wahr. Diese Funktion entspricht beispielhaft der Kooperation zwischen der aej als unabhängigem konfessionellem Jugendverband mit dem Staat auf der einen und den Kirchen auf der anderen Seite. Sie wird an dieser Schnittstelle gemeinsamer Verantwortung von Regierung und Religionsgemeinschaften besonders deutlich. Eine solche, rechtlich abgesicherte, Beteiligung einerseits der Kirchen, anderer Religionen und Weltanschauungsgemeinschaften wird neben den Außenvertretungen auf nationaler und internationaler Ebene ebenso im jugendpolitischen Engagement der Evangelischen Jugend im Inland, auf lokaler und regionaler Ebene bzw. in den Strukturen der einzelnen Bundesländer erkennbar.

Als Gründungsmitglied wirkt die Evangelische Jugend in Deutschland aktiv im Deutschen Bundesjugendring (DBJR) mit und unterstützt diesen nach Kräften in seinem europäischen und internationalen Engagement. Innerhalb des DBJR und der Kinder- und Jugendringe der Länder arbeitet die Evangelische Jugend im Rahmen ihrer Möglichkeiten besonders eng mit dem Bund der Katholischen Jugend in Deutschland zusammen. Darüber hinaus hat sie eigene  Partnerschaftsprogramme zum Aufbau und zur Unterstützung der Jugendarbeit der orthodoxen Kirchen in Deutschland mit dem Orthodoxen Jugendbund entwickelt und engagiert sich seit mehreren Jahren für dieselben Bemühungen im Bereich der altorientalischen Kirchen der koptischen und syrisch-orthodoxen Traditionen.

Die Gesamtzahl der Austauschbegegnungen im internationalen Jugendaustausch durch Träger und einzelne Gruppen aus dem Spektrum der Evangelischen Jugend ist aufgrund der föderal gegliederten Verantwortung für die Kinder- und Jugendarbeit und für deren statistische Erhebung nicht mit letzter Präzision zu ermitteln. Dennoch kann die Zahl der aus Mitteln des Bundes über die Evangelische Jugend in Deutschland geförderten internationalen Jugendbegegnungen einen gesicherten minimalen Anhalt für das Gesamtaufkommen geben. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Förderung auf Bundesebene die Ausnahme hinsichtlich der Aufteilung der Förderverantwortlichkeit darstellt. Pro Jahr werden über die Geschäftsstelle der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland e.V. (aej) etwa 480 internationale Begegnungsprojekte mit Partnern aus mehr als 65 Ländern auf fünf Kontinenten unterstützt. Neben Polen, Frankreich, Israel und Palästina zählen Russland, Italien, Ungarn, Finnland und die USA regelmäßig zu den Partnerländern mit dem höchsten Aufkommen an geförderten Austauschprogrammen. Im Bereich der Länder des Südens nehmen Indien, Indonesien, Tansania und Brasilien die vorderen Plätze ein. Verstärkt wurden auf Grund politischer Entwicklungen die Programme zur Anbahnung weiterer Kontakte zu Partnern in China und in Griechenland.

Angebote, Programme und Methoden

Die Zielgruppen und Formate dieser Jugendbegegnungen, Seminare und Fachkräftemaßnahmen reichen von Fahrten einzelner Jugendgruppen im Rahmen von Gemeindepartnerschaften über internationale Pfadfindertreffen, Veranstaltungen der Ten-Sing-Bewegung, Jugendbegegnungen mit sportlichen Schwerpunkten, bilaterale Kurse mit Theaterpädagog(inn)en bis zum Austausch von Kinderzirkusgruppen, Sprachförderangeboten und vielfältigen Maßnahmen der pädagogischen Fortbildung für hauptberuflich und ehrenamtlich tätiges Personal. Einen besonderen Stellenwert haben innerhalb der Evangelischen Jugend solche Projekte, die das historisch-politische Lernen im internationalen Kontext in den Mittelpunkt stellen. Dazu zählen Gedenkstättenfahrten zur Geschichte des Nationalsozialismus ebenso wie Programme, die Begegnungen mit den noch lebenden Zeitzeugen und Zeitzeuginnen einbeziehen. Gemeinsam mit der Evangelischen Student(inn)engemeinde in der Bundesrepublik Deutschland (ESG) arbeitet die aej auf diesem Feld an der Entwicklung neuer methodischer Zugänge für die Zeit nach der Zeitzeugengeneration. Neben die klassischen Programme der Versöhnungsarbeit treten zunehmend inhaltliche Orientierungen in Maßnahmen, die sich mit der neuen Rolle Deutschlands in der Mitte Europas und als in der Weltpolitik engagierte wirtschaftliche Größe befassen.

Ziele

Die Zusammenhänge der wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Globalisierung erfahren junge Menschen aus erster Hand, besonders wenn sie an den zahlreichen jugendpolitischen Programmen der Evangelischen Jugend mit Partnern in Entwicklungsländern teilnehmen. Dabei kommt dem Grundsatz der Gegenseitigkeit des Austauschs ein besonderer Stellenwert zu, da jungen Menschen aus solchen Partnerländern regelmäßig die Einreise nach Deutschland erschwert oder verweigert wird. Diese Hürden im Einzelfall und in der politischen Vertretungsarbeit überwinden zu helfen, ist eine weitere wichtige Aufgabe der aej. Ein internes Ziel besteht in diesem Bereich im gelingenden Übergang der lokalen Partnerschaftsarbeit mit Partnerkirchen des Südens aus dem Erbe der internationalen Missionstätigkeit auf die Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Hier gilt es oft, eine ganze Generation zu überspringen und ‚die Enkel‘ der seit den 1970er Jahren nach der Welle der Entkolonialisierung Engagierten zu gewinnen.

Zu den eigenen Zielen, die sich die Evangelische Jugend für ihre internationale Arbeit setzt, gesellen sich häufig politische und ökonomische Anforderungen von außen. Da die Durchführung internationaler Maßnahmen vergleichsweise kostenintensiv ist, ergibt sich daraus oft eine höhere Empfindlichkeit gegenüber den Steuerungsabsichten von Zuschussgebern und anderen Förderern der Arbeit. Besondere Vorsicht ist bei der Einflussnahme von bildungspolitisch ambitionierten Industriestiftungen in verschiedensten Rechtsformen geboten, deren philanthropisches Engagement nicht immer in einem ethischen Einklang mit den gesellschaftlichen Auswirkungen ihres Produktionssektors steht, der die von ihnen vergebenen Mittel generiert.

In Deutschland und in ihren Partnerländern fördert die Evangelische Jugend seit langer Zeit Maßnahmen des Jugendaustauschs, die den besonderen Voraussetzungen benachteiligter Gruppen und Einzelteilnehmenden gerecht werden. Dazu zählen die spezielle Förderung für integrative Maßnahmen, Hilfestellung bei der Beratung über Mobilitätsaspekte ebenso wie die Anbahnung von passenden Partnergruppen im Ausland z.B. für Schulabbrecher/-innen in Berufsbildungseinrichtungen. Die lauter werdenden Anforderungen an die internationale Jugendarbeit, dass sie nach Möglichkeit Menschen mit Behinderungen und mit Migrationshintergrund einbezieht, demokratisches Bewusstsein und Medienkompetenz stärkt, sich positiv auf die soziale und berufliche Integration auswirkt, die Partizipation junger Menschen fördert und dabei die unterschiedlichen Sichtweisen und Bedürfnisse von Jungen und Mädchen bzw. jungen Männern und jungen Frauen berücksichtigt, führen dazu, dass dieses Handlungsfeld auf die wichtige Zukunftsaufgabe der Inklusion schon jetzt bestens vorbereitet ist. Für jede/n Jugendliche/n und für jede Gruppe gibt es die passende internationale Erfahrung innerhalb der Evangelischen Jugend und ihrer Partnerstrukturen. Sie zu ermöglichen ist Auftrag der hauptberuflich und ehrenamtlich Mitwirkenden in der evangelischen Kinder- und Jugendarbeit.



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