Christian Herrmann

Berufliche Orientierung im Deutsch-Griechischen Jugendaustausch: Immer wieder für Überraschendes gut

Aktiven Personen im Jugendaustausch mit Griechenland Wissen mit auf den Weg zu geben und sie miteinander zu vernetzen ist ein Ziel der Griechenland-Fachtage des Bundesjugendministeriums, das dabei von IJAB unterstützt wird. Thematischer Mittelpunkt waren am 22. März in Bonn die berufliche Orientierung und Bildung. Angesichts der hohen Jugendarbeitslosigkeit in Griechenland ein wichtiger Schwerpunkt der griechischen Partner mit Blick auf ein zukünftiges Deutsch-Griechisches Jugendwerk.

Thomas Thomer, Unterabteilungsleiter im Bundesjugendministerium, bei seiner Begrüßungsrede zum Fachtag BildImage: IJAB | Ch. Herrmann   Lizenz: INT 4.0 – Namensnennung CC BY 4.0

„Wir streben das Deutsch-Griechische Jugendwerk als regierungsunabhängige zwischenstaatliche Organisation weiterhin gemeinsam an“, sagte Thomas Thomer, Unterabteilungsleiter im Bundesjugendministerium, zu Beginn seiner Begrüßung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Fachtags „Berufliche Orientierung im Deutsch-Griechischen Jugendaustausch“. Für die Aktiven im Deutsch-Griechischen Jugendaustausch sind das gute Nachrichten ebenso wie Thomers Feststellung, dass das Sonderprogramm des Bundesjugendministeriums für den Austausch mit Griechenland auch in diesem Jahr für gemeinsame Projekte zur Verfügung steht. Als Meilensteine in den Gesprächen der für Jugend zuständigen Ministerien beider Länder bezeichnete Thomer die im Sommer 2017 unterzeichnete Ressortvereinbarung, die eine Roadmap zur Gründung des Jugendwerks festlegt, sowie die Gespräche über die vertragliche Ausgestaltung des Jugendwerks, die weitgehend abgeschlossen sind. Soweit zum Rahmen des Jugendaustauschs – im Mittelpunkt des Fachtags standen jedoch die Inhalte: Auslandserfahrungen zur beruflichen Orientierung, Freiwilligendienste, Freiwillige Berufliche Praktika sowie Projekte, die die berufliche Praxis im anderen Land näher führen.

Duale Ausbildung in Griechenland nicht unbekannt

Malte Stamer von der Dekra-Akademie, der sich im Rahmen des Projekts Mendi (Mentoring Dual International) ausgiebig mit der Berufsausbildung in Griechenland beschäftigt hat, hatte dazu zunächst Verblüffendes zu vermelden: Im europäischen Vergleich halten nur wenige junge Menschen in Griechenland eine Berufsausbildung für eine gute Option. 60 bis 70 % favorisieren eine Hochschulausbildung – sie gilt als zukunftssicherer. Eltern lassen es sich daher oft viel Geld kosten, ihre Kinder bis zur Hochschulreife zu bringen. Der These, dass das in Deutschland übliche duale System aus betrieblicher Praxis und schulischer Bildung in Griechenland unbekannt sei, widersprach Stamer. Unter den unterschiedlichen berufsbildenden Schultypen gäbe es durchaus solche, die Schule und Betrieb miteinander verbinden. Allerdings durchlaufen nur etwa 10.000 junge Menschen jährlich eine solche Schule; der größte Teil erfährt Qualifizierung in staatlichen Ausbildungsschulen. Mendi, ein vom BMBF gefördertes Projekt, hat erfolgreich 180 Auszubildende in Gastronomie und Tourismuswirtschaft begleitet, 10 % von ihnen konnten mit Mitteln von Erasmus+ auch eine Auslandserfahrung machen.

Fördermittel sind vorhanden

Wie kommt man an die nötigen Informationen, wenn man sich im Zuge einer Ausbildung für einen Auslandsaufenthalt interessiert, beispielsweise für ein Betriebspraktikum? Stefan Metzdorf von IBS - Informations- und Beratungsstelle für Auslandsaufenthalte in der beruflichen Bildung in der Nationalen Agentur Bildung für Europa beim Bundesinstitut für Berufsbildung (IBS) stellte die Informationsangebote des IBS (https://www.go-ibs.de/) vor. Metzdorf widersprach der Vorstellung, solche Aufenthalte seien teuer. Fördermittel seien im Rahmen von Erasmus+ ausreichend vorhanden, allerdings seien die damit verbundenen Möglichkeiten nicht ausreichend bekannt. 5,3 % aller jungen Menschen machen gegenwärtig im Verlauf ihrer Ausbildung eine Auslandserfahrung, das sind etwa 31.000. 180 von ihnen haben sich im vergangenen Jahr für ein Praktikum in Griechenland entschieden. Da geht noch mehr.

Workshops machten Vielfalt deutlich

Workshops sind bei den Griechenland-Fachtagen der Moment, in dem Teilnehmerinnen und Teilnehmer miteinander ins Gespräch kommen. Das war auch diesmal der Fall: Gesprächsanlässe schufen Julia Schwamm von JUGEND für Europa mit Informationen zu Fachkräfteaustauschen, Praktika und beruflicher Orientierung, die im Rahmen des Programms JUGEND in Aktion und des neuen Europäischen Solidaritätskorps vorgesehen sind, und Thomas Rudner mit Einblicken in freiwillige berufliche Praktika nach dem Modell von TANDEM. Christina Alexoglou-Patelkos von der Deutsch-Hellenischen Wirtschaftsvereinigung, Fenna Godhoff von Arbeit und Leben DGB/VHS NRW und Dr. Jutta Lauth Bacas vom Städtepartnerschaftsverein FILIA berichteten von ihren Erfahrungen mit den über das Sonderprogramm geförderten Jugendaustausche „Beruf.Kennen.Lernen“ und „Krise? Chance! Radio“. Klaus Nörtershäuser vom Landschaftsverband Rheinland präsentierte „Jugend gestaltet Zukunft“, ein Projekt, das die Vorbereitung zur Berufsausbildung mit Erinnerungsarbeit verbindet. Dabei wurde deutlich: Internationale Erfahrungen machen junge Menschen stark. Die Projekte weisen aber über diesen individuellen Aspekt hinaus. Sie ermöglichen jungen Menschen mit den Folgen der Krise fertigzuwerden und tragen zur Qualitätsentwicklung in der Ausbildung bei.

Bilaterale Projekte haben europäische Dimension

Mit dem letztgenannten Aspekt haben sich junge Gewerkschaftler/-innen beschäftigt. Wie kann berufliche Bildung in Europa verbessert werden? Der Deutsche Gewerkschaftsbund hat mit Partnerverbänden in Griechenland, Italien, Lettland, Portugal und der Slowakei im Projekt Unions4VET (https://www.unions4vet.de/) an dieser Frage gearbeitet und dabei ein besonderes Augenmerk auf Arbeitnehmer- und Auszubildendenrechte gerichtet. Angesichts des hohen Anteils von Familien- und Kleinbetrieben in Griechenland und Südeuropa erwies sich das Projekt als spannende Erfahrung für Antonia Rabente und Martin Roggenkamp von „bfw – Unternehmen für Bildung“, die das Projekt vorstellten. „Wir können und wollen das deutsche Modell duale Ausbildung nicht einfach auf Griechenland übertragen, denn wir finden dort andere Bedingungen und Strukturen vor“, stellte Roggenkamp fest. Herausgekommen sind Vorschläge zur Qualitätsverbesserung der Ausbildung, die auch in europäische Prozesse eingebracht werden konnten.

„Jetzt beschäftige ich mich schon vier Jahre intensiv mit Griechenland, aber einiges, was ich heute gehört habe, war auch mir noch neu“, stellte Dorothee Jäckering vom Bundesjugendministerium, die gemeinsam mit Natali Petala-Weber von IJAB durch den Tag moderiert hatte, bei der Verabschiedung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer fest. Damit stand sie nicht allein.

Lizenz: INT 4.0 – Namensnennung – nicht kommerziell – keine Bearbeitung CC BY-NC-ND 4.0


Fachtag Griechenland 2018 in Bonn

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