Rita Loumites

Erinnerungsarbeit in deutsch-griechischen Jugendbegegnungen – Herausforderungen, Chancen und Perspektiven

Der Zweite Weltkrieg und die in ihm begangenen Verbrechen sind für die meisten Jugendliche weit zurückliegende Ereignisse, die mit ihrer Lebenswirklichkeit nichts mehr zu tun haben. Die Folgen der Vergangenheit bestehen jedoch fort: In den griechischen Gemeinden in denen von Deutschen während der Besatzung Zivilisten ermordet wurden, ist die Vergangenheit präsent. Rita Loumites hat deutsch-griechische Jugendaustauschprojekte mit historisch-politischer Bildungsarbeit durchgeführt und reflektiert sie.

Deutsche Jugendliche begrüßen ihre griechischen Gäste am Hamburger Flughafen BildImage: Philip Radowitz


Rita Loumites, Bild: privat

Rita Loumites ist Halbgriechin und verfügt über einen Doppelbachelor in European Studies an der Otto-von-Guericke Universität Magdeburg und der Babeş-Bolyai-Universität Cluj, Rumänien. Sie ist Masterstudentin der Neogräzistik an der Universität Hamburg, zur Zeit mit einem Forschungsstipendium in Athen. Sie organisiert deutsch-griechische Jugendaustauschprojekte bei "Youth for Peace" und führt sie durch.

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„Meinen Schaden, den ich vom Zweiten Weltkrieg trage, kann man schwer reparieren, aber man kann versuchen, meinen Enkel davor zu bewahren.“ 1

Der Zweite Weltkrieg und seine Folgen haben keine unmittelbaren Auswirkungen mehr auf die Generation der Jugendlichen von heute. Die noch ausstehenden Wiedergutmachungen von Kriegsverbrechen und Versöhnungsarbeit zwischen zwei Staaten sind von historisch-politischer Bildungsarbeit mit Jugendlichen, die sich mit dem Erinnern und der Aufklärung befasst, zu trennen. Die Tatsache, dass sich griechische und deutsche Jugendliche im Rahmen eines Austauschprojekts an diesen grausamen Teil ihrer gemeinsamen Geschichte erinnern wollen, ist ein Beweis für die Distanz, die zwischen dem Zweiten Weltkrieg und heute liegt. Ihre Bereitschaft und ihre Herangehensweise an die Thematik sind der Garant der positiven Entwicklung der deutsch-griechischen Beziehungen, die in eine jahrzehntelang anhaltende Freundschaft mündete.     
Zwei deutsch-griechische Jugendaustauschprojekte mit historisch-politischer Bildungsarbeit wurden in den letzten zwei Jahren durchgeführt. Finanziert wurden beide Projekte von der Stiftung  EVZ – Erinnerung, Verantwortung und Zukunft im Rahmen des Förderprogramms Europeans for Peace. Träger des ersten Projekts mit dem Titel Aktiv für Frieden und Toleranz – Verstehpartnerschaft waren die Evangelische Friedensgemeinde Charlottenburg in Berlin und der Kulturverein des Bergdorfs Lechovo in Nordgriechenland. Im Juli 2014 reisten dreizehn deutsche Jugendliche für eine Woche nach Lechovo, einen Monat später fand der Gegenbesuch der dreizehn Lechoviten in Berlin statt. Projektthema war die Erforschung und Aufklärung der Geschichte griechischer Opferdörfer und der Folgen des Nationalsozialismus, wobei die Jugendlichen ihre Erkenntnisse auf aktuelle Phänomene, wie Intoleranz und Diskriminierung bezogen. Die Projektarbeit bestand aus Zeitzeugeninterviews in beiden Ländern, Museums- und Gedenkstättenbesuchen (Gedenkstätte Plötzensee, Holocaustdenkmal, Topographie des Terrors, Zentrum Judaicum), wobei am Nachmittag größtenteils das Zusammenfassen der Ergebnisse in  Gruppendiskussionen und Gesprächen auf dem Programm stand. Dabei wurde insbesondere die gegenseitige Geschichtserklärung angestrebt, wodurch eventuelle Widersprüche der Geschichtskenntnis- und wahrnehmungen offen dargelegt werden sollten. Durch die Erforschung der Erinnerungskulturen beider Länder hatten die Jugendlichen somit die Chance, gemeinsam die Geschichte neu wahrzunehmen. Abendliche Freizeitveranstaltungen und Sightseeing stellten einen festen Bestandteil des täglichen Programms dar.

Das zweite Projekt im Sommer 2015 mit dem Titel Leben und leben lassen – Ausgrenzung gestern und heute wurde erneut mit dem Kulturverein Lechovo und einer Schülergruppe der Gelehrtenschule des Johanneums in Hamburg durchgeführt. Auch an diesem insgesamt zweiwöchigen Austausch nahmen insgesamt 26 Jugendliche teil – dreizehn auf jeder Seite. Projektthema hierbei war die Erkennung von Diskriminierungsstrukturen und Ausgrenzungsmechanismen sowie die kritische Reflexion des eigenen Handelns. Entgegnungsstrategien wurden entwickelt. Auf dem Programm stand unter anderem der Besuch des Auswanderungsmuseums Ballinstadt in Hamburg, der Besuch von sozialen Einrichtungen, die sich um eine bessere Integration von ausländischen Jugendlichen kümmern sowie die Durchführung von Interviews mit Migranten in Berlin und Lechovo. Nebenbei wurden  viele Freizeitaktivitäten in der multikulturellen Hafenstadt Hamburg wahrgenommen und durch die Teilnahme am dreitägigen Dorffest in Lechovo die griechische Kultur mit viel Musik und Tanz miterlebt.

Ziel eines Jugendaustauschprojekts mit historisch-politischer Bildungsarbeit ist vor allem, dass sich die Jugendlichen untereinander und die gegenseitigen Lebenswelten kennenlernen. Eine Gruppendynamik, die auf ein freundschaftliches Verhältnis aufbaut, stellt einen geeigneten Rahmen für die Auseinandersetzung mit der gemeinsamen Geschichte dar. Auf dieser positiven Grundlage können die Erinnerungskulturen beider Länder in Bezug auf die NS-Zeit untersucht werden und parallel ein Bogen in die Gegenwart gespannt werden, um so aus Fehlern der Vergangenheit lernen zu können.

Erinnerungsarbeit in deutsch-griechischen Jugendbegegnungen ist für alle Beteiligten eine Herausforderung. Es birgt somit aber auch große Chancen, wodurch sich neue Perspektiven eröffnen. Die Präsenz eines zweisprachigen Kulturmittlers, welcher in beiden Kulturen zuhause ist, ist notwendig, um Probleme, die aufgrund von Mentalitätsunterschieden auftreten können, entweder vorab aus dem Weg zu räumen, oder bei Eintritt entsprechend zu handeln. Ein Kind, das während der Durchführung von Zeitzeugeninterviews in Lechovo plötzlich anfängt zu schreien, führte zum Beispiel auf deutscher Seite zu Verstimmung, die griechische Seite konnte wiederum die deutsche Verstimmung nicht nachvollziehen. Wenn ein Kind schreit, dann schreit es.

Durch die Unterkunft in den Familien verlassen die Jugendlichen für eine Woche komplett ihre Komfortzone und tauchen in eine andere Lebenswelt ein. Die Teilnahme am Familienleben ermöglicht ihnen eine fremde Kultur von innen heraus kennenzulernen und für kurze Zeit selbst Teil dieser Familie zu werden. Es ist daher sehr wichtig, dass Englischkenntnisse auf beiden Seiten sichergestellt werden.  

Den Begriff „Jugendarbeit“ in seiner genauen Bedeutung ins Griechische zu übersetzen, ist beinahe unmöglich. Dies ist unter anderem auf das unterschiedliche Bildungs- und Lernsystem zurückzuführen. Bei gemeinsamer Projektarbeit muss man sich da zunächst pädagogisch herantasten und herausfinden, wie man diese Unterschiede nutzen kann, um voneinander zu lernen. Hinzu kommt die unterschiedliche Geschichtsvermittlung in den jeweiligen Schulen, welche es gilt, offen darzulegen. So können Geschichtslücken gefüllt und Authentizität geschaffen werden. Durch Aufklärung wird gegenseitiges Vertrauen aufgebaut, wobei ein Bewusstsein dafür entsteht, dass sie auf eine gemeinsame Geschichte zurückblicken, die nicht in Vergessenheit geraten darf. Wer seine Geschichte kennt, kann die Zukunft gestalten.

Reisen bildet, es entwöhnt von Vorurteilen. Jugendliche, die reisen, kommen aus ihrer gewohnten Umgebung heraus und sehen mehr als das, was sie kennen. Wer das Fremde nicht kennt, scheut sich meist davor und lehnt es ab. Er hält somit das ihm Vertraute, also seine Heimat schnell für notwendig und einzig, worin die Gefahr einer Zurück- und Abweisung des Anderen lauert. Jungen Menschen durch ein Austauschprojekt eine fremde Kultur und Geschichte zu zeigen, ermöglicht ihnen, sich durch eine eigenständige Meinungsbildung ihrer Vorurteile zu entledigen. Sie haben eine fremde Lebenswelt gesehen und zwangsläufig eingesehen, dass das, was sie zuhause kennen, nicht das Einzige ist. Sie reflektieren kritischer und gewinnen Mut, eigenständig zu denken.
Denn, welch Macht hätt ein einzig (übel gesinnter) Mensch auf eine Masse eigenständig denkender Charaktere?

1 Zitat von Nondas Papadopoulos,  Zeitzeuge des Zweiten Weltkriegs aus Lechovo. Originalzitat: «Τη δική μου ζημιά από το Πόλεμο δεν μπορεί να τη διορθώσει κανείς…είναι πολύ δύσκολο. Το μόνο που μπορεί είναι να προσπαθήσει να προστατέψει τα εγγόνια μου.»



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