Christian Herrmann

Deutsch-griechischer Jugendaustausch: Politische Bildung spielt eine wichtige Rolle

Wieviel wissen Jugendliche in Deutschland und Griechenland über die eigene Geschichte und die des jeweils anderen Landes? Wachsen in Deutschland und Griechenland junge Menschen auf, die sich nicht mehr verstehen? Der Fachtag „Politische Bildung im deutsch-griechischen Jugendaustausch“ des BMFSFJ beleuchtete die Chancen für das miteinander Reden und voneinander Lernen.

Gruppenbild der Teilnehmer/-innen des Fachtags politische Bildung
BildImage: Christian Herrmann   Lizenz: INT 4.0 – Namensnennung CC BY 4.0

Was wissen Jugendliche über die deutsche Besatzung in Griechenland und den Bürgerkrieg aber auch den Widerstand gegen Hitler in Deutschland oder die Unterstützung für verfolgte Griechen während der Militärdiktatur? Wie denken sie über aktuelle politische Entwicklungen wie den Flüchtlingsstrom nach Europa, die Folgen der der Schuldenkrise in Griechenland und die europäische Finanzpolitik? Was kann politische Bildung leisten, um Wissen zu vermitteln und junge Menschen einander näher zu bringen?

Schritte zum Aufbau eines Deutsch-Griechischen Jugendwerks

„Deutsche und griechische Jugendliche sollen miteinander leben und arbeiten können, aber auch feiern“, das sagt Albert Klein-Reinhardt, Referent für europäische und internationale Jugendpolitik im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) bei seiner Anmoderation des Fachtags über den deutsch-griechischen Jugendaustausch. Nicht zuletzt der im Koalitionsvertrag der Regierungsparteien vereinbarte Aufbau eines  Deutsch-Griechischen Jugendwerks hat für frischen Wind im Jugendaustausch zwischen beiden Ländern gesorgt. Die etwa 40 Aktiven aus bundeszentralen Trägern der Jugendarbeit, Fach- und Förderstellen, den Deutsch-Griechischen Gesellschaften, Behörden, kulturellen Trägern, Kommunen und aus der Gedenkstättenarbeit, die am 16. November in Bonn zusammengekommen sind, eint der Wunsch, den Jugendaustausch mit Griechenland zu stärken. Sie wollen auch wissen, wie es mit dem Jugendwerk vorangeht.

Wie ist der Sachstand? Nach der gemeinsamen Absichtserklärung, die im September 2014 von Bundesjugendministerin Schwesig und dem damaligen griechischen Botschafter Zografos im Beisein von Bundespräsident Gauck und dem griechischen Präsidenten Papoulias unterzeichnet wurde, redet man miteinander über die konkrete Ausgestaltung des Jugendwerks, zuletzt  im Oktober „sehr konstruktiv“ – wie Klein-Reinhardt betont in Athen, wo man sich auf weitere Vereinbarungen zwischen beiden Jugendministerien verständigte und  auf ein 2. Deutsch-Griechisches Jugendforum, das vom 5. bis 8. März 2017 in Thessaloniki stattfinden wird.

Politische Bildung funktioniert in Griechenland anders, als in Deutschland

„Politische Bildung ist in Griechenland in der Verfassung verankert und Aufgabe des Staates“, erklärt Babis Karpouchtsis vom Berliner Büro für Analyse und Politikberatung polisis.eu. Dies ist einer der Gründe, warum das Spektrum freier Bildungsträger – verglichen mit Deutschland und seiner vielgestaltigen Bildungslandschaft – gering ist. Politische Bildung ist ein Schulfach, das mit einer Wochenstunde unterrichtet wird. Zuständig ist das Institut für Bildungspolitik, das dem griechischen Bildungsministerium untersteht. Für außerschulische Austauschprojekte bietet diese Konstellation nicht viele Anknüpfungspunkte. „Aber die Dinge ändern sich“, weiß Babis Karpouchtsis. Als Beispiel führt er den „Park der nationalen Versöhnung an“, der im Grammos-Gebirge an der Grenze zu Albanien entstanden ist. Hier fanden die letzten Schlachten des Bürgerkriegs statt, heute befindet sich dort ein modernes Gästehaus mit Museum, das bestens für Bildungsprojekte geeignet ist. Gästehaus und Museum wurden auf Initiative der Stiftung des griechischen Parlaments eingerichtet. Wichtige Impulse sieht Karpouchtsis aber vor allem auf Seiten der griechischen Zivilgesellschaft. Griechenland sei ein Land, in dem die Bevölkerung eine Erwartungshaltung in Bezug auf staatliche Leistungen habe. „In der Krise ändert sich das“, meint Karpouchtsis. „Die Lernerfahrung lautet: der Staat erledigt das nicht, ich nehme das selbst in die Hand.“

Deutsch-griechischer Jugendaustausch in der Praxis

Was das in der Praxis bedeutet, davon berichtet Katharina Wuropulos, Projektmanagerin bei Youth for Peace. Gemeinsam mit einer Schule und einer Kirchengemeinde hat sie Jugendaustausche mit dem Bergdorf Lechovo durchgeführt, einem der Orte, in dem Deutsche während der Besatzung Kriegsverbrechen begingen. Selbst das heikle Thema der Reparationen, die von griechischer Seite immer wieder gefordert werden, konnte dabei bearbeitet werden. „Für den Erfolg war die Aufnahme der Jugendlichen in Gastfamilien wesentlich“, sagt Wuropulos. Während des Austauschs entstand ein Video, das deutlich macht, wie politische Bildung an einem Ort deutsch-griechischer Geschichte funktionieren kann.

Aktiv für Frieden und Toleranz from xfastnacht on Vimeo.

Der Fachtag bietet Raum für Gespräch und Vernetzung

Der Fachtag Griechenland ist jedoch keine Frontalveranstaltung, er räumt den Teilnehmenden breiten Raum zu Gespräch und Vernetzung ein. Am Nachmittag haben sie in vier Arbeitsgruppen Gelegenheit dazu. Über unterschiedliche Schwerpunktthemen wird geredet – über die europäische Dimension im deutsch-griechischen Austausch, über Migration und Flucht, Active Citizenship, Gewaltprävention und Erinnerungsarbeit. Auf Mehrwert und Gelingensbedingungen hin sollen die Themen untersucht werden.

Das Bedürfnis, über die eigenen Erfahrungen zu sprechen ist erkennbar groß und spannend, denn vertreten sind beim Fachtag mehrere Generationen – von den gerade über 20jährigen bis zu den über 70jährigen. Es gehört zur Stärke der Griechenland-Fachtage des BMFSFJ, dafür Raum zu geben. So unterschiedlich die thematischen Schwerpunkte sind, so gut lassen sich ihre Ergebnisse Arbeitsgruppen übergreifend zusammenfassen. Georg Pirker vom AdB – gemeinsam mit IJAB Kooperationspartner des Fachtags – gelingt das in wenigen Sätzen. Eine Werteorientierung, die Kinder- und Menschenrechte einschließt ist wichtig. Der europäische Rahmen ist von Bedeutung – sowohl in Bezug auf bereits vorhandene Instrumente, aber auch für das Verständnis der gegenwärtigen Polarisierung. Kontinuität in der Zusammenarbeit der Partner ist eine wichtige Voraussetzung und – so meint Pirker – „es schadet auch nicht, wenn ein bisschen Geld vorhanden ist“. Zum letzten Punkt hat Albert Klein-Reinhardt eine Antwort: „Das Sonderprogramm des BMFSFJ für den Jugendaustausch mit Griechenland wird auch im Jahr 2017 fortgeführt.“

Lizenz: INT 4.0 – Namensnennung CC BY 4.0


Fachtag "Politische Bildung im deutsch-griechischen Jugendaustausch", Bonn, 16. November 2016

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