Christian Herrmann

Ein Blick zurück, ein Blick nach vorn

Am 6. und 7. April 2016 kamen 50 Fachkräfte in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück zu einem Fachtag zusammen. In der Kooperationsveranstaltung von BMFSFJ, IJAB und der Gedenkstätte näherte man sich dem Thema „Erinnerungsarbeit im deutsch-griechischen Jugendaustausch“ an.

Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück
Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück BildImage: Christian Herrmann   Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – nicht kommerziell – keine Bearbeitung CC BY-NC-ND 3.0

Warum ein Griechenland-Fachtag in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, warum ausgerechnet auf dem Gelände eines ehemaligen Konzentrationslagers? Auch in Ravensbrück gab es griechische Häftlinge, mehrheitlich Frauen. Menschen, die aus politischen Gründen inhaftiert wurden oder die sich als Zwangsarbeiterinnen etwas „zuschulden“ hatten kommen lassen. Aber es gibt auch die Dimension der deutsch-griechischen Beziehungen und mit ihr verbunden die Frage, wie junge Menschen ohne Hass aufeinander aufwachsen können.

Wer weiß in Deutschland, was Griechinnen und Griechen unter der deutschen Besatzung erlebt haben, wer weiß von den Grausamkeiten während des Partisanenkriegs, über die Auslöschung ganzer Dörfer durch Wehrmacht, SS und Polizeibataillone, über den Hunger, dem 100.000 Menschen zum Opfer fielen? Es ist diese Unkenntnis und die geringe Bereitschaft, sich ernsthaft mit der Frage von Entschädigungen auseinanderzusetzen, die heute in Griechenland schmerzen, wenn man an den europäischen Partner Deutschland denkt.

KZ-Gedenkstätten haben eine mehrfache Aufgabe. Eine davon ist Bildung und Wissensvermittlung, insbesondere, wenn es um junge Menschen geht. „Schön, dass sie mit ihren Fragen zu uns kommen“ sagt daher Dr. Ina Eschenbach, die Leiterin der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück und Dr. Matthias Heyl, der Leiter der Begegnungsstätte, betont das große Interesse an neuen Projekten und Wegen.

„Internationale Jugendarbeit kann für Kriegsverbrechen nicht entschädigen, aber das ist auch nicht ihr Ziel“, sagt Albert Klein-Reinhardt, Referent für europäische und internationale Jugendpolitik im Bundesministerium für Familie, Frauen, Senioren und Jugend (BMFSFJ), der gemeinsam mit Natali Petala-Weber von IJAB das Programm der beiden Tage moderiert. Durch die Pläne für ein deutsch-griechisches Jugendwerk sei es aber möglich, die Zivilgesellschaften beider Länder zu vernetzen, sich intensiv mit der Aufarbeitung der Geschichte zu beschäftigen und einen Beitrag dazu zu leisten, dass Rassenhass sich nicht wiederhole. Über die Fortführung der Gespräche über ein Jugendwerk herrsche Einvernehmen zwischen der Parlamentarischen Staatssekretärin bei der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Caren Marks, und der griechischen Vizeministerin im Ministerium für Bildung, Forschung und Religiöse Angelegenheiten, Sia Anagnostopoulou.

Der Blick zurück

Einen Blick zurück in die Geschichte wirft Prof. Dr. Constantin Goschler von der Ruhr-Universität Bochum und macht zugleich deutlich, wie die Vergangenheit die Gegenwart belastet. Das zwischen Bulgarien, Italien und Deutschland aufgeteilte Griechenland sei zwischen 1941 und 1944 einer systematischen Ausplünderung, einem Raubkrieg, ausgesetzt gewesen. Die deutsche Zwangsanleihe bei der griechischen Nationalbank sei dafür ein Indiz, auch wenn ihre juristische Einordnung widersprüchlich sei. Goschler erinnert auch daran, dass in vielen Teilen Europas der Krieg 1945 nicht zu Ende gewesen sei. Griechenland gehört zu den Ländern, die bis Ende der 40er Jahre unter einem Bürgerkrieg zu leiden hatten, dessen Folgen die Erinnerung an die deutsche Besatzung überlagerte. Das deutsch-griechische Verhältnis der Nachkriegszeit sei, so Goschler, zugunsten Deutschlands asymmetrisch gewesen. Trotz wiederholter Versuche sei es Griechenland nicht möglich gewesen, Entschädigungen in nennenswertem Umfang durchzusetzen. Auf deutscher Seite sei die Diskussion zudem durch Stereotype geprägt gewesen – der Partisanenkrieg habe in den Augen von Medien und Öffentlichkeit die deutsche Kriegsführung legitimiert, der Wunsch nach Entschädigung sei als ungerechtfertigter Versuch „levantinischer Händler“ verunglimpft worden. Bundespräsident Gauck habe in diesem Zusammenhang von einer ersten und zweiten Schuld gesprochen – aber auch Gauck habe zwar eine Entschuldigung, doch keine Begleichung der deutschen Schulden anbieten können.

Die Folgen der Geschichte sind bis heute spürbar. In manchen Dörfern, in denen Massaker an Zivilisten verübt wurden, hält man ein deutsch-griechisches Jugendwerk für ein Alibi, um an Entschädigungen vorbeizukommen. Und dennoch stehen Teile der griechischen Zivilgesellschaft dem Jugendwerk positiv gegenüber und möchten es von der Frage der Entschädigungen trennen. Alle im Raum kennen diese Diskussion.

Der Blick nach vorn

In vier Themenblöcken versucht man sich dem Thema „Erinnerungsarbeit im deutsch-griechischen Jugendaustausch“ anzunähern und damit den Blick nach vorn zu richten:

  • Gedenkstättenkultur in Deutschland und Griechenland
  • Chancen multilateraler Jugendbegegnungen
  • Konfliktpotential und Dynamik in deutsch-griechischen Jugendbegegnungen
  • Fachkräftequalifikation zum Thema Erinnerungsarbeit

Im von Gunnar Zamzow vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge geleiteten Workshop zur Gedenkstättenkultur stechen zunächst die Unterschiede zwischen Deutschland und Griechenland ins Auge – ein Umstand, der sich in allen Workshops wiederholt und nach Antworten verlangt. Eine vergleichbare Einrichtung wie die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück gibt es in Griechenland nicht und es macht wenig Sinn, das deutsche Verständnis von Gedenkstättenkultur übertragen zu wollen. Was es gibt, sind die Orte, an denen von Deutschen Verbrechen verübt wurden: Die Dörfer, in denen Zivilisten ermordet wurden, die Städte deren jüdische Bevölkerung deportiert wurde – allen voran Thessaloniki. Zamzow möchte daher auch lieber von „Erinnerungskultur“ sprechen und die Unterschiede in beiden Ländern erkennbar und nutzbar machen.

Wie verhindert man Bipolarität in Jugendbegegnungen, Zuspitzungen, die in gegenseitigen Vorwürfen und Unverständnis münden? Multilaterale Jugendbegegnungen könnten eine Chance sein. Carolin Wenzel von der Kreisau Initiative erklärt, was unter „Verflechtungsgeschichte“ zu verstehen ist. Sie ist ein Ansatz für multiperspektivische Geschichtsschreibung. Durch die Pluralität der Beobachtungspunkte soll ein Moment der Reflexivität geschaffen werden. Dabei bezieht sich die Pluralität der Beobachtungspunkte keineswegs nur auf die Nationalität von jugendlichen Begegnungsteilnehmer(inne)n, sondern auch auf Religion, Geschlecht, Kultur oder sozialen Hintergrund. Carolin Wenzel erhofft sich von dieser Methode Empathiefähigkeit, Selbstreflexion, Verständigung und Toleranz.

„Für die Vermittlung von Geschichte braucht es Profis“, das weiß Dr. Matthias Heyl, der sich in seinem Workshop gemeinsam mit den Teilnehmer(inne)n Gedanken über die Konfliktpotentiale in deutsch-griechischen Jugendbegegnungen macht. Daneben braucht man aber auch Kulturmittler, Menschen, die wissen, wie beide Länder ticken und die in beiden Kulturen zuhause sind. Nicht zuletzt braucht es professionelle Organisator(inn)en, die sensibel sind für asymmetrische Ressourcen, inkompatible Zeiträume – Jugendliche in Griechenland haben weniger Freizeit als ihre Altersgenossen in Deutschland – und den unterschiedlichen Organisationsgrad von Jugendlichen in beiden Ländern. Und es bedarf eines klaren Konzepts für ein gemeinsames Projekt: Worauf soll der Fokus gerichtet werden? Auf die Begegnung der Jugendlichen, die Erinnerungsarbeit oder auf aktuelle Themen?

Dass es Profis für internationale Projekte gibt, ist keine Selbstverständlichkeit. Der Pädagoge Panos Poulos beklagt dies seit Jahren. Gemeinsam mit Gleichgesinnten hat er in Griechenland einen Verein gegründet, der die Professionalisierung von Jugendarbeit einfordert. Im Workshop von Matteo Schürrenberg von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste stellt er den Verein vor. Die Professionalität in der Jugendarbeit ist tatsächlich eine der Asymmetrien im Verhältnis beider Länder. Dafür ist Griechenland aber reich an anderen Dingen: Grassroots-Initiativen, die in Folge der Krise im Land entstanden sind und eine neue Zivilgesellschaft aufbauen. Sie können engagierte Partner im Jugendaustausch sein, die durch Learning-by-doing vorankommen.

Good Practice

Rita Loumites, Projektmanagerin von Youth for Peace, ist eine Fachkraft, wie sie sich viele während der Veranstaltung wünschen: Sie ist in beiden Ländern zuhause, ist Pädagogin und Kulturmittlerin. Mit der Friedensgemeinde in Berlin-Charlottenburg und dem Kulturverein der Gemeinde Lechovo in Nordgriechenland hat sie Jugendbegegnungen durchgeführt, mit Jugendlichen Zeitzeugeninterviews geführt – den Jugendlichen aber vor allem viel Raum gelassen, sich kennen zu lernen. „Dass Jugendliche die Lebenswelten in Deutschland und Griechenland kennenlernen, Spaß haben und Freundschaften schließen, ist die Voraussetzung für Erinnerungsarbeit“, sagt sie. Vom Erinnern lässt sich dann auch ein Bogen spannen – auch zu kontroversen Themen wie den Reparationen.

Ihre Kenntnis beider Länder hilft ihr bei ihrer Arbeit. „Bei einem Zeitzeugeninterview hatten wir einmal die Situation, dass ein Kind schrie. Deutsche empfinden das als Störung, Griechen nicht – wenn ein Kind schreit, dann schreit es“, erinnert sie sich. Es braucht Menschen, die in solchen Situationen vermitteln können.

Rita Loumites Kollegin Xenia Fastnacht hat während der Jugendbegegnung in Berlin und Lechovo ein Video gedreht und die Erfahrungen des Austauschs damit auch multimedial zugänglich gemacht.

Aktiv für Frieden und Toleranz from xfastnacht on Vimeo.

Für das Moderations-Duo Natali Petala-Weber von IJAB und Albert Klein-Reinhardt vom BMFSFJ gehört das Video zu den vielen Inspirationen des Fachtags. „Ich bin gespannt, was Sie uns zeigen werden, wenn wir uns im nächsten Jahr wiedersehen“ sagt Klein-Reinhardt mit Blick auf die Teilnehmer/-innen.

Das ehemalige KZ Ravensbrück ist während des gesamten Fachtags im Bewusstsein der Teilnehmer/-innen präsent und liefert Anlässe zu Pausengesprächen und individuellen Erkundungen. Es ist das Verdienst von Dr. Matthias Heyl, dem Leiter der Begegnungsstätte, das Gelände für die Gäste lesbar gemacht zu haben. „Wir haben eine forensische Herangehensweise“, sagt er und verweist auf die Überformungen aus der Zeit vor dem Lager, KZ und der Kaserne der Roten Armee, die das Gelände nach dem Krieg nutzte. Das Gelände ist zugleich ein Lehrstück über unterschiedliche Arten des Erinnerns. Heyl – als Leiter der Begegnungsstätte – weiß, was Begegnungen mit Zeitzeugen auslösen können. Bei Jugendlichen, aber auch bei den Zeitzeugen selbst. Er erzählt von Freundschaften, die daraus entstanden sind, von Veränderungen, die Menschen durchlebt haben, von Neugier, die geweckt wurde. Hätte sich jemand gefragt, ob man Erinnerungsarbeit heute noch braucht, er oder sie hätten nur Heyl zuhören müssen, um zu verstehen, welche Chancen darin verborgen sind.

Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen CC BY-SA 3.0


Fachtag „Erinnerungsarbeit im deutsch-griechischen Jugendaustausch“, Ravensbrück 2016

Kommentare ( 0 )

Kommentare schreiben

Noch 1000 Zeichen

Begleiten Sie uns

RSS-Feed abonnieren IJAB auf Facebook IJAB-Alumni-Gruppe auf Facebook IJAB auf Twitter IJAB auf YouTube

Newsletter