Christian Herrmann

Die Geschichte ist nicht vorbei

20 Vertreter/-innen aus Opfergemeinden und jüdischen Gemeinden aus Griechenland hielten sich vom 10. bis 16. Dezember auf Einladung des Auswärtigen Amtes in einem von IJAB organisierten Fachprogramm in Berlin auf. Sie gingen der Frage nach, wie in Deutschland an Kriegsverbrechen und Holocaust erinnert wird und wie die Erinnerung an die gemeinsame Geschichte in den deutsch-griechischen Jugendaustausch einbezogen werden kann.

Staatsminister Michael Roth (Mitte) mit Vertretern der griechischen und deutschen Zivilgesellschaft am 15. Dezember in Berlin
Staatsminister Michael Roth (Mitte) mit Vertretern der griechischen und deutschen Zivilgesellschaft am 15. Dezember in Berlin BildImage: Christian Herrmann   Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung CC BY 3.0

Die Kriegsverbrechen an Zivilisten, die während der deutschen Besatzung Griechenlands im 2. Weltkrieg von Wehrmacht und SS begangen wurden, sind ein in Deutschland weitgehend unbekanntes Kapitel. Auch dass in Thessaloniki eine der größten und kulturell bedeutsamsten jüdischen Gemeinden in Europa lebte, die durch die Deportation nach Auschwitz fast vollständig ausgelöscht wurde, wissen nur wenige. In Griechenland hat die Vergangenheit hingegen einen festen Platz im öffentlichen Bewusstsein und die Unkenntnis vieler Deutscher über die in ihrem Namen begangenen Verbrechen stößt auf Unverständnis. Gerade im Zuge der griechischen Schuldenkrise hat sich diese Wahrnehmung noch einmal verschärft – die Forderungen der betroffenen Dorfgemeinschaften nach Entschädigung sind weiterhin Gegenstand emotionaler, öffentlicher Kontroversen.

Das Auswärtige Amt hat sich des Themas historischer Erinnerung an Krieg und Kriegsverbrechen in mehreren deutsch-griechischen Fachprogrammen angenommen. In der ersten Dezemberhälfte waren Historiker, Künstler und Jugendarbeiter/-innen in Deutschland unterwegs. Eines der Fachprogramme, dasjenige, das Erinnern im Kontext von Jugendarbeit und einem künftigen deutsch-griechischen Jugendwerk thematisierte, wurde von IJAB im Auftrag des Auswärtigen Amtes vorbereitet und durchgeführt.

Die kurze Vorbereitungszeit ließ zunächst Befürchtungen aufkommen, es könnten sich nicht genügend Teilnehmer/-innen finden. Diese Sorge erwies sich als unbegründet. 15 freie Plätze standen zur Verfügung, 90 Anträge gingen innerhalb kürzester Zeit bei IJAB ein. Das Auswärtige Amt erwies sich als großzügig und stockte die Teilnehmer/-innenzahl auf 20 auf.

Zu dem von IJAB betreuten Fachprogramm trafen schließlich am 10. Dezember 20 Teilnehmer/-innen aus Opfergemeinden und jüdischen Gemeinden in Berlin ein, wo sie von Wolfgang Hoelscher-Obermeier und Albert Klein-Reinhardt im Namen des Auswärtigen Amts und des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) begrüßt wurden. Hoelscher-Obermeier verwies dabei auf die besondere Bedeutung der Aufarbeitung der gemeinsamen Geschichte für die deutsch-griechischen Beziehungen, während Klein-Reinhardt über die Aktivität des BMFSFJ beim Aufbau eines deutsch-griechischen Jugendwerks berichtete. Dass die damit verbundenen Hoffnungen nicht einseitig sind, zeigt das große griechische Interesse an allen Angeboten zu Information, fachlichem Austausch und Diskussion im Bereich der Jugendarbeit in den letzten Monaten. Besonders sichtbar wurde dies beim deutsch-griechischen Jugendforum, das Anfang November von BMFSFJ und IJAB in Bad Honnef durchgeführt wurde.

In einem dichten Programm wurde während des Fachprogramms der Frage nachgegangen, wie in Deutschland an Kriegsverbrechen und Holocaust erinnert wird und wo Anknüpfungspunkte in der Jugendarbeit liegen. Dazu wurden das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas mit seinem eindrucksvollen „Ort der Information“, die Ausstellung „Topografie des Terrors“, die Gedenkstätte Buchenwald und deutsche Träger, die bereits jetzt im Austausch mit Griechenland aktiv sind oder im kommenden Jahr deutsch-griechische Aktivitäten planen, aufgesucht.

Beim Deutsch-Französischen Jugendwerk gab es Einblicke in die bilaterale Aktivität eines Jugendwerks und die multilateralen deutsch-französischen Aktivitäten mit Balkanstaaten. Aktion Sühnezeichen Friedensdienste informierte über Langzeitfreiwilligendienste und Workcamps und deren praktischen Beitrag zur Versöhnung. In Steglitz-Zehlendorf konnte das lokale Jugendamt über erste Erfolge bei der Qualifizierung junger Griech(inn)en in Berliner Ausbildungsbetrieben berichten. Beim Deutschen Bundesjugendring wurden strukturelle Probleme beim Ausbau des deutsch-griechischen Jugendaustauschs angesprochen: Gerade die griechischen Akteure bemängeln die fehlenden Jugendstrukturen und die fehlende Jugendpolitik im Lande. Denn gerade dort, wo es Ansätze von Strukturen gab, sind diese im Zuge der allgegenwärtigen Sparpolitik aufgelöst worden. Auch dieser Wirklichkeit wird man sich im deutsch-griechischen Austausch stellen müssen: Viele Einkommen sind im Zuge der Sanierung des Staatshaushaltes mehr als halbiert, die Steuerlast drastisch angehoben und soziale Sicherungssysteme soweit reduziert worden, dass sie niemanden mehr schützen. Auch an der Zivilgesellschaft geht dies nicht spurlos vorüber.

Einen Höhepunkt des Fachprogramms stellte am 15. Dezember ein Empfang im Auswärtigen Amt in Gegenwart von Staatsminister Michael Roth dar. Dazu waren auch die sich zeitgleich in Berlin aufhaltenden Künstler/-innen und Historiker/-innen der anderen durch das Auswärtige Amt geförderten Programme geladen worden. Auch zahlreiche Vertreter/-innen der deutschen Zivilgesellschaft ließen sich die Gelegenheit nicht nehmen, griechische Gesprächspartner/-innen und Kontakte zu finden.

Staatsminister Roth vermittelte seine Botschaft glaubwürdig: Ihm seien die deutsch-griechischen Beziehungen eine Herzenssache und der deutsch-griechische Zukunftsfonds, aus dem alle drei Fachprogramme gefördert wurden, ein praktisches Ergebnis der Politik seines Hauses. Dennoch traten die griechischen Teilnehmer/-innen selbstbewusst und nicht als Bittsteller auf. Die Forderung nach Entschädigung der Familien der Opfer ist für sie unantastbar, aber sie haben eine ganze Menge Vorschläge, wie sich die deutsch-griechischen Beziehungen im Jugendbereich verbessern ließen. Dazu gehören die Verbreiterung der Kenntnisse über die gemeinsame Geschichte im Jugendaustausch, die Qualifizierung griechischer Jugendarbeiter/-innen oder deutsche Unterstützung bei der Ausgestaltung von Studiengängen der Sozialen Arbeit in Griechenland.

Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung CC BY 3.0


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