Natali Petala-Weber

Beruflich orientierter Jugendaustausch in der Deutsch-Hellenischen Wirtschaftsvereinigung

Bereits im ersten Deutsch-Griechischen Jugendforum im November 2014 entstand das Modellprojekt Beruf.Kennen.Lernen, das die Deutsch-Hellenische Wirtschaftsvereinigung (DHW) in Kooperation mit der Stadt Köln und der Organisation ALONI aus Kefalonia in den Jahren 2015 und 2016 umsetzte. Welchen Beitrag beruflich orientierte Jugendaustausche sowie die Deutsch-Hellenische Wirtschaftsvereinigung im Leben der Jugendlichen und jungen Erwachsenen in beiden Ländern leisten können, stellt Phedon Codjambopoulo, Vorsitzender der DHW, in einem Interview mit IJAB dar.

Innenansicht einer Fischfabrik
Jugendliche des deutsch-griechischen Jugendaustausches Köln/Kefalonia „Beruf.Kennen.Lernen“ besuchen die Kefalonian Fischerei Livadi BildImage: Tim Kullack


Phedon Codjambopoulo, Bild: privat

Phedon Codjambopoulo ist Präsident der Deutsch-Hellenischen Wirtschaftsvereinigung (DHW) und niedergelassener Arzt für Radiologie in Köln. Die DHW ist eine bundesweite Interessenvertretung von griechischen und griechischstämmigen Unternehmer(inne)n, Selbständigen, Freiberufler(inne)n und Manager(inne)n in Deutschland. Sie setzt sich u.a. für die Förderung der deutsch-griechischen Wirtschafts- und Handelsbeziehungen und des unternehmerischen Nachwuchses in Deutschland ein.

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Natali Petala-Weber: Herr Codjambopoulo, die Deutsch-Hellenische Wirtschaftsvereinigung engagiert sich bereits seit 2014 im Deutsch-Griechischen Jugendaustausch und ist eine der ersten Organisationen, die über das Sonderprogramm zur Förderung des Deutsch-Griechischen Jugend- und Fachkräfteaustausches des BMFSFJ einen Jugendaustausch mit Griechenland organisiert haben: das Modellprojekt Beruf.Kennen.Lernen. Worum ging es in diesem Projekt?

Phedon Codjambopoulo: Im November 2014 fand in Bad Honnef ein dreitägiges Deutsch-Griechisches Jugendforum statt, organisiert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und IJAB, der Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der BRD. Dort tauschten sich Vertreterinnen und Vertreter aus deutschen und griechischen Organisationen, auch aus dem Bereich Bildung, über zukünftige deutsch-griechische Jugendaustauschprojekte aus und entwickelten im Arbeitskreis „Berufliche Bildung“ das Themenfeld „Beruf.Kennen.Lernen“. Bei der Entwicklung der Projektkonzeption waren neben der Deutsch-Hellenischen Wirtschaftsvereinigung e.V., die Diakonie Ratingen, die Industrie- und Handelskammer Bonn/Rhein-Sieg, der Internationale Bund – Verbund Baden Württemberg, die Kammer von Argolida, die Region Peloponnes, der Verein für internationale Jugendarbeit (VIG) Stuttgart, die Vereinigung Deutsch-Griechischer Gesellschaften (VDGG) und die Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA) beteiligt. Diese Organisationen hatten als Ziel, mehrtätige Jugendaustausche in Deutschland und Griechenland durchzuführen. Im Rahmen dieses Austauschprogramms sollten Jugendliche und Fachkräfte, wie z.B. Auszubildende, Ausbilder/-innen und Lehrer/-innen die Möglichkeit erhalten, sich zu Berufsfeldern und in der beruflichen Bildung u.a. in den jeweiligen Unternehmen und Berufsschulen ihrer Länder auszutauschen und länderübergreifende Freundschaften zu entwickeln. Die Teilnehmer/-innen sollten auf diese Weise Kenntnisse über die Berufsstrukturen des anderen Landes erfahren, ihre interkulturelle Sensibilität erhöhen, persönliche und soziale Kompetenzen vertiefen und damit die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen zwischen Griechenland und Deutschland stärken.

Im Oktober 2015 und im März 2016 realisierte die DHW mit Unterstützung des Amtes für Kinder, Jugend und Familie der Stadt Köln das Modellprojekt Deutsch-Griechische Jugendbegegnung Köln/Kefalonia „Beruf.Kennen.Lernen“. Der griechische Projektpartner war der Lernort „Aloniwerk“ auf der Insel Kefalonia. Die Finanzierung wurde im Rahmen des Sonderprogramms zur Förderung des deutsch-griechischen Jugend- und Fachkräfteaustausches des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend umgesetzt. Zur Zielgruppe dieser deutsch-griechischen Jugendbegegnung zählten junge Auszubildende und Studierende aus den Branchen Gastronomie, Garten, Land- und Forstwirtschaft. Die Jugendlichen besuchten in Kefalonia Betriebe u.a. ein Bio-Weingut, eine Molkerei, eine Imkerei und eine Fischerei sowie das Ausbildungsinstitut IEK/Bereich Gastronomie und Tourismus und die Fachhochschule/TEI für Lebensmitteltechnologie. In Köln wurden das Berufsinformationszentrum (BIZ) der Agentur für Arbeit, das Berufsförderungswerk der Bauindustrie, das Bildungszentrum der Handwerkskammer zu Köln, die RheinEnergie AG, das Haus der Geschichte und die Kölner Freiwilligenagentur besucht.  

Natali Petala-Weber: Warum haben Sie sich für ein Projekt mit beruflicher Orientierung entschieden?

Phedon Codjambopoulo: Die DHW führt seit 2006 Projekte im Bereich der beruflichen Bildung durch, insbesondere beim Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des Programms JOBSTARTER – Für die Zukunft ausbilden! Aufgrund dieser Expertise ist die DHW prädestiniert für Jugendaustauschprogramme im Bereich der beruflichen Bildung. Die Unterschiede in den Bildungssystemen beider Länder sind deshalb ein wichtiger Grund, mittels bilateraler Projekte z.B. die Deutsch-Griechische Kammerkooperation zu fördern und zu unterstützen. Die DHW hat sehr früh den Mehrwert in der Durchführung beruflich orientierter Jugendaustauschprogramme erkannt und nutzte deshalb die Chance, das erste Pilotprojekt „Beruf.Kennen.Lernen“ umzusetzen und dieses durch die Unterstützung von Transfermaßnahmen in die Nachhaltigkeit zu überführen.

Durch die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Griechenland und besonders in der Inselregion Kefalonia haben Jugendliche geringe berufliche Zukunftsperspektiven. Dagegen haben Jugendliche mit abgeschlossener Berufsausbildung in Deutschland aufgrund der stabilen wirtschaftlichen Situation in bestimmten Branchen bessere Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt als Akademiker/-innen. Die Teilnehmer/-innen des Jugendaustausches erhielten auf beiden Seiten einen realistischen Einblick in die Chancen des Arbeitsmarktes und die damit zusammenhängenden Zukunftsperspektiven im jeweiligen Partnerland. Die Erfahrungen dieses Jugendaustauschprojektes haben die Städte Köln und Kefalonia näher gebracht. Im persönlichen Dialog haben Jugendliche, Unternehmer/-innen und Fachkräfte sich über die vorherrschenden negativen Pressemeldungen in beiden Ländern hinweggesetzt, sehr schnell Gemeinsamkeiten erkannt und tolle Freundschaften entwickelt.

Natali Petala-Weber: Wie kann und wird sich die Deutsch-Hellenische Wirtschaftsvereinigung in Zukunft im Deutsch-Griechischen Jugendaustausch engagieren? Welchen Beitrag kann sie für diesen Bereich leisten?

Phedon Codjambopoulo: Für die Unterstützung anderer zukünftiger Projekte ist ein Flyer „Beruf.Kennen.Lernen“ erstellt worden. Die DHW wirbt bei ihren Mitgliedern, in ihren Wirtschaftstagungen und in den Medien presse- und öffentlichkeitswirksam um die Unterstützung von deutsch-griechischen Jugendaustauschprojekten. Sie nimmt an verschiedenen Fachtagungen zur Förderung deutsch-griechischer Jugendaustauschprojekte im Bereich der beruflichen Orientierung teil und nutzt ihre Kontakte zu Politik, Wirtschaft und Diplomatie, um über diese Themen zu informieren. Durch die Austauschprogramme und die damit verbundenen Begegnungen können bilaterale Netzwerke entwickelt und Wirtschaftsbeziehungen langfristig gestärkt werden.

Die DHW engagiert sich für die nachhaltige Stärkung der deutsch-griechischen Austauschprogramme und positioniert sich für die Gründung eines Deutsch-Griechischen Jugendwerks. Um dieses Vorhaben zu realisieren, setzt sich die DHW als Mitglied im Deutsch-Griechischen Gremium zur Umsetzung und Weiterentwicklung der Jugendzusammenarbeit aktiv ein.

Natali Petala-Weber: Als Mitglied im Deutsch-Griechischen Gremium zur Umsetzung und Weiterentwicklung der Jugendzusammenarbeit hat die DHW die Möglichkeit sich aktiv für bestimmte Themenfelder und Bedarfe zu positionieren? Was ist Ihrer Meinung besonders wichtig für die nächsten Schritte dieses Bereichs?

Phedon Codjambopoulo: Besonders wichtig für die nächsten Schritte ist, bei der Bekanntmachung des deutsch-griechischen Austauschprogramms in Deutschland und in Griechenland nicht nachzulassen, sondern konzertiert weiter zu gestalten. Dazu gehören eine gezielte und länderübergreifende Öffentlichkeitsarbeit sowie eine effektive Vernetzung von Kooperationspartnern (Kommunen, Unternehmen, Schulen, Berufsschulen, Hochschulen, Jugend- und Bildungseinrichtungen). Die Weiterentwicklung der deutsch-griechischen Zusammenarbeit bringt für alle Seiten nur Vorteile. Die Jugendlichen haben die Möglichkeit, die EU-Mobilität und deren Vorteile frühzeitig zu erkennen und für sich positive Perspektiven zu entdecken und zu entwickeln. Dies stärkt das Bewusstsein der Europäischen Zusammenarbeit und bringt viele positive Aspekte in beiden Ländern mit.

Im Rahmen des Fachtags Berufliche Orientierung im Deutsch-Griechischen Jugendaustausch im März 2018 im BMFSFJ in Bonn wurde auch das Projekt der Freiwilligen Beruflichen Praktika beim Tandem – Koordinierungszentrum deutsch-tschechischer Jugendaustausch vorgestellt. Könnte ein solches Projekt auch im Austausch mit Griechenland gelingen? Und wie könnte die DHW hier unterstützend wirken?

Phedon Codjambopoulo: Das Programm „Freiwillige Berufliche Praktika“ wird durch das EU-Programm Erasmus+ und den Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds finanziert. Die DHW hat keine Erfahrungen über dieses spezielle Programm und auch keinerlei Erfahrung von Erasmus+ finanzierten Projekten. Generell sind aber nach Auffassung der DHW freiwillige berufliche Praktika im Bereich von Jugendaustauschprogrammen zu empfehlen und zu unterstützen, da sie die Mobilität innerhalb Europas fördern. Länderübergreifende Mobilität gewinnt zunehmend an Bedeutung. Globalisierung, demographischer Wandel und technologische Entwicklungen sind nur einige Beispiele, die die Notwendigkeit europäischer und internationaler Zusammenarbeit verdeutlichen. Die berufliche Bildung hat die Aufgabe, sich den aktuellen und künftigen Herausforderungen hinsichtlich gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Veränderungen zu stellen.

Natali Petala-Weber: Vielen Dank für das Interview!



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