Christian Herrmann

„Das Erste, was unter der Wirtschaftskrise leidet, ist die Zivilgesellschaft“

Panos Poulos hat in Deutschland als Jugendsozialarbeiter gearbeitet und arbeiten heute in Griechenland für Filoxenia, einen Verein, der Jugendinformation und Projektarbeit im interkulturellen und Umweltbereich leistet. Wir haben mit ihm über die strukturellen Bedingungen für Jugendarbeit in Griechenland gesprochen.

Panos Poulos
Panos Poulos BildImage: Pressenetzwerk für Jugendthemen e. V.

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Herr Poulos, Sie kennen die Jugendarbeit in beiden Ländern. Was ist in Griechenland anders, als in Deutschland?

Panos Poulos: Zuerst einmal, es sollte etwas klargestellt werden: In Griechenland gibt es außerschulische Jugendarbeit in der Form, wie sie in Deutschland existiert, gar nicht. Es handelt sich in Griechenland um vorwiegend ehrenamtliche Vereinsarbeit, sie ist nicht institutionell vom griechischen Staat gefördert, die einzige Förderung kommt zu fast 90% über die EU-Jugendprogramme.

Insofern gibt es kaum Infrastruktur für Jugendarbeit in Griechenland, wie man es in Deutschland kennt, zum Beispiel Jugendzentren, Jugendkulturhäuser, Jugendberatungsstellen. Es gibt keine festgesetzten staatlichen bzw. kommunalen Mittel, wo man eine elementare Planung einrichten kann. Und es gibt keine Jugendgremien – Jugendringe auf Stadt-, Bezirks-, Regionalebene – wo Jugendliche sich austauschen und gemeinsam planen können.
Kurz gefasst, es gibt keinerlei Interaktion für Jugendarbeit zwischen Staat und Zivilgesellschaft in Griechenland. Es gibt nur vereinzelte Träger, die zum Teil hervorragende Jugendarbeit leisten, die allerdings nicht in einem Gesamtkontext einfließen, um Jugendarbeit in Griechenland salonfähig zu machen.

Die kulturelle Jugendarbeit in Griechenland ist sehr begrenzt und wird teilweise von freien und kommunalen Trägern angeboten. Sie basiert auf vorwiegend ehrenamtliche Vereinsarbeit und wird hauptsächlich über kommunale Trägern und Spenden gefördert.

Spiegeln sich die Unterschiede in beiden Ländern auch in der pädagogischen Ausbildung wieder?

Panos Poulos: Da kaum Jugendstrukturen in Griechenland existieren, kann es keine pädagogische Ausbildung geben. Sie hat kaum Sinn, wenn man das Erlernte nirgendwo vernünftig ausüben kann.
Insofern gibt es auch kein relevantes Studium für Jugendarbeit in Griechenland. Das gleiche gilt auch für die Berufe, die mit Jugendarbeit zu tun haben, wie zum Beispiel Jugendsozialarbeit, Jugendkulturarbeit, außerschulische Jugendbildung. Das hat Folgen bei der Suche nach Multiplikatoren der Jugendarbeit in Griechenland – Jugendarbeiter, -berater – und bei der Entwicklung und Ausübung jeglicher Jugendpolitik im Lande. EU-Projekte sind zwar wichtig, aber sie können kaum Wurzeln schlagen, wenn kein fortführender Globalplan für Jugendarbeit existiert.  

Nach Jahren der anhaltenden Schuldenkrise haben viele Griechen scharfe Einschnitte bei Einkommen, Sozialleistungen und Gesundheitsversorgung hinnehmen müssen. Hat das Auswirkungen auf die griechische Zivilgesellschaft?

Panos Poulos: Das Erste, was unter der Wirtschaftskrise leidet, ist die Zivilgesellschaft und ihre Strukturen. Jugendarbeit wird leider in Griechenland als überflüssiger Luxus angesehen, wenn die Menschen um das Nötigste kämpfen müssen.
Der Staat, der es versäumt hat, zivilgesellschaftliche Strukturen institutionell zu unterstützen, zeigt kaum Interesse, sie inmitten der Krise aufzubauen. Genau das Gegenteilige ist leider in Griechenland passiert. Viele aktive Organisationen, die Kritik sowie Forderungen in die Welt gesetzt haben, wurden während der letzten Krisenjahre vom griechischen Staat bekämpft, in Frage gestellt und fiskalisch gejagt. Das ist aber genau der falsche Weg, um die Gesellschaft vom Abgrund zu schützen und die jungen Leute in einer prekären Lage zu unterstützen.

Hat sich das Verhältnis staatlicher Institutionen zur Zivilgesellschaft mit der neuen, von der Linkspartei SYRIZA geführten Regierung, verändert?

Panos Poulos: Leider noch nicht. Wir sehen weiterhin die gleichen Menschen in Entscheidungspositionen des Staatsapparates sitzen, fast unberührt von der neuen politischen Führung, die bisher einfach bloß zuschaut. Interessensbekundungen der neuen Regierung für einen Richtungswechsel sind zwar publik gemacht worden, praktisch ist aber bisher nichts passiert.

Die ersten Veranstaltungen, die im Kontext des Aufbaus eines deutsch-griechischen Jugendwerks stattfanden, belegten ein großes Interesse griechischer Organisationen und zugleich eine große thematische Vielfalt. Es werden auch Organisationen angezogen, die noch keine Erfahrung mit Internationaler Jugendarbeit haben – lokale Kulturvereine, Strukturen von „Märtyrergemeinden“ oder Initiativen für alternativen Tourismus. Was ihnen fehlt, ist die Erfahrung, wie man einen Jugendaustausch organisiert, wie man Mittel beantragt oder auch, wie man pädagogisch eingreift, wenn mal gerade nicht alles rund läuft. Welche Unterstützung ist hier nötig?

Panos Poulos: Das ist korrekt. Es gibt kaum Koordinierungsstrukturen auf staatlicher, regionaler oder kommunaler Ebene. Es muss alles vom Fundament her aufgebaut werden. Es gibt Beispiele von freien Trägern in Griechenland, die große Erfahrung auf EU-Ebene vorweisen können. Sie haben zeitweise in der Vergangenheit miteinander gut kooperiert. Es gibt immer noch ein paar regionale Jugendringe, wie zum Beispiel den Bezirksjugendring Korinth, der hervorragende Lobbyarbeit geleistet hat. All diese müssten sich nochmal zusammensetzen und gemeinsam überlegen, wie es jetzt am besten weitergehen kann.

Das kann allerdings nur auf freiwilliger Basis der Träger passieren, die von überstaatlichen Institutionen und unabhängigen deutsch-griechischen Netzwerken unterstützt werden, da der griechische Staat gar nicht in der Lage ist, solch ein Vorhaben zu unterstützen. Er stand sogar oft solchen Initiativen in Griechenland feindlich gegenüber: Wer seid ihr, wen habt ihr gefragt, seid ihr dazu legitimiert?

Ein deutsch-griechisches Jugendwerk könnte wohl eine wichtige Rolle in diesen Zusammenhang spielen. Eine fachliche Koordinierung der Jugendarbeit fehlt in Griechenland, um gute Träger und Jugendinitiativen zukunftsweisend zu unterstützen. Ohne eine solche Struktur wird es in Griechenland nicht möglich sein, eine seriöse Jugendarbeit aufzubauen.

Das Wort “Jugendaustausch” ist leider immer noch, trotz 35-jähriger EU-Zugehörigkeit Griechenlands, ein importiertes und nicht richtig gepflanztes Fremdwort. Der griechische Staat hatte es versäumt, dieses absolut wichtige Instrument richtig zu nützen und aufzubauen. Es wurden all die Jahre kaum Strukturen, kaum Netzwerke und gar kein Studium in Griechenland geschaffen, um die Jugendarbeit voranzutreiben.



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