Hildegard Hülsenbeck

ElanDe - fünf Jahre deutsch-griechischer Freiwilligenaustausch der Evangelischen Kirche Deutscher Sprache in Griechenland

ElanDe, eine Kooperation kirchlicher Träger länder-, sprachen- und konfessionsübergreifend für junge Griech(inn)en und Deutsche, die sich im sozialen Bereich engagieren möchten – ein Projekt mit starker gesellschaftlicher Relevanz, aber schwacher finanzieller Unterstützung.

Ein junger Mann und zwei junge Frauen lächeln in die Kamera.
Freiwillige des Projekts ElanDe BildImage: ElanDe


Hildegard Hülsenbeck, Bild: privat

Hildegard Hülsenbeck ist Projektverantwortliche für ElanDe bei der Evangelische Kirche Deutscher Sprache in Griechenland.

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Athen im Dezember 2012, die Wirtschafts- und Finanzkrise in vollem Gang, 60 Prozent Jugendarbeitslosigkeit, keinerlei Perspektive, dass es bald wieder bergauf gehen könnte, Abbau von Arbeitsplätzen, nicht nur in der Privatwirtschaft und bei Behörden, auch bei Kirchen und in sozialdiakonischen Einrichtungen, Verarmung großer Teile der griechischen Bevölkerung.

Besuch aus Deutschland, eine Delegation von Bundestagsabgeordneten. Auch der damalige Pfarrer der Athener Gemeinde der Evangelischen Kirche Deutscher Sprache in Griechenland, René Lammer, ist eingeladen. Am nächsten Tag Brainstorming. Wie kann man effizient helfen? Wie können Vorurteile, die zweifellos über Deutschland und Griechenland im jeweils anderen Land bestehen, abgebaut werden? Wie kann man langfristig dazu beitragen, griechischen und deutschen Jugendlichen begehbare Wege aufeinander zu  öffnen? Als Kirche, als Christen. Die Antwort: mit einem deutsch-griechischen Freiwilligenaustausch. Das Konzept: Fünf bis zehn deutsche Jugendliche kommen für ein Jahr nach Griechenland und arbeiten in sozialdiakonischen Einrichtungen der orthodoxen, der griechisch evangelischen und der deutschsprachigen evangelischen Kirche, und ebenso viele Jugendliche gehen nach Deutschland und arbeiten in Einrichtungen der Diakonie. Die Partner, die die Evangelische Kirche deutscher Sprache in Griechenland dafür brauchte, waren schnell gefunden. In Athen die Apostoli, das sozialdiakonische Werk der orthodoxen Kirche, und die griechische evangelische Kirche, in Deutschland die Evangelischen Freiwilligendienste in Hannover. Finanzierung schwierig, aber nicht unmöglich. Man kalkulierte in Athen und Hannover, wälzte Bewerbungen ambitionierter Jugendlicher und setzte einen Termin für den Startschuss fest. Am 15. September 2013 trafen die ersten Deutschen in Athen zum Begrüßungsseminar ein, die ersten Griech(inn)en in Erfurt.

5 Jahre ElanDe - Eine Bilanz

Vier Jahre sind vergangen. Am 15. September wird der fünfte ElanDe-Jahrgang erwartet. Und alle Beteiligten sprechen voller Enthusiasmus über dieses wundervolle Programm. El(lada) hat an De(utschland) angeknüpft. Mit vollem Elan haben sich bislang mehr als fast 40 Jugendliche in ihren freiwilligen Dienst geworfen, haben einzigartige Erfahrungen gesammelt, viel gelernt, viel gegeben und viel bekommen. Und doch liegen auch auf diesem Programm gewisse Schatten. Der dunkelste Schatten ist die Finanzierung des Projekts. Der zweite dunkle Schatten ist komplexer, hat mit Mentalität und aktueller politischer und wirtschaftlicher Lage Griechenlands zu tun. Vielleicht auch ein wenig mit der Akzeptanz der Evangelischen Kirche und der Deutschen. So mussten wir feststellen, dass deutlich weniger griechische Freiwillige nach Deutschland gegangen sind, als deutsche Freiwillige nach Griechenland gekommen sind. Eigentlich unverständlich, zumal ja die Jugendarbeitslosigkeit in Griechenland enorm ist. Und doch haben wir beobachtet, dass die Bewerbung des Programms durch die Apostoli und unsere Partnerkirchen in Athen wenig Erfolg gebracht hat, dass zahlreiche Bewerber/-innen sich zwar interessiert zeigten, aber dann doch abgesprungen sind. Ihre Gründe sind sehr unterschiedlich. Einigen ist der Einsatz zu lang. Sie fürchten, den heiß erarbeiteten Studienplatz zu verlieren, möchten gern die gesamte Familie mitnehmen oder werden von der Familie nicht ohne Weiteres losgelassen. Die griechische omnipräsente Mutter kann sich nicht vorstellen, ihr Kind so weit weg zu wissen, überträgt Bilder von griechischen sozialdiakonischen Einrichtungen auf diakonische Einrichtungen in Deutschland, fragt sich, warum ihr Kind freiwillig in einem so reichen Land wie Deutschland arbeiten soll. Sogar die Angst, dass das Kind sich von der Orthodoxie entfernt, ist schon genannt worden. Sicher spielt auch eine Rolle, dass Freiwilligendienste in Griechenland noch lange nicht so weit verbreitet sind, wie beispielsweise in Deutschland. Und warum sollte ein junger Mensch sich verpflichten, für einen relativ langen Freiwilligeneinsatz nach Deutschland zu gehen, wenn er auch in Griechenland unter dem Schutz der Familie auf einen Studienplatz wartend sich freiwillig einbringen kann? Gerade hier und jetzt mit mehr als 80 000 Flüchtlingen im stark verarmten Land, in Flüchtlings- und anderen Sozialprojekten, die eine deutlich kürzere Laufzeit haben?

An dieser Stelle müssen wir als Evangelische Kirche Deutscher Sprache in Griechenland selbstkritisch bleiben und sagen, dass auch wir unter der Finanz- und Wirtschaftskrise leiden, Personal abbauen mussten, uns nicht ausreichend um eine ausführliche Information der Jugendlichen und ihrer Familien, um die intensivere Bewerbung des Programms bemüht haben. Langfristig müssen wir gerade in diesen Bereich mehr Arbeit stecken. Aber auch das hat mit dem dunklen Schatten der Finanzierung zu tun. Es stehen keine Gelder und Kapazitäten der relativ kleinen Gemeinde für Marketing und PR-Arbeit zur Verfügung. Wir schaffen es so gerade eben, aus gemeindeeigenen Mitteln das Programm am Leben zu erhalten. Denn die Einsatzstellen, die Unterbringung und Verpflegung, Transport und Sprachkurs für die Freiwilligen in Deutschland bezahlen, können das in Griechenland nicht stemmen. Die griechischen Einsatzstellen können zum Teil nicht einmal die Gehälter der festangestellten griechischen Mitarbeiter/-innen und die Rechnungen ihrer Lieferant(inn)en pünktlich und in vollem Umfang bezahlen.

Im Jahr 2013 sah die Finanzierung des Projekts noch recht gut aus dank einer Anschubfinanzierung der EKD, die dafür eine Jahreskollekte zur Verfügung stellte. Die EKD sieht zweifellos den Wert dieses Programms für die jungen Menschen, aber auch für unsere Kirchen. Seit Aufbrauch die EKD-Mittel im Sommer 2015 muss die kleine Athener Gemeinde das Programm selbst finanzieren. Und das tut sie aus voller Überzeugung mit kleineren oder größeren Spenden einzelner Mitglieder, mit etwa acht Gottesdienstkollekten pro Jahr, der freiwilligen Mitarbeit einzelner Gemeindeglieder bei der Betreuung der Jugendlichen, ihrer Unterbringung, der Gestaltung der Seminareinheiten. Trotzdem ließ sich eine Reduzierung des Programms nicht vermeiden.

Leider können wir in diesem Jahr keinen einzigen Freiwilligen nach Deutschland entsenden und nehmen nur fünf Freiwillige aus Deutschland in Athen auf, die ihren Dienst am 15. September beginnen. Aber davon lassen wir uns nicht entmutigen. Ab September wollen wir uns erneut und verstärkt um Finanzierungsmöglichkeiten und die intensive Bewerbung des Programms bemühen. Denn der Erfolg ist überwältigend. Alle ElanDisten sind glücklich über ihre Erfahrungen, sagen, ElanDe sei die „Chance ihres Lebens“ gewesen, stellen fest, dass ElanDe sich deutlich von anderen Freiwilligeneinsätzen absetzt, weil die Betreuung durch die Athener Gemeinde derart intensiv ist, dass sie sich während ihres Einsatzes nie allein gefühlt haben und die Gemeinde eine Brücke zu ihren Einsatzstellen und zur griechischen Gesellschaft, zu Kultur, Geschichte und Mentalität der Griech(inn)en schlägt. Es sei groß- und einzigartig, dass sie in einer vertrauten Gruppe, in einer Stadt und unter dem Dach einer deutschsprachigen Kirchengemeinde in die griechische Gesellschaft eintauchen und so viele unterschiedliche Dinge erfahren konnten. 



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