Elpiniki Stefanidou

Austausch für Frieden und Freundschaft

Lechovo, ein malerischer Bergort in Westmakedonien, hat das Interesse deutscher und griechischer Medien geweckt, da der lokale Kulturverein „Profitis Ilias“ Projekte mit deutschen Partnern umgesetzt hat. Niki Stefanidou, Mitglied des Vereins, nahm bereits 2014 am ersten Austausch teil, der in Berlin stattfand, und berichtet über ihre Erfahrungen und die Pläne der jungen Menschen ihres Ortes.

Eine Gruppe junger Menschen winkt in die Kamera.
Jugendliche aus Lechovo verabschieden sich von Hamburg mit einem Erinnerungsbild BildImage: Xenia Fastnacht


Elpiniki Stefanidou, Bild: privat

Elpiniki Stefanidou ist ehrenamtlich aktiv im Kulturverein von Lechovo „Prophet Ilias“ und nahm in diesem Rahmen am ersten Jugendaustausch 2014 in Berlin und Lechovo teil. 2015 beteiligte sie sich als Organisatorin im griechischen Team an der pädagogischen Umsetzung des Jugendaustausches zwischen Lechovo und Hamburg. Im April 2017 wurde sie als griechische Vertretung zur Jugendkonferenz von IJAB nach Schwerin eingeladen.

Griechenland-Special 2017

Fakten, Förderung, Kontakte

Deutsch-Griechisches Jugendforum

Fachtag Politische Bildung

Griechische Jugend

Kirchliche Jugendarbeit

Schulischer Austausch

Lechovo wurde während des Zweiten Weltkriegs von der deutschen Besatzung in Brand gesetzt und vollständig zerstört. Dennoch wanderten die meisten der Einwohner/-innen einige Jahre später nach Deutschland aus, in der Hoffnung dort eine bessere Zukunft zu finden. So kommt es dazu, dass deren Nachkommen bereits seit 2014 Anstrengungen unternehmen, zwischen den beiden Völkern Brücken zu schlagen unter dem gemeinsamen Motto „Erinnerung, Freundschaft, Gleichheit, Frieden“.

Der Kulturverein der Lechoviten „Profitis Ilias“ (dt. Prophet Ilias) kann auf eine lange Vereinsgeschichte zurückblicken: Er wurde 1921 von den Dorfbewohner(inne)n gegründet, zählt mittlerweile 250 Mitglieder und setzt jedes Jahr zahlreiche Projekte um, die Tradition und Sitten, die Geschichte und das lokale Kulturgeschehen fördern. Hierzu zählen unter anderem die Herausgabe einer Zeitung, kulturelle Veranstaltungen, der Betrieb einer Leihbibliothek und des Volkskundemuseums, traditionelle Tanzensembles sowie eine neugegründete Theatergruppe. Im Rahmen der Bemühungen zur Hervorhebung der Geschichte und der Tradition der Region beteiligte sich der Kulturverein auch an zwei Jugendaustauschprogrammen mit deutschen Partnern, die das Motto „Erinnerung, Freundschaft, Gleichheit, Frieden“ bekräftigten, zumal sie dazu führten, dass sich zwischen den jungen Menschen beider Länder freundschaftliche Beziehungen entwickelten und sie die Möglichkeit erhielten, sich ungezwungen und gleichberechtigt zu Themen zu äußern, die nicht allein die Geschichte beider Völker, sondern auch die Zukunft Europas im Allgemeinen betreffen.
 
Gleichzeitig fand im Rahmen dieser Versöhnungsbemühungen im Mai 2016 das Forum „Erinnerung und Bildung“ statt mit dem Ziel, Erinnerung und Gedenken hervorzuheben, und den Dialog zwischen Expert(inn)en zu kritischen Fragen des Zweiten Weltkriegs zu forcieren. Das Forum erfuhr eine große Resonanz und ermöglichte vielen Menschen aus ganz Griechenland und anderen sogenannten Märtyrerorten Griechenlands, die Geschichte ihres Heimatortes vorzustellen. Es wurden verschiedene deutsch-griechische Projekte präsentiert, darunter auch die Jugendaustausche mit Lechovo.

Berlin in Lechovo

Der erste Jugendaustausch fand im Sommer 2014 mit der Beteiligung von 15 Jugendlichen der Evangelischen Gemeinde Charlottenburg aus Berlin und 15 Jugendlichen aus Lechovo statt. Das Thema dieses Jugendaustausches war die Erinnerungsarbeit und das friedliche Zusammenleben der Völker. Der erste Teil des Austauschprojekts fand vom 17. bis zum 24. Juli in Lechovo statt und umfasste Aktivitäten zu Gedenken und Erhaltung der Erinnerung. Die Jugendlichen waren in der Sporthalle von Lechovo untergebracht, die zur Aufnahme der Gruppe aus Deutschland entsprechend umgestaltet worden war.

Die jungen Menschen hatten Gelegenheit, ausgiebig die lokale Küche zu kosten, denn die Mütter der griechischen Gastgeber/-innen kochten täglich traditionelle Gerichte aus der Region, die die deutschen Gäste gern probieren wollten. Die Tage verstrichen ganz ungezwungen und mit viel Spaß und Unterhaltung für beide Seiten. Die jungen Gäste aus Deutschland besichtigten den Ort, sie besuchten das Volkskundemuseum und die Kirchen des Dorfes, informierten sich über seine Geschichte und erlebten den Alltag vor Ort. Es fanden zahlreiche Workshops zu Erinnerungsarbeit, zu den deutsch-griechischen Beziehungen und zur Vorbereitung von Interviews mit Zeitzeug(inn)en der Naziverbrechen statt. Die Interviews der jungen Teilnehmer/-innen aus beiden Ländern mit den Überlebenden fanden in einem mit Betroffenheit und  Mitgefühl aufgeladenem Klima statt. Jugendliche, denen die historischen Ereignisse sowohl aus deutscher als auch aus griechischer Sicht nicht bekannt waren, kamen sich nahe und erlebten, wie es ist, gemeinsam Daten aus erster Hand – von den Überlebenden selbst – zu sammeln. Die Jugendlichen sprachen über diese Erfahrung und schlugen Schritte für eine bessere Zukunft vor. Ihr gemeinsames Motto war „Pote xana!“ (dt. nie wieder!). Darüber hinaus wanderten sie auch auf Pfaden, denen die griechischen Soldaten gefolgt waren.

Selbstverständlich nahmen sie auch an Veranstaltungen teil, die ihnen viel Spaß machten. Zu diesem Zeitpunkt fand im Ort das traditionelle Volksfest zu Ehren des Propheten Ilias statt und die Jugendlichen hatten Gelegenheit gemeinsam zu speisen, zu tanzen und traditionelle Volkstänze aus ganz Griechenland kennenzulernen. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass alle Teilnehmer/-innen sich vergnügten und eine schöne Zeit miteinander verbrachten, unabhängig davon, ob ihr Tischnachbar aus Deutschland oder aus Griechenland stammte. Am letzten Tag trennten sich die Jugendlichen mit dem Versprechen, sich in wenigen Tagen wieder zu treffen.

„Begeistert hat uns vor allem, dass wir es schafften, über Erinnerung zu sprechen und Ansichten auszutauschen. Bemerkenswert waren die freundschaftlichen und offenen Gespräche über unsere Vorfahren, die ihrer Zeit Feinde waren. Wir fühlten uns gleich, unsere Meinung wurde ernst genommen und gleichzeitig hatten wir die Möglichkeit, einzusehen, wie solche Austauschprojekte Freundschaften aufbauen können.“

Lechovo in Berlin

Am 28. August 2014 bestiegen fünfzehn Jugendliche aus Lechovo das Flugzeug in Richtung Berlin. Für manche war dies die erste Auslandsreise. Der zweite Teil des Austauschprojekts fand vom 28. August bis zum 4. September in Berlin statt. Die griechischen Gäste wurden von ihren Berliner Freund(inn)en herzlich empfangen. Eine Unterkunft wurde für die jungen Gäste in der Evangelischen Gemeinde in Charlottenburg umgestaltet und zur Verfügung gestellt. Auch sie hatten die Gelegenheit, die deutsche Küche kennenzulernen, denn täglich wurden ihnen neue Gerichte mit Überraschungseffekt zubereitet. Die Jugendlichen erkundeten Berlin, besuchten Gedenkstätten, den Berliner Zoo, erfuhren viel Neues über die Geschichte der Stadt und erlebten den Berliner Alltag. Mit Begeisterung durchstreiften die Jugendlichen eine der größten Städte Europas, begleitet von den besten Stadtführer(inne)n – ihren neuen Freund(inn)en. Selbstverständlich wurden auch dieses Mal Workshops durchgeführt, in denen Interviews mit deutschen Überlebenden des Zweiten Weltkriegs vorbereitet wurden. Die Interviews bewegten die Jugendlichen emotional und brachten Fakten ans Licht, die sie zuvor nicht kannten. Die Jugendlichen diskutierten über ihre Erfahrungen und Eindrücke vom Austausch. Die Begegnung schloss mit dem Dreh eines Videos ab, das Szenen und Aktivitäten des Austausches ablichtet. Die Jugendlichen trennten sich mit Bedauern und gaben sich ein aufrichtiges Versprechen: „Niemals wieder!“.

„Mir bleiben die gemeinsam erlebten Momente unvergesslich in Erinnerung. Für mich war es eine einmalige Gelegenheit, mit Gleichaltrigen zu diskutieren, Erfahrungen mit ihnen auszutauschen, ihre Stadt und ihren Alltag kennenzulernen. Die Jugendlichen aus meinem Ort hatten die Chance allein ins Ausland zu reisen und Freunde in einem anderen Land zu finden und ihre englischen Sprachkenntnisse anzuwenden.“

Lechovo in Hamburg

Der Erfolg des ersten Austausches ermutigte Lechovo zu einem zweiten. Diesmal beteiligten sich 15 Jugendliche des Johannes-Brahms-Gymnasiums aus Hamburg und 15 Jugendliche aus Lechovo, die in ihrem Austausch das Thema soziale Ausgrenzung behandelten. Der erste Teil des Austausches fand vom 9. bis zum 17. Juli 2015 in Hamburg statt. Die jungen Teilnehmer/-innen wurden in Gastfamilien untergebracht, was ihnen einen unmittelbaren Einblick in den Alltag der jungen Hamburger/-innen gab. Die Stimmung war sehr positiv und herzlich. Die Jugendlichen trafen sich jeden Morgen in der Schule und begannen ihren Tag mit Führungen durch die Stadt oder sie führten Workshops und weitere Aktivitäten zu ihrem Thema durch. Alle wurden angeleitet, ihre persönliche Meinung zum Thema soziale Ausgrenzung zu äußern und sich Gedanken darüber zu machen, welche Gruppen potentiell betroffen sein könnten. Mit Anlass diese Diskussionen trafen wir Vertreter/-innen von Organisationen, die sich für Minderheiten einsetzen, und die uns über ihre Erfahrungen berichteten. Darüber hinaus begegneten die Jugendlichen Einwohner/-innen mit griechischem Migrationshintergrund, mit denen sie die Möglichkeit hatten, über soziale Diskriminierung zu sprechen und über die Schwierigkeiten, die ein Leben als Einwanderer/-in mit sich bringt. Sie erlebten während ihres Aufenthalts den Alltag der Einwohner/-innen Hamburgs und hatten Spaß mit Gleichaltrigen, mit denen sie gemeinsam Träume und Gedanken für eine bessere europäische Zukunft teilen konnten.

„Der größte Erfolg für die jungen Teilnehmer/-innen war es, in einer Großstadt ohne ihre Familien und Freunde und nur mit ihren neu gewonnenen Freund(inn)en zu verbringen. Für die jungen Leute aus einem Ort mit nur 1200 Einwohner(inne)n war diese Reise ins Ausland und in die Großstadt Hamburg eine unvergessliche Herausforderung. Die Jugendlichen gewannen Einblick in den Alltag ihrer neuen Freunde, in ihre Kultur und ihre Art und Weise, alltägliche Probleme zu lösen.“

Hamburg in Lechovo

Diesmal haben sich die Teilnehmer/-innen nicht mal für einen Tag aus den Augen verloren, denn sie reisten am 17. Juli gemeinsam nach Lechovo, wo sie sich bis zum 22. Juli für die Rückbegegnung aufhielten. In den ersten Tagen ihres Aufenthalts wurden sie in Gastfamilien untergebracht, während sie in den letzten drei Tagen in einen umgestalteten Raum der Sporthalle umzogen, um in einer Art Wohngemeinschaft die restlichen Tage zu verbringen. Die Jugendlichen aus Deutschland erhielten ebenfalls die Möglichkeit, den Alltag der Lechoviten zu erleben, und sie nahmen an Führungen teil mit dem Ziel, die Geschichte des Ortes kennenzulernen. Bestandteil des Programms waren auch Workshops und Treffen mit Menschen, die mal nach Deutschland ausgewandert waren, und mit Migrant (inn)en aus Albanien, die nun in Lechovo leben. Auf diese Weise konnten sie sich ein vollständiges Bild über soziale Diskriminierung machen, wie sie sowohl in Deutschland als auch in Griechenland aussehen kann. Die Jugendlichen beteiligten sich an kulturellen Veranstaltungen, die zu der Zeit in Lechovo stattfanden, spielten gemeinsam traditionelle Spiele und wanderten durch die Berglandschaft in der Region. Diese damals neuen Freundschaftsbande währen bis heute und die Teilnehmer/-innen erinnern sich mit Freude an den Austausch. Sie bitten die Mitglieder des Kulturvereins um die Organisation weiterer solcher Austausche.

„Die Ergebnisse des Austausches waren beeindruckend und die Teilnehmer aus Lechovo haben bewiesen, dass sie mit ehrenamtlichem Engagement und der berühmten griechischen Gastfreundschaft jungen Leuten die Chance geben können, zu reisen, ihre Meinung zu vertreten, Gleichaltrige aus Europa kennenzulernen und sich nicht demotivieren zu lassen von der aktuellen politischen und wirtschaftlichen Situation. Den jungen Leuten wurde bewusst, dass der Planet vielleicht von Politikern regiert wird, jedoch leben auf ihm gleichberechtigte Menschen, die Wertvolles leisten. Die Dynamik des Vereins ist offensichtlich und es besteht der Wunsch, den Jugendaustausch zu fördern.“

Die Zukunft der Jugend von Lechovo

Eine Schwäche, mit der Lechovo zu kämpfen hat, ist dass der Kulturverein es noch nicht geschafft hat, einen Jugendaustausch durchzuführen mit handfesten Ergebnissen, die Besucher/-innen des Ortes auch sehen können; so dass also Menschen, die den Ort besuchen, sehen können, hier hat eine Begegnung des Friedens stattgefunden. Unser Ziel und unser Wunsch ist es, einen Jugendaustausch durchzuführen, der nicht nur aus stundenlangen Gesprächen und Auseinander-setzungen in der Theorie besteht, sondern auch ein handfestes Werk hinterlässt. Wir möchten einen künstlerisch gestalteten Friedenspfad in Lechovo schaffen, auf dem Soldaten gewandert sind, die für die Freiheit dieses Ortes gekämpft haben. Auf diesem Pfad möchten wir die Werke junger Menschen sehen, die die Wanderer/Wanderinnen daran erinnern, dass an diesem Ort Menschen getötet wurden, deren Nachkommen mit den Nachfahren der Täter in Frieden gemeinsam agieren. Wir hoffen und sind offen für neue Projektvorschläge.



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