Adrian Steinert

Erstes Sommerlager der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) in Griechenland

In diesem Sommer fand zum ersten Mal ein Sommercamp der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in Griechenland statt. Finanziell gefördert aus Mitteln des deutsch-griechischen Zukunftsfonds traf sich eine kleine Gruppe junger Erwachsener aus Deutschland, Griechenland, Israel, Polen und der Ukraine im westmakedonischen Kastoria und Kleisoura. Im Mittelpunkt des Internationalen Begegnungsprojekts stand die Auseinandersetzung mit den Folgen der NS-Besatzungszeit für die Stadt Kastoria und das nahe gelegene Bergdorf Kleisoura.

Teilnehmer/-innen des Sommerlagers in Kastoria
Bei einer Gedenkzeremonie am Mahnmal im Dorf Kleisoura erinnern die Teilnehmer und Teilnehmerinnen des Sommerlagers an die Opfer des Massakers BildImage: Sultana Zorpidu


Adrian Steinert, Bild: privat

Adrian Steinert - geboren 1985 in Kleve am Niederrhein. Nach dem Abitur Studium der Neueren und Neuesten Geschichte an der Universität Freiburg. Er beschäftigte sich im Studium besonders mit der Geschichte des Zweiten Weltkrieges und den Folgen der deutschen Besatzungspolitik in Südeuropa. Seit Oktober 2014 promoviert Adrian Steinert in Rom im Fach Politikwissenschaft.

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„Ein Moment, der mir in Erinnerung geblieben ist und mir das Gefühl gibt, dass unser Projekt wichtig ist, war, als nach dem Gespräch mit drei Frauen aus Kleisoura, Kinder von Überlebenden des Massakers, eine mich umarmte und zu mir sagte: "Kommt nächstes Jahr wieder! Ihr bringt Leben in unser Dorf."
(Joana Bürger aus Berlin, Teilnehmerin des Sommerlagers)


Tatkräftig unterstützt von der Archäologin und Kulturwissenschaftlerin Sultana Zorpidou absolvierten die Teilnehmer und Teilnehmerinnen in den zwei Wochen des Sommercamps ein abwechslungsreiches Programm: Zum einen beschäftige sich die Gruppe mit dem multikulturellen Erbe und der jüdischen Geschichte Kastorias; zum anderen näherten sich die jungen Erwachsenen im Gespräch mit Zeitzeugen den Schicksalen der Einwohner Kleisouras an, wo deutsche Soldaten am 5. April 1944 ein Massaker verübt haben.  

Griechenland litt wie kaum ein anderes Land in Südosteuropa unter der deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkriegs. In der griechischen Erinnerungskultur als „Märtyrerdörfer“ bezeichnete Orte wie Distomo, Ioannina, Kommeno, Lingiades oder Klisoura erinnern an die von deutschen Soldaten begangenen Verbrechen während der Besatzungszeit.

Hagen Fleischer, Professor für Neuere Geschichte an der Universität Athen, weist darauf hin, dass „in keinem anderen nichtslawischen Land SS und Wehrmacht so brutal wie in Griechenland gewütet“ haben. Neben der fast vollständigen Vernichtung der jüdischen Gemeinden in Athen, Kastoria oder Thessaloniki – dort wurden bis zum Sommer 1943 circa 46 000 Juden nach Auschwitz-Birkenau deportiert - zerstörten deutsche Soldaten über 100 Dörfer in ganz Griechenland. Dies sei, so der Historiker Fleischer, „in Deutschland so gut wie nie bekannt“ (zitiert in DER SPIEGEL, 04.02.2015). Dazu zählt auch das Massaker in Kleisoura, wo am 5. April 1944 Einheiten der Waffen-SS unter dem Befehl Karl Schümers über 260 Bewohner getötet haben.

Mit dem Ziel, jener zerstörten kulturellen und gesellschaftlichen Vielfalt nachzuspüren, planten Sultana Zorpidou und Christine Bischatka von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste das erste Sommerlager in Kastoria und im nahe gelegenen Kleisoura. Die erste Woche verbachten die Teilnehmenden in der idyllisch an einer Halbinsel gelegenen Seestadt Kastoria. Bei Stadtführungen und Museumsbesuchen recherchierten die Teilnehmer und Teilnehmerinnen Informationen zur jüdischen Vergangenheit Kastorias. Dort lernte die Gruppe auch Herrn Salomon Parente, Zweiter Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Griechenland, kennen und kam mit ihm ins Gespräch über die jüdische Geschichte der Stadt und die gegenwärtige Erinnerung daran. Die gesammelten Informationen werden demnächst in einem Flyer zur jüdischen Stadtgeschichte veröffentlicht. So wird insbesondere jungen Schülern und Schülerinnen die Möglichkeit gegeben, das jüdische Erbe der Stadt (neu) zu entdecken.

Die letzten Tage des Sommerlagers verbrachten die Teilnehmer und Teilnehmerinnen im kleinen Bergdorf Kleisoura. Um die Erinnerung an das Kriegsverbrechen wachzuhalten, führten die jungen Erwachsenen Gespräche mit Zeitzeugen und Zeitzeuginnen durch, zeichneten diese auf und transkribierten sie. Die Sommerlagerteilnehmenden erfuhren, auf welch grausame Weise deutsche Soldaten am Nachmittag des 5. April 1944 über 260 Dorfbewohner getötet haben. Da die jungen Männer des Dorfes sich an diesem Tag in den Bergen versteckt hielten, fielen vor allem Babys und Kinder, Frauen und ältere Menschen dem Massaker zum Opfer.

In nachfolgenden Sommerlagern sollen die Zeitzeugengespräche weitergeführt und die entstandenen Freundschaften und Kontakte vertieft werden. Zudem ist im nächsten Jahr ein längerer Aufenthalt in Kleisoura geplant, um bei etwaigen Renovierungsarbeiten im Dorf mitzuhelfen. Bei einem abschließenden Lagerfeuer mit Jugendlichen aus Lechovo, inklusive griechischem Tanz, verabschiedeten sich die Teilnehmer und Teilnehmerinnen auf ein recht baldiges Wiedersehen.



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