Christian Herrmann

Deutsch-Griechisches Jugendforum: Die Roadmap für den gemeinsamen Jugendaustausch steht

Vom 6. bis 8. März kamen etwa 80 Vertreter/-innen von Trägern Internationaler Jugendarbeit, NGOs, Fachorganisationen und Jugendministerien aus Griechenland und Deutschland zum 2. Deutsch-Griechischen Jugendforum in Thessaloniki zusammen. Die Initiative für diese Veranstaltung hatten die für Jugend zuständigen Fachministerien beider Länder ergriffen. Das bunte Spektrum der Teilnehmerinnen und Teilnehmer entwickelte Ideen für den Jugend- und Fachkräfteaustausch und tauschte sich über die Zukunft des Deutsch-Griechischen Jugendwerks aus. Eine verbindende Klammer bildeten dabei die Themen Flucht und Migration.

Menschen sitzen in einem Plenarsaal.
BildImage: Christian Herrmann   Lizenz: INT 4.0 – Namensnennung CC BY 4.0

Mit dem 2. Deutsch-Griechischen Jugendforum fand erstmals eine gemeinsame Veranstaltung zum Jugend- und Fachkräfteaustausch in Griechenland statt. Das ist keine Selbstverständlichkeit, denn die durch Finanz- und Flüchtlingskrise geprägte Situation in Griechenland ist weiterhin ernst. Wer sich jenseits des Veranstaltungsprogramms in der Stadt umsah, konnte ganze Ladenzeilen mit leerstehenden Geschäften sehen. Wer den Sozialarbeiterinnen der NGO Arsis zuhörte, bekam einen Eindruck, was es bedeutet, wenn Menschen keinen Zugang zu Gesundheitsversorgung oder nicht mehr genug Geld für Essen haben. Das betrifft nicht nur Flüchtlinge und Migranten im Land sondern auch viele Griechen. Welche Auswirkungen das auf junge Menschen hat, konnte man der Keynote von Dr. Gabriele Schambach von der Sinus Akademie entnehmen: 92 % der jungen Griechinnen und Griechen haben kein Vertrauen in die Politik, 86 % würden am liebsten aus der Europäischen Union austreten – in Deutschland wollen das nur 18 % der Jugendlichen. Auch die Gefahren am rechten Rand wachsen. 32 % der griechischen Jugendlichen meinen, Arbeitsplätze sollten nur Landsleuten vorbehalten sein, in Deutschland glauben das beunruhigende 24 % ihrer Altersgenossen.

Die Familie sei ein Bollwerk gegen die Phänomene der Krise, sagte Prof. George Voskopoulos, der über die Lebenswirklichkeit griechischer Jugendlicher referierte. Es sei aber doppelgesichtiges Bollwerk. Eltern mischten sich in alle Aspekte des Lebens ein, vor allem in Ausbildung und Lebensplanung. Auswanderung könne manchmal als Akt der Selbstbestimmung gedeutet werden. Voskopoulos beobachtet aber auch einen Gegentrend: Durch mehr Mobilität und globalisierte Medien entwickelten Jugendliche vermehrt andere Einstellungen.

Die nächsten Schritte sind bereits geplant

Kann der Jugendaustausch zwischen Deutschland und Griechenland etwas zum Besseren wenden? Die für Jugend zuständigen Fachministerien beider Länder, die das Jugendforum initiiert hatten, sind davon überzeugt. Thomas Thomer, stellvertretender Abteilungsleiter im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, und Pafsanias Papageorgiou, Generalsekretär für lebenslanges Lernen und Jugend im griechischen Bildungsministerium, legten sich fest. Möglichst noch um Ostern herum soll eine Ressortvereinbarung zwischen den beiden für Jugend zuständigen Fachministerien unterschrieben werden. Die Vereinbarung ist unter anderem die Grundlage für einen gemeinsamen Fachausschuss, dem neben Vertreter(inne)n der Ministerien auch Repräsentant(inn)en der Zivilgesellschaft angehören werden, um den begonnenen Jugendaustausch zu intensivieren. Gegenstand der Vereinbarung wird auch ein Zeitplan für die Gründung und den Betrieb des Deutsch-Griechischen Jugendwerks sein – auf einen Namen möchte man sich noch nicht festlegen. Der Zeitplan ist eine wichtige Voraussetzung, um die Kontinuität der Zusammenarbeit auch nach den Bundestagswahlen im September sicherzustellen. Ein bis zwei Jahre werden noch für die Vorbereitung und den Beginn des Jugendwerks erforderlich sein. In dieser Zeit soll in Thessaloniki von der griechischen Seite ein Büro eröffnet werden, das Austausche unterstützen soll. Und auch auf deutscher Seite ist man der Meinung, dass sich die Zahl von hundert geförderten Einzelmaßnahmen im vergangenen Jahr noch steigern lässt.

Thessaloniki ist bereit

Thessalonikis Bürgermeister Jannis Boutaris schließt sich den Sprechern der beiden Fachministerien an und teilt ihre Hoffnungen. Das griechische Büro einer gemeinsamen Struktur zur Förderung des Jugendaustauschs möchte er unbedingt in Thessaloniki haben. Boutaris rief das gemeinsame Europa in Erinnerung aber auch die Gefahren, denen es durch Grenzzäune und Abschottung ausgesetzt ist. Warum der Standort Thessaloniki? Babis Papaioannou vom griechischen Generalsekretariat für lebenslanges Lernen und Jugend ging auf die Frage während des Jugendforums ein. Thessaloniki ist eine junge Stadt. Dafür sorgt zum Beispiel die Universität mit 120.000 Studierenden. Zahlreiche Jugendorganisationen haben hier ihren Sitz und die Stadt hat Erfahrungen mit Jugendevents. Sie war Europäische Jugendhauptstadt und Kulturhauptstadt.

Projektschmiede Jugendforum

Dass es gute deutsch-griechische Projekte gibt, von denen Jugendliche etwas haben, daran wurde während des Forums gearbeitet. Erste Vorüberlegungen wurden zu einem Dutzend Projekten diskutiert und zwischen den Partnern vereinbart. Sie decken ein weites Spektrum von beruflicher und kultureller Bildung, Jugend- und Fachkräfteaustausch zu Flucht und Migration, Inklusion und Erinnerungsarbeit ab. So unterschiedlich die Projektideen sind, so vielfältig sind auch die Partner, die sich fanden. NGOs aus unterschiedlichen Themenfeldern, Jugendgästehäusern, Städtepartnerschaftsvereinen, Jugendzentren und viele Träger aus dem Bereich der kulturellen Bildung werden in der Zukunft miteinander arbeiten. Wo das Geld für gemeinsame Projekte herkommen kann, erklärten Inge Linne von JUGEND für Europa und Dorothee Jäckering vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Erasmus+ Jugend in Aktion ist eine mögliche Option, das Sonderprogramm des Bundesjugendministeriums zur Förderung des deutsch-griechischen Jugendaustauschs eine zweite. Gegenüber dem nationalen deutschen Kinder- und Jugendplan des Bundes hat das Sonderprogramm z.B. den Vorzug, dass auch die griechischen Partner gefördert werden können, wenn eine Jugendbegegnung oder ein Fachkräfteprogramm in Deutschland stattfindet. Das Sonderprogramm soll auch 2018 fortgeführt werden und dadurch die Lücke bis zur Etablierung des Jugendwerks schließen.

Den Partner verstehen lernen

Die Strukturen von Jugendarbeit sind in Griechenland anders als in Deutschland. Erschwerend kommt hinzu, dass viele griechische Strukturen infolge der durch die Finanzkrise bedingten Sparmaßnahmen abgebaut wurden. Es gibt jedoch gemeinsame Themen. Dazu gehören Flucht und Migration. Es war den griechischen Partnern ein besonderes Anliegen diese Themen in Workshops und Field Visits aufzugreifen. Das Jugendunterstützungszentrum Arsis und die NGOs Oikopolis und NAOMI gewährten Einblicke in ihre Arbeit mit Flüchtlingen, viele davon minderjährig und unbegleitet. Ohne die vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer, die übersetzen, unterrichten, Arztbesuche und Rechtsbeistand ermöglichen, wäre ihre Arbeit nicht möglich. Ein Begriff, der in den Gesprächen immer wieder fiel, war die solidarische Gesellschaft. In der Krise ist in Griechenland auch eine neue Zivilgesellschaft gewachsen. Dort, wo der Staat Aufgaben nicht mehr wahrnimmt, nehmen Bürgerinnen und Bürger die Dinge selbst in die Hand. Von diesem großen Engagement lässt sich lernen. Auch methodisch gibt es Berührungspunkte, von denen sich viele in den Projektskizzen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer wiederfanden: Die Arbeit mit künstlerischen Mitteln – Theater, Musik, bildende Kunst – ist in Griechenland ebenso ein Erkennungsmerkmal von Jugendarbeit wie in Deutschland. Darauf lässt sich aufbauen.

Gute Aussichten

Babis Papaioannou vom Generalsekretariat für lebenslanges Lernen und Jugend hat sich viel vorgenommen. Am letzten Tag des Jugendforums gab er Einblicke in die nächsten Schritte der griechischen Partner. Papaioannou möchte Fachkräfte qualifizieren und sie in den Stand versetzen, deutsch-griechische Austausche durchzuführen. Er möchte den Kontakt zu Jugend-NGOs suchen und sie in die Ausgestaltung des deutsch-griechischen Austauschs einbeziehen. Und er möchte mit den deutschen Partnern ein gemeinsames Verständnis von Jugendarbeit herstellen – möglichst auch mit einer europäischen Dimension. Dafür kündigte er für die nächsten Monate gemeinsame Treffen und Workshops an.

Thomas Thomer vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hatte noch eine gute Nachricht im Gepäck: Im Herbst 2018 wird das nächste Deutsch-Griechische Jugendforum stattfinden, diesmal in Köln. Für manche wird es ein Wiedersehen sein, für andere ein Neueinstieg. Für alle aber wird es vor allem dies sein: eine wichtige Plattform für mehr deutsch-griechischen Jugendaustausch.

Während des Deutsch-Griechischen Jugendforums wurde auf dem Blog Agora Youth von der Veranstaltung beichtet.
Wer Kontakte, Information und Diskussion zum deutsch-griechischen Jugendaustausch sucht, kann der Facebook-Gruppe „Greek-German Youth Exchange“ beitreten.

Lizenz: INT 4.0 – Namensnennung CC BY 4.0


2. Deutsch-Griechisches Jugendforum, Thessaloniki 2017

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