Prof. em. Herbert Swoboda

Erfahrungen mit deutsch-griechischen Inklusions-Camps in Griechenland

Die „Wilde Rose“, das interkulturelle Jugendnetzwerk des Bundes Deutscher Pfadfinder_innen (BDP) organisiert auf der griechischen Insel Korfu inklusive Jugendcamps. Herbert Swoboda hat die Camps maßgeblich mitaufgebaut und berichtet von den Erfolgen.

Eine Gruppe von behinderten und nicht-behinderten Menschen nimmt an einem Straßenumzug teil.
Die Wilde Rose bei der Parade zum 21. Mai BildImage: Herbert Swoboda

Prof. em. Herbert Swoboda hat jahrelang Sozialarbeiter/-innen an der Fachhochschule Frankfurt/M. ausgebildet. Heute engagiert er sich im Vorstand der WILDEN ROSE, dem interkulturellen Jugendnetzwerk des Bundes Deutscher Pfadfinder_innen (BDP), besonders im deutsch-griechischen Jugendaustausch. Aktueller Schwerpunkt ist der Aufbau eines internationalen Jugendbegegnungszentrums mit dem Schwerpunkt Inklusionsarbeit und Politische Bildung in Dasia auf Korfu.

Griechenland-Special 2016

Fakten, Förderung, Kontakte

Inklusion

Flucht und Migration

Kulturelle Bildung

Sport

Zivilgesellschaft und Jugendarbeit

Politische Bildung

Erinnerungsarbeit

Essay

Eigentlich war K. wegen ihrer griechischen Kochkunst in einem Freizeitcamp der Wilden Rose engagiert worden. In einem Gespräch stellte sich heraus, dass ihr ältester Sohn schwer körperbehindert ist. Wir überlegten, ob wir nicht eine Freizeit unter Einbeziehung mehrerer behinderter Jugendlicher organisieren sollten, denn der Bedarf sei groß.

Da es zu den Zielen der Wilden Rose gehört, innovative Ideen realisieren zu helfen, planten wir ein  erstes Herbstcamp in den bayerischen Sommerferien in Geretsried. Die Fördermöglichkeiten von "Kultur macht stark - Jugendgruppe erleben" kamen uns dabei sehr gelegen. Unter der Elternschaft von Kindern mit besonderen Fähigkeiten sprach sich unser einwöchiges Camp schnell herum und in der griechischen Community in München ebenso. Also planten wir unser nächstes größeres Camp auf Korfu, eine Insel zu der es bei den Griechinnen und Griechen aus München viele Verbindungen gab. Also ging es in den bayerischen Pfingstferien mit einem großen Bus über Triest, dann quer durch die Adria nach Igoumenitsa und von dort wieder mit einer Fähre nach Korfu in ein Hotel in Ropa Valley.

Kontakte zur Öffentlichkeit

Von Anfang an hatten wir Wert auf Öffentlichkeitsarbeit gelegt. Schließlich geht es nicht nur darum, individuell Teilnahmemöglichkeiten für alle zu erschließen, sondern auch um eine Sensibilisierung der Öffentlichkeit für die Belange Behinderter. Zwar gibt es in Griechenland offiziell schon viele konkrete Hilfestellungen bezüglich Barrierefreiheit, aber wenn dann die Holzrampen, die zum Strand führen, von wem auch immer, quer verlegt werden, um vom Parkplatz aus bequemer ein Strandcafé zu erreichen, so zeigt das eine gewisse Ignoranz (die in Deutschland genauso vorfindbar ist). Bei jedem unserer Camps hatten wir die Presse eingeladen, die auch berichtete. Jedes Mal konnten wir  unser Projekt auch im regionalen Fernsehen vorstellen.

Während der Bayerischen Pfingstferien 2013 durften wir an der Parade zum 21. Mai teilnehmen, dem traditionellen Feiertag, an dem sich Korfu den Ionischen Inseln angeschlossen hatte und damit griechisch wurde. Nach der Vorlage von L., unserem begnadeten T-Shirt-Künstler, waren weiße T-Shirts mit dem Emblem der "Wilden Rose" bemalt worden und wir hatten ein großes Transparent mit der Aufschrift „Wilde Rose e.V. Interkulturelles Jugendnetzwerk im BDP".  Bei dieser Parade ist ganz Korfu auf den Beinen und marschiert in Blöcken: die Schulen, die Vereine etc. Wir sollten im Pfadfinderblock mitmarschieren. Diese Zuordnung zu den extrem konservativen bis rechten Pfadfindern wollten wir nicht (Während der JUNTA-Zeit waren die Pfadfinder als eine der wenigen Jugendorganisationen nicht verboten). Unseren Platz fanden wir schließlich bei einer anderen inklusiven Gruppe aus  Korfu. Trotz des gespannten  Verhältnisses zwischen Griechenland und Deutschland, wurde unsere Gruppe mit großem Beifall begrüßt, weil uns viele schon aus Zeitung und dem TV kannten.

Als wir Ostern 2014 eine weitere Inklusionsfahrt nach Korfu planten, waren die 52 Plätze schnell vergeben.  Allerdings handelte es sich nicht ausschließlich um ein Jugendcamp, sondern es gab auch eine Elterngruppe, die mitreiste, sowie eine JULEICA-Schulung. Vor Ort gab es ein diversifiziertes Programm, aber der Synergieeffekt der gemeinsamen Reise (diesmal mit der Fähre von Ancona aus nach Griechenland) und der gemeinsamen Unterbringung färbte auch auf das Zusammenleben ab. Es war zunehmend von gegenseitiger Rücksichtnahme und dem Eingehen auf die besonderen Bedürfnisse unserer Leute mit Behinderung geprägt, die an allen Events teilnahmen. So besuchten wir auch die traditionelle Parade beim griechischen Osterfest, das in diesem Jahr mit dem katholischen zusammenfiel. Nach korfiotischer Sitte werden dabei rote Amphoren aus den oberen Stockwerken auf das Straßenpflaster gestürzt. Unsere Kids hatten auch eine Riesenamphore mit "Wilde Rose Korfu 2014" bemalt und wir durften sie vom Dach eines Hotels auf die Straße werfen. Neben uns standen die Vertreter des griechischen Paralympicsteams. Natürlich wurde unsere Amphora im regionalen TV gezeigt.

Kontakte zu korfiotischen Vereinen und Politikern

Ebenfalls wichtig waren uns von Anfang an die Kontakte zu Organisationen, die auch mit Behinderten arbeiten sowie zu den politisch Verantwortlichen. Der Verein MELISSA betreibt mit Behinderten eine eigene Bäckerei und produziert Kekse. Darüber hinaus fährt er Kinder mit Behinderung in die Schule und holt sie mit Spezialbussen wieder ab. Bei unserem ersten Camp auf Korfu 2013 unterstützten uns die Busfahrer mit ihren speziellen Bussen, wenn die Schulfahrten zu Ende waren. Außerdem gab es gemeinsame Pflanz-und Strandsäuberungsaktionen.

KOISPE, unser zweiter  wichtiger Partner auf Korfu arbeitet eng mit der Universität zusammen und beschäftigt über 40 psychisch Behinderte in seinen zwei Cafés und in Gärtnerei- und Cateringprojekten. Mittlerweile ist der deutsch-griechische Kulturverein auf Korfu auch unser Partner geworden.  Als wir uns beim stellvertretenden Verantwortlichen der Präfektur, Michalas Alexandros, vorstellten, lud er uns spontan zu einer Fachtagung der ionischen Inseln über "Armut und Ausgrenzung" ein. Dort hatten wir Gelegenheit, unsere Arbeit vor allen Sozialvereinen vorzustellen.

Zum stellvertretenden  Bürgermeister, Andreas Skoupouras, für Soziales zuständig, halten wir eine enge Verbindung. Er hat uns unter anderem geholfen, eine behindertengerechte Rampe an "unserem" Strand verlegen zu lassen und besucht uns demnächst in Deutschland.

Eine Idee wird Realität

Nach unseren beiden je 14-tägigen Camps in einem Hotel in Ropa Valley, unseren guten Kontakten zu unseren Partnervereinen sowie der positiven Aufnahme in der korfiotischen Öffentlichkeit, beschlossen wir ein eigenes Zentrum mit Hotel und Taverne in Korfu zu suchen und behinderten-gerecht einzurichten. Christos Amvrossiadis von der Wilden Rose begutachtete 46 Objekte und wir entschieden uns dann für die langjährige Pacht eines Hauses in Dasia mit 90 Betten in drei Häusern, nur 8 Fußminuten vom Strand entfernt.

Anfang Juni 2015 konnten wir nach vielen Instandsetzungsarbeiten dem Bau einer großen Rampe sowie Einrichtung einer barrierefreien Nasszelle und anderen behindertengerechten Umbauten das
"Wilde Rose" Hotel zur Benutzung für inklusive Feriencamps freigeben. Selbstverständlich steht es neben unseren eigenen Ferienfreizeiten, Seminaren zur Politischen Bildung und deutsch-griechischen Jugendaustauschmaßnahmen auch anderen zur Verfügung.

Neben vielen selbst organisierten Aktionen war das Konzert mit der griechischen Kultband "Locomondo" ein besonderer Höhepunkt. Die Bandmitglieder übernachteten im Hotel und es gab viele Gespräche und spontane Jamsessions. Langfristig soll das Jugendhotel nebst Taverne zu einem internationalen Zentrum für Inklusion und deutsch-griechischen Jugendaustausch ausgebaut werden.

Schon jetzt können wir für Schulklassen aus Deutschland, Italien und Slowenien Module zur Geschichte Korfus, zur deutsch-griechischen Vergangenheit im Zweiten Weltkrieg sowie zur Geflüchtetenpolitik anbieten. Beliebt sind auch Wanderungen auf dem Korfutrail sowie Tagesausflüge ins nahe Albanien.

Perspektivisch wollen wir ein Jugendbegegnungszentrum für die Adriaanrainer sein.

Bis dahin ist es noch  weit, aber als unverdrossene Pfadfinder/-innen haben wir uns schon mal auf den Weg gemacht.



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