Giorgos Monogioudis

Die Politische Bildung als Mittel zur Kommunikation und Kooperation zwischen Jugendlichen in Deutschland und Griechenland

Die Verschlechterung der deutsch-griechischen Beziehungen in der aktuellen Krise, die auf beiden Seiten durch populistische Stimmungsmache genährt wurde, wirft die Frage auf, wie die kommenden Generationen nicht von Hass gegeneinander beherrscht werden, sondern von aufrichtigem Interesse für Kommunikation und Kooperation. Dr. Giorgos Monogioudis beschreibt in seinem Beitrag die Rahmenbedingungen für politische Bildung im bilateralen Dialog und stellt mit Inter Alia eine hoffnungsvolle NGO vor.

Vier Menschen stehen vor einem Geländer, an dem eine Europafahne hängt
Inter Alia beteiligte sich am Programm der „Europäischen Jugendwoche“ BildImage: Dr. Giorgos Monogioudis

Dr. Giorgos Monogioudis
Dr. Giorgos Monogioudis, Bild: privat

Dr. Giorgos Monogioudis studierte Politikwissenschaft, Geschichte und Soziologie in Athen, Jena, Tübingen und London. Als Stipendiat der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) und der Robert-Bosch-Stiftung und durch seine Zusammenarbeit mit dem Haus am Maiberg in Heppenheim gewann er einen Einblick in den Bereich der politischen Bildung in Deutschland. Zurzeit arbeitet er als Projekt-Entwickler für die zivilgesellschaftliche Organisation Inter Alia in Athen.

Griechenland-Special

eine deutsche und eine griechische Fahne

Fakten, Förderung, Kontakte

Berufliche Bildung und Jugendarbeitslosigkeit

Erinnerungsarbeit

Kulturelle Bildung

Politische Bildung

Zivilgesellschaft und Jugendarbeit

Jugendforschung

„Politische... was?“ Über sprachliches Unbehagen und vieles andere mehr...

Eines der Dinge, bei denen ich meine Schwierigkeiten habe, sie Freunden und Bekannten zu erklären, nämlich die Frage, was ich denn so in der letzten Zeit auf meinen Reisen nach Deutschland tue, ist linguistischer Natur: Trotz des unbestreitbaren Reichtums der griechischen Sprache, gibt es eine Art Unzulänglichkeit, wenn es sich um die Wiedergabe des deutschen Begriffs politische Bildung in unsere Sprache geht. In den zwei ersten Klassen des griechischen Gymnasiums wird ein Fach unterrichtet, das „Politische Bildung“ genannt wird und dessen Gegenstand der weiter gefasste Bereich der Sozialwissenschaften  (Ökonomie, politische Institutionen, Prinzipien des Rechts und Soziologie) ist. Allerdings kann es zur Verwirrung bezüglich der „politischen“ Dimension der Thematik kommen, denn für jeden, der auch nur ansatzweise mit der griechischen Realität vertraut ist, ist der Begriff fast gleichzusetzen mit jenem der parteipolitischen Dimension. Im Gegensatz dazu hat der Begriff „Bürgerschaftliche Erziehung“ (gr.: πολιτειακή παιδεία) eine eher normative Konnotation, indem er sich auf die Lehre über die Institutionen und Regeln, die den Staat kennzeichnen, bezieht, in Anlehnung an den älteren Begriff der „Staatsbürgerkunde“. Wie dem auch sei, unser Unvermögen, dieses Unterrichtsfach in Worte zu fassen, ist nicht lediglich eine Frage der Terminologie, sondern offenbart die tieferen Ursachen unserer problematischen Beziehung zur „Lehre des Politischen“.

Was keinen Namen hat, kann trotzdem existieren

Die Schwierigkeit, die geeigneten Worte zu finden, um den Begriff  der politischen Bildung im Griechischen wiederzugeben, bedeutet jedoch nicht, dass wir etwas zu beschreiben suchen, das es in unserem Land nicht gibt. Wie ich schon weiter oben anführte, wird das Fach der politischen Bildung bis zu einem gewissen Grad in den Schulen unterrichtet (in erster Linie in den höheren Klassen), auch wenn es nie die eher marginale Rolle, die es innerhalb des anspruchsvollen Wochenschulunterrichts hat, überwinden konnte. Noch unklarer gestaltet sich das Ganze, wenn es sich um das Unterrichten der politische Bildung im außerschulischen Bereich geht. Zwar gibt es auch in Griechenland eine Reihe von Trägern und Organisationen (z.B. Kommunen bzw. Gemeinden, Nichtregierungsorganisationen, Kulturvereinigungen), die sich seit Jahren mit der Konzeption und Durchführung von Programmen für Minderjährige und Erwachsene in Themenbereichen wie Geschichte, Umwelt, Menschenrechte oder lebenslanges Lernen beschäftigen, doch diese Ansätze sind unkoordiniert und finden ohne institutionelle Identifizierung bzw. Zertifizierung statt, die zu ihrer Anerkennung beitragen und langfristig mehr Synergien erlauben würde. Das deutsche Paradigma unterscheidet sich wesentlich vom griechischen aber auch von den anderen europäischen, da die politische Bildung als Unterrichtsfach untrennbar mit der Politik der „Umerziehung“ (Re-education) verbunden ist, die die Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg anregten. Seitdem sind viele Veränderungen in der deutschen aber auch der europäischen Gesellschaft eingetreten, doch die politische Bildung stellt nunmehr eine Errungenschaft der Nachkriegszeit von institutioneller Akzeptanz und Kontinuität dar.

Inter Alia oder auch unter anderem

Als Mitarbeiter von Inter Alia möchte ich an dieser Stelle kurz über die Organisation sprechen, die ich bei meinen Reisen nach Deutschland vertrete. Inter Alia ist eine neue Organisation der Zivilgesellschaft, die am Höhepunkt der Krise als Antwort auf die vielfältigen Herausforderungen entstanden ist, denen die griechische aber auch die europäische Gesellschaft gegenüberstehen. Inter Alia bedeutet auf Latein „unter anderem“ und gibt die Maxime der Organisation treffend wider, dass man seine Ziele als Individuum oder als Gesellschaft nur unter der Voraussetzung erreichen kann, dass man mit anderen kooperiert. Ziele von Inter Alia sind der Abbau von Stereotypen auf europäischer Ebene, um letztendlich zum gegenseitigen Verständnis und zur Lösung von Konflikten, zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit im Hinblick auf die unterschiedlichen Herausforderungen in Europa heute beizutragen und Druck auf die europäischen Mechanismen bei den Bemühungen zur Stärkung der Bürgerbeteiligung am politischen und sozialen Geschehen auszuüben. Um diesen Zielen zu entsprechen, stützt sich Inter Alia auf zwei im engen Zusammenhang miteinander stehende Säulen: Die erste betrifft die Erforschung und Analyse der aktuellen Fragen, die uns als Individuen und als Gesellschaft beschäftigen, während die zweite mittels selbständiger Aktionen bzw. gemeinsam mit anderen Trägern und Organisationen aus Griechenland und dem Ausland die Theorie in die Praxis umsetzt.

Handfeste Beispiele aus der Praxis

Seit der Gründung von Inter Alia im Jahr 2013 kam es natürlich zu Kooperationen mit deutschen Trägern und Organisationen. Inter Alia hat beispielsweise am 9. Mai 2014 zusammen mit der Konrad Adenauer Stiftung einen ganztägigen Workshop in Athen organisiert mit dem Ziel, die Jugend für die europäischen Themen zu sensibilisieren. Konkret haben die Teilnehmer anfangs über die aktuellen und die zukünftigen Herausforderungen der Europäischen Union diskutiert, und in der Folge haben sie sich in vier Gruppen aufgeteilt und sich anhand von Fotos, Videos, Interviews und anderer Methoden, die sie während ihrer Tour durch die Stadt eingesetzt hatten, mit folgenden Themenbereichen befasst: Beschäftigungsfähigkeit und Arbeitslosigkeit von jungen Menschen, politische Teilnahmslosigkeit und Bürgerschaft, Krieg und Frieden und den Massenmedien.

Ein weiteres Beispiel von Kooperationen, das ebenfalls verdient, erwähnt zu werden, ist die Beteiligung von Inter Alia am Programm „Europäische Jugendwochen“ im Sommer diesen Jahres, das die Akademie für soziale und politische Bildung „Haus am Maiberg“ in Heppenheim, Hessen, seit mittlerweile 21 Jahren organisiert. Zwei Wochen lang (25.07.2015 – 08.08.2015) haben junge Menschen aus 11 verschiedenen europäischen Ländern ebenso wie Flüchtlinge aus Afghanistan und Syrien aktuelle Themen – wie die Griechenland-Krise oder die Einwanderer- bzw. Flüchtlingsfrage – mithilfe origineller Methoden (z.B. Talk Show, Simulation) behandelt und über Stereotype, die wir häufig in Bezug auf unterschiedliche Gruppen von Menschen haben, sowie über die Möglichkeiten ihrer Überwindung nachgedacht. Zu diesem Zweck haben die Gruppenleiter eine Reihe von Übungen durchgeführt (z. B. spaceship, living library, animal game), deren Ergebnisse wir zusammen mit den Teilnehmern systematisch analysiert haben. Besonders interessant war, dass während des Programms die griechischen Teilnehmer offen mit ihren Altersgenossen aus ganz Europa über die Krise in Griechenland diskutiert haben, eine Tatsache, von der nach allgemeiner Ansicht beide Seiten profitiert haben.

Aktuelle Entwicklungen und mögliche Felder der deutsch- griechischen Kooperation in der Zukunft

Die gerade genannten Beispiele sind bezeichnend für die Kooperationen, die zwischen den Trägern und den Organisationen aus Deutschland und Griechenland seit nunmehr vielen Jahren zustande kommen. Allerdings hat die Krise und die daraus resultierende Verschlechterung der deutsch-griechischen Beziehungen das Ergreifen von Initiativen zur Überwindung dieser Herausforderungen beschleunigt, wie beispielsweise die Gründung eines Jugendwerks nach den Vorbildern der entsprechenden Jugendwerke mit Frankreich (1963) und Polen (1991). Hierbei geht es im Grunde um jenen Träger, der auf bilateraler Ebene Aktionen für die Jugend organisiert, koordiniert aber auch finanziert. Nach der Unterzeichnung der Vereinbarung zur Gründung des Deutsch-Griechischen Jugendwerks  durch die Staatspräsidenten beider Länder im September 2014 in Berlin haben sich zwei Monate später Vertreter von öffentlichen Trägern und Nichtregierungsorganisationen aus Deutschland und Griechenland in Bad Honnef, Nordrhein-Westphalen getroffen mit dem Ziel, die Chancen aber auch die Hemmnisse, die mit einer deutsch-griechischen Kooperation im Bereich der Jugend verbunden sind, zu ermitteln. Die Beteiligten haben die Träger und die Organisationen, die sie vertreten, vorgestellt, sich untereinander vernetzt und über Möglichkeiten der Zusammenarbeit, die durch die Errichtung eines Deutsch-Griechischen Jugendwerks in folgenden Bereichen entstehen könnten, diskutiert: Berufsausbildung und Training, Erinnerung und Versöhnung, Austausch im Kulturbereich, Umwelt und nachhaltiger Tourismus, soziale Einbindung und Chancengleichheit. Mit dem Ziel, 2016 die Aktivitäten aufzunehmen, hat sich das Deutsch-Griechische Jugendwerk noch nicht in dem Grad konstituiert, wie wir es vielleicht erwartet hätten, es steht allerdings außer Frage, dass es in Zukunft jenen Träger darstellen wird, der ausschlaggebend für die Festlegung des Rahmens sein wird, innerhalb dessen Jugendprojekte und -Programme auf bilateraler Ebene stattfinden werden.

Statt eines Epilogs oder weshalb die Förderung der politischen Bildung durch Griechenland und Deutschland dringlicher denn je ist

Wie notwendig ist jedoch die Errichtung eines derartigen Trägers in Zeiten, in denen brisantere Themen wie die Flüchtlingsfrage die europäische öffentliche Meinung beschäftigen? Wie erklärt sich - nach Frankreich und Polen - die von deutscher Seite aus getroffene Wahl Griechenlands für die Schaffung eines bilateralen Jugendwerks? Die Antworten ergeben sich, wenn man die vielschichtige politische, wirtschaftliche, soziale aber auch kulturelle Krise nachvollzieht, die Griechenland in den letzten Jahren durchlebt. Im Laufe der zwei letzten Jahrhunderte verfielen die deutsch-griechischen Beziehungen mitunter von ihrem Zenith (z.B. der Philhellenismus des 19. Jahrhunderts) zum Nadir (z.B. Besatzung durch die Nazis). Der Frieden und das Wachstum in der Nachkriegszeit hat es den beiden Ländern jedoch ermöglicht, auf der Grundlage des gemeinsamen Interesses und der Verständigung im Rahmen der europäischen Vision zusammenzuarbeiten. Die Verschlechterung dieser Beziehungen im Laufe der aktuellen Krise, die auf beiden Seiten durch populistische Stimmungsmache genährt wurde, führte uns vor Augen, dass der Besitzstand der Nachkriegszeit auf keinen Fall als gegeben betrachtet werden sollte. Zwar gibt es die Geschichte betreffende Themen (z.B. Kriegsverbrechen, Reparationen), die immer noch die Beziehungen der beiden Länder vergiften, doch die Wette, die es zu gewinnen gilt, ist, dass die kommenden Generationen nicht von Hass gegenüber dem anderen beherrscht werden, sondern von aufrichtigem Interesse für Kommunikation und Kooperation. Die vorhandene Erfahrung aus dem Deutsch-Französischen und Deutsch-Polnischen Jugendwerk schafft die Hoffnung, dass die Förderung der politischen Bildung auf bilateraler Ebene  zum Abbau von Stereotypen und zur Wiederherstellung des Vertrauens zwischen den beiden Völkern beitragen kann.



Begleiten Sie uns

RSS-Feed abonnieren IJAB auf Facebook IJAB-Alumni-Gruppe auf Facebook IJAB auf Twitter IJAB auf YouTube

Newsletter