Christian Herrmann

Begegnung, Freundschaft und Versöhnung ermöglichen

Bereits 1989 brachte Brigitte Spuller einen ersten Jugendaustausch zwischen der Evangelischen Jugend Nürnberg und der Gemeinde Distomo, in der während der deutschen Besatzung im 2. Weltkrieg von der SS Zivilisten ermordet wurden, auf den Weg. Zwei Jahrzehnte hielt diese Pionierarbeit im Jugendaustausch mit beeindruckender Kontinuität an. Daraus ist ein reicher Fundus an Erfahrungen für die deutsch-griechische Erinnerungsarbeit entstanden.

Brigitte Spuller BildImage: Christian Herrmann   Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – nicht kommerziell – keine Bearbeitung CC BY-NC-ND 3.0

Brigitte Spuller, Diplom-Sozialpädagogin (FH), war fast 33 Jahre lang in der Interkulturellen Arbeit und in der Berufsorientierung tätig. Seit 1990 ist sie Ehrenbürgerin der Stadt Distomo, 2006 wurde ihr für die Versöhnungsarbeit mit Distomo das Bundesverdienstkreuz verliehen. Sie ist Dekanatsfrauenbeauftragte im Evang.-luth. Prodekanat Nürnberg-Ost und erwarb Zusatzqualifikationen in Themenzentrierter Interaktion nach Ruth Cohn, in Interkultureller Mediation und als Leiterin für therapeutischen Tanz (DGT). Seit 2012 ist Brigitte Spuller im Ruhestand.

Beim Massaker von Distomo, einer Ortschaft in Mittelgriechenland, am Fuße des Parnass-Gebirges, töteten am 10. Juni 1944 Angehörige eines Regimentes der 4. SS-Polizei-Panzergrenadier-Division im Zuge einer „Vergeltungsaktion“ 218 der – an Partisanenkämpfen unbeteiligten – ca. 1800 Dorfbewohner der Ortschaft Distomo und brannten das Dorf nieder. Opfer waren vor allem alte Menschen und Frauen sowie 34 Kinder und vier Säuglinge.
Quelle: Wikipedia

Griechenland-Special 2016

Fakten, Förderung, Kontakte

Inklusion

Flucht und Migration

Kulturelle Bildung

Sport

Zivilgesellschaft und Jugendarbeit

Politische Bildung

Erinnerungsarbeit

Essay

Frau Spuller, die Evangelische Jugend Nürnberg hat sehr frühzeitig einen Jugendaustausch mit Distomo begonnen – einer Gemeinde in Zentralgriechenland, in der während der deutschen Besatzung 218 Menschen, hauptsächlich Frauen, Kinder und alte Leute von der SS ermordet wurden. Sie waren maßgeblich am Zustandekommen des Austauschs beteiligt. Wie ist es dazu gekommen und was war ihr Antrieb?

Brigitte Spuller: 1980 kam ich zum ersten Mal nach Distomo. Ich war engagiert in einem Aktionsbündnis gegen die damals jährlich in Marktheidenfeld (einer Kleinstadt in Unterfranken, zwischen Würzburg und Frankfurt) stattfindenden sogenannten „Traditionstreffen“ der 4. SS – Polizei-Panzergrenadier-Division. Diese SS-Einheit hatte neben anderen Verbrechen in ganz Europa auch Massaker in Griechenland, und zwar in Distomo (in Böotien) und in Klissoura (in Nordgriechenland) begangen. Wir wollten uns damals in einem der beiden Orte direkt über die Verbrechen dieser SS-Einheit ein Bild machen, um die Bevölkerung in Marktheidenfeld noch besser über geschichtliche Hintergründe und die heutige Haltung der Bevölkerung informieren zu können.

Mit vielen Befürchtungen, wie wir als Deutsche dort wohl empfangen würden, fuhren wir nach Distomo – und wurden noch am gleichen Abend von den damaligen Mitgliedern des Kulturvereins mit offenen Armen aufgenommen. Hilfreich waren dabei sicher auch meine – damals noch recht bescheidenen – Griechisch-Kenntnisse. Wir lernten den damaligen Bürgermeister, Georgios Sfountouris, kennen und wurden von ihm gleich für den nächsten Sommer zu den Gedenkveranstaltungen im Juni eingeladen.

Seit Juni 1981 nahm ich dann regelmäßig, teilweise mit Freundinnen und Freunden aus der antifaschistischen Bewegung, an den jährlich um den 10. Juni stattfindenden Gedenkveranstaltungen teil. Von der Bevölkerung wurden wir dadurch wahrgenommen, dass wir jährlich einen Kranz für die Opfer niederlegten und eine Grußbotschaft aus Deutschland überbrachten. Dies fand zu einer Zeit statt, in der es noch nicht üblich war, dass sich Deutsche im Ort aufhielten oder gar an den Gedenkveranstaltungen teilnahmen.

1984 gelang es dann, in Marktheidenfeld eine große Protestveranstaltung zu organisieren, zu der wir auch ein Schreiben des damaligen Bürgermeisters, Georgios Sfountouris überbringen konnten. Dieser Brief wurde bei der Veranstaltung verlesen, den örtlichen Behörden übergeben und fand auch in der Öffentlichkeit Beachtung. Nach 1984 war übrigens von den „Traditionstreffen“ in Marktheidenfeld nichts mehr zu hören.

Nachdem ich 1986 mit meiner Stelle als Sozialpädagogin zur Evangelischen Jugend Nürnberg (= EJN) wechselte, wurde ich dort auf meine bis dahin privaten, politischen Kontakte nach Distomo angesprochen. Die EJN hatte, entsprechend der Zielsetzung im ökumenischen konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung, damals eine beachtliche Partnerschafts- und Jugendbegegnungsarbeit mit etlichen Orten in Europa (zum Beispiel mit Krakau in Polen), aber auch mit Israel und mit Nicaragua (San Carlos) aufgebaut.

Von Leitungsteam der EJN wurde die Idee an mich herangetragen, auch mit Distomo einen Jugendaustausch aufzubauen. Ich hatte bereits ab Mitte der 80er-Jahre immer wieder Verantwortliche von Gruppen (Schulklassen, Kirchengemeinden, Jugendgruppen, Studienreisen) aus Nürnberg, die Griechenland bereisten, motivieren können, ihren Reiseteilnehmer/-innen durch einen Besuch in Distomo einen Einblick in die neuere deutsch-griechische Geschichte zu ermöglichen. Teilweise hatte ich diese Gruppen auch vor Ort selbst begleitet und informiert. Danach war der Einstieg in die Jugendbegegnungsarbeit der nächste, folgerichtige und fast schon selbstverständliche Schritt.

Eines unserer Ziele war es, deutschen Jugendlichen und jungen Erwachsenen neben touristischen Besuchen und Strandvergnügen auch die jüngere deutsch-griechische Geschichte nahezubringen:  nämlich eine Geschichte der deutschen Besatzung von 1941 bis 1944, die im Geschichtsunterricht kaum zur Sprache kam. Es handelt sich um eine Geschichte von zahlreichen Massakern und Verbrechen an der Zivilbevölkerung, es ist die Geschichte des Hungerwinters 1941/42 als Folge der massiven Ausbeutung des Landes durch deutsche Besatzungstruppen mit zahlreichen zivilen Opfern, und es ist auch die Geschichte der Deportation und Vernichtung fast der gesamten jüdischen Bevölkerung Griechenlands (unter anderem in den großen Gemeinden in Thessaloniki, in Rhodos, in Ioannina …).


Beinhaus im Mausoleum mit den Gebeinen der beim Massaker vom 10.6.1944 Ermordeten

Es sollten an beiden Orten Kontakte zwischen deutschen und griechischen jungen Menschen entstehen, die einen Austausch über die oben genannten Themen ermöglichen. Die Geschichte sollte am Beispiel von Distomo, seiner Bevölkerung und des Massakers vom 10. Juni 1944 für die Jugendlichen, aber auch für deren Familien und ihr soziales Umfeld erfahrbar werden.
 
1989 konnten wir dann in einer sehr konstruktiven, partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit dem damaligen Bürgermeister von Distomo, Jannis Kailis, der den Jugendaustausch vom ersten Tag an großartig unterstützte, zur ersten Jugendbegegnung nach Nürnberg einladen. Die Gegenbegegnung fand 1990 in Distomo statt. Weitere Begegnungen folgten. Die letzte, von mir, gemeinsam mit Christine Biemann-Hubert geleitete Maßnahme, fand im Sommer 2005 statt. 2009 und 2010 folgten noch zwei weitere Begegnungen, die von jüngeren Kolleginnen geleitet wurden.

Was können deutsche und griechische Jugendliche in einem solchen Austausch wie zwischen Nürnberg und Distomo voneinander und miteinander lernen und was sind geeignete Methoden und Projekte dafür? Erzählen sie uns von Ihren Erfahrungen!

Brigitte Spuller: In den Jahren, in denen wir mit den Jugendlichen an den Gedenkveranstaltungen in Distomo teilnahmen, gehörte zum Programm der Begegnungen die gemeinsame Teilnahme an den Gedenkveranstaltungen mit Trauerzug, Kranzniederlegung und einigen Kulturveranstaltungen oder in anderen Jahren alternativ der Besuch des Mausoleums, Gespräche mit Hinterbliebenen und ein Besuch im Museum von Distomo. Ein weiterer Bestandteil des Programms war das Kennenlernen griechischer Lebenswirklichkeit, zum Beispiel mit Besuchen im Bauxitabbau, in der Aluminiumfabrik oder mit einer Gruppe freiwilliger sozialer Helfer/-innen auch ein Besuch im Alten- und Pflegeheim der Griechisch-orthodoxen Metropolie in Livadia. Hinzu kam der Besuch von Sehenswürdigkeiten und antiken Stätten, wie Delphi, dem Kloster Ossios Loukas oder der Akropolis. Zahlreiche Kontakte mit den Jugendlichen aus Distomo entstanden beim gemeinsamen Essen, Tanzen, Singen, beim Baden und den Besuchen von Veranstaltungen und Festen.


Trauermarsch mit dem früheren Bürgermeister Jannis Kailis aus der Anfangszeit der Aktivität von Brigitte Spuller

Zum Programm in Nürnberg gehörten neben Stadtbesichtigungen und einem Empfang im Rathaus auch Fahrten zur KZ-Gedenkstätte Dachau oder in das Außenlager Hersbruck des ehemaligen KZ Flossenbürg, Besuche des ehemaligen Reichsparteitagsgeländes und des dortigen Dokumentationszentrums und Gespräche mit Vertretern verschiedener Institutionen und Initiativen. Wir besichtigten das fränkische Freilandmuseum in Bad Windsheim und veranstalteten Grillabende in Kirchengemeinden und jeweils ein Fest zur Begrüßung und zum Abschied.

Unsere pädagogischen Ziele für die Begegnungen in Nürnberg waren die Auseinandersetzung mit der faschistischen Vergangenheit, unter anderem mit den Gräueltaten der deutschen Besatzungstruppen in Griechenland und das Kennenlernen und Annehmen dessen, was in der Vergangenheit durch deutsche NS-Besatzungstruppen im Ausland geschehen ist. Daneben sollten die Jugendlichen einen Ausschnitt der heutigen Lebensrealität in Deutschland kennenlernen und auch Deutschland als zweite Heimat von Arbeitsmigrant/-innen und als Einwanderungsland erleben. Die Jugendlichen sollten einer anderen Kultur und Mentalität begegnen, diese kennenlernen und sich darüber ein realistisches Bild machen. Sie sollten Vorurteile überprüfen und wenn möglich, überwinden lernen, Feindbilder abbauen und sich letztlich für eine gemeinsame friedliche Zukunft in Europa einsetzen.

Wir wollten aber auch der Partnergruppe aus Griechenland ermöglichen, zu sehen, dass es damals auch in Deutschland neben all den Verbrechen, einen antifaschistischen Widerstand gegeben hatte und Opfer in vielen gesellschaftlichen Gruppen. Für die Begegnungen in Distomo galten entsprechende Ziele, wobei hier die Auseinandersetzung mit der Geschichte des SS-Massakers im Vordergrund stand.

Unsere Erfahrungen mit den Gruppen und den Teilnehmenden, also Ergebnisse und Wirkungen der Begegnungen sollen durch einige Zitate aus früheren Berichten skizziert werden:

„Durch interessante Besuche und persönliche Gespräche konnten die jeweiligen Gastgruppen vieles vom Gastland und seiner Mentalität kennenlernen. Es entstanden persönliche Kontakte und Freundschaften mit dem Ergebnis, dass Friedens- und Versöhnungsarbeit (…) auf der Basis persönlicher, konkreter Begegnungen stattfinden konnte. (...) Für viele der deutschen Jugendlichen war es überraschend und bewegend, mit welcher Gastfreundschaft und Herzlichkeit wir in Distomo aufgenommen wurden, nachdem die Bewohner/-innen so viel Grausamkeit durch Deutsche erlebt hatten. Auch die Teilnahme an den Gedenkveranstaltungen war für die deutschen Gruppenmitglieder ein sehr eindrucksvolles Erlebnis. Vor allem das Verlesen der Liste mit den Namen der Opfer machte die Dimension dieses Verbrechens deutlich.“

„Die deutschen Teilnehmer/-innen konnten Geschichte hautnah miterleben und ein Griechenland hinter den touristischen Kulissen kennenlernen. Die griechischen Teilnehmenden konnten andere (vielleicht neue?) Erfahrungen mit Deutschland und mit uns, „den Deutschen“, machen. Damit trägt die Jugendbegegnungsarbeit zur Horizonterweiterung und zum Abbau von Vorurteilen bei und ist letztlich auch ein Beitrag gegen Nationalismus und Rassismus. Das Kennenlernen des Ortes Distomo, das Kennenlernen der Überlebenden des Massakers und die Begegnung mit Jugendlichen aus den Familien der Opfer förderte die persönliche Auseinandersetzung mit dem Massaker und mit Fragen von Verantwortung und Schuld für uns als Deutsche, die natürlich im Rahmen der Begegnungsarbeit pädagogisch begleitet und aufgearbeitet wurden. Geschichte wird hier vermittelt – nicht durch Geschichtsstunden, sondern durch persönliche Begegnungen und Erfahrungen. Die Jugendlichen, die in Distomo waren, sind auch Multiplikator/innen, die ihre Erfahrungen und Informationen weitergeben und damit dazu beitragen, dass ein oft unterschlagenes Kapitel deutscher Geschichte nicht in Vergessenheit gerät.“


Aus den Begegnungen sind oft jahrelange, teilweise auch jahrzehntelange Kontakte und Freundschaften entstanden. In einem Fall lernte sich ein griechisch-deutsches Paar bei der Begegnung kennen und lebt heute als junge Familie mit Kind im Raum Nürnberg.

Für künftige neue Projekte kann ich mir eine große Vielfalt an Möglichkeiten vorstellen, die im deutsch-griechischen Austausch verwirklicht werden könnten: Neben bilateralen Jugendbegegnungen wären auch Schüleraustausch, Schulpartnerschaften und Projekte beruflicher Orientierung mit oder ohne Berufspraktika denkbar, ebenso wie Programme mit Freiwilligen.
 
Gruppen aus Griechenland und aus Deutschland mit gleichen thematischen und inhaltlichen Interessen könnten sich begegnen, beispielsweise im sportlichen oder im kulturellen Bereich, wie Sportgruppen, Theaterprojekte, Tanzprojekte, Chöre. Denkbar sind auch ökumenische Begegnungen.

Es könnten Programme für Multiplikator/-nnen in der Jugend-, Bildungs- und Erinnerungsarbeit stattfinden. Als Inhalte bieten sich Themen an, wie Erinnerungsarbeit, erfahrungsbezogene Bildungsarbeit, kreative Gruppenmethoden, themenzentrierte interaktive Arbeit, mediative Methoden der Konfliktbearbeitung und vieles mehr. Natürlich wäre dann noch zu prüfen, ob diese Projektideen mit den Förderrichtlinien des deutsch-griechischen Jugendwerks in Einklang zu bringen sind.

Seit 2010 hat keine Jugendbegegnung zwischen Nürnberg und Distomo mehr stattgefunden. Was sind die Gründe dafür?

Brigitte Spuller: Wenn Sie darauf eine offizielle Antwort möchten, sollten Sie die Evangelische Jugend Nürnberg und die Stadt Distomo danach fragen. Ich kann darüber lediglich Vermutungen anstellen...

Aber zunächst zu den Rahmenbedingungen: Meine Arbeitsstelle wurde seit Ende 2005 mit neuen Aufgaben im Bereich der Migrationserstberatung betraut. Seit Anfang 2012 befinde ich mich im Ruhestand. Wie bereits erwähnt, fanden 2009 und 2010 die letzten Begegnungen zwischen der EJN und Distomo statt.

In Distomo haben seitdem mehrfach die Bürgermeister und die Stadträte gewechselt. Auch der zypriotisch-stämmige Ortsgeistliche, Pater Charalampos, mit dem wir eine sehr vertrauensvolle Zusammenarbeit aufgebaut hatten, ist inzwischen wieder in seine Heimat Zypern zurückgekehrt. Die Stadt Distomo hat unter ihrem jetzigen Bürgermeister entschieden, dass sie sich (als einer der wenigen Opferorte) nicht am Deutsch-Griechischen Zukunftsfond beteiligen wird. Vermutlich bezieht sich diese Haltung auch auf mögliche Finanzierungen aus einem künftigen Deutsch-Griechischen Jugendwerk. Damit würden Finanzierungs- und Zuschussmöglichkeiten entfallen. Im Übrigen ist nach meiner Wahrnehmung in Distomo in den letzten Jahren „die Forderungen nach Entschädigung“ das vorherrschende Thema in der öffentlichen Diskussion. Das Thema „Jugendbegegnung und Austausch“ spielt damit eher eine nachrangige Rolle, obwohl es auch Kontakte zwischen dem Lyzeum in Distomo und der Deutschen Schule Athen gibt. Im September 2016 wird auch eine Schülergruppe der Bertolt-Brecht-Gesamtschule Nürnberg mit Schülerinnen und Schülern des Lyzeums in Distomo zusammentreffen und ein gemeinsames Nachmittagsprogramm vor Ort absolvieren.

Die Evangelische Jugend Nürnberg lässt durch die zuständige Mitarbeiterin verlautbaren, dass sie die Partnerschaft mit Distomo nie ganz aus den Augen und dem Herzen gelassen hat, auch wenn sie derzeit bei der Jugendbildung eher andere Schwerpunkte hat.

Unabhängig von meiner Person zeigt sich immer wieder, auch im Hinblick auf andere Partnerschaften, dass es zu einer kontinuierlichen, über Jahrzehnte andauernden Kooperation mit Partnerorten und Partnerorganisationen engagierter Personen und Organisationen bedarf, die diese Arbeit mit hoher Motivation am Laufen halten wollen und mit hohem persönlichen Einsatz auch am Laufen halten. Kenntnisse der Landessprache, der Landeskunde und der örtlichen Mentalität, aber auch örtliche Kontakte sind dabei von erheblichem Vorteil. Eine verantwortlich geleitete Jugendbegegnung ist in der Zeit während der Maßnahme, aber auch davor und danach pädagogische und organisatorische Schwerarbeit. Um solche Partnerschaften über Jahre aufrecht zu erhalten, sind eine sehr hohe persönliche Motivation, ein klarer politischer Wille, aber auch finanzielle und organisatorische Ressourcen erforderlich.

Ich meine, dass es ein ziemlicher Glücksfall oder auch eine große Gnade war, dass wir diese Zusammenarbeit – sicher auch mit einigen Durchhängern zwischendrin – gemeinsam mit den Partnern und Partnerinnen in Distomo – so lange am Laufen halten konnten. Die jahrzehntelange Kooperation hat sich im Prozess entwickelt. Dieser glückliche Ausnahmefall darf jedoch nicht zum Maßstab für künftige neu beginnende Jugendbegegnungen gemacht werden, da diese sonst zu Beginn mit völlig überhöhten Erwartungen belastet und überfordert würden.

Auch wenn derzeit der Jugendaustausch mit Distomo stagniert, ist es aus meiner Sicht wichtig, dass die Begegnungsarbeit mit anderen Opferorten aufgebaut, fortgesetzt und intensiviert wird.

Die Verbrechen von Wehrmacht, Polizei und SS während der deutschen Besatzung sind in Griechenland weiterhin ein Politikum – vor allem wegen der deutschen Haltung, die Entschädigungen immer noch strikt ablehnt. Die beabsichtigte Gründung eines deutsch-griechischen Jugendwerks wird von manchen als Alibi der deutschen Seite interpretiert, um keine Entschädigungen zahlen zu müssen. Welche politischen Rahmenbedingungen braucht es von deutscher und griechischer Seite, damit ein Jugendwerk glaubwürdig ist?

Brigitte Spuller: Dies ist eine schwierige Frage, zu der ich aus meiner Perspektive als Praktikerin in der Jugendbegegnungsarbeit sicher nur ein paar kleinere Aspekte beisteuern kann. Den Rest müssten dann andere Fachleute in die Diskussion mit einbringen…

Das Deutsch-Griechische Jugendwerk könnte, wenn es denn tatsächlich in Zukunft auf den Weg kommen sollte, eine wichtige Rolle für die Zukunft des deutsch-griechischen Jugendaustausches, für die Begegnung und Versöhnung und für eine gemeinsame Zukunft in Europa spielen und hätte damit einen eigenen Wert. Dabei könnte es sich an den positiven Erfahrungen im deutsch-französischen und im deutsch-polnischen Jugendaustausch orientieren.


Griechische und deutsche Jugendliche beim Besuch der Deutschen Botschaft in Athen

Ich persönlich halte es für schwierig, wenn das Thema des Jugendwerkes mit der, sicherlich berechtigten Frage der Entschädigungen verknüpft und damit instrumentalisiert wird. Dieser Konflikt muss aus meiner Sicht ausgetragen werden, aber an anderer Stelle und vor allem nicht auf Kosten des deutsch-griechischen Jugendaustauschs und damit letztlich der Jugendlichen. Ein Jugendwerk kann und darf kein Ersatz für Entschädigungen sein und sollte von keiner Seite damit verwechselt werden. Um beiden Themen wirklich gerecht zu werden, sollten beide getrennt diskutiert und behandelt werden.

Die Jugendlichen in Griechenland leben mit einer Arbeitslosigkeit von um die 60 % (in der Provinz teilweise noch höher) mit sehr geringen Chancen auf berufliche Integration und gesellschaftliche Teilhabe. Viele Jugendliche verlassen das Land und versuchen es woanders in Europa. Alle Maßnahmen, die dazu beitragen, die Isolation und Hoffnungslosigkeit der Jugendlichen in Griechenland zu mindern, sind es aus meiner Sicht wert, unterstützt zu werden. Klar ist natürlich, dass die Lösung der politischen und wirtschaftlichen Krise in Griechenland auf anderen Ebenen stattfinden muss.

Durch das Jugendwerk geförderte Maßnahmen könnten aber helfen, die griechischen Jugendlichen in Kontakt mit anderen Menschen, mit anderen Kulturen und mit anderen Ländern zu bringen. Sie können neue Ideen sammeln, Freundschaften über Grenzen hinweg entwickeln und neue Perspektiven entwickeln. Für deutsche Jugendliche könnten Begegnungen mit griechischen Jugendlichen dazu beitragen, Verständnis und Empathie für die Situation der Menschen in Griechenland in Zeiten der Krise zu wecken und solidarisches Handeln zu fördern. Ich meine also: Gerade jetzt könnte ein deutsch-griechisches Jugendwerk einen wertvollen Beitrag leisten.

Wenn Sie nach den politischen Rahmenbedingungen für ein glaubwürdiges deutsch-griechisches Jugendwerk fragen: Das geplante deutsch-griechische Jugendwerk müsste zunächst mal von beiden Seiten politisch gewollt sein. Dann muss es professionell ausgestattet, ideell unterstützt und finanziell so ausgestattet werden, dass es wirklich substantiell gute Arbeit leisten kann und nicht nur eine Alibifunktion hat. Außerdem muss es vom bürokratischen und organisatorischen Aufwand her die Verwirklichung von Jugendaustausch ermöglichen und nicht verhindern. Damit wird es glaubwürdig. Es muss ein gemeinsames Aufarbeiten der Geschichte ermöglichen, es soll Begegnungen und Einblicke in die andere Kultur fördern, Verbindendes schaffen und Trennendes überwinden helfen und Wege aus der Isolation hin zur Begegnung, zum Austausch und zur Versöhnung möglich machen.

Warum der schon seit Jahren diskutierte Vertrag dafür immer noch nicht unterzeichnet wird, erschließt sich mir nicht. Aber es wird wohl Gründe dafür geben…

Das Interesse der deutschen und griechischen Zivilgesellschaft am Zustandekommen eines Jugendwerks ist überraschend groß. Wie erklären Sie sich das und wie steht das in Verbindung mit der unaufgearbeiteten deutsch-griechischen Geschichte?

Brigitte Spuller: Aus meiner Sicht ist die unaufgearbeitete deutsch-griechische Geschichte langsam, Schritt für Schritt dabei, aufgearbeitet zu werden, auch wenn dieser Prozess noch ziemlich am Anfang steht und noch vieles getan werden kann und muss. Hier nur einige Beispiele:

Bereits im Oktober 1984, im Jahr des Höhepunkts der jahrelangen Proteste gegen die „Traditionstreffen“ der ehemaligen SS-Einheit in Marktheidenfeld lief in der WDR-Sendung Monitor ein bewegender Beitrag von Eberhard Rondholz über das Massaker von Distomo und die jährlichen Zusammenkünfte in dem unterfränkischen Ort, exzellent moderiert von Klaus Bednarz.

In den Jahren der von mir mitverantworteten Jugendbegegnungsarbeit 1989 bis 2005 gelang es uns, durch persönliche Begegnungen, durch Pressearbeit, durch Veranstaltungen und Berichte, zumindest die interessierte Stadtgesellschaft in Nürnberg über Distomo als Beispiel für die NS-Verbrechen in Griechenland aufzuklären. Ebenso wirkte die Arbeit in die Evangelischen Jugend Bayern und in die Arbeitsgemeinschaft für Evangelische Jugendarbeit (AEJ) auf Bundesebene hinein. Die öffentliche Diskussion um die Entschädigungsforderungen und die damit verbundenen Klagen der Opfer (die Sammelklage der Opfer von Distomo über Rechtsanwalt Stamoulis in Griechenland und die Klage der Geschwister Sfountouris vor deutschen, später europäischen Gerichten) fanden ein breites Echo in den Medien. Zu den jährlichen Gedenkveranstaltungen in Distomo kommen von Jahr zu Jahr zunehmend mehr politisch interessierte und motivierte Deutsche.

Auch von Vertretern der deutschen Politik wurden die Opfer verschiedener Orte bereits in den vergangenen Jahren öffentlich gewürdigt. Das nicht unerhebliche Echo in den Medien hat sicher auch dazu beigetragen, auf die deutschen NS-Verbrechen und deren Opfer in der deutschen Öffentlichkeit aufmerksam zu machen. Ein erster Schritt war die Rede des damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau vor den Opfern von Kalavryta im Juni 2000. Es folgte die Entschuldigung von Botschafter Dr. Albert Spiegel im Jahr 2004 vor den Bewohner/-innen von Distomo. Im März 2014 legte Bundespräsident Joachim Gauck am Mahnmal der Opfer von Lyngiades (bei Ioannina) einen Kranz nieder und entschuldigte sich im Namen Deutschlands bei den Hinterbliebenen. Derzeit gibt es nach meinen Informationen auch ein aktuelles historisches Forschungsprojekt des renommierten Historikers Dr. Hagen Fleischer in Kooperation mit der FU Berlin zur Aufarbeitung der neueren deutsch-griechischen Geschichte. Schließlich trug auch die Tagung in Lechovo (in Nordgriechenland bei Florina) im Mai 2016 mit Vorträgen (durch Referenten wie Prof. Dr. Norman Paech), durch Informationsaustausch und Diskussion weiter zur Information über die deutschen NS-Verbrechen in Griechenland bei.

Ich könnte mir vorstellen, dass das langsam, aber stetig zunehmende Wissen über die NS-Verbrechen in Griechenland auch dazu beitragen könnte, das Interesse an einem deutsch-griechischen Jugendaustausch wachsen zu lassen. Es wäre dann nur noch zu hoffen, dass das Jugendwerk bald an den Start gehen kann.

Das von IJAB geleitete Fachprogramm für Fachkräfte aus den Opferorten im Dezember 2014 in Berlin und weitere Fachtagungen des IJAB haben sicher dazu beigetragen, das Interesse am Jugendaustausch mit Griechenland innerhalb einer Fachöffentlichkeit in Deutschland zu wecken und zu fördern. Trotzdem könnten aus meiner Sicht das Interesse und die Unterstützung für das Jugendwerk in der Öffentlichkeit beider Länder durchaus noch größer sein.

Wir hatten früher jahrelang zu kämpfen, um die notwendigen Finanzierungen für unsere Begegnungsarbeit zusammenzutragen. Jede neue Begegnung war immer auch ein finanzielles Wagnis. Ein Jugendwerk könnte künftige Begegnungsmaßnahmen auf eine sichere und zukunftsorientierte Grundlage stellen und damit nachhaltig Begegnungsarbeit zwischen Deutschen und Griechen ermöglichen.

Ich meine, je besser es gelingen wird, das Thema „Deutsch-Griechisches Jugendwerk“ aus dem politischen Konflikt um die Entschädigungsforderungen herauszuhalten, desto leichter und schneller wird es möglich sein, dieses Jugendwerk auf den Weg zu bringen und damit Voraussetzungen für Begegnungsmöglichkeiten auf vielfältigen Ebenen zu schaffen. Ich persönlich wünsche jedenfalls dem künftigen Deutsch-Griechischen Jugendwerk viel Erfolg und das Ermöglichen von Begegnung, von Austausch, von Freundschaft und Versöhnung.

Das Bildmaterial für diesen Artikel wurde freundlicherweise von Brigitte Spuller zur Verfügung gestellt.



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